Tagebuch eines Klugscheißers
Dominik Lukas kann Dialoge schreiben, und nicht nur die. Wer mit ihm kickert, weiß über seine Qualitäten als Liebhaber Bescheid. Wenn er Klavier spielt, liegen ihm die Frauen zu Füßen. Und wenn er Taxi fährt, verbreitet er Verschwörungstheorien.
Ab und zu liest er auch aus dem “Tagebuch eines Klugscheißers” vor; das nächste Mal will er so dem Vernehmen nach im Kaffee Burger (Berlin Mitte) die Geschichte von Horst Lindenbügel erzählen. Hier zitiere ich mit seiner Erlaubnis eine Stelle aus “Die Zicke und der Zausel”:
Es hatte einen Tag gegeben, an dem der alte Zausel und ich uns gut verstanden. Bis zu seiner Erkrankung war er Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Hamburger Gymnasium gewesen. Wir spazierten gerade die Sonnenallee hoch und runter, das heißt, ich spazierte und schob ihn im Rollstuhl vor mir her, als er wieder einen Tobsuchtsanfall bekam und anfing, sich über die vielen Anglizismen in der deutschen Sprache aufzuregen.
„Jetzt schau dir das an. Back Factory. Als ob es nicht genug wäre, dass die jungen Leute nur noch chillen und chatten und shoppen und dissen. Das ist doch furchtbar, furchtbar.“
„Na ja, so ist das halt.“
„Häh?“
„Ich sage, so ist das eben.“
„Pah! Dir ist das natürlich egal. Du hast ja auch das Temperament eines Laubfroschs.“
„Ich reg mich nur nicht darüber auf.“
„Das solltest du aber. Die besiegeln da drüben das Schicksal unserer Sprache und du spielst hier den Toleranten. Back Factory! Dass ich nicht lache.“
„Ich find es ja auch dämlich. Die Leute sind eben dumm. Aber ist doch deshalb nicht gleich ein Komplott gegen die deutsche Hochkultur.“
Er lachte laut und trocken auf.
„Mit so einem Klugscheißer schicken die mich auf die Straße.“
„Ich würde ja gern sagen, ich hab’s mir auch nicht ausgesucht. Aber das stimmt ja nicht.“
„Ein Samariter und ein Klugscheißer.“
Er senkte die Stimme ein wenig.
„Hör mal, findet deine Freundin es nicht auch merkwürdig, was du hier machst?“
Das war eine Sache, die die alten Leute alle gemeinsam hatten. Sie setzten es als
selbstverständlich voraus, dass man mit jemandem liiert war.
„Ich hab keine Freundin.“
„Na, dann eben dein Mädchen oder was. Wie sagt ihr denn jetzt dazu?“
„Ich bin ungebunden.“
„So?“
Er drehte sich halb zu mir herum.
„Na, wundern tut’s mich nicht. Wir müssen übrigens noch Kuchen kaufen, meine Tochter besucht mich nachher.“
„Sollen wir dafür in den Supermarkt. Oder tut’s auch die Back Factory?“
„Sehr witzig.“
Er hielt eine Weile lang den Mund.
„Strange“, sagte er dann wieder. „Das ist das Wort, nicht wahr? Es ist strange, dass du lieber einen alten Deppen durch die Gegend fährst, als dir eine Freundin anzulachen.“
„Ach, bei den Schwesternschülerinnen komme ich ganz gut an damit.“
„Ja?“
„Es irritiert sie ein wenig. Aber wenn ich dann auch noch anfange, Klavier zu spielen…“
„Wirklich?“
Das schien ihm zu gefallen. Ich sah von hinten, wie er grinste.
„Aber die sind ja auch nicht hübsch, oder? Zu mir kommt immer nur diese dicke Nudel.“
„Welche?“
„Die, die immer alles fallen lässt.“
„Ach so, na ja.“
„Jedes Mal haut sie irgendwas runter.“
Ich musste lachen.
„Und die gefällt dir?“
„Geht so. Aber es gibt ja auch noch andere.“
„So? Und wieso kommen die nicht zu mir?“
„Tun sie. Aber nur, wenn Sie schlafen.“
Er stieß wieder laut die Luft aus.
„An eine tolle Truppe bin ich da geraten.“
„Sie können ja den Pflegedienstleiter darum bitten, dass er hübschere Schwestern zu Ihnen schickt.“
„Das werde ich. Und ich werde ihm sagen, was für ein abgebrühter Schürzenjäger du bist.“
Er grinste, als er das sagte. Ich schob ihn zurück zum Hospiz.


27. Mai 2010 um 15:56
[...] war mir selbstverständlich eine Ehre, meinem Kumpel Dominik Lukas, der in seiner schriftstellerischen Tätigkeit inzwischen unter dem Kampf Künstlernamen Clint auftritt, beim Dreh seines Films “Coke and [...]