Immer schön auf dem Teppich bleiben
Was das Informationszeitalter mit seinem Internet so alles in unseren Köpfen anstellt, ist ja noch nicht ausgemacht. Man weiß es halt noch nicht. Also guckt man auf die Jugend, die ja so ganz anders mit digitaler Technologie umgeht und an der folglich abzulesen sein müsste, wohin die Reise im neuronalen Sinne geht. Die Metadiskussion dreht sich dann aber zumeist nicht mehr um Jugendliche, Kinder und kommende Generationen; die Geister scheiden sich am Grundsätzlichen: Ist das Internet gut? Oder doch böse?
Die Fronten sind bereits gezogen: Es gibt Technologie-Apologeten, und es gibt Technologie-Kritiker. Der Economist hat zum Beispiel gerade ein neues Buch eines prominenten Befürworters der netzbasierten Zukunft vorgestellt und titelte erleichtert: “The kids are allright“. Es handelt sich um “Grown Up Digital” von Don Tapscott, dem kanadischen Unternehmer, Management-Professor und Ausdenker des Begriffes net generation. Und Tapscott hat gute Nachrichten: Aus einer Befragung von nahezu 8000 Menschen in 12 Ländern habe der Autor das Bild einer “unterhaltsamen, optimistischen und überzeugenden Generation” gezimmert, schreibt das Blatt und referiert die Quintessenz des Tapscottschen Werks:
Die Angehörigen der net generation, die
“Net Geners value freedom and choice in everything they do. They love to customise and personalise. They scrutinise everything. They demand integrity and openness, including when deciding what to buy and where to work. They want entertainment and play in their work and education, as well as their social life. They love to collaborate. They expect everything to happen fast. And they expect constant innovation.”
Wenn man sowas hört, geht sofort die Hype-Alarmlampe an. Sooo toll ist also die net generation und so umwälzend werden die Veränderungen sein, zum Beispiel im Arbeitsleben und im Bildungssystem, die diese Generation mit stetig vermehrten und tiefer dringenden Einflussmöglichkeiten nach und nach durchsetzen wird? Mag sein, dass der Artikel einseitig ist, ganz bestimmt ist er wohlwollend (wobei man anmerken sollte, dass auch zwei kritische Konklusionen erwähnt werden, die Tapscott in seinem Buch vermerkt: die Probleme derjenigen, die den Anschluss an den digitalen Pfad verloren haben, ferner der weitgehende Verzicht der Net Geners auf eine Privatsphäre), aber unter dem Strich bleibt der Eindruck bestehen: Das hört sich nach Hype an, aber gewaltig.
Oder wie George Siemens auf seinem “Connectivism Blog” formuliert hat: “The over-hyped ‘I´ve fallen in love’ mindset often presented in relation to technology helps to drive hype for a while, but in the long run, the impact of this approach damages future – less hyped – approaches to learning and technology.”
Don Tapscott ordnen wir also bis auf weiteres in die Kategorie Technologie-Apologeten ein; den Journalisten Nicholas Carr indes in die der Technologie-Kritiker (Hier zwei Interviews in deutscher Sprache, die den thematischen Horizont der beiden aufscheinen lassen, eines mit Tapscott in brand eins, eines mit Carr auf medienlese.com, hier der Teil 2). Auch Carr brachte kürzlich ein Buch zum Thema auf den Markt, “The Big Switch“, in dem er vor gesellschaftlichen Verwerfungen warnt, die durch die Computerisierung der Gegenwart entstehen könnten. Auch bei Carrs Buch flimmert, wenn schon nicht die Hype-Alarmlampe, so doch wenigstens die Untergangsszenario-Kontrollleuchte: massive Arbeitsplatzverluste, groß angelegte Manipulationen der Verbraucher, weitere Aushöhlung der Privatsphäre, Verlust des Kontaktes zu Mitmenschen und zur Natur bis zu dem Punkt, an dem das Netz nicht von uns programmiert wird, sondern wir vom Netz: Das sind Entwicklungen, die Carr fürchtet, wenn der “große Schalter” umgelegt wird.
Für publizistische Furore hat der ehemalige Harvard-Business-Review-Chefredakteur Carr neulich mit einem anschaulich geschriebenen Artikel im US-amerikanischen Atlantic gesorgt: “Is Google making us stupid?“, fragt er da und berichtet, dass er seit einigen Jahren den Eindruck habe, irgendwer oder irgendetwas bastele an seinem Gehirn, pole seine neuronalen Schaltkreise um, programmiere sein Gedächtnis neu. Der Übeltäter sei das Netz, das seine Konzentrations- und Nachdenk-Kapazitäten zu zerbröseln scheine. Carr macht diesen seinen Eindruck an veränderten Lesegewohnheiten fest, zitiert seine These erhärtende Studien und bringt seine Gedanken auf den Punkt, indem er bezweifelt, ob heutzutage solch ein Schinken wie Tolstois “Krieg und Frieden” überhaupt noch gelesen werden könne.
