Auf der Straße

Es stimmt schon: Internet und soziale Netzwerke sind den Demonstranten in Ägypten eine wichtige Kommunikationshilfe. Kaum ein Hintergrundbericht der Presse und auch nicht die jüngste Rede des US-Präsidenten kommt ohne einen solchen Hinweis aus. Und die Machthaber in Kairo haben das Internet (und die Mobiltelefone) sicherlich auch nicht abgeschaltet, um Strom zu sparen.

Die Proteste zeigen aber vor allem, dass die Menschen auf die Straße gehen und etwas riskieren müssen, wenn sie etwas erreichen wollen - im Zweifel sogar ihr Leben. Insofern ist es auch eine Frage des Anstands, wie man einerseits den menschlichen und andererseits den technologischen Anteil an den Protestbewegungen bewertet bzw. ob man beide gegeneinander ausspielt.

In den kommenden Tagen und Wochen dürften wir jedenfalls wieder häufiger hören, wie unfassbar performativ das Internet doch ist (so wie Medientheoretiker Peter Weibel neulich in der taz in anderem Zusammenhang (Stuttgart 21 und Wutbürgertum) gesagt hat).

Performativ meint vereinfachend gesagt, dass es nicht auf die Äußerung, sondern auf den eigentlichen Vollzug einer Handlung ankommt. Dass man tut, was man sagt. Wie kann also jemand auf den Gedanken kommen, dass “das Internet” an sich “performativ” sein könnte? It´s the human being, stupid ist deshalb so ein Satz, den sich Social-Media-Enthusiasten wie Jeff Jarvis von mir aus gerne hinter die Ohren schreiben dürfen.

(Oh, gerade sehe ich, dass Robin Meyer-Lucht auch zu diesem Thema etwas gepostet hat und klaue mir von ihm den Hinweis auf das Zitat von Mathew Ingram:)

In the end, the real weapon is the power of networked communication itself. In previous revolutions it was the fax, or the pamphlet, or the cellphone — now it is SMS and Twitter and Facebook. Obviously none of these things cause revolutions, but to ignore or downplay their growing importance is also a mistake.


 
 
 

16 Kommentare zu “Auf der Straße”

  1. erz
    30. Januar 2011 um 21:38

    Was mich ja aufregen würde, wenn ich dieses Medientheater noch ernst nähme, wäre der Mangel an breiter Perspektive im Diskurs. Nicht, dass ich mir anmaßen könnte, die Nahostsituation umfassend beschreiben, geschweige denn bewerten zu können. Aber was ich so in der politikwissenschaftlichen Literatur als längst etablierte Modelle gefunden habe, das habe ich in der deutschen Berichterstattung noch nirgendwo gesehen. Da beschäftigt sich ein ganzer Forschungszweig mit nichts anderem als Systemtransformationen und die Berichterstattung deutscher Medien - inklusive dieses “Internetz” - mäandert ernsthaft zwischen Twitter und Huntington?

  2. Thorstena
    30. Januar 2011 um 22:13

    So beispielhaft für die Medien hab ichs eben gar nicht gemeint, aber Du hast natürlich leider Recht…

    (Hast Du irgendwo einen Überblick über die wichtigsten Transformationsmodelle gefunden? Dann wäre ein Link puschig!)

  3. erz
    31. Januar 2011 um 00:03

    Checkst du die Kontextschmiede, ich hab mir da allerdings nicht die Mühe gemacht, die einzelnen Autoren zu verlinken. Falls dir der Artikel zusagt, kann ich das vielleicht nachreichen.

  4. Krystian Woznicki
    31. Januar 2011 um 11:10

    ich habe mich vor zwei Wochen mit diesem Thema beschäftigt. Damals war auch noch von der ersten WikiLeaks-Revolution die Rede, im selben Atemzug aber auch von einer Facebook-Revolution.

