Vilém Flusser: Der Mensch als digitales Projekt

Unterstützt das Internet vor allem demokratische Prozesse oder können von ihm ebenso totalitäre Regime profitieren? Stärkt es wirklich das Individuum, weil es mehr Transparenz und neue Partizipationsmöglichkeiten schafft, oder wird es etwa den global agierenden Datenkraken auf dem Silbertablett serviert? Gibt es überhaupt einen nachhaltigen Kontrollverlust, der alte Strukturen und Hierarchien hinweg fegt oder ist die Konterrevolution bereits auf den Weg gebracht?

Entlang dieser Linien verläuft so ungefähr die argumentative Wasserscheide, die Internet-Befürworter von Internet-Gegnern trennt. Und die Lektüre einiger Essays Vilém Flussers, der als einer der Klassiker der Medienkritik des 20. Jahrhunderts gilt, zeigt: Diese Fragen bestehen länger, als viele glauben dürften. (Was eine positive Antwort nicht unbedingt wahrscheinlicher macht.)

Die folgenden Zeilen sind der Versuch, die Gedankenwelten bzw. das Medienverständnis Flussers nachzuvollziehen und ab und zu als Folie auf den gegenwärtigen Webdiskurs zu legen.

Webdiskurs

Konzeptionell habe sich das Web jeden Funken Theorie ausgetrieben, hat Markus Spath in seinem klasse Rückblick zu fünf Jahren Web 2.0 (und fünf Jahren live.hackr) geschrieben. Allein bei Clay Shirky (Cognitive Surplus) und Umair Haque (Kapitalismus 2.0) seien in dieser Hinsicht Ansätze einer Theorie zu erkennen, “die konsequent den wirklichen Wert für den User (entlang des gesamten Spektrums Individuum – Gruppe – Gesellschaft – System) in den Mittelpunkt stellt.”

Es ist wirklich bemerkenswert, dass das Web einerseits schwer “vergisst“, seine User andererseits aber ziemlich geschichtsvergessen sind. Das kann nicht gut für die Qualität der Diskussionen und des Webdiskurses sein und bringt ihm darüber hinaus den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein.

Um zwei Chefkritiker des Internets zu zitieren: “Ich merke immer häufiger, dass Netz-Diskurse nicht an die Quellen” gehen, warf Frank Schirrmacher einmal Benedikt Köhler im Rahmen der Isarrunde vor. Und Nicholas Carr äußert gerne die Befürchtung, dass das Web “nur eine Kultur der Mittelmäßigkeit (…) – viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief” - erschaffen habe.

Flusser

Dieser Frust, den der Webdiskurs bisweilen produziert und die Frage, warum er denn hierzulande bloß so oft so schwachbrüstig daherkommt, hat dazu geführt, dass ich mir neulich einen Essayband Vilém Flussers (1920 - 1991) geschnappt und gelesen habe. Frei nach dem Motto: Mal gucken, was der alte Kommunikologe - dieser Pionier der Kritik an den Neuen Medien - bereits vor Jahrzehnten zu sagen hatte. (Die Wahl Flussers war Zufall; ich stand in einer mittelmäßigen Buchhandlung vor dem einschlägigen Regal und habe das gezogen, was mir am vielversprechensten erschien.)

Und - was soll ich sagen - der Schluck aus der Quelle war außerordentlich erfrischend. Ich will mal im Folgenden versuchen zu beschreiben, was ich aus diesem Buch (Vilém Flusser: Medienkultur, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997) für mich und für gegenwärtige Debatten im Web herausgezogen habe. Wobei es natürlich eine Frechheit ist und Internet-Skeptikern eine Bestätigung für die Oberflächlichkeit des Webdiskurses sein dürfte, wenn da ein Blogger angeritten kommt und über Flusser rumphilosophiert, weil er ein 240-Seiten-Taschenbuch gelesen hat.

Kontext

Dennoch: Bevor ich hier jetzt loslege, müssen noch wenigstens ein paar Worte über Flusser und seine Bedeutung fallen. Nach Frank Hartmann kann man Vilém Flusser einer Richtung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kommunikationsmedien zuordnen, die “sich gegen die subjektzentrierte Auffassung von Geschichte und ihre Privilegierung von Geist und Bewußtsein stellt.” Stattdessen rücke nun die “Veränderung sozialer und psychischer Verhältnisse und Wahrnehmungen” durch die Medien in den Blick. Anders gesagt: “Technologie prägt die Kultur einer Gesellschaft.”

