Technoider Determinismus

Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis einer hierzulande eine so dicke Hose anhat, um ohne mit der Wimper zu zucken à la Zuckerberg oder Schmidt ein postprivatsphärisches Zeitalter auszurufen und damit eine Datenschutz-Debatte anzuzetteln. Christian Heller war mit seinem Text “Die Ideologie Datenschutz” so frei und hat darüber hinaus die Chuzpe, dafür Urheberrechte mit Datenschutz in einen Topf zu werfen:

“Der ideologische Kampfbegriff “Geistiges Eigentum” entspricht der Forderung, ein Mensch möge Verfügungsgewalt besitzen über die Daten, die sein Leben generiert. Genauso wie ‘Geistiges Eigentum’ ist ein ‘Eigentum’ an persönlichen Daten nicht naturgegeben, sondern nur ein gesellschaftlich erwünschtes Gedankenkonstrukt.”

Wenn das so ist, dann liegt es natürlich nahe, das Thema Datenschutz ebenso durch die Internetbrille zu betrachten wie das des Urheberrechtes: Datenschutz sei, so Heller, demzufolge “an der Realität der modernen Informationsmedien” zu messen wie andere “Eigentums-Konstrukte”.

Abgesehen davon, dass er damit ohne Not das auch historisch gesehen alles andere als unwichtige Konzept der Privatsphäre kurzerhand auf den Müllhaufen der Geschichte befördert und er so ganz offensichtlich die Gefahr unterschätzt, dass Daten auch missbraucht werden können bzw. sich die Einschätzung ehedem als unproblematisch erachteter persönlicher Daten auch wandeln kann, offenbart Heller mit diesen Gedankengängen eine Art technoiden Determinismus, der zu denken gibt und der eingedampft in etwa so formuliert werden könnte:

  • Alles, was technisch machbar und auf diese Weise ökonomisch verwertbar ist, sollte auch stattfinden. Es liegt am Menschen, sich diesen Umständen anzupassen - und nicht umgekehrt.

    Andere sind auf diesen Zug aufgesprungen: Michael Seemann zum Beispiel grenzt sich zwar von Heller ab, indem er einen “Generalangriff auf die soziale Konstruktion der bürgerlichen Identität” für zu sportlich hält und schlägt stattdessen vor:

    “Aber ist es dann damit getan, auf diese und andere Bedrohungen oder die ganz normalen Intoleranzen mit der Oktroyierung von Datenschutzreglementierungen zu reagieren? Insbesondere, wenn man die Annahme zu Grunde legt - und ich bin der festen Überzeugung, dass das notwendig ist -, dass sich ein heutiges Verständnis von Datenschutz sowieso nicht halten lassen wird. (…) Wir müssen aufhören, nur Daten schützen zu wollen und hinkommen zu einer Politik, die Identitäten schützt.”

    Wenn Michael Seemann aber einleitend schreibt, dass es seine “theoretische Berechtigung” habe, dass Heller Urheber- und Datenschutz vergleicht und damit zu ein und demselben Problem macht, begibt er sich allen nachfolgenden Relativierungen zum Trotz auf dessen theoretische Ebene:

    “Was den dort konstatierten Kontrollverlust der Verlagsbranche und der gesamten Contentindustrie ausmacht, das - so muss man leider zunächst feststellen - ist ein und die selbe Bewegung beim Schutz der persönlichen Daten. Je weiter die Entwicklung fortschreitet, desto weniger wird sich jemand noch sicher sein können, welche Information er wann und wem preis gibt.”

    Das klingt zunächst plausibel, beantwortet aber nicht die Frage, ob persönliche Daten wirklich mit Urheberrechten verglichen, ob sie in einen konkreten wirtschaftlichen Verwertungszusammenhang gestellt und nicht doch restriktiver geschützt werden sollten als andere Daten. Oder, wie ein Kommentator des Posts treffend anmerkte:

