Info-Adipositas - Risiken und Nebenwirkungen

Moderne Gesellschaften müssen stetig beschleunigt werden, wenn sie stabil gehalten werden sollen, sagt Hartmut Rosa. Laut dem Soziologen und “Beschleunigungsexperten” macht sie dieses Moment und dessen Verknüpfung mit der “Idee der Selbstbestimmung” einzigartig gegenüber allen anderen sozialen Gebilden der menschlichen Historie.

Mit der Beschleunigungsmaschinerie namens Internet ist dieses komplexe Wechselspiel der Kräfte (zumindest aus Sicht der so genannten Technologie-Kritiker) durcheinander geraten: Der technische hat sich vom sozialen Fortschritt entkoppelt - das zeigen laut Rosa zum Beispiel die internationalen Finanzmärkte, die “im Computerzeitalter keine Geschwindigkeitsgrenze mehr” kennten.

Unmittelbar spürbare Folgen technologiegetriebener Beschleunigungen sind die inflationäre Vermehrung der Optionen, die man so hat, um mit seinem Leben dieses oder jenes anzustellen. Doch solch eine Gesellschaft in Warp-Geschwindigkeit produziert weniger Freiheit (wie man auf den ersten Blick vermuten könnte) als vielmehr den Druck, das Richtige tun zu müssen. (Rosa: “Habe ich den richtigen Handytarif? Finde ich das beste Pflegeheim für meine Eltern? Sind meine Kinder auf der besten Schule? Es ist unmöglich, das alles zu erfüllen.”)

Das Gefühl, aufgrund überbordender Komplexität die Kontrolle über die eigene Lebensführung zu verlieren, produziert dann eher Schuldgefühle als gefühlte Freiheit. Das liegt unter anderem daran, dass Beschleunigung und Fragmentarisierung zusammen hängen. Wir leben in einer schnelllebigen Häppchenkultur. Nehmen wir zum Beispiel Info-Häppchen: Da hat sich inzwischen Twitter zum McDonalds der Info-Imbiss-Anbieter gewandelt; hart bedrängt von Facebook (Burger King).

Die Frage ist nun: Droht den Nutzern bei übermäßigem Gebrauch dieser Häppchen Info-Adipositas? Jeff Jarvis schließt jedenfalls nicht aus, dass die Informations-Verdauung per Twitter Nebenwirkungen haben könnte. Neben der Gefahr, bei aller Zerstreutheit der zur Verfügung gestellten Infos (”distraction”) den Blick für das Wesentliche zu verlieren, sieht Jarvis vor allem ein Problem: dass Infobreite auf Kosten der Infotiefe gehen könnte:

“Twitter is temporary. Streams are fleeting. If the future of the web after the page and the site and SEO is streams – and I believe at least part of it will be – then we risk losing information, ideas, and the permanent points – the permalinks – around which we used to coalesce. In this regard, Twitter is to web pages what web pages are to old media. (…)
I think we’re going to need to find new ways to hold onto memories and make memes happen.”

Auch Nicolas Carr, laut der Zeit “einer der renommiertesten amerikanischen Kritiker des Internets”, beschreibt ein ähnliches Zukunftsszenario:

“Es könnte sich herausstellen, dass die Kultur der Vielfalt, die das Internet erschaffen hat, in Wirklichkeit eine Kultur der Mittelmäßigkeit ist - viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief.”

Obwohl ich finde, dass bei Carr immer die alten, offenbar tief sitzenden Ressentiments intellektueller Milieus durchschimmern, muss man das ernst nehmen und fragen, ob wir womöglich an einer Kultur der Oberflächlichkeit werkeln.

Um eine konträre Position zu bringen: Benedikt Köhler glaubt nicht daran, dass das Internet “der große Gleichmacher” ist und verweist darauf, dass kluge Menschen sich bereits beim Aufkommen des Fernsehens ähnliche Gedanken gemacht haben. Zudem weist Köhler darauf hin, dass - selbst wenn wir alle das Gleiche sähen - wir noch lange nicht ähnlich wahrnehmen würden:

“Das Internet und auch das Web 2.0 ist keine globale Monokultur. Natürlich ist es potentiell möglich, dass, wie Reuter sagt, ‘letztlich alle wissen, was irgendwo passiert und was irgendwer macht’. Nur bleibt diese Tatsache immer im Konjunktiv. De facto nutzen wir Plattformen wie Twitter, Facebook oder auch Blogs tendenziell eher tribalistisch als esperantistisch.”

Bedeutet: Wir legen die Nutzung Sozialer Medien nicht auf (womöglich noch repräsentative) Reichweite aus, sondern greifen die Themen auf, die uns ohnehin angehen. Und wir besprechen sie mit Menschen, die uns tendenziell ähneln - etwa von der Herkunft oder dem Bildungsstand her. Köhler spricht in diesem Zusammenhang blumig von “Stammes-Partikularismen vor einem universalistischen techno-politischen Hintergrund.”

