Macht und Wesen der Maschinen

Die jüngste Geldverbrennungsaktion der Wall Street hat ein Thema hochgespült, das immer mal wieder auch in den Massenmedien auftaucht, zuletzt wahrscheinlich im Zuge der Matrix-Trilogie: Die Macht der Maschinen.

George Dyson, “Historiker unter den Futuristen”, hat auf edge.org einen hübschen Abriss über die Herkunft des englischen Begriffes Stock für Aktie und die Geschichte des Wertpapiers geschrieben, um schließlich zum eigentlichen Problem der globalen Finanzkrise vorzustoßen, die Abkoppelung des Geldsystems von der Realwirtschaft: “The unlimited replication of information is generally a public good (…). The problem starts, as the current crisis demonstrates, when unregulated replication is applied to money itself. Highly complex computer-generated financial instruments (known as derivates) are being produced, not from natural factors of production or other goods, but purely from other financial instruments.”

Richard Dooling nimmt diesen Faden in der New York Times auf und stellt sich die Frage “Just how much of the world´s financial stability now lies in the ‘hands’ of computerized trading algorithms?”, nachdem die “quantitative analysts (’quants’) and masters of ‘algo trading’” ein Kartenhaus errichtet hätten, dessen Statik nur noch Computer - sprich Maschinen - nachvollziehen können. Für ihn gibt es dafür nun einen kostenlosen Blick in den Abyssus. Fortsetzung folgt demnach wahrscheinlich.

Bei solch düsteren Gedanken kann man ja geradezu dankbar sein, dass es Norbert Bolz gibt. Der sieht die ganze Sache - wie sollte es anders sein - ungleich optimistischer und hat neulich im Merkur (na gut, sicherlich kein Massenmedium) den Essay “Der Prothesengott” veröffentlicht.

Technik ist doch gar nicht böse,

sagt er und fängt im Urschleim unserer Zivilisation - der Antike und dem Mittelalter - an, um den Technikbegriff der Neuzeit zu erklären. Entscheidender Wendepunkt dieser Entwicklung ist für Golz das Morphen des Freudschen Prothesengottes, der den modernen Menschen lediglich optimiert, zum Einbau der Technik in die Welt, “mit unvorhersehbaren Folgen”. Denn die Technik sei der Natur gegenüber gleichgültig und folge somit auch nicht dem Willen des Menschen. Durch diese Freiheit der kybernetischen Maschinen aber breche “sich eine Rationalität jenseits menschlichen Verstehens Bahn.” So weit ist er auf einer Linie mit Dyson und Dooling. Dann aber die Wende zum Guten.

Durch Kreativität.

Dieser Begriff sei “die offensive Antwort auf den fundamenalen Sachverhalt, dass der Prozess der Technisierung aller Lebensverhältnisse sich längst von der Natur des Menschen emanzipiert hat.” Also müsse man ein Stück weit das Spiel der Technik mitspielen, um ihr Wesen zu verstehen und so zu neuen Lösungen zu kommen. Es sei deshalb wichtig zu begreifen, dass “gerade die technische Beschränkung des Möglichen die Produktion des Neuen ermöglicht.”

Folgerichtig identifiziert Bolz zwei prototypische Figuren, die diesen Weg beschreiten: den Techniker und den Unternehmer. Gerade letzterer, der im Gegensatz zum Techniker das Neue nicht erfinde, sondern anwende, könne in einem schöpferischen Akt (Schumpeters Unternehmer-Künstler-Analogie wird bemüht) das Wesen der Maschinen erschließen - um letztendlich dem Menschen zu nutzen.

Na dann.


 
 
 

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