Digitaler Politaktivismus (”Supermeme II”)

Im letzten Blogpost an dieser Stelle wurde Michael Arrington zitiert, der über massenpsychologische Einflussmöglichkeiten in der Digitalen aus der Sicht eines Bloggers geschrieben hat (“Blogging And Mass Psychomanipulation”).

Arrington projiziert diese Möglichkeiten wie dort beschrieben von der digitalen auf die kohlenstoffliche Welt, indem er die Möglichkeiten von Bloggern mit denen von Politikern und Predigern vergleicht - mit folgendem Fazit:

I imagine priests and rabbis and career politicians have much the same experience. (…) It doesn’t work on every individual, but the masses as a group are easy to manipulate.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Leute wie Geert Lovink und Evgeny Morozov einen Unterschied zwischen Politaktivismus in seiner herkömmlichen Form und digitalen Politaktivismus machen - und letzterem die Durchschlagskraft absprechen. (Schnittstelle bzw. Gemeinsamkeit zwischen den Themen “Supermeme” einerseits und Digipolitaktivismus andererseits wäre also die Voraussetzung, möglichst viele Leute zu erreichen - und zu einer “Haltung” oder “Aktion” zu motivieren.)

Morozov beklagte vor einigen Monaten in einem Streitgespräch mit Clay Shirky den “wahllosen Charakter des digitalen Aktivismus“:

Ich mache mir (…) Sorgen (…) darüber, wie das Internet den Charakter des politischen Widerstands in autoritären Regimen verändert (…) [Der digitale Aktivismus] würdigt unser Engagement für politische und gesellschaftliche Themen, die wirklich wichtig sind und permanente Aufopferung verlangen, herab.

Ich bin ebenfalls nicht sicher, ob Blogger so großartige Symbole für regierungskritische Kampagnen sind. Die gewöhnlichen unpolitischen Menschen, über die wir sprechen, die, die am Ende den Mut aufbringen, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt herauszufordern: Diese Menschen müssen von Leuten angeführt werden, die bereit sind, mutig für ihre Sache einzutreten, sich zu opfern, ins Gefängnis zu gehen und die nächsten Havels, Sacharows oder Solschenizyns zu werden.

Ich glaube, dass ein Massenprotest einen charismatischen Führer, einen Sacharow braucht, um sein Potential wirklich entfalten zu können. Meine Befürchtung ist, dass es im Twitter-Zeitalter keinen Solschenizyn mehr geben kann.

Da stecken zwei Argumente und eine Unterstellung drin: das übliche (meines Erachtens überstrapazierte) Zerstreuungsszenario, das Soziale Netzwerke kritisch als Aufmerksamkeitszerbröseler sieht, und das (meines Erachtens wichtige) Überwachungsszenario, das die Einflussmöglichkeiten autoritärer Regime im Vergleich zu denen der Internetaktivisten, die in solchen Ländern leben, weitaus größer einschätzt. Aber auch die Vermutung, dass es Internetaktivisten am nötigen Ernst fehlen könnte. (So ein bisschen wie bei den 68ern. Daniel Cohn-Bendit: “Die Revolution, wir haben sie so geliebt!”.)

Abgesehen davon, dass man als deutscher Staatsbürger so seine Probleme mit dem Ausdruck “charismatischer Führer” hat, finde ich die Behauptung fragwürdig, dass man einen solchen braucht für einen ordentlichen Massenprotest. Jedenfalls hört sich das immer noch sehr nach den Theorien Gustave le Bons an, und der schrieb sein Standardwerk “Psychologie der Massen” Ende des 19. Jahrhunderts - wobei die Masse dabei alles andere als gut wegkam (”geistig außerordentlich tief stehend”).

Über die Möglichkeiten des politischen Aktionismus (in diesem Fall eher in westlichen Staaten als in totalitären Regimen) hat neulich auch Geert Lovink nachgedacht. Lovink verweist ähnlich wie Morozov auf die andere Seite, die bessere Überwachungsmöglichkeiten hat (und im Zweifel das Gewaltmonopol) und sieht zumindest einen Teil der Zukunft des “Undergrounds” - man höre und staune - offline:

Hardcore underground can no longer dream of an invisible status because it is subjected to the same techno-surveillance as all others. (…)

We need to mind a stricter separation between internal organization and external communication. Because of the lack of privacy and increased surveillance, (militant) protest can no longer rely on electronic devices in the early stages and decisive moments of socio-aesthetic action. This is a problem as, for instance, email is still used as a tool for mobilization and internal debate. It is tempting to use mobile phones on the streets to coordinate action. (…)

It is likely that activism has to, once again, become hyper-local and offline, in order to strike its target effectively.

Morozov und Lovink liefern also unter dem Strich schon einige gute Argumente, warum es digitalen Politaktivmus an Durchschlagskraft fehlen könnte. Aber gerade bei Morozov vermischen sich in diesem Fall die ihm eigene, zurückhaltende Beurteilung der politischen Kraft des Digitalen mit blanken Vorurteilen.

Es muss ja nicht immer ein Sacharow sein, der die Massen bewegt. In der Digitalen käme meines Erachtens derzeit am ehesten Julian Assange für eine vergleichbare Rolle in Frage. (Wobei man ihm so etwas vielleicht eher nicht wünschen sollte, so wie sich das in den Tagen seit den Afghanistan-Protokollen entwickelt hat.)


 
 
 

2 Kommentare zu “Digitaler Politaktivismus (”Supermeme II”)”

  1. Benzol
    8. September 2010 um 11:24

    Beide Seiten haben recht, auch wenn der Begriff “Supermeme” mich schon wieder schütteln lässt. Ich tendiere eher zu den Pessimisten, aber aus anderen Gründen. Den Memen ist es herzlich egal, warum sie repliziert werden. Allerdings scheinen die Meme, die Aktionen ihrer Träger in der “kohlenstofflichen Welt” befördern, momentan evolutionär ins Hintertreffen geraten zu sein. Oder mal aus Sicht der Meme: Welchen evolutionären Vorteil hätte es momentan für ein Mem, in der nicht-digitalen Welt Veränderungen herbeizuführen? Welche Nische könnte es dort finden? Und wieviel Relevanz hat diese Nische in Bezug auf das angestammte eher digital geprägte Ökosystem?

  2. Thorstena » Keine Ahnung
    30. September 2010 um 22:00

    [...] ist er ziemlich nahe dran an den hier bereits zitierten Evgeny Morozov (den er auch anführt) und Geert Lovink, die zwar vom Fehlen charismatischer Anführer im Netz sprechen, meines Erachtens im Grunde [...]

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