Hört sich ein bisschen wie digitales “Lagerfeuer der dritten Art” an. Dennoch: Die Frage, wie man die Info-Häppchen-Kultur bewertet, ist kein akademischer Schnickschnack. Je nachdem man sie beantwortet, dürften auch die weiteren Meinungen, die mit der Digitalisierung des Alltäglichen zusammen hängen, gefärbt sein. (Eine Schlüsselfrage wäre etwa, wie es das Netz mit der Demokratie hält. Aber das wäre dann ein anderes Posting.)


 
 
 

4 Kommentare zu “Info-Adipositas - Risiken und Nebenwirkungen”

  1. Twitter Trackbacks for Thorstena » Info-Adipositas - Risiken und Nebenwirkungen [thorstena.de] on Topsy.com
    9. November 2009 um 17:54

    [...] First Tweet: 3 hours ago thorstena_bln Thorstena Internet und Beschleunigung: Info-Adipositas - Risiken und Nebenwirkungen http://www.thorstena.de/?p=1769 retweet [...]

  2. BenZol
    13. November 2009 um 13:54

    Sehr schöner Artikel, in einer schönen Sprache.

    Vergessen wir mal für einen Moment den freien Willen und denken darüber nach, was uns zu dieser Beschleunigung (bezugnehmend auf Absatz 2 f.) sonst noch treibt. Ist irgendwem schon mal aufgefallen, wie dieser “Fortschritt” aussieht? Inventionen? Keine Spur, stattdessen findet eine Ausdifferenzierung von Produkten statt. Hinzu kommt die clevere Idee, alles so interaktiv wie möglich zu gestalten, am besten gleich als menschliche Kommunikation getarnt. In Wirklichkeit reden/interagieren wir über/mit Produkte/n die per fortschrittlicher Technologie und deren Nutzung “vermenschlicht” wurde. Das wichtigste Axiom der Kommunikationstheorie lautet “Man kann nicht nicht kommunizieren”. Menschen brauchen Kommunikation wie Fische Wasser. Propft man das einem Produkt auf, so hat man plötzlich einen riesigen Markt, der sich in Rekordgeschwindigkeit mit Käufern bzw. Nutzern füllt. Und da sag’ noch einer Kapitalisten seien dumm:

    Twitter: “500 Millionen US-Dollar soll die Netzwerkplattform Facebook im Herbst für den Kurzmitteilungsdienst geboten haben. Auch Google hat Interesse bekundet”
    (http://www.zeit.de/2009/20/Twitter)

    Facebook: “Jahreseinnahmen 150 Millionen US-Dollar (Schätzung)”, “Marktwert: Die Bewertung schwankt zwischen 10 und 15 Milliarden Dollar.”
    (http://de.wikipedia.org/wiki/Facebook)

    Man kann es drehen und wenden wie man will. Die Konsumentensouveränität verblasst wie ein Traum. Niemand lehnt sich dagegen auf, weil jeder vergessen hat, warum überhaupt. Technologie-Beschleunigung? Pah! Beschleunigung der Ökonomisierung aller Lebensbereiche! Ist doch klar, dass plötzlich die “neuen” Technologien wie Pilze aus dem Boden schießen. Wenn’s ums Geld geht, geht alles sehr, sehr schnell (s. Wirtschaftswunder lol). Natürlich sieht das nach Beschleunigung aus. Man sollte sich nur ganz genau anschauen, WAS da so beschleunigt. “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” verkauft sich heutzutage eben schlecht (Amazon, Nr. 49.333 in Bücher) und bindet auch viel zu viel Zeit, in der man am durchökonomisierten Leben teilhaben könnte.

    So, und jetzt troll ich mich.

    Interessant dazu:
    http://www.heise.de/tr/blog/artikel/Der-Mehltau-der-Nuller-Jahre-271944.html
    http://www.heise.de/tr/artikel/Die-offene-Technosphaere-275330.html

  3. admin
    13. November 2009 um 19:47

    Hallo Benzol,
    dankeschön erst einmal für die warmen Worte, Deine Anregungen und Links. Zwei Punkte fand ich besonders interessant:

    Einmal Kommunikation als verkaufsfördernden Pfropfen auf die Produktdifferenzierung - da ist was dran und habe ich in der Form noch nicht gehört.

    Und dann die verblassende Konsumentensouveränität. Das ist wirklich eine Crux: Wenn es wahr ist, dass nicht wenige technologieaffine Leute immaterialistische Werte entwickeln (http://www.heise.de/tp/r4/artikel/31/31296/1.html), könnte es bald ein böses Erwachen geben. Um Dave Golumbia zu zitieren.

    “Der Glaube, dass es sich beim digitalen Wandel um ein Nullsummenspiel handelt, ist weit verbreitet: Wir bekommen Macht, also müssen die Großen Macht verlieren. Es ist aber genau umgekehrt: Die Massen bekommen Macht, aber Konzerne und Regierungen werden mit den neuen Medien proportional noch viel mächtiger.” (Quelle: http://realvirtuality.wordpress.com/2009/07/10/worte-zum-wochenende-11/)

  4. Kulturelle Vielfalt oder Einheitsbrei? at viralmythen
    21. Dezember 2009 um 00:50

    [...] eine kontroverse Diskussion über dieses Thema und es folgen weitere Blogeinträge hier, hier und hier – und hier wird sogar ein Blog eigens für diesen Zweck wieder reaktiviert. Dieses [...]

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