    Was die Gemeinsamkeiten des Wunschs nach Kontrolle über persönliche Daten mit dem Wunsch der Verlage nach Kontrolle über ihr Handelsgut betrifft, so stimmt es natürlich dass es eine Abstraktionsebene gibt, auf der beide Gemeinsamkeiten haben. Aber diese gemeinsame Ebene gibt es im Prinzip für jedes beliebige Paar mit Eigenschaften. Es braucht also eine tiefere Betrachtung der Sinnhaftigkeit der konkreten Ebene und die Frage, welche wichtigen Unterschiede bestehen. Und hier ist zunächst zu nennen, dass es bei dem Einen (”Datenschutz”) tatsächlich im die Möglichkeit von Menschen zu menschenwürdigem Leben (das ist übrigens kein wirklich schwammiger Begriff, wenn man ein wenig Fachliteratur zu Art. 1 GG zu Rate zieht) und bei dem anderen lediglich um den Schutz (eigentlich sogar Subvention oder Verordnung) eines Geschäftsmodells geht. Ersteres genießt in unserer Verfassung allerhöchsten Rang, Zweiteres kommt nicht mal vor. Man tut dem Wert der eigenen theoretischen Überlegungen keinen Gefallen, wenn man über solche Unterschiede einfach hinweg bügelt.


     
     
     
  • 9 Kommentare zu “Technoider Determinismus”

    1. BenZol
      29. März 2010 um 14:40

      “Alles, was technisch machbar und auf diese Weise ökonomisch verwertbar ist, sollte auch stattfinden. Es liegt am Menschen, sich diesen Umständen anzupassen - und nicht umgekehrt.”

      Im Sinne eines technoiden Determinismus müsste es aber korrekterweise heißen: “Alles, was technisch machbar und auf diese Weise ökonomisch verwertbar ist, findet auch statt[..]” Das “sollte” ist lediglich eine (überflüssige) sprachliche Zuspitzung. Ich formuliere hier mal trennschärfer: “Alles, was technisch und ökonomisch machbar ist, wird einmal oder öfter realisiert.”
      Auf Gegenbeweise bin ich gespannt. Und dass der Mensch sich an die Umstände anpasst, stellt seine einzige evolutionäre Daseinberechtigung dar (s. Darwin, Dawkins).

    2. BenZol
      29. März 2010 um 14:44

      Nachtrag: Womit ich natürlich nicht sagen will, dass die zweite Hälfte des Zitates dadurch richtiger wird. Ehrlich gesagt bin ich sehr glücklich darüber, dass die Anpassung des Menschen bei schlechten Entwicklungen sich manchmal darin äußert, dass das, was technisch und ökonomisch möglich ist, nur einmal stattfindet.

    3. admin
      29. März 2010 um 15:05

      Wenn Du Dawkins erwähnst, kannst Du meines Widerspruches immer sicher sein; das weißt Du ja… Also: Es mag sein, dass aus evolutionärer Sicht eine der Daseinsberechtigungen des Menschen seine Anpassungsfähigkeit ist. Andererseits bin ich nicht sicher, ob kulturelle Errungenschaften, die der Mensch hervorgebracht hat, allein unter solchen Gesichtspunkten zu sehen sind: Es ist meines Erachtens eben nicht umsonst so, dass die Privatsphäre (zumindest in den westlichen Gesellschaften) einen höheren Schutz genießt als partikulare wirtschaftliche Interessen. Und um es mal ganz profan zu formulieren: Nur weil das nicht in Facebooks Geschäftsmodell passen will und einige Web-2.0-Enthusiasten von sich auf den gesamten Rest der Welt schließen, bin ich noch lange nicht dabei, einen neuen Menschentypus auszurufen, und träume auch nicht gleich von einer besseren Gesellschaft - im Gegenteil.

    4. Twitter Trackbacks for Thorstena » Technoider Determinismus [thorstena.de] on Topsy.com
      29. März 2010 um 17:04

      [...] Thorstena » Technoider Determinismus http://www.thorstena.de/?p=2294 – view page – cached Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis einer hierzulande eine so dicke Hose anhat, um ohne mit der Wimper zu zucken à la Zuckerberg oder Schmidt ein postprivatsphärisches Zeitalter auszurufen und damit eine Datenschutz-Debatte anzuzetteln. Christian Heller war mit seinem Text “Die Ideologie Datenschutz” so frei und hat darüber hinaus die Chuzpe, dafür Urheberrechte mit… Read moreEs war ja nur eine Frage der Zeit, bis einer hierzulande eine so dicke Hose anhat, um ohne mit der Wimper zu zucken à la Zuckerberg oder Schmidt ein postprivatsphärisches Zeitalter auszurufen und damit eine Datenschutz-Debatte anzuzetteln. Christian Heller war mit seinem Text “Die Ideologie Datenschutz” so frei und hat darüber hinaus die Chuzpe, dafür Urheberrechte mit Datenschutz in einen Topf zu werfen: View page Filter tweets [...]