Für Hartmann ist Harold A. Innis - Begründer der Toronto School of Communication, der auch Marschall McLuhan angehörte - einer der Klassiker dieser Herangehensweise. Für die späten 1940er, frühen 1950er Jahre sei folgende Aussage Innis` “fast revolutionär” gewesen, so Hartmann:

Wir können wohl davon ausgehen, daß der Gebrauch eines bestimmten Kommunikationsmediums über einen langen Zeitraum hinweg in gewisser Weise die Gestalt des zu übermittelnden Wissens prägt. Auch stellen wir fest, daß der überall vorhandene Einfluß des Mediums irgendwann eine Kultur schafft, in der Leben und Veränderungen zunehmend schwieriger werden, und daß schließlich ein neues Kommunikationsmittel auftreten muß, dessen Vorzüge eklatant genug sind, um die Entstehung einer neuen Kultur herbeizuführen.

Flusser wiederum sehe, so Hartmann weiter, anders als zum Beispiel McLuhan eine zweite industrielle Revolution erst mit der “Elektrizität der Speicher- und Übertragungsmedien”, also nach dem Zweiten Weltkrieg, gegeben. Sein Ansatz sei dabei phänomenologisch, und seine Kommunikationstheorie “ziele auf die Veränderung des unsere Kultur bestimmenden alphanumerischen Codes.”

Codes

Alphanumerischer Code - das ist für Flusser die Schriftkultur des Westens, die nicht einfach alphabetisch heißen könne, da sie von Beginn an auch “formal-kalkulatorische” Elemente - sprich Zahlen - in sich aufgenommen habe, die sich der normalen, linearen Lesart von Texten widersetzten (zeitlos vs. linear). Denn das Neue an der Schrift sei im Kern das Aufrollen des vormodernen Bildes, zum Beispiel der Höhlenmalerei, in Zeilen bzw. Linien gewesen. Diese Linearität habe das Entstehen eines geschichtlichen Bewusstseins erst ermöglicht.

Doch dieses Bewusstsein, so Flusser, verflüchtige sich nun, da Techno-Bilder alphabetische Texte zunehmend ersetzten, die Gesellschaft aber von Texten programmiert sei. Dies sei eine revolutionär neue Lage:

Die gegenwärtig an der okzidentalen Gesellschaft Beteiligten (…) sind vorwiegend für lineare Codes programmiert - obwohl sie selbstredend auch Bildercodes, Raumzeitcodes usw. empfangen und senden können -, aber sie sind unfähig, die aus den Inseln der technischen Codes strömenden und sie täglich berieselnden Informationen zu speichern (…). Dadurch werden sie für diesen Typ von Informationen bloße Durchgangskanäle - nicht eigentlich Gedächtnisse, sondern Kanäle -, also das, was man gewohnt ist, “Empfänger der Massenmedien” zu nennen.

Mit dem Informationszeitalter und der Erfindung des Computers werde das prozessuale historische Denken (linear) nach und nach dem formal-kalkulatorischen (zeitlos) unterworfen - durch eine naturwissenschaftlich gebildete, neue Elite:

Eine Elite, deren hermetische Tendenz sich laufend verstärkt, entwirft Erkenntnis-, Erlebnis- und Verhaltensmodelle mit Hilfe sogenannter “künstlicher Intelligenzen”, welche von dieser Elite programmiert werden, und die Gesellschaft richtet sich nach diesen für sie unlesbaren aber befolgbaren Modellen.

Das elitäre Denken (…) erkennt, erlebt und wertet die Welt und sich selbst nicht mehr als Prozesse, sondern als Komputationen, etwa als Ausbuchtungen von Relationsfeldern.

Schaltpläne

Wie Flusser aus der Nummer mit den manipulierten Medienkonsumenten via Massenmedien herauskommen will, nimmt dann nicht nur den Grundgedanken Sozialer Medien vorweg, sondern verweist nebenbei auch noch auf das derzeit vielzitierte Konzept des Cognitive Surplus (Clay Shirky). Er will das Fernsehen (und die Computer sowieso) mit reversiblen Kabeln versehen, damit nicht alle stumpf und gleichgeschaltet vor dem Bildschirm sitzen, sondern gleichzeitig konsumieren, kommunizieren und produzieren können:

So wie sie gegenwärtig geschaltet sind, machen die neuen Medien Bilder zu Verhaltensmodellen und Menschen zu Objekten, aber sie können anders geschaltet werden und damit Bilder in Bedeutungsträger und Menschen zu gemeinsamen Entwerfern von Bedeutung verwandeln.

