Leben ist nicht planbar

Während hierzulande Businessmenschen noch Geld dafür bezahlen, um in die Geheimnisse und Vorzüge der Intuition und ihren Nutzen für den erhofften geschäftlichen Erfolg eingewiesen zu werden, sind die US-Amerikaner in dieser Hinsicht bereits ein gutes Stück weiter: Denn wer sich nicht auf die vagen Andeutungen des Unterbewussten verlassen mag, der kann es ja einfach ans Tageslicht holen, jedenfalls ein bisschen.

Self Tracking soll genau das ermöglichen, und diese datentechnische Erfassung des eigenen Selbst wurde jüngst in einem langen Essay in der New York Times von Gary Wolf beschrieben und übrigens von Jörg Wittkewitz bereits vor anderthalb Jahren zu einem neuen US-Volkssport ausgerufen. Self Tracking ist die Vermessung des eigenen Selbst mithilfe von vornehmlich digitalen Signalverarbeitungstechniken und statistischen Analysetools: sei es, um die Pulshistorie beim Joggen, das eigene Schlafverhalten, mitunter auftretende Stimmungsschwankungen oder den tagtäglichen Kaffee, Alkohol- und Zigarettenkonsum zu erfassen.

Und fürderhin besser in den Griff zu bekommen, um ein besserer besser funktionierender Mensch zu werden.

Was mich an der ganzen Sache, an diesem ganzen Essay stört, ist die Tatsache, dass Wolf zwar in der Pose des neutralen Berichterstatters auftritt, aber als Mitbetreiber einer Metawebsite zu “personal data projects” mit Namen the Quantified Self alles andere als ein solcher ist. (Immerhin erwähnt er das in seinem Text.)

Dass er scheinbar ausgewogen über Möglichkeiten und Grenzen des Self Tracking schreibt, aber seinen Textfluss in ein affirmatives Rinnsal leitet, das das zarte Data-Pflänzchen offenbar nähren soll.

Denn, so Wolf, wer wollte denn allen Ernstes auf die Vorzüge verzichten, die die Quantifizierbarkeit des eigenen Selbst mit sich bringe:

“If you want to replace the vagaries of intuition with something more reliable, you first need to gather data. Once you know the facts, you can live by them.
(…)
Once you start gathering data, recording the dates, toggling the conditions back and forth while keeping careful records of the outcome, you gain a tremendous advantage over the normal human practise of making no valid effort whatsover.
(…)
We need help from machines.”

Wolf legt Wert auf die Feststellung, dass Self Tracking mehr sei als das übliche Streben nach Effizienz. Schließlich impliziere Effizienz einen schnellen Fortschritt in Richtung eines gesteckten Zieles; für viele “Self Trackers” sei ein Ziel aber unbekannt. Und mehr noch: “Self Trackers” glaubten häufig, dass die Daten zum eigenen Selbst Geheimnisse ans Tageslicht brächten, die sie nicht ignorieren könnten - inklusive Antworten auf Fragen, die sie nie gestellt hätten.

Im Gegensatz zu der althergebrachten Technik, Selbstanalyse vornehmlich mit den Mitteln des Wortes und der Schrift zu betreiben, liefere die Methode, Daten zum eigenen Selbst zu dokumentieren, quantitative Signale, die uns über unser Verhalten informierten, schreibt Wolf weiter. Und das sei auch der eigentliche Grund, warum Self Tracking per Datensammelei Einsichten in Bewusstseinsebenen erlaube, die unseren biologischen Sinnen ansonsten verschlossen blieben.

Ich möchte Wolf ja gar nicht vorwerfen, dass er mögliche Nachteile eines umfassend praktizierten Self Trackings nicht problematisiert (Datenschutz?). Aber dieser Text wirft hinsichtlich seiner Frontenstellung Daten versus Intuition dennoch Fragen auf:

Wie weit von der eigenen Mitte entfernt muss man sein, um Intuition als minderwertig zu erachten und sie gegen naturwissenschaftliche Methoden ersetzen zu wollen? Wie leichtfertig muss man sein, um den Kontrolleffekt solcher Tools, sei es von außen oder per geistiger Zwangsjacke aus sich selbst heraus, zu missachten? Und vor allem: Wie muss man das Leben sehen und welchem Machbarkeitswahn muss man verfallen sein, wenn man es für quantifzierbar und damit in letzter Konsequenz offenbar für planbar hält?


