Gefiltertes Brunnenwasser für alle
Es ist dieses Gefühl eines sich verstärkenden Grundrauschens, das sich einstellen kann, wenn man - vielleicht ohnehin gestresst - über einen längeren Zeitraum große Mengen an Informationen in sich hinein kippt: Themen, die man interessant findet und kontinuierlich verfolgt, wirken plötzlich fad und ausgelutscht; Texte ganz unterschiedlicher Güte scheinen ein und derselben Brühe zugehörig; man spürt, dass die essentiellen Details an einem vorübergehen.
Und dann kommt dann doch irgendwann ein Text um die Ecke, der einen wachrüttelt. So einer wie “Ein Sandkasten für Konstantin Neven DuMont” von Stefan Niggemeier. Der Medienjournalist bündelt in seinem Post die schriftlichen Ausführungen, die Neven DuMont, Vorstandsmitglied (und Repräsentant der siebten Eigentümer-Generation) der Mediengruppe M. DuMont Schauberg, in den vergangenen Tagen und Wochen in den Kommentarspalten seines Blogs hinterlassen hat.
Was dabei herauskommt, ist erstaunlich: Neven DuMont erscheint Kraft seiner Äußerungen als fleißiger Kommentarschreiber, der ungeachtet der thematischen Vorgaben der Blogeinträge, unter denen er postet, ein inhaltliches Spektrum evoziert, das vom allgemeinen Demokratieverständnis und dem Marschallplan über Hartz IV und der Rolle des investigativen Journalismus bis zu seinen ganz persönlichen Vorlieben (etwa Sangeskunst und gefiltertes Brunnenwasser) reicht.
Kurz: Neven DuMont schert sich offenbar nicht darum, dass sein Wort als prominenter und mächtiger Vorstand eines nicht ganz unbedeutenden Medienhauses, das unter anderem Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Kölner Stadt-Anzeiger und Mitteldeutsche Zeitung verlegt, mehr Aufmerksamkeit erregt als das eines Normalsterblichen.
Der Mann, so scheint es, lebt in seiner eigenen Welt.
So ungewöhnlich diese Geschichte ist, die Niggemeier aus den Tiefen seines Blogs gehoben hat, so vorhersehbar waren die Reaktionen in den zahlreichen (und weiter anwachsenden) Kommentaren: Schätzungsweise zwei Drittel der Posts sind mehr oder weniger hämische Beiträge, die sich an dem unorthodoxen Diskussionsgebahren Neven DuMonts aufhängen und - direkt oder indirekt - das Bild des überforderten bis degenerierten Verlagserben zeichnen. Ebenso vorhersehbar aber auch die Gegenreaktionen: So wirft die Journalistin Christiane Schulzki-Haddouti Niggemeier vor, “einen Kübel Häme über den Verlegersohn” ausgeschüttet, statt das direkte Gespräch mit ihm gesucht zu haben.
Ein Kübel Häme oder doch ein “legitime[r] und sogar relevante[r] Gegenstand der Berichterstattung” (Niggemeier) - darüber lässt sich trefflich streiten. (Ich denke schon, dass Niggemeier sich das vorher gut überlegt hat und den Post auch im Nachhinein noch einmal veröffentlichen würde; vielleicht würde er darüber nachdenken, ob er ihn hier und da anders formuliert, um seinen Kommentatoren keine allzu offensichtliche Steilvorlage zum Ablästern zu liefern.) Aber im Grunde genommen kann man einem Medienjournalisten nun schwerlich vorwerfen, darüber zu berichten, wenn ein Verleger sich auf seinem eigenen Blog so austobt, wie Neven DuMont dies getan hat, denke ich.
Dennoch: Solange die Äußerungen wichtiger Verlagsvertreter zum Internet derart aufgeplustert und als relevant erachtet werden bzw. de facto relevant sind, ist die deutsche Blogosphäre ihren Kinderschuhen noch nicht entwachsen und leidet weiter an einem Minderwertigkeitskomplex. (Nach dem Motto: Waaas? Der böse Kerner hat in seiner Sendung gesagt, er findet Twitter nicht gut? Wie kann er nur??????)
Und: Konstantin Neven DuMont könnte erheblich cooler sein als viele offenbar denken (selbst wenn er es gar nicht bemerkt haben sollte): Während sich Karriereblogger seit Jahren die Finger wund schreiben, um davor zu warnen, unbedachte Äußerungen oder kompromittierende Fotos ins Internet zu stellen, fabuliert er frei von der Leber weg, ist sich für keine digitale Dummheit zu schade und straft so die ganzen selbsternannten Social-Web-Experten Lügen, die den ganzen Tag das Wörtchen Reputation mantramäßig vor sich hin murmeln. Denn im Gegensatz zu den bereits bemühten Normalsterblichen hierzulande kann ihm das alles - mit Verlaub - scheißegal sein: In seiner Welt dürfte das bisschen Rumfabulieren auf irgendwelchen Blogs schlichtweg nicht interessieren.