Leider verhindere aber die allgegenwärtige Tendenz, das Fernsehen und auch die Computer aus ihrem gesellschaftlichen Kontext zu reißen und zu mythologisieren - diese “Idolatrie”, Medien “zu einer Art selbständigen und selbstentscheidenden Götzen zu erheben” -, eine Änderung der Schaltpläne ernsthaft in Erwägung zu ziehen, schreibt Flusser. (Das mag sich geändert haben. “Idolatrie” oder technoider Determinismus aber sind weiterhin en vogue.)

Probleme

Für Flusser ist die Frage nach der Art der Schaltpläne nicht weniger als existenziell für den Fortbestand der Demokratie. Allerdings sieht er zwei Probleme, die zu lösen sind, wenn jeder mit jedem jederzeit und überall kommunizieren könnte.

Die an sich wünschenswerte Reversibilität der Medien würde zwar mehr Dialog produzieren - dies allerdings ginge dann auf die Kosten des Diskurses. Angesichts der angesprochenen Kritik am Webdiskurs lohnt es sich, das näher auszuführen: Flusser unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Kommunikationssystemen, die er einerseits Netz und andererseits Rundfunk nennt.

Im Rundfunksystem ist ein zentraler Sender strahlenförmig und eindeutig (”univok”) mit einer Anzahl von peripheralen Empfängern verbunden. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Diskurs”. Im Netzsystem ist eine Anzahl von Teilnehmern “bi-univok” so miteinander verbunden, daß alle Beteiligten senden und empfangen können. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Dialog”. Der Zweck des ersten Systems ist, vorhandene Informationen zu verteilen (…). Der Zweck des zweiten Systems ist, aus vorhandenen Teilinformationen neue zu synthetisieren.

(…) Die Verdrängung des Dialogs durch den Diskurs im Hinblick auf Elitebildung - Parlamente, Komitees, Studiengruppen, elitäre Ausstellungen usw. - ist überhaupt für die industrielle Revolution charakteristisch. Sie bedeutet das Ende der Volkskultur (Folklore) und das Aufkommen der manipulierten Masse.

In einer vernetzten Gesellschaft sieht Flusser das entgegengesetzte Problem: Die Förderung des Dialoges käme einer allgemeinen Politisierung der Menschen gleich, der mit einem Mangel an öffentlichen Diskurs bezahlt werden müsste. Denn früher seien Informationen im öffentlichen Raum publiziert worden, und die Menschen hätten ihr Heim verlassen müssen, um an diese heranzukommen. Heute aber würden die Informationen direkt von privaten Räumen aus in andere private Räume übertragen.

Der Mangel an öffentlichem Diskurs geht also laut Flusser mit einer Zerbröselung der Privatheit einher, da die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit nicht mehr funktional erscheint. Ein Beispiel dafür sei, dass Häuser immer weniger als Schutz vor der Außenwelt dienten, da materielle und immaterielle Kabel diese “wie einen Emmentaler” durchlöchert hätten. (An dieser Stelle dürften sich die Vertreter des Post-Privacy-Gedankens nicht gerade widerlegt fühlen.)

Diese Erosion der Privatheit verspreche auf der einen Seite mehr Freiheit, auf der anderen aber weniger Schutz für das Individuum. Und das sei deshalb problematisch, weil die Menschen für eine solche Situation kompetent sein müssten. “Und diese Voraussetzung ist nicht gegeben.”

Das ist nach wie vor ein brandaktuelles Problem. Vom Versagen der Universitäten in dieser Hinsicht ist schon oft geschrieben worden. Und die Forderung, in den Schulen ein Unterrichtsfach mit Namen “Online-Erziehung” einzuführen - was schon seit langem gefordert wird, zum Beispiel von Sascha Lobo - ist sicher keine schlechte Idee.

