Über Internetionalisierungsdebattendefizite

Während Carta sich weiterhin und stellvertretend für die deutschsprachige Blogosphäre daran abarbeitet, dass ein konservativer Herausgeber und Feuilletonist einer konservativen Tageszeitung - also KEIN Blog - auf durchaus breiter Basis eine Auseinandersetzung mit dem Thema Internet angestoßen hat, werden in den USA ganz andere Fragen gestellt: etwa die nach dem Beitrag der Wissenschaften abseits der Informatik für die Debatten rund um das Netz und seine zukünftigen Auswirkungen.

Wo sind die Beiträge, die nicht aus den Reihen der Informatiker und so genannten Webevangelisten kommen, die uns über die Folgen unseres Internet-Tuns in Kenntnis setzen, fragt zum Beispiel Evgeny Morozov. Morozov gilt auch aufgrund seiner weißrussischen Herkunft als Experte für netzgetriebene Demokratisierungsprozesse in autoritären Regimen; und seine Einschätzungen in dieser Hinsicht sind meist wesentlich weniger optimistisch als die, die von anderen, in Demokratien geborenen Experten stammen.

Morozov ist es offenbar nicht ganz geheuer, dass Praktiken, die im Internet erfolgreich sind, einfach auf Bereiche des realen Lebens übertragen werden, ohne groß über die Folgen nachzudenken und ohne das Netz überhaupt verstanden zu haben. Ein Beispiel, das er anführt, ist Open Source und die Übertragung dieses Konzeptes auf Bereiche wie zum Beispiel Politik:

“A government that anyone can edit may also be the one that would stand by as corporations and radical internet evangelists are trying to force us into believing that privacy is just a quaint and antiquated social norm”,

warnt Morozov und fragt sich eben deshalb, warum seiner Meinung nach insbesondere die Geisteswissenschaften so wenig zu diesen Fragen beizutragen haben. Denn, das erscheint ihm nach der Lektüre Jaron Laniers “You are not a gadget” ziemlich klar, den Informatikern allein sollte man diese Aufgabe lieber nicht überlassen: Lanier wisse (stellvertretend für seine Zunft) zwar möglicherweise alles über Internettechnologie, aber sehr wenig über Gesellschaft.

Und das sei einfach zu wenig angesichts des Einflusses, den das Netz inzwischen auf unser aller Leben besitzt:

“Technology has penetrated our lives so deeply and so quickly that the only way to make sense of what is happening today requires not only drinking from the anecdotal fire hose that is Twitter, but also being able to contextualise these anecdotes in broader social, historical and cultural settings. But that’s not the kind of analysis that is spitting out of Silicon Valley blogs.”

Morozov hat sich ein wenig umgesehen und konstatiert: Allein die Rechtswissenschaften mit Leuten wie Zittrain, Benkler oder Lessig hätten sich bislang in den angesprochenen Fragen einen Namen gemacht; und er fragt sich, warum zum Beispiel die Politische Theorie in Sachen Internet so schweigsam ist. Wobei seine offenbar eher spontane Auswahl der angeführten Fachrichtungen natürlich Widerspruch hervorgerufen hat. Und als jemand, der vor einigen Jahren und weit vor Bologna einer der Lemminge im deutschen geisteswissenschaftlichen Universitätsbetrieb war, frage ich mich auch des öfteren, warum zum Beispiel die Soziologie mit ihrem Wissen um das Spannungsfeld zwischen Individuum und Masse nicht präsenter ist im Web.

Carta macht es schon richtig, wenn es in der derzeitigen deutschen Internetdebatte Experten wie Gundolf S. Freyermuth und Stefan Münker ranholt (hier und hier), und so auf das Expertisen-Gewitter der FAZ und seines besagten Herausgebers reagiert.

Es zeigt aber auch, dass hierzulande erst einmal das Internet entmythologisiert werden sollte, um vernünftig miteinander reden zu können, wie Björn Haferkamp angemerkt hat:

“Ob das Internet existiert und sich weiter entwickelt ist eine unfruchtbare Frage. Die kritischen Fragen aber, die diese Gegebenheiten hervorrufen – was macht das mit unserer Kultur, mit der Psyche, mit der Wirtschaft – lassen sich vernünftig nur beantworten, wenn man das Gestrüpp der Mythen, Märchen und Dämonen beiseite räumt. Es gibt keine Lizenz zur Interpretation des Internet, man muss weder Gegnern noch Enthusiasten eine Definitionshoheit in dieser Frage einräumen.”


 
 
 

3 Kommentare zu “Über Internetionalisierungsdebattendefizite”

  1. Detlef Borchers
    17. März 2010 um 21:09

    Sehr schöne Betrachtung, jedenfalls abseits der Flachbrettler von Carta. Morgen ist Morozov in der FAZ. –Detlef

  2. Lesetipps für den 18. März | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0
    18. März 2010 um 10:19

    [...] Über Internetionalisierungsdebattendefizite: Wo sind die Beiträge, die nicht aus den Reihen der Informatiker und so genannten Webevangelisten kommen, die uns über die Folgen unseres Internet-Tuns in Kenntnis setzen [...]

  3. Von alten Medien lernen | Kontextschmiede
    22. März 2010 um 19:18

    [...] Tren­nen wir zunächst den all­ge­mei­nen Kul­tur­pes­si­mis­mus von einem Phä­no­men, das immer wie­der mit der Ent­wick­lung gesell­schaft­lich rele­van­ter Tech­no­lo­gien ein­her­geht: Neue Tech­no­lo­gien unter­lie­gen einer pola­ri­sie­ren­den Bewer­tung. Genau so, wie es dysto­pi­sche Hys­te­rie über die neue Tech­no­lo­gie gibt, gibt es immer auch uto­pi­schen Hype. Aus die­sem Span­nungs­feld ent­ste­hen Mythen über die neue Tech­nik, die einer prag­ma­ti­schen Nut­zung im Wege ste­hen. Das Inter­net ist ein­deu­tig noch in die­ser Phase der Pola­ri­sie­rung gefan­gen, die Gesell­schaft strei­tet noch um Deu­tungs­ho­heit. [...]

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