Aufmerksamkeitsgetriebener Mentalkapitalismus

Aufmerksamkeit ist ein flüchtiges Gut. Zumal im Netz. Sascha Lobo hat nun in einem Interview beschrieben, wie man im Rahmen der so genannten Aufmerksamkeitsökonomie dauerhaft “erfolgreich” sein kann - indem nämlich die Aufmerksamkeits- in eine Respektsökonomie transformiert werde:

Man muss zwischen Aufmerksamkeit und Respekt unterscheiden. (…) Entscheidend für den langfristigen Erfolg ist es, die Bekanntheit - das soziale Kapital - in ökonomisches Kapital zu überführen. (…)

Das ökonomische Kapital stockt just in der Sekunde, in der die Aufmerksamkeit weg ist. Deshalb muss man die bloße Beachtung zu Respekt weiterentwickeln, indem man den Menschen einen Mehrwert bietet, der über die kurze Unterhaltung hinausreicht.

Bekanntkeit als soziales Kapital? Da zucke ich erst einmal und fände Beziehungsnetzwerk passender, wobei diese Begriffswahl dem Titel des Buches geschuldet sein dürfte, in dem das Interview steht.

Lobo bezieht sich neben Bourdieu auch auf Georg Franck, dem wir das Konzept der Aufmerksamkeitsökonomie verdanken und der von einer “steigenden gesellschaftlichen Bedeutung der Aufmerksamkeit” im Informationszeitalter ausgeht:

Noch nie huldigten die Menschen im Kollektiv mit solcher Hingabe ihrer Anziehungskraft auf fremde Aufmerksamkeit wie in den heute reichsten und höchst zivilisierten Gesellschaften. Je reicher und offener die Gesellschaft, um so unverhohlener rückt der gesellschaftliche Ehrgeiz ins Zentrum der Lebensinhalte. (…)

Der moderne Kult um das Einkommen an Aufmerksamkeit mußte nicht erst erfunden werden. Neu und erstaunlich ist allein die Vehemenz, mit der sich der professionelle Geschäftssinn auf die seelischen Energien stürzt. Und nur in der Macht, mit der die Sphäre der medial kanalisierten Beachtung nun dasteht, kann an der Entdeckung der neuen Ökonomie schockieren.

Das Machtvolle daran, ja sicher. Machtvoll nicht allein durch Masse, auch anhand der technologischen Möglichkeiten.

Und der weltanschauliche Aspekt daran ist tatsächlich erstaunlich: Mir ist jedenfalls zuweilen immer noch unheimlich, wie Mentalkapitalismus überhaupt selbstverständlich werden konnte und “sich der professionelle Geschäftssinn auf die seelischen Energien stürzt”. (Aber ich musste in der Schule auch noch Goethes Werther lesen.)


 
 
 

6 Kommentare zu “Aufmerksamkeitsgetriebener Mentalkapitalismus”

  1. Michael
    17. September 2010 um 02:05

    Da würde ich eher Paolo Virno empfehlen als den Werther. Dort heißt der Mentalkapititalismus dann General Intellect (ausgeborgt von Marx).

  2. Thorstena
    17. September 2010 um 11:03

    Danke für die Empfehlung, Virno kannte ich bislang nicht. Hab auf die Schnelle mal rumgegoogelt; hört sich sehr interessant an, z.B. hier: http://www.grundrisse.net/grundrisse15/15max_henninger.htm

  3. BenZol
    17. September 2010 um 13:39

    @Thorsten: Zusammengezuckt bin ich auch. Trotzdem frage ich mich, ob hier nicht lediglich etwas offengelegt bzw. sichtbar wird, was sonst nicht direkt ins Auge gesprungen ist. Prinzipiell beschreibt Lobo doch nichts anderes als einen ganz klassischen Medienmarkt, dessen Struktur sichtbar wird, weil die Geschwindigkeit der Transaktionen sich erhöht; bzw. begrifflich auf Informationen ausweitet, die vorher nicht bewußt erfasst oder hinzugerechnet wurden.
    Mein Lesetipp (nachwievor) zum Thema:
    http://www.randomhouse.de/content/download/speziell/doctorow_backup_gesamt_download.pdf

  4. Thorstena » Teufelskreis Aufmerksamkeitsökonomie
    27. Oktober 2012 um 00:40

    [...] ein circulus vitiosus der Aufmerksamkeitsökonomie; es bleibt also dabei: einmal in Kommunikation verstrickt, kommt man nie wieder ins Paradies der [...]

  5. Thorstena » Das Individuum und die Freiheit
    16. Juli 2013 um 17:13

    [...] es theoretisch diese beiden Formen: die Aufmerksamkeitsökonomie und die Schwarmintelligenz. Wobei die Aufmerksamkeitsökonomie der Weisheit der Vielen langsam, aber sicher den Rang abzulaufen scheint. Das Dumme dabei ist nur, dass sie - einmal zur [...]

  6. Thorstena » Blogkrise? Welche Blogkrise?
    8. September 2013 um 21:57

    [...] der frei flottierenden Infohäppchen ist es ansonsten schwer, das zu erreichen, was alle wollen: Aufmerksamkeit erheischen. Wenn es beispielsweise irgendwo Probleme gibt, wird je nachdem eigentlich nur noch zwischen Krise [...]

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