10

Es ist schon possierlich, wie die Wikipedia zu ihrem 10. Geburtstag Applaus von allen Seiten erhält. Die Blogosphäre gratuliert artig, und die Printmedien bzw. deren Internet-Ableger verneigen sich vor der Online-Enzyklopädie - allen voran die Zeit, die die Wirkung Wikipedias allein “mit der von Denis Diderots Encyclopédie, ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers aus dem Jahr 1751” vergleichen mag.

Wikipedia ist purer user generated content at its best, zudem gemeinnützig, werbefrei und sammelt noch nicht einmal private Daten ihrer Nutzer ein - da rümpft zum Jubeltage niemand freiwillig die Nase über inhaltliche Fehler und mäandernde Flachheiten oder Edit-Wars auf EU-Bürokratenniveau. (Ansonsten wird ihr das aber gerne und oft aufs Butterbrot geschmiert.)

Der Erfolg Wikipedias ist einem fragilem Gleichgewicht aus Autonomie (der Freiheit, mitzutun, wenn man denn möchte) und Autorität (den Kontrollfunktionen, die die Qualität des Mitgetanen sichern sollen) entsprungen. Matthias Schwenk sieht deshalb folgerichtig in kommendem Wachstum eine der wichtigen Herausforderungen:

Die Wikipedia müsste sich dann in ihrem organisatorischen Konzept verändern und damit einmal mehr eine Vorreiterrolle einnehmen: An ihr läge es, die Struktur einer einerseits sehr großen, andererseits aber auch prinzipiell offenen, transparenten und weitestgehend hierarchiefreien Organisation so zu gestalten, dass diese funktionstüchtig und produktiv bleiben kann, anstatt sich in internen Auseinandersetzungen aufzureiben.


 
 
 

10 Kommentare zu “10”

  1. BenZol
    17. Januar 2011 um 10:35

    Teile Schwenks Ansicht ja überhaupt nicht. Erstens wird das Wachstum im Gegensatz zu kommerziellen Unternehmungen organisch sein und nicht profitorientiert aufgebläht. Klassische Management-Querelen werden so minimiert. Zweitens repräsentiert ein Artikel eine Konsens-Schnittmenge. Wenn sich Schwenk in Artikel einlesen muss und das als negativ betrachtet, könnte es sein, dass er lediglich seinen Wechsel von der Mehrheit zu Minderheit (der Nutzer) wahrnimmt und diese negative Sicht auf Wikipedia überträgt. Lösung wären übrigens Layered- oder Deep-Wikis, die Content dynamisch bereitstellen. So käme für die Schreiber gleichzeitig die Aufgabe hinzu, nicht nur Inhalte bereitzustellen sondern diese auch noch selbst hierarchisch zu organisieren.

    Alles in allem: Wikipedia wird 10 - herzlichen Glückwunsch! Und zu Schwenk: Texte, die aus einem Termin heraus geboren werden, besser mal nicht schreiben.

  2. Thorstena
    17. Januar 2011 um 10:48

    Der Begriff Wachstum ist vielleicht nicht ganz glücklich gewählt, weil er aus dem klassischen BWL-Instrumentarium stammt und die Wikipedia als Non-Profit-Projekt diesem Maßstab nicht gerecht wird. Wenn wir nun aber Komplexität statt Wachstum sagen würden, gilt Schwenks Argument imho aber auch jenseits klassischer Management-Querelen: Die Herausforderung besteht darin, bei zunehmender Komplexität des Systems die prinzipielle Offenheit Wikipedias zu wahren, ohne dass die Qualität dabei flöten geht.

  3. BenZol
    17. Januar 2011 um 13:25

    Hab’s gerade ein zweites Mal gelesen. Schwenk ist ja nun nicht blöd; Und wenn er “Wachstum” schreibt und hervorhebt, können wir IMHO davon ausgehen, dass er es auch so meint. Und laut Wikipedia *lol* …

    “Wachstum ist ein Anstieg einer bestimmten Messgröße im Zeitverlauf. [..] Man spricht von Wachstum, wenn die Größe eines Organismus zunimmt, ohne dass sich dessen äußere Gestalt ausschlaggebend verändert.” (http://de.wikipedia.org/wiki/Wachstum)

    Und komm mir jetzt nicht mit “innen” und “außen”. ;-)

  4. Thorstena
    17. Januar 2011 um 14:50

    Wenn die Wikipedia das sagt, kann ich dagegen natürlich nicht anstinken ;-) Punkt für Dich…

  5. BenZol
    18. Januar 2011 um 12:15

    Yippieh! Gewonnen! Preist die allwissende Wikipedia! Sie wird uns leiten, denn sie weiß alles. Sie macht unser Leben ganz. Sie weidet uns auf einer grünen Aue und führet uns zum frischen Wasser. Heil Dir, Than von Glamis! Heil Dir, Than von Cawdor! Heil Dir, Wikipedia, die Königin aller Lexika seyn wird!

  6. Roman Geyer
    18. Januar 2011 um 18:09

    Rainer Zenz: „… Es gibt noch ein Wiki-Problem: Der erste Eindruck. Sehr spartanisch, etwas rätselhaft, was für Nerds. Und unseriös, weil da kann ja jeder schreiben, was er will.“

    Copyright: Wikipedia.

    Da wäre ich wieder bei meinem Gedanken-Pfad in der Post-Democracy-Debatte. Es gab schon viele e.V.’s, bei denen erst relativ spät rauskam, was Allwissenheit und Übermacht an Blüten treiben kann. Die arbeiten wie die Verrückten daran, neben der Aquise für neuen Stoff, alle Prozesse zu optimieren. Dabei hasse ich das Wort Prozess wie die Pest.