Gefiltertes Brunnenwasser für alle ist also auch nur eine Utopie. Schade.

12. Januar 2010 um 15:28
Jetzt mal eine ganz ketzerische Frage: Springst Du hier nicht auf den gleichen Zug auf?
Was mir hier vor allem auffällt ist die Tatsache, dass nicht nur Kommunikation als solche reflexiv ist, sondern der Informationsraum, der aus (IT-)Ableitungen dieser besteht, ebenfalls hochgradig selbstreferenziell ist (sein muss). Was passiert denn in Blogs und ihren Kommentatorenzoos? Du nimmst hier Bezug, Du kommentierst dort. Immer nur Meinung, Meinung, Meinung - plus ‘n Link, der als Fakt dienen soll (es oftmals aber eben nicht ist). Die Blogosphäre ist eine rekursive Funktion geworden. Der Anfang (fast) eines jeden Blog-Artikels ist doch -wenn man mal ehrlich ist- ein Link.
@Thorsten: Ich weiß, Du magst Dawkins nicht so gerne und der Mem-Theorie stehst Du äußerst skeptisch gegenüber, aber ich finde, dass man hier wunderbar sehen kann, dass Meme uns nur als Kopiermaschinen benötigen, ungeachtet dessen, ob das für uns (als Träger) oder die Blogosphäre (lol) sinnvoll ist oder nicht.
“Im Anfang war der Link
und der Link war bei Tim Berners-Lee
-So, go and blame HIM!!!-”
12. Januar 2010 um 19:38
@BenZol Ich finde Deine Frage gar nicht ketzerisch: Klar springe ich hier auf den gleichen Zug auf und betreibe ein Stück weit Selbstbeobachtung, indem ich “die Blogosphäre” beschreibe und beurteile.
Du schreibst den schönen Satz “Die Blogosphäre ist eine rekursive Funktion geworden.” Da frage ich mich dann allerdings, ob sie das hierzulande nicht schon immer war und genau das ihr Problem ist? Kann Sie eigentlich bei aller Selbstreferentialität nicht doch über sich selbst hinausweisen? Ist das z.B. in den USA nicht schon so, etwa mit der Huffington Post? Kann und wird das auch in Deutschland eintreten?
Aus meiner Sicht bleibt das zu hoffen; Zweifel sind aber durchaus angebracht - siehe das von mir gepostete Zitat Don Dahlmanns ( http://www.thorstena.de/?p=1944 )
13. Januar 2010 um 11:11
“[...], ob sie das hierzulande nicht schon immer war und genau das ihr Problem ist?” Und da sind wir wieder bei den Kinderschuhen. Die Schnürsenkel sind schon aufgeknotet aber der Schuh ist noch nicht vom Fuß.
Eine rekursive Funktion ist an sich ist ja nichts Schlechtes. Man muss sich bei ihr aber ganz genau überlegen, wofür man sie einsetzt. Wenn keine Abbruchbedingung (Zielbedingung) vorgesehen ist, kreist die Blogosphäre(/Funktion) in einer Endlosschleife, die immer mehr Ressourcen bindet und dadurch nutzlos wird.
Daher hier meine “Two-Cents” zur Verbesserung:
1. Konkretere und unmittelbarere Verknüpfung der Blogosphäre mit dem RL (, im Gegensatz zur lediglichen Verknüpfung mit der (RL-)Berichterstattung, die sich wirklich noch ein bißchen großväterlich an solche Aufmerksamkeitsfaktoren wie sie im Ausgangsartikel beschrieben werden, orientiert). Die Huffington Post setzt an dieser Stelle wirklich Maßstäbe. Da stimme ich Dir oder Dahlmann zu.
2. Mehr aus dem “rekursiven Dilemma” machen! Statt sie wiederzukäuen und mit Meinungen zu würzen, sollten die Informationen, die hierzu aus dem Netz herangezogen werden dazu genutzt werden, Informationen/Mehrwert zu schaffen, die in ihrer Wertigkeit über das Ausgangsmaterial hinausgehen. Ein Beispiel hierfür ist vielleicht Niggemeiers Bildblog; aber kein gutes -im hier diskutierten Sinne- seit 6vor9 integriert wurde. ;-)
Meine Vorsätze für 2010: Server schonen - kürzer posten!
13. Januar 2010 um 11:50
@benzol Einverstanden mit Deinen “Two Cents”; das würde aber eine Professionalisierung bzw. Ökonomisierung(größerer Teile) der Blogosphäre notwendig machen - Mehrwert produzieren kostet nun einmal Zeit und Geld.
14. Januar 2010 um 15:15
Und schon wieder ein Ei. Die Henne meint: Mehrwert produzieren kostet Zeit und bringt Geld. Ich bekomme ja auch mein Gehalt erst am Ende des Monats. *seufz*
14. Januar 2010 um 16:24
Ja, aber erst seit wenigen Monaten, mein Herz! was hättest Du davor an Mehrwert produzieren können ;-)