Klarmachen zum Kentern

Sofern die Piratenpartei bei den Bundestagswahlen kommendes Wochenende überhaupt eine Chance hätte haben können, ein paar Prozentchen der Stimmen zu bekommen und die etablierten Parteien zu ärgern, dürfte dieses grundoptimistische Szenario inzwischen komplett über Bord gegangen sein. Der Vorsitzende Jens Seipenbusch muss sich deshalb die Frage gefallen lassen, ob die “Strategie”, sich mit allem und jedem einzulassen, der öffentliche Aufmerksamkeit verspricht, nicht ein großer Fehler war.

Momentan wird den Piraten jedenfalls all das aufs Butterbrot geschmiert, was man Ihnen zuvor noch vor allem aufgrund fehlender politischer Erfahrung hat durchgehen lassen: von der “Genderproblematik” der Partei über die unangemessen euphorische, pr-trächtige Aufnahme Jörg Tauss´ bis zu der jüngsten, heftig umstrittenen “Zusammenarbeit” mit der in zweifelhaftem Ruf stehenden Zeitung Junge Freiheit. Sehr anschaulich zusammengefasst wurde das zum Beispiel bei Keimform.

Selbst wenn man den aus meiner Sicht übertrieben-hysterischen Vorwurf beiseite lässt, die Piraten seien in Gefahr, von rechts unterwandert zu werden: Es ist der Eindruck eines allzu unkritischen Umgangs mit Öffentlichkeit entstanden. Die Piraten wirken - pardon - mediengeil. Und eine Partei ist nun einmal nicht Britney Spears, für die schlechte Nachrichten immer auch verkaufsfördernd wirken.

Oder konkreter auf die Sache mit der Jungen Freiheit bezogen:

  • Wenn erst der stellvertretende Vorsitzende dieser Zeitung ein Interview gibt und danach zerknirscht eingesteht, keine Ahnung gehabt zu haben, mit wem er da gesprochen hat…
  • Wenn daraufhin der Vorsitzende seinen Stellverteter in Schutz nimmt, gleichzeitig aber einräumt, das sei nicht gerade ein kluger Schachzug gewesen…
  • Dann aber der Vorsitzende selbst demselben Blatt einen Fragebogen beantwortet, der offenbar vor dem Interview des stellvertretenden Vorsitzenden ausgefüllt wurde…
  • Und schließlich - als Sahnehäubchen zum Schluss - dem Piraten-Pressesprecher zu diesem Schlamassel nur (laut Spiegel) folgende Durchhalteparole einfällt: ”Wer zurückrudert, kann nur verlieren”…

… dann ist diese Informationspolitik nicht nur dilettantisch und blöd, sondern auch intransparent und verlogen.

Und ja, man kann sich darüber streiten, wie schlimm es wirklich ist, mit einer Zeitung wie der Neuen Freiheit zu sprechen.

  • Aber wer (als Partei) in den Bundestag einziehen will, von dem kann man eine klare Abgrenzung zu Personen oder Organen erwarten, die in den Grauzonen des Verfassungsmäßigen operieren. Und Transparenz im Umgang mit jenen. Davon kann (siehe oben) in diesem Fall keine Rede sein.
  • Und wer (als Person bzw. Personen) einer Partei vorsitzt, die in den Bundestag will, von dem/denen sollte man einige grundsätzliche Schlüsselkompetenzen verlangen. In diesem Fall wäre das die Fähigkeit gewesen, sich über die Junge Freiheit und Neue Rechte zu informieren, bevor man mit ihr spricht - wenn man sie schon nicht kennt. Und falls man sie doch gekannt haben sollte, aber aufgrund einer Wir-nehmen-alles-mit-Hauptsache-wir-sind-in-den-Medien-Strategie mit ihr redet, dann kann man erwarten, dass sich die betreffenden Personen gut überlegen, was sie sagen, wenn sie darauf angesprochen werden.

Gemein formuliert könnte man auch sagen: Ausgerechnet die im Medium Internet entstandene Piratenpartei lässt Transparenz und Medienkompetenz vermissen. Das sind immerhin zwei der wichtigsten Gründe, warum man sie hätte wählen können.