Menschenbild

Die “grundlegende Frage, vor der wir angesichts der neuen Technologien gestellt sind”, ist für Flusser also die nach der Schaltungsart der Kanäle - und was das aus den Menschen macht, wenn die Kabel in den Kanälen reversibel geschaltet sind. Denn dies würde ein Menschenbild “als Verknotung von Beziehungen” bedeuten:

Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein “intersubjektives Relationsfeld”. Die Fäden dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen. Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir “menschliche Subjekte” nennen. Die Gesamtheit der Fäden macht die konkrete Lebenswelt aus, und die Knoten darin sind abstrakte Extrapolationen. Das erkennt man, wenn man sie entknotet. Sie sind kernlos wie Zwiebeln. Anders gesagt: Das “Selbst” (”Ich”) ist ein abstrakter, gedachter Punkt, um welchen sich konkrete Beziehungen hüllen.

(…) Der Mensch muss als dichte Streuung von Teilchen gesehen werden.

Das liest sich auf den ersten Blich einigermaßen fantastisch, aber wenn man sich eine Bemerkung ansieht, die Kathrin Passig neulich mal in Bezug auf den Internet-User an sich gemacht hat, kommt man zu dem Schluss, dass das, was Flusser da ausspricht, in der Webgemeinde derzeit durchaus als Konsens zu bezeichnen ist. Sie schrieb im Merkur:

Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. (…) [Im Internet gibt es] keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.

Darin sieht Flusser einen Paradigmenwechsel: Früher sei der Mensch das Subjekt und die ihn umgebene Welt das Objekt gewesen. Nun beginne der Mensch aber, formal und damit relativistisch (postmodern) zu denken:

Was wir real nennen und auch so wahrnehmen und erleben, sind jene Stellen, jene Krümmungen oder Ausbuchtungen, in denen die Partikel dicht gestreut sind und sich die Potentialitäten realisieren. (…) Wir haben uns selbst - unser “Selbst” - als eine derartige “digitale Streuung”, als eine Verwirklichung von Möglichkeiten dank dichter Streuung zu begreifen. (…) Wir sind nicht mehr Subjekte einer gegebenen objektiven Welt, sondern Projekte von alternativen Welten.

Denn die Unterscheidung von Subjekt und Objekt sei mit der Heisenbergschen Unschärferelation unsinnig geworden:

Was den Geist der Post-Moderne (…) vom modernen Geist wohl am deutlichsten unterscheiden wird, ist dieses bewusste Auf-sich-nehmen der Tatsache, daß wir absurderweise in einer absurden Welt da sind und daß wir nichts anderes tun können, als diesem Geheimnis des Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. (…)

Wir werden erwachsen. Wir wissen, daß wir träumen. (…)

Dieses vorläufig unvorstellbare Weltbild ist jenes der zukünftigen Informationsgesellschaft.

Immaterielle vs. energetische Kultur

Der Informationsgesellschaft, bei “welcher Informationen ins elektromagnetische Feld eingetragen und dort übertragen werden”, wird ja gerne unterstellt, eine immaterielle Kultur zu haben. Flusser hält das für hanebüchen und spricht lieber von einer energetischen bzw. “verstofflichenden” Kultur.

Es hat keinen Sinn, fragen zu wollen, ob “1 +1 = 2″ auch um 4 Uhr nachmittags in Semipalatinsk wahr ist. Es hat aber ebensowenig Sinn, von der Formel zu sagen, daß sie “immateriell” sei. (…) Früher ging es darum, die gegebene Welt zu formalisieren, und jetzt, die entworfenenen Formen zu alternativen Welten zu realisieren. Das meint “immaterielle Kultur”, sollte aber eigentlich “verstofflichende Kultur” heißen. (…) Das Kriterium der Informationsgesellschaft ist (…) folgendes: Inwieweit sind die eingeprägten Formen mit Stoff auffüllbar, inwieweit sind sie realisierbar? Wie operativ, wie fruchtbar sind die Informationen?

“Die Abkehr von den Dingen” nennt Flusser das. Wertvoll sei allein die Information, das “Programm” in den Maschinen.

Ich bin mir da nicht ganz sicher, ob ich da die Kategorien durcheinanderwürfele. Jedenfalls musste ich bei diesen Zeilen an diejenigen denken, die die Formulierung “Diebstahl geistigen Eigentums” für reine Kampfrhetorik halten und diese gerne spitzfindig zu widerlegen suchen (Beispiel: “unautorisierte Distribution statt Diebstahl“).

Humanismus/Nächstenliebe

Flussers Weltbild ist nicht ohne Tücken. Wenn er zum Beispiel die Schriftkultur des Westens als Voraussetzung für historisches Bewusstsein sieht, schließt er gleichzeitig aus, dass andere, schriftlose Kulturen so etwas wie Geschichtsbewusstsein überhaupt haben können.

