Mit Ordnungssinn gen Osten

Edward Lucas, Economist-Korrespondent für Mittel- und Osteuropa, hält das Verhältnis Deutschlands zu Putins Russland für das “rätselhafteste und problematischste Merkmal der modernen europäischen Politik.” Wie das?

Vorneweg: Lucas müsste wissen, wovon er spricht. Der Mann berichtet seit über 20 Jahren über Mittel- und Osteuropa (auch in seinem Blog), studierte unter anderem in Krakau und beherrscht neben dem Polnischen auch das Russische - und das Deutsche. Ein Mann vom Fach sozusagen. Also hören wir mal hin, was er zu sagen hat. Kann ja nicht schaden, mal einen Blick auf die britische Sicht der Dinge zu werfen.

Im Kern schreibt Lucas, dass die Deutschen hinsichtlich der viel diskutierten Frage, welches Maß an Repressivität des Putinschen Russlands tolerierbar sei, um dessen (allseits gewünschte) wirtschaftliche Integration in die westliche Hemisphäre zu fördern, die Grenzen allzu lax gesetzt haben. Er fragt sich, warum, und schreibt:

“Are the Germans deluded? Or just ill-informed? Have they been bought by the profits from ballooning exports? Is their unwillingness to confront Russia the result of historical trauma - the defeat, destruction, rape and looting of the Soviet march westwards? Is it guilt about the mass murder that accompanied Germany’s attack on the Soviet Union? Or is it deeper - the echoes of a frustrated colonial relationship that goes back to the days when the German-born Tsarina Catherine the Great invited German farmers to settle on the Volga?”

Um dies heraus zu finden, hat Lucas das neue, in englischer Sprache erschienene Buch Michael Stürmers, Putin and the rise of Russia, gelesen. (Ob Stürmer, Jahrgang 1938, emeritierter Professor für Geschichte, ehemaliger Berater Helmut Kohls und seit 1989 Chefkorrespondent der Welt, wirklich der richtige Mann ist, um den Deutschen an sich zu repräsentieren und Lucas´ Frage zu beantworten, sei dahingestellt.) Dass er die problematischen Seiten des Putinschen Russlands offenbar als unerfreuliche, aber unvermeidliche Geburtswehen eines Territoriums interpretiert, das erst auf dem Weg zu einem stabilen Staat mit einer funktionierenden Zivilgesellschaft sei, passt Lucas aber in jedem Fall gut ins Konzept. Denn diese Sicht hält er für falsch:

“Stuermer ignores the way in which the Kremlin has created a powerful lobby in European countries, including his own (…). It appears not to trouble him in the least that the EU’s efforts to diversify away from gas, to diversify its sources of gas, and to reform its gas market to make it less vulnerable to Russian manipulation, are all blocked or delayed thanks to a Kremlin veto. He ignores the scandalous (and largely invisible) use of Russian money to influence opinion in Brussels, in the decision-making bodies of the EU. (…) His biggest misapprehension is the repeated assertion that Russia has no grand design.”

Die Deutschen nehmen die Gefahren, die im Kontakt mit autoritären Staaten entstehen, Lucas´ Auffassung nach also nicht ernst genug. (Ja ja, mit China und den Saudis auf der einen und “dem Westen” auf der anderen Seite sei es ja so ähnlich gelaufen; aber das hieße ja noch lange nicht, dass man die gleichen Fehler mit den Russen auch machen müsse.) Und weil ein vernunftbegabter Mensch ja gar nicht anders kann, als sich der Lucasschen Meinung anzuschließen, ist er gezwungen, bei den Mutmaßungen, warum die Deutschen das anders sehen und praktizieren, im Trüben zu fischen – in den Tiefen vermeintlicher kultureller Prägungen zum Beispiel. Woher kommt also die deutsche Russenliebe? Ganz klar: Zwanghafter Ordnungssinn und die Sehnsucht nach Spontanität treiben die Deutschen ostwärts:

“Germany is Russia’s biggest trading partner. It needs German investment, German habits, German management, German values. Just as German visitors to scruffy homes in Britain sometimes feel an irresistible urge to tidy the messy closets and cupboards, so Germans in Russia feel an almost mystical duty to set things in order. Never mind the corruption, the bellicose rhetoric, the dreadful unpunctuality - just get going and set an example. In return, Russia offers what Germany lacks: wide open spaces (don’t call it Lebensraum though); a sense of fun, of spontaneity, of a different and less dull outlook on life. On top of all that, the profits are colossal.”

Mmmh. Nehmen wir mal an, Lucas hat Recht. Nicht mit seinen Deutschen-Klischees und auch nicht damit, einen emeritierten Prof. zum Gewährsmann für die öffentliche Meinung in Deutschland zu machen. Sondern Recht darin, dass “die Deutschen” vor allem aufgrund wirtschaftlicher Interessen die jüngste Entwicklung Russland unkritischer verfolgen als andere Nationen. Andere Nationen des so genannten alten Europas, versteht sich. (Die Meinung der mitteleuropäischen Staaten zu Russland ist ja eindeutig kritischer, und Lucas wirft Stürmer denn auch vor, die Interessen dieser Staaten gar nicht zu berücksichtigen).

Da gab es zum Beispiel kurz nach dem Beginn der jüngsten Krise in Georgien die Geschichte mit Thomas Roth und Vladimir Putin: Roth, ausgewiesener Russland-Experte und momentan vielleicht der deutsche TV-Journalist überhaupt, durfte Putin etwa 30 Minuten lang interviewen – ohne thematische Einschränkungen, wie Roth durchaus stolz verkündet hatte. Was dann aber in der ARD zu sehen war, beschränkte sich auf einen zehnminütigen Ausschnitt aus diesem Gespräch (was in der journalistischen Praxis nicht ungewöhnlich ist). Merkwürdig waren aber die Stellen, wo gekürzt wurde: Gerade die Aussagen Putins in Richtung Europa und der USA, die besonders kritisch waren, wurden nicht gesendet, wie zum Beispiel der Spiegelfechter anschaulich vorführte. Erst nach einigen Protesten, die erfolgten, stellte die ARD dann die komplette Fassung des Gesprächs online.

Und Mary Dejevski beleuchtet im Independent, auf Michael Stürmer zurückkommend, in ihrer Kritik zu “Putin and the rise of Russia” die Sache eigentlich nur von der anderen Seite: Sie sieht gerade in Stürmers wohlwollender Russland-Rhetorik das Gewinnbringende an der Lektüre des Buches und meint:

“Most of all, his book provides a salutary corrective to the transatlantic assumptions underlying so much writing in English, where the West is a monolith on one side opposed to a Russian monolith on the other. Stuermer’s European and German prism is less ideological, more practical and more conscious of proximity. The other great merit of his book is his acceptance of Putin for what he is, someone both shaped by his Russian experience and a conscious shaper of Russia’s future – not just, as in too many Western interpretations, a diehard KGB man true only to Soviet-era roots.”

Kommt halt doch nicht nur alles auf die Fakten an, sondern vielmehr auf die Interpretation derselben und wie man sich diese zurecht legt. Irgendwo habe ich mal gelesen, dies nenne man den historischen Koeffizienten - wenn die Meinung der Analyse vorausgeht, im Nachhinein die Sache aber so dargestellt wird, als ob die Analyse zur Meinung geführt hätte. Ein gutes Argument, sich auf möglichst viele Quellen zu berufen…


 
 
 

Die Kommentarfunktion zu diesem Beitrag wurde deaktiviert.

blogoscoop