    5. Lesetipps für den 30. März | Blogpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0
      30. März 2010 um 09:19

      [...] Thorstena: Technoider Determinismus: Dis Diskussion um den Heller-Artikel zum Datenschutz geht weiter… [...]

    6. BenZol
      30. März 2010 um 12:17

      Was ich gerade merke: Das Thema bzw. meine Antwort ist viel zu groß für den Kommentarbereich. ;-)

      Das ist okay, wir berühren hier ja wirklich metaphysische Randbereiche. Trotzdem möchte ich ketzerisch fragen, welche Teile des Menschen Bestandteile des evolutionären Prozesses sind bzw. welche nicht. Die Entwicklung/Größe des Gehirns? Die Fähigkeit zur abstrakten Kommunikation? Dann müssten auch deren Produkte als Teil des evolutionären Treibens gesehen werden. QED

      Das Verhältnis von Facebook bzw. Wirtschaft und Konsument ist durch und durch rekursiv. Facebook existiert, das ist Fakt. Facebook hat bestimmte (aktuell) feststehende Eigenschaften. Die User zeigen sich anpassungsbereit, indem sie sich (auch suboptimalen) den Eigenschaften Facebooks anpassen. Wenn man davon ausgeht, dass das nicht unter Zwang geschieht, ist es Ausdruck des freien Willen der User. Facebook schafft sozusagen eine Nische, die von anpassungswilligen Konsumenten besetzt wird. Dass diese Nische den Gesetzen des Marktes folgt, ist nicht verwunderlich, da auch sie nur einen Teilbereich des von Menschen geschaffenen kulturellen Systems darstellt.

      Ich glaube, was uns Angst macht und zu dieser kritischen Berichterstattung führt ist vor allem die latente Erkenntnis, ein System geschaffen zu haben und zu unterstützen, dass a) eine (unkontrollierbare) Eigendynamik entwickelt hat (Zauberlehrling-Dilemma) und b) aus individueller Sicht oftmals sehr unbefriedigende Ergebnisse bringt.

    7. admin
      30. März 2010 um 16:16

      Mmmh, ich kann da nur für mich sprechen und sagen: Es stört mich vor allem, wenn hinsichtlich netzgetriebener Entwicklungen eine Zwangsläufigkeit intendiert wird, die weder wünschenswert noch (und das vor allem) bewiesen ist. Nichts gegen ausgefallene Gedankenexperimente - aber einfach mal so einen neuen Menschentypus auszurufen, ist in meinen Augen mindestens leichtfertig.

    8. BenZol
      31. März 2010 um 11:14

      Dem kann ich nur zustimmen. Die Spielregeln zu kennen, bedeutet noch lange nicht, das Ergebnis oder den konkreten Verlauf vorhersagen zu können. Daraus Implikationen wie den Ausruf eines “neuen” Menschentypus abzuleiten ist zwar unter aufmerksamkeitsheischenden Gesichtspunkten verständlich aber erkenntnistheoretisch überflüssig. Außerdem sollte man immer “schwarze Schwäne” einplanen oder so etwas wie beim Champions League-Halbfinale 1998. ;-)

      Etwas macht mir aber richtig Sorgen: Die Bereitschaft der Leute, erstmal unreflektiert jeden Scheiß zu ertragen statt Initiative oder Alternativen zu entwickeln. Aber dieses Problem ist wohl so alt wie die Menschheit selbst.

    9. Thorstena » Das alte Verlagsschiff und ein Seemann in der Spätpubertät
      25. Juni 2010 um 14:52

      [...] mit Seemann persönlich zu tun und auch nichts mit Schadenfreude: Er wurde hier schon gelobt und kritisiert. Siehe oben: Wer sich öffentlich äußert, wird zwangsläufig bewertet, kategorisiert, beurteilt - [...]

    blogoscoop