Ähnlich ist es mit seinem Bild, den Menschen als “digitale Streuung” und die Gesellschaft als naturwissenschaftlich geprägt zu begreifen:

Die Aufklärung beruht auf dem Glauben an die Fähigkeit der Vernunft - und vor allem der Logik und der Mathematik -, die Hintergründe zu erklären. Sie ist eine Tochter des Humanismus, der seinerseits auf dem Glauben beruht, der Mensch sei gut. (…) Wie Midas verwandelt die Vernunft [aber] alles, was sie berührt: zwar nicht in Gold, aber in Wertfreies, in ethisch Neutrales. Je weiter die Vernunft in die Hintergründe vordringt, desto mehr werden Ethik und Politik zugunsten einer Wissenschaft mit Totalitätsansprüchen abgesetzt: Einzig wissenschaftliche Erklärungen gelten. Und damit ist selbstredend sowohl der Aufklärung wie dem Humanismus der Boden entzogen.

Ohnehin passe angesichts der anzustrebenden (demokratischen) Medienkultur der reversiblen Kabel und der damit einhergehenden Dialogkultur der Rückgriff auf das jüdisch-christliche Konzept der Nächstenliebe besser.

Nichts gegen praktizierte Nächstenliebe. Aber Humanismus und Aufklärung als erledigt zu erklären, das ist schon - sagen wir - stark gewöhnungsbedürftig.

Sprache

Flusser ist nicht nur ein begnadeter, mehrsprachiger (deutsch, englisch, französisch, portugiesisch) Schreiber mit beeindruckendem philosophischen und etymologischen Wissen - der Mann konnte auch druckreif reden. Das vermittelt zum Beispiel nachstehendes You-Tube-Video, in dem er über den Menschen als digitale Streuung und die Zerbröselung des Privaten spricht (abgesehen davon hört man, dass Marcel Reich-Ranicki keinen hyperindividuellen Sprechduktus besitzt, sondern die Sprache eines intellektuellen (und zu großen Teilen jüdischen) deutschen Kulturmilieus, das in der Nazizeit praktisch ausgelöscht wurde.)

httpv://www.youtube.com/watch?v=evkYGYFSob8

Netzquellen

Im Netz gibt eine Menge Informationen zu Flusser, zum Beipiel an folgenden Stellen:

  • Die Flusser Files
  • Vilém Flusser Archive
  • Flusserstudies.net

    In der deutschsprachigen Blogosphäre bezieht sich übrigens meines Wissens zum Beispiel Benedikt Köhler regelmäßig auf Flusser.

    Und nun?

    Nun habe ich den mit Abstand längsten Post meines Bloggerdaseins geschrieben. Ich bewundere jeden, der bis hierhin durchgehalten hat.

    Die Essenz, die aus den Texten Flussers mitnehme, ist weder originell noch besonders kreativ: Wenn das Netz uns “als Bürgern” etwas bringen soll, dann müssen wir etwas dafür tun: Partizipation einfordern, Voraussetzungen schaffen (Bildung), Aufklären. Denn wie die Sache ausgeht, ist nicht ausgemacht. Bis dahin lohnt es sich aber, ab und zu die Klassiker zu lesen. Nach dem Motto: Das Netz vergisst vielleicht nicht, wir hingegen aber schon.


     
     
     
  • 11 Kommentare zu “Vilém Flusser: Der Mensch als digitales Projekt”

    1. martin
      29. Juli 2010 um 20:30

      Flusser ist ja ein weißer fleck in meiner weltkarte - deshalb kann ich nicht viel seriöses sagen. was mir gefällt, ist das postmoderne subjekt-konzept (knoten von strömen).

      ein teil davon kommt mir anregend spekulativ vor: das mit den möglichkeiten kann man sehr konkret verstehen (unsere welt besteht aus modellen und designs, die dann wieder sein erzeugen), zugleich ist es so abstrakt, dass ich nicht sicher bin, ob ich diese “philosphische” dimension der formulierung nützlich finde.

      was ich aber immer noch nicht verstehe, ist das, was vor kurzem fpür mich anlass war, einen blick auf Flusser zu werfen, nämlcih der ort von text: der ist ja einerseits alte lineare buchkulturschrift, andererseits aber (in “gestreuter” form) eben auch das neue bindegewebe der elektronischen kultur. und als solcher ist er abkömmling der “fuzzy” textkultur, die es früher ja immer auch, und grundsätzlicher gegeben hat.

      was mich zum seltsamen begriffspaar “diskurs” (= broadcasting, einsinnig) und “dialog” (eigentlich ja polylog) führt. da habe ich das gefühl, dass man sehr viel mehr mit Foucaults terminologischem gebäude (archäologie des wissens)anfangen könnte.

      aber wie gesagt: das nur aus sehr großer entfernung gesagt.

