Auf der Suche nach Knotenpunkten II

Es gehört inzwischen zum guten Ton bei den Leuten, die im Internet aktiv kommunizieren, sich in regelmäßigen Abständen der gegenseitigen Bedeutungslosigkeit zu vergewissern. Das muss nicht zwangsläufig persönlich gemeint sein; es ist das Privatmeinungsinternet an sich, das nicht halten will, was es versprochen hat. Und das drückt bei einigen offenbar auf die Stimmung.

Vor einem Jahr machte sich zum Beispiel Martin Lindner noch ganz optimistisch auf die Suche nach Leuten, die den deutschen Webdiskurs sprachlich und inhaltlich prägen könnten - sowohl bei den Diskursteilnehmern als auch dem gesellschaftlichen Mainstream gegenüber. Mittlerweile muss man sich schon Gedanken darüber machen, ob der Auftrag an Thomas Knüwer, einmalig eine it-affine Beilage für ein Männermagazin (die “deutsche Wired”) zu produzieren, nicht doch auch etwas Gutes an sich hat.

Diese Meldung hat jedenfalls in wenigen Tagen für weitaus mehr Aufsehen gesorgt als der sang- und klanglose Abschied von Carta. Das sich selbst so genannt habende Mehrautorenblog wurde von Robin Meyer-Lucht in den einstweiligen Ruhestand versetzt, und es bleibt einigermaßen unverständlich, warum Carta nicht wenigstens einen ernsthaften Versuch unternommen hat, sich noch einmal neu zu erfinden und dabei auch das liebe Geld zu bedenken, das nun einmal nötig ist, um Qualität zu liefern.

Dabei dürfte doch inzwischen allen klar sein, dass zwar jeder ins Internet schreiben darf, das aber nicht die einzige Voraussetzung dafür ist, außerhalb des eigenen Dunstkreises auch gelesen und gehört zu werden. Selbst wenn wir alle glaubten, dass jeder einzelne von uns ein One-Man-Think-Tank wäre, der das schon ganz allein gewuppt bekommt. (Und selbst wenn sich rivva, die Blog- und Social Media-Suchmaschine, nach ihrem Neustart wesentlich verbessern sollte, könnte sie allein die atomisierten Infohäppchen in der Digitalen auch nicht wieder sinnvoll zusammenkleistern. Obwohl es natürlich erfreulich ist, dass rivva wieder läuft.)

Na gut, das Informations-Ökosystem im Netz muss sich erst einmal entwickeln, die Leute sind noch nicht erfahren genug darin. Das kann man so sehen. Strukturell ist von einer eigenständigen Entwicklung aber herzlich wenig zu erkennen: Das einzige, was derzeit sichtbar wächst, ist die Social-Media-Marketingblase.

Inhaltlich scheint bis auf weiteres nur die Hoffnung zu bleiben, dass Konstantin Neven DuMont so viel Geld in den Ring wirft und darüber hinaus mit einem überzeugenden Konzept aufwartet, damit im Netz doch einmal eine Art Leuchtturmprojekt entsteht, das erfolgreich ist und nachhaltig Aufmerksamkeit auf sich zieht. Das mag verwegen klingen, hat aber allemal mehr Erfolgsaussichten als gut gemeinte Hobbygründungen ohne Netz (Geld) und doppelten Boden (Konzept) - Digitale Gesellschaft, ick hör dir trapsen..


 
 
 

13 Kommentare zu “Auf der Suche nach Knotenpunkten II”

  1. Erz
    19. Juni 2011 um 16:58

    Da hilft nur auswandern. Also natürlich hülfe auch anderes, aber die einfachste Lösung für fremdsprachlich bewanderte Menschen ist halt, sich einem produktiveren Diskursraum zuzuwenden.

  2. Thorstena
    19. Juni 2011 um 18:30

    Also bitte, die Hoffnung stirbt zuletzt: Immerhin leben wir in einem recht bevölkerungsreichen, wirtschaftlich hoch entwickelten Land. Da muss doch ein deutschsprachiger Webdiskurs hinzubekommen sein, der ein solchen Namen verdient. Und Strukturen, die einen solchen tragen können. (Was ja nicht heißt, dass man keine englischsprachigen Blogs lesen sollte.)