(Die Debatte kochte hoch und schäumte just an dieser Stelle über: Clay Shirkey, enerviert vom Skeptiker Carr und selbst eher der Apologeten-Ecke zugehörig, blaffte zurück, Tolstois Roman lese sowieso niemand und obendrein sei er “not so interesting”, also: so what? Der Disput erreichte selbst Deutschland - der Spiegel brachte eine an den Carr-Artikel so deutlich angelehnte Titelgeschichte, dass er sich Plagiatsvorwürfe einhandelte. Doch hierzulande wird diese Debatte häufig nur unter den Aspekten “Ballerspiele, Pro und Contra” oder “Bildschirm versus Buch” geführt. Schön zu sehen ist das zum Beispiel in der jüngsten Zeitausgabe, wo Susanne Gaschke vielversprechend anfängt, um zum Ende ihres Artikels dann doch in bildungsbürgerliche Bildschirm-Buch-Metaphern-Welten einzutauchen.)
Egal ob man nun den Apologeten oder den Kritikern zuneigt, diese Debatte zeigt auch, was das Netz schon so alles verändert hat: in diesem Falle den öffentlichen Diskurs. Autorität oder gar Deutungshoheit kann niemand mehr qua Amt oder Status beanspruchen; alle dürfen mitreden, um exponierte Plätze rangeln und sind zwangsläufig Verkäufer der eigenen Sache. Das allgegenwärtige Lobbyistentum hat zudem dafür gesorgt, dass man in diesem ganzen Durcheinander nicht nur auf die Verpackung, sondern tunlichst auch auf das Kleingedruckte achten sollte. Kaum ein längerer Artikel, der Seriosität beansprucht, kommt ohne die Erwähnung einer wissenschaftlichen Studie aus, auf die das Ganze fußen soll. Wie wäre es zum Beispiel mit folgender Expertise: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) meint herausgefunden zu haben, dass Deutschland jährlich mehrerer Milliarden Euro verlustig gehe, da zu wenig in Fortbildungen zu IT-Themen investiert werde. Und nun das Kleingedruckte: Auftraggeber der Studie ist die Initiative IT-Fitness der Firma Microsoft.
Die Übertreibungen der Technologie-Kritiker, vor allem aber der Technologie-Apologeten haben Professor Rolf Schulmeister vom Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung der Universität Hamburg zu einer Fleiß- und Grundlagenarbeit animiert, die der Frage nachgeht, ob eine net generation überhaupt existiert. In seiner Arbeit “Gibt es eine ‘Net Generation’?” stellt er die unterschiedlichen Meinungslager vor und hinterfragt empirische Studien zum Thema – eine bibliographische Sisyphus-Aufgabe, die er mit seiner im September erschienenen “2.0-Version” trotz stetig neu erscheinender empirischer Studien für abgeschlossen erklärt hat.
Schulmeister weist die These zurück, es gebe eine net generation, und wehrt sich so (in seiner Funktion als Hochschulprofessor) gegen die Forderungen der Technologie-Apologeten, die Erziehungssysteme der westlichen Gesellschaften komplett umzukrempeln, um den vermeintlichen Bedürfnissen der vermeintlich anderen Generation entgegen zu kommen. Die Existenz der Net Geners werde gerne an Indizien wie veränderte Mediennutzung oder sich wandelnde soziale Einstellungen festgemacht. Doch die ausgewerteten Studien zeigten, dass die Mediennutzung der jüngeren Generation immer noch eher TV- als PC-dominant sei. Und die Art der Nutzung der (neuen) Medien verdeutliche, dass die sozialen Einstellungen der Jugendlichen auch nicht anders seien als sonst auch: Der Kontakt zur peer group, zu den Altersgenossen, sei der Treiber für den Einsatz der neuen Technologien des Netzes.
Interessant ist auch die Aussage Schulmeisters, dass es beim Medieneinsatz eher auf Qualität als auf Quantität ankomme: So seien die Mediennutzungsraten von Jugendlichen aus unterprivilegierten Milieus nicht selten hoch, “produktiv-gestaltete Computer- und Internettätigkeiten” führten sie dabei aber in der Regel nicht aus und überbrückten demzufolge auch nicht “die digitale Kluft”, die Gebildete und Ungebildete scheidet. Digitale Kompetenzen für alle sozialen Milieus sind also gefragt, ist man da geneigt zu konstatieren. Doch Gabi Reinmann hält das für zu kurz gegriffen. Die Medienpädagogik-Professorin schreibt auf ihrem Blog zum Thema digitale Kompetenzen und Computer literacy:
“Ich glaube aber, dass es hier (…) um etwas viel Grundsätzlicheres geht: Kinder und Jugendliche müssen lernen, die Sprache als zentrales Handwerkszeug zu beherrschen. Nur auf der Basis können sie sich ausreichend informieren, effektiv kommunizieren und am virtuellen Geschehen wirkungsvoll partizipieren. Wir müssen Sprach-, Kritik- und Urteilsvermögen fördern – was wahrlich nicht neu ist.”
Und ihre Einschätzung klingt wohltuend ausgewogen, kein Aufflackern der Hype-Alarmlampe oder der Untergangsszenario-Kontrollleuchte:
“Die Situation ist ein bisschen paradox: Die digitalen Technologien sind nämlich Mittelpunkt und Peripherie zugleich: Sie sind Mittelpunkt, weil sie unser Leben verändern (…). Sie sind Peripherie, weil sie nicht an sich, sondern als Teil von Information, Kommunikation und Partizipation wirken. Und darauf müssen wir unsere Kinder und Jugendlichen vorbereiten.”

6. März 2009 um 16:15
[...] sogar die Existenz einer solchen Generation überhaupt. Der Hochschulprofessor hat mit seiner Ende des vergangenen Jahres erschienenen 2.0-Version von “Gibt es eine Net Generation?” eine Sichtung der Studien [...]