    2. erz
      29. Juli 2010 um 21:02

      Ich muss mich selbst ja immer wieder mit der diskursiven Herangehensweise an Theorie befassen, weil Kulturwissenschaftler in der Regel nur so kommunizieren. Wenn ich aber eine mangelnde Theoriebildung der Netzdiskurse beheben wollte, wünschte ich mir dafür bisweilen einen szientistischeren Duktus, der handfeste Hypothesen und überprüfbare Behauptungen oder Beobachtungen formuliert, statt sich in solch schwammigen Gewässern der Hermeneutik zu wälzen. Texte und Intertextualität, die sich in Selbstreferenz ergötzen können überraschende Konzepte zutage fördern. Die wilden Assoziationsketten, die dabei entstehen (Unschärferelation? Teilchen? Kultur?) verunmöglichen aber bisweilen die Trennschärfe, die ich von einer Theorie erhoffe, deren Anwendungspotential sich bis in einen allgemein verständlichen Diskurs hinein eröffnet.

      Flussers Bild von der Aufklärung als Hand des Midas ist zum Beispiel sehr stichhaltig für jemanden, der Weltanschauungen anhand der widerstreitenden Pole von wahr/falsch, gut/schlecht, schön/hässlich in einem Kräftedreieck abbildet. Wissenschaft behauptet gerne, aus der Kategorie wahr/falsch auch Aussagen über Ästhetik oder Moral ableiten zu können. Das gleiche behauptet aber umgekehrt auch die Religion - fragt mal einen Kreationisten.

      An einer Stelle wie dieser muss ich dann aber in einem öffentlichen (und allgemein zugänglichen) Diskurs innehalten und diesen Theorieblock verständlich machen, bevor ich ihn in den Mahlstrom der Assoziationen zurückwerfe. Finde ich. Sonst wird ein Netzdiskurs, der sich an Vorbildern wie diesen orientiert, nicht nur schnell extrem elitär, sondern ist gefährlich nah daran, beliebig zu sein.

      Die momentan vorherrschende Alternative, in der völlig unwissenschaftlicher Marketingjargon und lautsprecherische Selbstverkaufe sich als pseudowissenschaftlicher Diskurs (übrigens bis in die Universitäten) tarnt, ist natürlich große Scheiße.

    3. Thorstena
      29. Juli 2010 um 21:14

      Das Diskurs-Dialog-Begriffspaar-Konstrukt finde ich auch merkwürdig, etwas statisch vielleicht.

      Beim Ort von Text bin ich nicht so sicher. Gestreute Form, ja klar. Aber auch eine Verschiebung der “Machtverhältnisse” zugunsten der elektronischen Kultur: Die Schrift steht nicht mehr im Zentrum, sondern sie schwimmt u.a. neben den sehr präsenten Bildercodes mit in einem elektromagnetischen Feld, dass programmiert und nicht geschrieben wurde. Um das nachvollziehen zu können, sollte man die Codes dieser Form der Informationsvermittlung einigermaßen kennen - das klingt manchmal richtig nach Bildungsappell bei Flusser.

    4. Thorstena
      29. Juli 2010 um 21:34

      @erz Da hast Du sicher nicht ganz unrecht mit den “schwammigen Gewässern der Hermeneutik”. Andererseits trete ich hier auch nicht an, um die Qualität des Webdiskurses zu heben, weil ich mich für einen brillanten Denker halte. Es interessiert mich einfach. Ich bin auf Flusser zufällig gestoßen, ich finde, er schreibt klasse, und ich habe das, was ich gelesen habe, “verbloggt”. Zack.

      Hab jetzt weder auf Resonanz spekuliert noch wollte ich etwas so rüberbringen, dass es auch die verstehen, die von diesem Thema das erste Mal gehört haben - das Ding ist einfach einer dieser Blogposts, die eher für einen selbst als für andere gedacht sind.