  3. BenZol
    20. Juni 2011 um 09:55

    Ja genau, geh’ doch nach drüben!
    Spaß beiseite, “deutschsprachiger Webdiskurs” ist so eine Formulierung, die Du häufig verwendest. Nach all den Jahren möchte ich nun die Gelegenheit einmal nutzen und fragen: Was stellst >Du< Dir (in einfachen Worten) eigentlich unter dem “deutschsprachigen Webdiskurs” vor, thorstena?

  4. Thorstena
    20. Juni 2011 um 15:15

    Die Formulierung “deutschsprachiger Webdiskurs” funktioniert ja nur, wenn es auch “anderssprachige Webdiskurse” gibt. Und damit kann ja nur der englische gemeint sein - insofern bewege ich mich (wie ich zu meiner Schande gestehen muss) genau in den Bahnen der nervigen Leute, die nicht müde werden zu betonen, wie fortschrittsfeindlich und risikoavers die Deutschen sind und wie schlecht das alles für die deutsche Wirtschaft ist.

    Mir geht es aber weniger darum als vielmehr, platt gesagt, um meinen eigenen Spaß bzw. die Möglichkeiten, im Netz auch mal etwas mitzunehmen und zu lernen.

    Oben in meinem Blogpost habe ich im Grunde zwei Ebenen vermischt:

    Einmal die (von Dir nicht für so interessant erachtete) kommunikationstheoretische Seite des Ganzen: Die Leute tun sich ganz offensichtlich schwer damit zu akzeptieren, dass es zumindest im Netz keine exklusiven, abgeschotteten Kommunikationsräume mehr gibt - und geben zum Beispiel den Trollen die Schuld daran, dass sich produktiver Austausch nur sehr selten einstellt. Andere meinen, es liegt im Vergleich zur englischsprachigen Blogosphäre vor allem an der vergleichsweise geringen Zahl an Personen, die sich an solchen Diskussionen beteiligen.

    Egal, unter dem Strich ist das Niveau des Webdiskurses hierzulande - sowohl was den Ton als auch was das inhaltliche Niveau angeht - meines Erachtens ausbaufähig.

    Hinzu kommt die strukturelle Seite: Vom Perlentaucher und anderen Ausnahmen einmal abgesehen, gibt es kein inhaltlich relevantes Internetprojekt in Deutschland, das außerhalb der Blogosphäre gehört wird. Meines Erachtens ist daran nicht nur das Fehlen potentieller Geldgeber Schuld und auch nicht unbedingt mangelnde Ideen, sondern auch die etwas naiv rüberkommende Aversion vieler internetaffiner Leute, “Institutionen” gegenüber bzw. der Glaube einiger aufgeblasener Allmachtsphantasie-Spinner, die meinen, so etwas nicht nötig zu haben.

    Ich bin hingegen der Überzeugung, dass es ohne Strukturen und von mir aus “Leuchtturmprojekten” auf die Dauer nicht gehen wird, wenn man auch außerhalb des Netzes gehört werden will.

    Allein Sascha Lobo (den ich hier ausdrücklich nicht mit Allmachtsphantasie-Spinner gemeint habe) reicht dafür nicht aus.

  5. Thorstena
    20. Juni 2011 um 15:19

    Sprich: Ich glaube nicht, dass Soziale Medien bzw. Netzwerke per se machtlos sind (vgl. http://www.wiwo.de/management-erfolg/die-macht-von-facebook-wird-ueberschaetzt-469053/ ), sondern bin davon überzeugt, dass man diese sehr wohl zu “emanzipatorischen” Zwecken einsetzen kann - im Sinne sinnvoller gesellschaftlicher Teilhabe der “Bürger”.