    Dazu habe ich einen Artikel geschrieben, aus dem ich an dieser Stelle bezogen auf Deine Stellungnahme zitiere:

    “Aus der Sicht des Westens stehen die derzeit wohl prominentesten Marken im Internet in einem autoritären Staat wie Tunesien für Freiheit, Offenheit und Wandel. Sie repräsentieren dort den Westen und westliche Demokratie. In dieser Eigenschaft sieht sich der Westen bekanntlich gerne. Deshalb wird auch entsprechend darüber berichtet. Dieser narzisstische Hype badet sich darin, dass die kommunikativen Infrastrukturen von WikiLeaks und Facebook den Aufständischen geholfen haben und blendet aus Selbsterhaltungstrieb aus, dass eigentlich ganz andere organisatorische Faktoren für die Wucht und den Erfolg des Widerstands ausschlaggebend waren.

    Vielleicht ist das die zentrale Lektion der ersten “WikiLeaks-Revolution”: Die seit den 1990ern immer wieder aufziehenden Verklärungswolken codieren das Internet als Medium, dem per se revolutionäre Kraft inne wohnt. Deshalb befragt man es nicht auf seine politische Funktion und Struktur hin – WikiLeaks und Facebook einerlei. ”

    http://berlinergazette.de/facebook-vs-wikileaks-eine-revolution-die-uns-im-internet-jetzt-bevorsteht/

  5. Thorstena
    31. Januar 2011 um 15:53

    Besten Dank für diesen Link! Du schreibst in Deinem Artikel unter der Zwischenüberschrift “Das Internet als soziales Netzwerk (namens Facebook)”:

    “Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass Internet sei an sich ein revolutionäres Medium. Wie jedes Medium steht und fällt sein revolutionäres Potenzial mit einer entsprechend ausgerichteten sozialen Praxis und mit den Machtverhältnissen, in die diese Praxis eingebettet ist. Wir müssen uns fragen: Wie nutzen wir das Internet? Wer hat die Kontrolle?”

    Das würde ich sogar noch weiter fassen und über das Internet als ganzes sagen wollen (Stichwort Netzneutralität) und nicht allein bezüglich eines “Datensilos” wie Facebook.

  6. BenZol
    31. Januar 2011 um 16:36

    DISCLAIMER: Leidenschaftliche Kritik, die vor (wahrscheinlich) unsachgemäßen Anschuldigungen nicht halt macht.

    Wenn alle hier ihren Senf auf’s Revolutionswürtchen streichen, will ich das auch.
    Ich begreife nicht, warum keiner die wahre Krux an dem ganzen Internet-Revolutionsgefasel sieht! Seid Ihr blind? Weder Facebook, noch Twitter oder Wikileaks sind revolutionäre Werkzeuge. Das sind doch nur hübsche Fassaden. bunte Kulissen auf die Ihr Eure feuchten Träume von der Revlution projeziert. Es ist die schiere Möglichkeit, digital Informationen über ein einheitliches Protokoll (ja, ja, Techies werden mich köpfen, midoegal) global auszutauschen, die diese Art von Revolutionen, von denen Ihr träumt möglich macht. ABER: Oh, das funktioniert leider NICHT!!!! Schade Schokolade!(siehe Ägypten, siehe Netzzensur in China oder sonstwo). DAS IST SCHEISSE UND VERDAMMT TRAURIG! Wir haben es vor lauter Geilheit auf das neue Spielzeug zugelassen, dass uns das Internet von Konzernen und institutionalisierten Machtgefügen jederzeit aus den Händen gerissen werden kann. Tut bloß nicht so, als wären wir keine Wilde. “Digital Natives” nennen Sie die Internetgeneration! Pah!!! Warum denn wohl?!? Warum werden wir wohl so genannt? Ich sag’s Euch: Weil wir unsere Träume, unsere Hoffnungen unser digitales Leben für billige Glasperlen an Großkonzerne verhökert haben. Weil wir immer noch fröhlich grinsen, weil das digitale Feuerwasser uns so glücklich macht, während unter verseuchten aus Dollars gewebten warmen Kapitaldecken uns Pocken zerfressen!

    Wir sollten uns alle lieber in Grund und Boden schämen als uns auch nur an einer Silbe über die revolutionären Auswirkungen des Netzes zu berauschen! Oh, ihr Philister! Sitzt in Euren warmen Stuben und furzt den Humanismus in die Welt. Popelt Euch die Sätze aus dem Hirn und wichst Tinte auf Transformationstheorien! Tja, und dann zieht Vodafon den Stecker und schwuppdiwupp, oh, och, menno, wollt doch gerade Revolution! Ich sage: Scheiß auf Twitter, scheiß auf Youtube, scheiß auf Facebook, scheiß auf Wikileaks, scheiß auf Alice, vodafon und Zensursula. Die Revolution hat einen Namen! Und ihr Name lautet: NETZNEUTRALITÄT. Und nur wirklich dumme Leute akzeptieren verbriefte Netzneutralität. Die geht als erste flöten, wenn Euch die politische Gischt die Hosen nass macht! Es ist vor allem deswegen dumm, weil es technsich nicht nötig wäre.