    Mir fällt gerade das Bild von gestern Abend wieder ein: Ein korrupter schweizer Ex-Bankier reicht Asange zwei CD’s rüber. Vor der Weltpresse. Da gehts hin!

    Wikipedia hat zuerst die Welt der Bibliothekare upside down gekehrt. Die EB ist zum Fix und Foxi-Format geschrumpft. Und jetzt geht das munter so weiter. Gaston würde sagen: „Was denn?“

  7. Thorstena
    18. Januar 2011 um 21:34

    Jetzt habt Ihr beide mich so weit, dass ich doch noch weiter ausholen muss: Wikipedia ist - da dürften sich alle einig sein - ja vor allem deshalb so faszinierend, weil ihr Erfolg beweist, dass es so etwas gibt wie “die Weisheit der Vielen” - und dass es gut funktionieren kann. Und das wird bekanntlich von netzaffinen Leuten gerne als neu und wegweisend verkauft.

    Warum ich oben in meinem Post den Unterschied zwischen “Autonomie (der Freiheit, mitzutun, wenn man denn möchte) und Autorität (den Kontrollfunktionen, die die Qualität des Mitgetanen sichern sollen)” betont habe, liegt schlicht und ergreifend an dem Buch, das ich gerade versuche zu lesen: Handwerk von Richard Senett, das (eigentlich zu knapp und zu flach gesagt) den fehlenden Kontakt des Menschen zu den Dingen an sich problematisiert.

    Senett kommt dabei unter anderem auch auf die Wikipedia (in Zusammenhang mit der Open Souce Bewegung und Linux) zu sprechen und vergleicht diese Leute mit Handwerkern in der Antike, die seines Erachtens früher oder später auf das gleiche strukturelle Problem stießen: “Wie lässt sich Qualität mit freiem und gleichem Austausch innerhalb der Gemeinschaft vereinbaren?”

    Insofern weist Senett darauf hin, dass das Ungewöhnliche an Wikipedia nicht ihre Existenz ist, sondern dass ihre Existenz als ungewöhnlich und neu begriffen wird angesichts der Übermacht “jener Bürokraten, die keinen Handschlag tun möchten, bevor nicht alle Ziele, Verfahren und politisch erwünschten Ergebnisse im Voraus festgelegt sind.”

    @BenZol: Darauf wollte ich hinaus, wobei Du (leider ;-)) erkannt hast, dass der Link zu Matthias Schwenk bzw. der Begriff Wachstum nicht passgenau dafür ist.

    @Roman: Prozessoptimierungswahn im Zeichen von vermeintlicher “Allwissenheit und Übermacht” ist ein generelles Problem und alles andere als internetspezifisch.

  8. BenZol
    19. Januar 2011 um 10:52

    “Wie lässt sich Qualität mit freiem und gleichem Austausch innerhalb der Gemeinschaft vereinbaren?” - Dieses System zu optimieren heißt, einen Ausgleich zwischen Produzenten und Metaproduzenten (den Ordnern / Organisierern) zu finden. Leider ist jemand der Daten strukturiert immer(?)einflussreicher (Gatekeeper) als der Urheber der Daten. Der Redakteur höher gestellt als der Schreiber, der Referent niedriger gestellt als der Minister usw. Ein fairer Ansatz zur Lösung dieses Grundproblems würde nicht nur Wikipedia sondern die Welt retten.
    Wenn Du soviel liest - gibt’s da nicht jemanden, der vielleicht schon ‘ne schlaue Idee diesbezüglich hatte?

  9. Thorstena
    19. Januar 2011 um 11:22

    Wenn ich tatsächlich so viel lesen würde, hätte ich jetzt bestimmt eine gute Antwort parat… Im Ernst: Bei Sennett läuft es eher auf Kapitalismuskritik hinaus. Er hält zum Beispiel reine Wettbewerbsmodelle nicht immer für zielführend und versucht zu zeigen, dass gemeinschaftliche Produktionen durchaus effizienter sein können. Die japanische Autoindustrie dient ihm da u.a. als Beispiel.
    Ansätze zu eher gemeinschaftlich orientierten Arbeitsweisen gibt es zum Beispiel im Wissensmanagement (http://www.wissensmanagement.net/online/archiv/2004/07_2004/wissensproduktivitaet.shtml) bzw. Enterprise 2.0 als Unterkategorie des Wissensmanagements (http://de.wikipedia.org/wiki/Enterprise_2.0). So richtig durchgesetzt haben sich solche Ansätze aber bislang noch nicht.

  10. Roman Geyer
    19. Januar 2011 um 14:05

    Der Exkurs in Richtung Japanische Autoindustrie ist sehr, sehr gut. Genau an deren Entwicklung ist wunderbar zu sehen, wie sich Prozesse im gesellschaftlichen Kontext gesehen (das und nix anderes tun Japaner ihr Leben lang), an sich selbst aufhängen. Und das findet zurzeit auf der digitalen Ebene im Web in seinen Anfängen statt.

    @Thostena: Du erinnerst dich bestimmt an unseren Kaizen/Toyota-Beitrag. Just in dem Moment, als Toyota hunderttausende Autos in die Werkstätten zurück beordern musste, weltweit, will uns wer erzählen, dass die Prozessoptimierung à la Kaizen bei Toyota das Gelbe vom Ei ist. Ich Trottel hätte den Beitrag prompt rausgeworfen. Leider versteht keine Sau, wie gut der Artikel im Grunde genommen genau zu dieser Zeit war.

blogoscoop