  6. erz
    20. Juni 2011 um 16:08

    Neben den von dir ja durchaus nachvollziehbar erkannten Schwächen des deutschsprachigen Diskurses sind es allerdings zwei Dinge, die meine Frustrationstoleranz über Gebühr strapazieren:

    Für die geringere Größe des Echoraumes (die ganze Welt auf Englisch vs die deutschsprachige Welt) kann der deutsche Diskurs nichts. Für die Marginalisierung eigener, also deutschsprachiger Positionen und Stimmen aber sehr wohl. Ich verfolge ja nun auch diverse Nischen, in denen die “cutting edge” des Mediums Computerbildschirm ausgereizt wird und es kotzt mich gelinde gesagt an, wenn die qua Pfadabhängigkeit zu Leitblogs gesalbten Weiterverbreiter erster Stunde (und nicht nur die) echte Innovationen aus Deutschland konsequent ignorieren, vergleichbare Inhalte aus englischsprachigen Quellen aber ein paar Monate später als das dicke Ding anpreisen.

    Diese Marginalisierung von Stimmen, so sehr ich sie soziologisch auf einer Metaebene reflexieren kann, ist das schlimmste Gift für einen gemeinsamen Diskursraum (jedenfalls für diejenigen, die sich einen anderen Inhalt darin wünschen). Und auch wenn sie als Problem natürlich auch im englischsprachigen Diskursraum existiert, so können dank der deutlich größeren Reichweite dort viel schneller kritische Schwellen zur Gründung neuer produktiver Gesprächszirkel überschritten werden. Mal abgesehen davon, dass Leute, die echt was auf dem Kasten und der Welt was zu erzählen haben, doch mit dem Klammeraffenbeutel gepudert sein müssen, wenn sie unnötigerweise ihre Reichweite auf ein deutschsprachiges Publikum reduzieren.

  7. erz
    20. Juni 2011 um 16:10

    (nachtrag) Brain Drain gibt es ja schließlich auch als Urbanisierungsphänomen - eine hervorragende Analogie, by the way.

  8. Thorstena
    20. Juni 2011 um 18:19

    “Brain Drain gibt es ja schließlich auch als Urbanisierungsphänomen - eine hervorragende Analogie, by the way.” Yep.

    Und danke für die Ergänzung der “qua Pfadabhängigkeit zu Leitblogs gesalbten Weiterverbreitern erster Stunde (und nicht nur die)”. Dieses Thema ist vielen gar nicht bewusst, glaube ich.

  9. Karl
    20. Juni 2011 um 23:35

    Wie züchte ich mir einen “deutschsprachigen Webdiskurs”, in dem sich alle liebhaben und die zwanglose Macht des besseren Arguments sich entfalten kann? Gar nicht, denn das ist ein Produkt deiner Phantasie. Außer dreimal aufgekochtem Kaltkaffee ist hier nix zu holen. Nicht mal ‘ne streitbare These.

  10. BenZol
    21. Juni 2011 um 09:22

    Okay, “deutschsprachigen Webdiskurs” ist ein hochproblematischer Begriff, fast ein Paradox. Eine Lösung: Abwarten, bis Deutschsprachigkeit oder geografische Lage im Netz einfach (technisch) keine Rolle mehr spielt. Warum hat sich eigentlich noch nie jemand daran versucht, deutschsparachige Kultursoftware auf einen englischsprachiges Betriebssystem zu portieren? Ich meine außerhalb von Marketing-Büros.

  11. Karl
    21. Juni 2011 um 15:14

    Weil es keine gibt?
    Sondern nur Spinner wie den oben von Thorsten verlinkte one-man-Think-Tank. Preisfrage: Was ist schlimmer als der deutschsprachige Webdiskurs?

    a) Das Jammern über den deutschsprachigen Webdiskurs?
    b) Das Reden über den deutschsprachigen Webdiskurs?
    c) Ich verkaufe diese tollen Lederjacken?
    d) Alles das?

  12. Thorstena
    21. Juni 2011 um 16:04

    Karl, hast Du auch was zu sagen oder bist Du lediglich zum Meckern hergekommen?

  13. Karl
    21. Juni 2011 um 16:20

    Ich bin nur zum Meckern hergekommen. Ich wollte außerdem mal außerhalb des eigenen Dunstkreises gelesen und gehört werden. Und ich verkaufe Lederjacken. ;-)

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