Kulturpessimismus vs. Selbstverteidigung
Während sich die Mehrheit der Webgemeinde darauf geeinigt zu haben scheint, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher als Speerspitze des Kulturpessimismus anzusehen (und sich deshalb nicht groß mit seinen Argumenten auseinander setzen zu müssen), bekommt er nun unerwarteten Beistand von Seiten der digitalen Bohème: Mercedes Bunz hat Schirrmacher in der de:bug-Januarausgabe attestiert, in seinem Buch Payback eine fundierte Zusammenfassung aktueller Netzdebatten präsentiert zu haben (Text ist nicht online). Und auf ihrem Blog hat Bunz ihm beigepflichtet, dass gesellschaftlich gesehen nicht weniger notwendig wäre als eine ordentliche “IT-Aufklärungsbewegung” (IT Enlightment):
Yes, there is an industrialisation of information. Yes, more and more algorithms are delivering results that calculate the future. What might look convenient at first sight, can become a huge problem – think of being profiled for health care insurance.”
Damit knüpft Bunz direkt an Schirrmacher an, der jüngst schrieb:
“Eine gleichsam anthropologische Erkenntnis des digitalen Zeitalters lautet, dass Menschen, wenn man sie nur durch mathematische Modellierung in entsprechend differenzierte Einheiten unterteilt, so verschieden gar nicht sind. Kennen wir das Muster, können wir immer bessere Aussagen über die Zukunft machen. (…) Ob die Systeme leisten, was sie versprechen, ist irrelevant - der Börsencrash hat gezeigt, dass es genügt, wenn die entscheidenden Leute an sie glauben.”
Da ist was dran: Es wurde bereits im vergangenen Jahrhundert festgestellt, dass maschinengetriebene Anonymität die Menschen rücksichtsloser macht - selbst innerhalb des brutalstmöglichen Szenarios, das man sich so vorstellen kann: während des Krieges.
“Ein (…) Grund für die Brutalisierung war (…) die neue Unpersönlichkeit der Kriegsführung, die das Töten oder Verstümmeln auf einen Akt reduzierte, der sich auf das Drücken einer Taste oder Bewegen eines Hebels beschränkte. Technologie macht ihre Opfer unsichtbar”,
brachte zum Beispiel der Historiker Eric Hobsbawm in seinem Werk “Zeitalter der Extreme” zu Papier. Und heutzutage kommt hinzu, dass viele maschinengetriebene Kalkulationen für den menschlichen Geist weder mathematisch noch hinsichtlich ihrer ethischen Folgen nachvollziehbar sind, würde Schirrmacher wohl hinzufügen.
Und noch etwas: Die Technologien, von denen die Rede ist, sind im Alltag längst angekommen, worauf zum Beispiel CCC-Sprecher Frank Rieger hingewiesen hat:
“Die softwaregestützte Durchregelung des Alltags, das Schwinden menschlichen Ermessensspielraumes zugunsten algorithmisch generierter Handlungsanweisungen findet sich überall. Die Sachbearbeiter in Unternehmen oder Ämtern führen oft nur aus, was ihnen „die Software“ vorgibt. Sich gegen die Vorgabe zu entscheiden ist aufwendig und anstrengend, muss gerechtfertigt werden.”
Das läuft auf ein bürokratisches Horrorszenario hinaus, wie es sich Kafka nicht besser hätte ausmalen können. Denn je passgenauer die Algorithmen werden, die Menschen zu Datensätzen umrechnen, desto mehr Möglichkeiten zur Kontrolle gibt es theoretisch. Und wer würde daran zweifeln, dass “der Staat” von diesen Möglichkeiten auch Gebrauch machen möchte?
“Wir müssen uns ernsthaft der Frage stellen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der kleine und größere Übertretungen von moralischen und rechtlichen Normen nicht mehr verborgen bleiben. Wenn Übertretungen einmal aufgezeichnet sind, ist die Versuchung groß, sie auch - vorzugsweise automatisiert - zu ahnden. Ist ein solches Leben auszuhalten, erstrebenswert, menschenwürdig? Bisher wird nicht jedesmal, wenn jemand nachts um vier bei roter Ampel über die leere Straße läuft, automatisch ein Strafzettel erstellt. Bald ist das kein Problem mehr”,
sagt Rieger und weist darauf hin, dass “Geheimdienste (…) das Arbeitsprinzip der Wahrscheinlichkeitsverbesserung schon vor Jahrzehnten entdeckt” haben - Stichwort Rasterfahndung.
Es geht also um mehr als zu erörtern, ob die Privatsphäre ein Auslaufmodell, Frank Schirrmacher ein Kulturpessimist oder das Unternehmen Google böse ist. Es geht darum, ob eine “bot-mediated reality” uns in der Hand hat oder wir sie. Und es geht darum, bürgerliche Rechte zu wahren.
Rieger und der CCC haben da bereits zwei Vorschläge: das Recht auf digitale Selbstverteidigung (im Netz zu lügen, um sich selbst und andere zu schützen) und die Forderung an den Gesetzgeber nach mehr Datenschutz - an staatliche und unternehmerische Adressen gleichermaßen (”Wir nennen es den Datenbrief. Dabei müssen nicht nur die Rohdaten mitgeteilt werden, sondern auch alle abgeleiteten Informationen, eben die extrahierten Merkmale und Profile, inklusive der Möglichkeit, sofort die Löschung zu verlangen”).
Das ist vielleicht eine der wenigen bleibenden Illusionen, die sich um das Netz ranken: die konkrete Möglichkeit wirksamer politischer Teilhabe. Um mit Geert Lovink den nächsten von der Netzgemeinde ausgemachten “Kulturpessimisten” zu zitieren:
“Ich bin auf der Seite derer, die das Netz sozialpolitisch mitgestalten. Das ist nach wie vor ein offenes Feld, auch für Leute, die nicht technisch oder kommerziell sind. Man kann hier als Einzelner, als kleine Gruppe noch etwas verändern, trotz der Dominanz mächtiger Korporationen wie Microsoft und Google.”