    Wir brauchen ein Netz, das dezentral ist. Das keine physischen zentralen Knotenpunkte braucht, außer die, die man “am Mann” tragen kann (z.B. Mobiltelefon). Wir brauchen ein Netz, das stärker wird, je mehr Menschen sich zusammenfinden und nicht schwächer. Wir brauchen ein Netz, das uns gehört, weil wir (die Menschen) es *besitzen*. Dafür müssen wir eine technische Lösung finden. Erst dann ist es aus meiner Perspektive sinnvoll, die revolutionären Möglichkeiten auszuloten. Ende.

    Ich wollte keinen speziell beleidigen (am wenigsten Dich, oh Du mein thorstena). Aber ich habe das Gefühl, dass das mal gesagt werden musste. Sozusagen als Erdung.

  7. BenZol
    31. Januar 2011 um 16:39

    Ach Du scheisse! *grins* Rechtschriebung und Zeichensetzung mangelhaft. Ich möchte mich in aller Form für selbige entschuldigen.

  8. Thorstena
    31. Januar 2011 um 18:49

    Es bewahrheitet sich die alte Weisheit, dass die interessantesten und oft auch heftigsten Reaktionen auf Blogposts kommen, wenn man am wenigsten damit rechnet…
    Nicht dass ich jetzt nur Dich meine, BenZol, aber so etwas wie “Oh, ihr Philister! Sitzt in Euren warmen Stuben und furzt den Humanismus in die Welt” habe ich von Dir auch noch nicht zu lesen bekommen. (Schön, dass Du darauf hinweist, niemanden spezielles beleidigen zu wollen - damit darf ich dann auf das Stilmittel der Übertreibung verweisen, dass Du eingesetzt hast, um Dir Luft zu verschaffen ;-))

  9. BenZol
    31. Januar 2011 um 23:17

    Ach, ich nehme mich da ja auch gar nicht davon aus. Das wäre totale Realitätsverleugnung. Ich furze schon kräftig mit. ;-) Aber Spaß beiseite:

    Es ist m.E. der wichtigste nächste Schritt, eine unabhängige netzneutrale Infrastruktur zu entwickeln, wenn man ernsthaft anfangen möchte, das Netz als unabhängiges, freies oder gar revolutionäres Werkzeug zu nutzen. Deswegen finde ich, die Diskussion in Richtung Wikileaks oder Facebook & Co. zu lenken, falsch. Ansonsten hängt man immer von Telcos oder Regierungen ab. Ansätze sind bereits vorhanden. Man könnte z.B. so etwas wie das hier http://de.wikipedia.org/wiki/OLPC_XO-1#Netzwerkbildung nutzen oder die WiFi-Hotspot-Fähigkeit von Android, um dieses Ziel zu erreichen oder was weiß ich. Nenn es von mir aus Web 3.0. Ich hoffe nur, dass es bald attraktive, kreative Anwendungen gibt, die diese Technik nutzen, damit sie sich auch bei Otto-Normal-User verbreitet. Das würde das Gleichgewicht meiner Meinung nach wiederherstellen können. Beispiel Ägypten: Mit lokalen Wavebubbles kann man leichter zurechtkommen als mit der Komplettabschaltung der gesamten Infrastruktur. Informationen müssen fließen! Ich will ja gar nicht das heutige Netz zerstören oder für obsolet erklären. Es sollte aber eine freie und stabile Alternative geben.

    So, und jetzt wäre es mir recht, wenn Du mich wieder auf den Teppich holst. Ich sitze hier nämlich neben ‘ner Kerze und kriege langsam Angst…. ;-)
    pfffffffftpröööööt……..*BUMM*

  10. Roman Geyer
    2. Februar 2011 um 14:02

    Die geheiligte Strenge und vollendete Technik des Herrschens zeigt ihre Wirkung bei allen, die aus Lust, Angst, Fanatismus, Ehrgeiz oder anderen Tugenden Märtyrer sein wollen. Wie ist es möglich, dass Menschen, die jede von irgendeiner Autorität aufgezwungene Disziplin ablehnen, vor der Schlange hocken, wie ein niedliches puscheliges Häschen?