      Aber danke: Ich weiß, was Du meinst, und fand Deine Kritik deutlich - und produktiv. Kann ich was mit anfangen.

    5. Marcel Weiss
      29. Juli 2010 um 23:29

      Interessanter und lesenswerter Text.
      Allerdings finde ich es bemerkenswert, wenn auf der einen Seite mehr Tiefe und mehr Ausdifferenzierung im Webdiskurs gefordert wird, dann aber auf der anderen Seite die intensive Auseinandersetzung mit einem Thema als “spitzfindig” bezeichnet wird, wenn sie zu einem Ergebnis führt, das man selbst wohl nicht teilt.

    6. Thorstena
      30. Juli 2010 um 08:56

      @marcel Spitzfindig fand ich vor allem die Unterscheidung zwischen Diebstahl und unautorisierter Distribution. Die Diskussion zwischen Dir, Dirk von Gehlen und Sascha Lobo zum Thema geistiges Eigentum habe ich aber interessiert gelesen und wurde von vielen ja auch als Beispiel dafür gelobt, dass man auch im Netz trotz unterschiedlicher Auffassungen respektvoll miteinander umgehen kann.

    7. BenZol
      30. Juli 2010 um 13:27

      “Andererseits trete ich hier auch nicht an, um die Qualität des Webdiskurses zu heben, weil ich mich für einen brillanten Denker halte. Es interessiert mich einfach.”

      Kann ich nicht teilen. Mindestens intrinsische Motivation muss es also geben. Intrinsische Motivation hängt von Deinen Wünschen ab. Das Bloggen hingegen ist eigentlich schon ein Zeichen dafür, dass es Dich eben nicht ‘einfach’ interessiert, weil Du damit kommunikativ auf andere einwirkst. Ob du willst oder nicht, trittst Du damit auch an, um die Qualität des Webdiskurses zu heben. (Das Gegenteil wäre nämlich dämlich)

      Und das machst Du nicht einmal schlecht, wie ich finde. Understatement ist eine Sache, die Leugnung von Prinzipien eine andere.

    8. Thorstena
      30. Juli 2010 um 14:53

      @benzol Du nimmt es aber wieder ganz genau. Ich habe mich nicht insgesamt auf mein Blog, sondern konkret auf diesen Eintrag bezogen und meinte: Erz hat Recht, wenn er sagt, dass es komisch ist, einen Blogpost mit der Problematisierung des Webdiskurses aufzumachen und diesen dann aber nicht verständlich zu schreiben bzw. vernünftig in einen Kontext zu stellen, bevor man ihn “in den Mahlstrom der Assoziationen” zurückwirft. Auch Marcels Kritik zielt ja in diese Richtung.

      Da kann ich nicht widersprechen.

      Aber ich kann etwas erklären: Die Intention für diesen Blogpost war eine andere. Ich bin noch gar nicht so weit, Flusser einzuordnen und die Sachen herauszufiltern, die ich im Endeffekt für fruchtbar für aktuelle Diskussionen halte. Also habe ich das Buch zusammengefasst und die Stellen herausgestellt, die für mich später hinsichtlich Webdiskurs interessant werden könnten. Anders formuliert: Der Blogpost, der von Flusser handelt und Erks Kriterien erfüllt, wäre noch zu schreiben (muss aber nicht) - und der hätte dann auch das explizite Ziel, etwas zur Debatte beizutragen.

    9. BenZol
      2. August 2010 um 10:06

      “Mahlstrom der Assoziationen” gefällt mir. “Sich in schwammigen Gewässern der Hermeneutik zu wälzen” geht auch gut von der Zunge. Erz ist ein lässiger Formulierer.

      Oh Mann, langsam fühle ich mich zu alt, um zwischen den Bedeutungs- und Relevanzebenen unterschiedlicher Blogposts zu unterscheiden. “Der Mensch als digitales Projekt” ist also eher öffentliche Vorrecherche. Got it.

    10. Thorstena » Die Rolle der Grafik bei der New York Times
      5. August 2010 um 12:04

      [...] unserer Codes, mit denen wir Informationen austauschen, nun linear (bzw. alphabetisch) oder doch à la Vilém Flusser sowohl linear als auch formal (bzw. alphanumerisch) begreift: Es dürfte kein Zweifel daran [...]

    11. Thorstena » Machen wir uns nichts vor XXXVIII
      30. März 2012 um 00:53

      [...] Vilém Flusser [...]

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