Nur mal so am Rande:

Frank Schirrmacher hat in der jüngsten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung einen interessanten, wohlwollenden Feuilletonartikel zur Piratenpartei geschrieben, in dem er Jens Seipenbusch einen “Intellektuellen von Format” nennt, der die anstehende ”Verwandlung des Nerds in ein politisches Tier” schon sichtbar mache. Seine Hommage an die Nerds als das Großhirn der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts schrieb er aber offensichtlich mit einer längerfristigen zeitlichen Perspektive - die Bundestagswahl kann er nicht wirklich gemeint haben. Denn für sichtbare Erfolge brauchen auch die so genannten Nerds Verbündete - Wähler aus anderen Milieus als den nerdigen.

In den vergangenen Tagen dürften sie aber einige verloren haben, die sie hätten gewinnen können. Nicht für immer; bestimmt aber für die anstehende Wahl.


 
 
 

4 Kommentare zu “Klarmachen zum Kentern”

  1. BenZol
    21. September 2009 um 09:51

    Hey Thorsten,

    Du hättest auch einfach anrufen können, wenn Du mit mir diskutieren möchtest. *lol*

    Ich habe mich immer schon darüber gwundert (und leicht gegruselt), dass nachts die Straßenlaternen ausgehen, wenn ich an ihnen vorbei gehe.

    Als ich Zivildienstleistender war, habe ich mich gewundert, warum ausgerechnet ich es war, der den Damen das letzte Essen brachte.

    Und gewundert habe ich mich auch darüber, dass alle (bis auf einen) Betriebe, bei denen ich während meiner Ausbildung ein Praktikum machen durfte, kurz danach Pleite gemacht haben.

    Soll ich mich jetzt ernsthaft darüber wundern, dass die Piratenpartei implodiert, nachdem ich auf der Demo war, bei der Tauss seinen Beitritt bekannt gab?

    Tja, die Geschichte der Freibeuterei glänzt nicht gerade mit Happy Endings.

    In diesem Sinne!

    Gruß

    Ben

  2. admin
    21. September 2009 um 11:00

    Hallo Ben,
    ich konnte ja nicht ahnen, dass Du da mit drinsteckst - sonst hätten wir ja gleich ein Interview machen können nach dem Motto: Bens bad vibrations oder so…
    Gruß,
    Thorsten

  3. BenZol
    23. September 2009 um 12:31

    Als erklärte “Internet-Partei” ist jede Aktion schon per definitionem medienorientiert. Ich würde in diesem Zusammenhang eher sagen, dass man dem (Vize-)Vorsitzenden das Gegenteil vorwerfen kann. Nicht umsonst trägt der Artikel bei Keimform (Link im Artikel) die Überschrift “Die Piratenpartei auf dem Weg vom SCHWARM zum Mob”. Die Piratenpartei ist klar Web 2.0 orientiert und setzt auch auf die dadurch hervorgebrachten medialen Lösungen. Aber: Leider ist noch kein adäquates System gefunden worden, einen Schwarm zum Interview zu schicken (oder eben nicht zu schicken). Hier manifestiert sich im Übrigen auch das Hauptproblem jedes demokratischen Ansatzes. Wie bei jeder organisierten Interessensvertretung muss sich, im besten demokratischen Sinne, der gesellschaftliche/parteiinterne Pluralismus in Worten und Gedanken durch das Nadelöhr “Vorsitzender” bzw. des nächsten hierarchischen Aggregators zwängen.

    Aber zurück zu Herrn Popp. Was wäre wohl passiert, wenn er mediengeil getwittert hätte “Junge Freiheit fragt nach Interview. Keine Ahnung wer das ist…”? Ich schätze, dass sich viele engagierte Follower ihr Geschrei hätten sparen können, zugunsten einer Verbesserung der Parteiarbeit. Allerdings fällt mir dabei gerade wieder ein, wie ich den Begriff “Follower” ins Deutsche übersetzen würde…
    Ich bin immer wieder überrascht, wie leicht das Denken fällt, wenn man den Erkenntnisprozess umkehrt.

  4. admin
    23. September 2009 um 21:33

    Weiß nicht. Selbst wenn man kollektive Meinungsbildung konsequent einsetzt, heißt das ja noch nicht, dass man auf Hierarchien ganz verzichten kann. Selbst die Piratenpartei hat ja nicht umsonst Vorsitzende… Man hätte in diesem Fall sicherlich nicht Twitter benötigt, um die Problematik des Interviews erkennen zu können.
    Oder es war ganz anders: Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass da nicht die (ganze) Wahrheit kommuniziert wurde: Wie geht es zusammen, wenn erst alle so tun, als ob das Interview durch die Naivität eines einzelnen (Popp) zustande kam, und später bekannt gegeben wird, dass der Vorsitzende vor Popp mit demselben Medium gesprochen habe?

blogoscoop