    Ich muss auf die Ausführungen in einer meiner früheren Antworten verweisen, wo ich von Anarchie schrieb. Es gibt einen einzigen Grund dafür, warum sich jeder Mensch auf dieser Erde mit dem Medium Web schwer tut. Das Web ist im Tiefsten seiner digitalen Seele Anarchie pur.

    Die Herrscher (aus Politik und Kommerz) machen, was sie am besten können. In allen Staaten mit demokratischen Strukturen, versuchen Struktur-Technokraten der Anarchie einen Riegel vorzusetzen. Wer Freiheit predigt, sollte gut genug wissen, dass Freiheit immer mehrere Seiten hat. Je größer die Abhängigkeit von einem Freiheits-Infrastruktur-Bereitsteller ist, desto größer ist die Gefahr, in Gefangenschaft zu geraten. Und das ist beim WWW der Fall.

  11. Thorstena
    2. Februar 2011 um 20:10

    “Je größer die Abhängigkeit von einem Freiheits-Infrastruktur-Bereitsteller ist, desto größer ist die Gefahr, in Gefangenschaft zu geraten. Und das ist beim WWW der Fall.” Chapeau! Dieser Satz ist es - bei aller Bescheidenheit - wert, in die Machen-wir-uns-nichts-vor-Rubrik dieses Blogs aufgenommen zu werden.

  12. Thorstena
    2. Februar 2011 um 21:32

    #BenZol Ich will Dir nicht mit Totschlagargumenten kommen, weil ich die Idee gut finde, aber lokale Wavebubbles hört sich für mich ein bisschen wie digitale Walkietalkies an - wie soll da z.B. die nötige Masse in der Bubble zustande kommen, um ein Thema einigermaßen ausgewogen abzubilden? Echokammer-Gefahr, würde ich deshalb sagen.

  13. BenZol
    3. Februar 2011 um 12:00

    Ähem, mit “Wavebubbles” sind eigentlich Störsender (RF-Jammer) auf Seiten der Revolutionsverhinderer gemeint. Ladyada, die femme fatale der Open Source-Szene, hat Begriff und Gerät geprägt. (nur zu Klarstellung)
    Wo ist denn da eine Echokammer-Gefahr? Es geht mir um eine komplementäre und unkaputtbare Infrastruktur für das Internet. Genau für solche Fälle wie in Ägypten m.E. eine absolute Notwendigkeit.

    Dein Satz mit den digitalen Walkie-Talkie kommt in diesem Zusammenhang daher, als würdest Du das Internet als “sehr viele Telegrafen” charakterisieren.

    Hast Du Dir überhaupt mal den Link angeguckt? Da mir Weiterbildung am Herzen liegt ;-) hier eine Nachhilfestunde für Dich vom Chaosradio: http://chaosradio.ccc.de/cre116.html
    Und hier die andere Hälfte des revolutionären Schokoweihnachtsmannes: http://blog.zeit.de/open-data/2010/12/09/p2p-internet-infowar/
    und
    http://dot-p2p.org/index.php?title=Main_Page

  14. Thorstena
    3. Februar 2011 um 18:09

    Mmmh, angeguckt hab ich mir das schon, aber offensichtlich nicht wirklich verstanden, sorry. Wavebubbles war mir ooch kein Begriff - Weiterbildung tut hier also wirklich not (Dein Kommentar hing wegen “zu vieler Links” übrigens in der Warteschleife).

  15. BenZol
    4. Februar 2011 um 09:57

    “Mir fiel auf, dass das @ langsam aber sicher vom # verdrängt wurde.” (BenZol - Biografische Notizen, Verlag Ullstein)

  16. Thorstena » Machen wir uns nichts vor XXVIII
    5. Februar 2011 um 00:06

    [...] ist doch mal ein Kommentar mit Schmackes; wobei das jetzt nicht der eigentliche Grund ist, warum ich diesen hiermit [...]

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