Ist gänzlich gläsern gut?

Für Thomas Pfeiffer sind Soziale Medien Ausdruck eines neuen Wertekanons, der theoretisch hierarchielose Kommunikation ermöglicht und unter anderem auf Offenheit und Transparenz beruht. Ob und wann sich dieser Kanon (im beruflichen Leben) aber auf breiter Basis durchsetze, sei eher eine Frage von Jahrzehnten als eines schnellen Umbruchs, gibt sich “Webevangelist” Pfeiffer gänzlich unmissionarisch.

Dafür müssten nicht nur die Unternehmen von ihrem hohen Ross runterkommen und Dialoge mit Mitarbeitern und Kunden auf Augenhöhe akzeptieren, sondern auch die in diesen Prozess involvierten Menschen mit der Kulturtechnik des neuen, digitalen Kommunizierens und Partizipierens langsam vertraut werden, sagt Pfeiffer:

httpv://www.youtube.com/watch?v=L_Ui_QGBwRU&feature=player_embedded#

In den USA ist in diesem Zusammenhang gerade eine Debatte hochgekommen, bei der auch die wahrscheinlich wichtigste Folge des konsequent gelebten Transparenz-Gedankens mitschwingt: die Einschränkung der Privatsphäre.

Lawrence Lessig, der nicht im Verdacht steht, Technologie-Skeptiker zu sein, verbannt in seinem Artikel “Against Transparency” in “The New Republic” den Transparenz-Gedanken zwar nicht in Bausch und Bogen. Er spricht sich aber (namentlich für die Politik) deutlich für subventionierte Kontroll- und Steuerungsmechanismen bei der Freigabe von Daten aus. Im Grunde argumentiert er, dass gerade bei komplexeren Fragen die notwendige Verarbeitung und Interpretation der dafür notwenigen Daten einzelne Menschen überfordere.

Das mag manchmal stimmen; David Weinberger weist in seiner Replik aber zu Recht darauf hin, dass der Ansatz Lessigs Transparenz tendenziell allzu skeptisch bewertet. Vor allem doch wohl deshalb, weil (auch und gerade auf politischer Ebene) von ausgeprägter Transparenz überhaupt noch nicht die Rede sein kann.

“In a transparent regime, agencies need no special justification to make something public, but do to keep something secret. Without this change in defaults, the decisions about what to make public are in the hands of those with the strongest incentive to keep the citizenry in the dark.”


 
 
 

6 Kommentare zu “Ist gänzlich gläsern gut?”

  1. Matthias Schwenk
    20. Oktober 2009 um 00:11

    So gut ich das Video von und mit Thomas Pfeiffer finde, so widerspreche ich ihm im Grunde nur bei der hier zitierten Zeitfrage. Ich denke nicht, dass der Wandel eine Frage von Jahrzehnten ist, sondern schneller ablaufen wird.

    Schon in einem Jahrzehnt werden wir viel weiter sein als heute, dabei dürfte der technische Fortschritt der wesentliche Treiber sein. Die Politik wird gar nicht anders können, als stetig transparenter zu werden.

  2. admin
    20. Oktober 2009 um 11:11

    Hallo Matthias,
    ehrlich gesagt schwanke ich in dieser Frage - je nachdem mit wem aus der politischen Sphäre ich mich beschäftige bzw. welche Erfahrungen ich in “den Unternehmen” gerade mache: Einerseits ist es sicher richtig, dass die technologische Entwicklung zunehmende Transparenz geradezu erfordert. Andererseits wird diese Entwicklung weiterhin von vielen blockiert werden, sofern sich an den grundlegenden Einstellungen nichts ändert.

  3. BenZol
    20. Oktober 2009 um 11:12

    Der zeitliche Horizont, den Pfeiffer hier aufzeigt, ist in meinen Augen ganz gut gewählt. Diese Entwicklung hängt nicht ausschließlich vom technischen Fortschritt ab, wie Schwenk glaubt. Technischer Fortschritt beschleunigt sich. Die Geschwindigkeit der menschlichen Entwicklung bleibt bisher weitestgehend konstant. Daher könnte Lessig letztlich Recht behalten. Ein Ausweg wäre die gesellschaftliche Etablierung eines neuen Humanismus. Für den Blogautor vielleicht der Neo- für Schwenk eher der Transhumanismus. Ich finde letzteren sexier - also den Humanismus, nicht den Herrn Schwenk. Den kenne ich schließlich gar nicht. ;-)

  4. admin
    20. Oktober 2009 um 11:41

    Mit Transhumanismus, so wie er z.B. bei Wikipedia (http://de.wikipedia.org/wiki/Transhumanismus) beschrieben wird, habe ich mich bislang noch nicht groß beschäftigt. Aber Dir, Ben, dürfte ja bekannt sein, dass mich allzu euphorische Technologie-Szenarien grundsätzlich eher skeptisch machen. Vielleicht liegt es einfach an mangelndem Vorstellungsvermögen bzw. daran, dass ich noch nie wirklich Science-Fiction-Literatur-Verschlinger war…

  5. BenZol
    20. Oktober 2009 um 12:40

    Technologie ist Bestandteil unseres Lebens. Technologie entwickelt sich immer schneller und besetzt (’tschuldigung Biometapher) immer mehr Nischen, ja, sie schafft sich sogar immer wieder neue (s. z.B. iPhone -> Apps). Wie kann man diese Entwicklung besser in die Zukunft projezieren als mit Science-Fiction? Zugegeben, die belletristische Herangehensweise ist nicht jedermanns Sache, sorgt hier und da für logische Fehler und ungerechtsfertigte Zuspitzungen, aber ich finde, dass genau das auch eine Stärke der Science-Fiction sein kann, da sie die Absurdität des menschlichen Daseins mit einbezieht. Beispiel: Vor 1895 waren Röntgenstrahlen Zukunftsmusik. Wer wäre damals auf die bekloppte Idee gekommen, Röntgengeräte später einmal z.B. im Schuhgeschäft einzusetzen, um zu gucken, ob denn die schönen neuen Schuhe auch gut sitzen? Das erfordert mehr Kreativität bzw. Bauernschläue als der gemeine Wissenschftaler oder Philosoph aufzubringen bereit ist. Wie sollte er solch eine unlogische Projektion logisch rechtfertigen? Und wenn er es nicht täte, was würden wohl seine Forscherkollegen von ihm halten? Science-Fiction gibt uns die Möglichkeit, z.T. über die logischen Konsequenzen hinaus (zukünftige) Technologien zu betrachten, ohne den Fokus vom Menschen weg zu führen.

  6. admin
    20. Oktober 2009 um 13:18

    “Das erfordert mehr Kreativität bzw. Bauernschläue als der gemeine Wissenschftaler oder Philosoph aufzubringen bereit ist.” Na, das wage ich in der Grundsätzlichkeit dieser Aussage zu bezweifeln. Aber egal, im Kern bin ich bei Dir bzw. sage dazu - um es mit Deinen Worten auszudrücken - full ack, ist halt nur nicht mein Zugang zum Thema.

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