 
 
 

4 Kommentare zu “Leben ist nicht planbar”

  1. BenZol
    19. Mai 2010 um 15:03

    Um den thematischen Rahmen des Artikels nicht völlig zu sprengen, beziehe ich mich auf die hier implizierte These, dass “das Leben” bzw. aus individueller Sicht das Einzelbewusstsein entweder nicht planbar, da zu komplex bzw. nicht-linear (oder in eine solche Welt eingebunden) oder in Grenzen planbar ist, indem man die Anzahl der Informationen erhöht (self-tracking) und mittels Feedback an das Einzelbewusstsein zurück sendet. Das menschliche Bewusstsein ist ein virtuelles Objekt, kein physisches. Wenn man für das menschliche Bewusstsein nun eine Analogie bezüglich eines physischen Objektes finden wollte, so wäre es sinnvoll, systematisch vorzugehen und die nächst höhere Ordnungsebene, die physikalische, zu betrachten. Solche Analogieschlüsse haben sich in wissenschaftlichen Diskussionen oftmals als hilfreich erwiesen. Klassischerweise beginnt die Physik mit einem deterministischen Weltbild. Je mehr man jedoch die komplexen Strukturen der Welt und ihrer Materie differenziert, desto weniger kann diese Haltung aufrechterhalten werden. Je kleiner der Maßstab desto unvorhersagbarer verhalten sich die Objekte (z.B. Quantenobjekte - Unschärferelation). Diese Unbestimmtheit löst sich jedoch scheinbar auf bzw. rückt aus dem Fokus der Betrachtung, wenn wir diese kleinsten Teilchen zu größeren Strukturen zusammensetzen. Das menschliche Bewusstsein lässt ebenfalls nur Wahrscheinlichkeitsaussagen über seinen Zustand zu, ist also am ehesten mit einem quantenmechanischen System vergleichbar. Exkurs: Gleiches gilt z.B. auch für menschliche Kommunikation, die laut Axiom auch nicht vorbestimmt ist. Self-Tracking soll nun helfen, Bewusstsein planbarer bzw. vorhersagbarer zu machen, indem immer mehr Informationen über seine Auswirkungen gesammelt werden. Man könnte in diesem Zusammenhang auch von einer indirekten Messung sprechen. Das halte ich für fragwürdig. Die Rückschlüsse, die man daraus zieht, müssten einseitig bleiben.

    Am Rande möchte ich noch auf einen möglichen Anwendungsbereich für die Memetik hinweisen. Man könnte Meme (Memplexe) insofern interpretieren, dass sie eine Analogie zu höher strukturierten materiellen Objekten darstellen (z.B. Atome, Moleküle). Somit wären sie der klassischen Physik näher als der Quantenphysik und daher auch durch eine große Anzahl an Messungen einfacher vorherzusehen. Wie dem letztlich auch sei, die Sammelwut von Google, Facebook und Self-Tracking-Systemen wird früher oder später das Dunkel erhellen. Denn quantifizierbare Daten sind nun einmal die Basis jeder wissenschaftlichen Forschung. Der Begriff “Reverse Engineering” würde es aber wohl besser treffen. Datenschutzrechtlich natürlich ein Albtraum.

    Leider musste ich hier alles sehr verkürzt darstellen. Ich hoffe, dass trotzdem erkennbar wird, worauf ich hinaus will.

  2. admin
    19. Mai 2010 um 15:35

    Hallo Ben,

    bin beeindruckt von Deinen Ausführungen und froh, dass meine “implizierte These” angekommen ist. Habe auch nichts grundsätzlich gegen Self Tracking, habe nur gemerkt, dass mich der Text anzickt und brauchte einige Tage, um zu verstehen warum: Es geht halt um diese unkritische Technikgläubigkeit und um das gleichzeitíge Herabsetzen der Intuition.

    Meine Haltung zur Memetik ist Dir ja bekannt; da bleibe ich skeptisch.

    Ansonsten sind quantifizierbare Daten die Basis jeder NATURwissenschaftlichen Forschung - als Sozialwissenschaftler bin ich sozusagen verpflichtet, das anzumerken.

  3. BenZol
    20. Mai 2010 um 09:58

    Schön, dass es gefällt. Ich werde auch weiterhin immer mal wieder Meme einfließen lassen. Irgendwann überzeuge ich Dich noch von meinem Steckenpferd. ;-)

    NATUR vs. SOZIAL: Lassen wir mal die Kirche im Dorf. Du tust ja gerade so als kenne die sozialwissenschaftliche Forschung keine quantitativen Methoden. Außerdem ist das Self-Tracking eher der qualitativen Inhaltsanalyse zuzuordnen, meiner Meinung nach. ‘Ne Menge Daten braucht man dafür trotzdem.

  4. Thorstena » Der Excelant
    29. August 2012 um 18:22

    [...] Excelanten übertracken sich mit Daten und glauben an das Konzept des Quantified Self. [...]

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