Mütter in Schwabylon

Seit Henning Sussebachs Zeit-Artikel Bionade Biedermeier ist über den Prenzlauer Berg eigentlich alles Nennenswerte geschrieben worden: diesen merkwürdigen Stadtteil Berlins, der sich zu der Projektionsfläche schlechthin für die Beschreibung einer dort vermeintlich entstehenden neuen Bürgerlichkeit entwickelt hat. (Wobei dann mit Oliver Gehrs immer noch die Frage bleibt, was daran eigentlich nennenswert sein soll.)

Ja nun, der Prenzlauer Berg ist nicht mehr das, was er einmal war; er ist gentrifiziert worden und wird es immer noch. Was zur Folge hat, dass inzwischen viele viele Akademikerkinder von Akademikereltern dort wohnen, vorzugsweise aus dem Westen stammend, nunmehr selbst Kinder bekommend, Funktionskleidung tragend und SUVs fahrend.

Wie sie dann letztendlich genannt werden, ist immer eine Frage des gerade aktuellen Empörungspegels. Ob Schwaben, Funktionskleidungsträger, Grünenwähler, Fahrradfahrer oder - wie derzeit in Mode - Mütter: Es sind immer dieselben Leute gemeint.

Welcome to Schwabylon.

An dem jüngsten Streit, in der es just um die vielen Prenzlauer-Berg-Mütter geht, die - so lautet der atemberaubende Vorwurf - mit ihren Kinderwagen die Bürgersteige blockieren und den ganzen Tag latteschlürfend-gelangweilt verbringen, während ihre Männer schlipsummantelt im Büro sitzen und den Kauf einer weiteren Eigentumswohnung oder die nächste Klage gegen nachbarliche Ruhestörung planen, lässt sich meiner Meinung aber noch ein bisschen mehr herauslesen als wahlweise Sozialneid oder Genervtheit darüber, dass “die Schwaben” dem gesamten Bezirk ihren Lebensstil aufdrücken.

Ich meine dieses ziemlich schwer zu fassende Soziale an den eben sozial genannten Medien, das dafür sorgt, dass die “zuvor im Print von den Menschen abgelösten Dokumente wieder in soziale Kontexte einbettbar” macht und Christoph Kappes zu der spannenden Frage veranlasst hat, ob wir denn überhaupt noch verstehen, “was seit ein paar Jahren passiert? Können wir noch beobachten - ohne zu werten?”

Die Diskussionen, die ein Artikel von Anja Maier in der taz in den dortigen Kommentaren und auch in einigen Blogs ausgelöst hat, sind auf jeden Fall feinste Trollkommunikation: eine (neue?) Kommunikationsform, in der es eher um die Einverleibung des vorliegenden Textes in das eigene Weltbild als um eine Auseinandersetzung mit dessen Inhalten geht. Die Kritik, die Zustimmung, das Beleidigen und Gegenbeleidigen - es ist vielleicht in der ersten Reaktion, letztendlich aber nicht wirklich persönlich gemeint, sondern dient eher als kommunikativer Brückenschlag in jede beliebige Richtung. (Systemtheoretisches Stichwort: Anschlussfähigkeit.)

Das scheint notwendig zu sein, da ein Zeitungsartikel oder überhaupt ein Dokument in den Kommentarmühlen der Sozialen Netze nicht sicher sein kann, dekonstruiert zu werden. Bekanntlich noch nicht einmal Doktorarbeiten.

Vor einigen Jahren hätte es vielleicht noch ausgereicht, darauf hinzuweisen, dass Anja Maier in ihrem Artikel, einem Buchauszug, die Aussage einer Cafébetreiberin im Gethsemanekirchenkiez protokolliert hat. Das hätte die Diskussionen, die sich vor allem um die ziemlich derbe Ausdrucksweise der Protokollierten drehen, deutlich entschärft. (Ja, es sieht wirklich so aus, als ob es sich hierbei um eine Abschrift handelt, die genau die Sprache mitsamt Dialekt dieser Frau wiedergibt. Ich kenne jedenfalls inzwischen mehrere Leute, die sich sicher sind zu wissen, um welches Café es sich da handelt und welche Frau sich über die Mütter im Prenzlauer Berg aufregt.)

Inzwischen ist es aber ganz offensichtlich nicht mehr möglich, auf eine Definition zu einigen, wie denn (zunächst einmal unabhängig vom Inhalt) der Text einzuordnen ist. Es kommt nicht mehr auf die Schublade an, sondern auf die Perspektive, in der man auf sie schaut.

Peter Praschl zum Beispiel nimmt es persönlich und sieht sich (und vor allem seine Frau) in die Arschlochecke gestellt.

Felix Schwenzel beurteilt den Text als Humorversuch und findet vor allem Pocher-Pointen.

Und dass Andrej Holm scheinbar noch nicht mitbekommen hat, dass in diesem Kontext der Ausdruck Schwaben nicht unbedingt Leute meinen muss, die in Baden-Württemberg geboren worden sind, verwundert mich am meisten. (Aktualisierung: Meine Verwunderung kam nicht von ungefähr: Ich habe mich da nicht nur ungenau ausgedrückt, sondern Andrej offensichtlich missverstanden - siehe Kommentar unten.)

Verstehen wir also, was eigentlich passiert?


 
 
 

4 Kommentare zu “Mütter in Schwabylon”

  1. Hans-Georg
    19. Oktober 2011 um 11:01

    Na klar, echte Berliner und Prenzlauer Berger verstehen es, Zugezogene gerade nicht, denn sie sind zu autistisch selbstfixiert, das ist die Wurzel des Problems!

  2. Thorstena
    19. Oktober 2011 um 11:08

    wer sagt das, Du?

  3. ah
    19. Oktober 2011 um 11:50

    Hallo Thorstena,
    schön dass du dich in deinem Beitrag auf auch meinen Blogeintrag zur taz-Diskussion unter Anja Mayers Cafebetreiberinprotokoll beziehst.
    Aber wie kommst du darauf, ich hätte noch nicht mitbekommen, dass “Schwaben” in der aktuellen Diskussion als Synonym für alles mögliche herhalten müssen?
    In meinem Beitrag habe ich mich ja lediglich darüber gewundert, dass die “Schwaben-Diskussion” von denen in die Diskussion gebracht wurden, die sich von der polemischen Beschreibung der Macchiato-Mütter offenbar persönlich angegriffen fühlten.

    Gerade wenn es so ist, wie du beschreibst, dass “Schwaben” als austauschbarer Sammelbegriff für die veränderten Lebensstile in Prenzlauer Berg stehen, ist es doch ums verwunderlicher, dass ausgerechnet die die mit diesem Begriff kritisierten ihn offensichtlich als Selbstbezeichnung annhemen um sich anschließend gegen die vermeintliche Diskriminierung zu empören.

    Wie sonst wäre es zu erklären, dass sich im Verlauf taz-Troll-Kommentarschlacht eine kolportierte Erzählung über einen spezifischen Mütterstyle mit dem Vorwurf der ‘Schwabenhetze” auseinandersetzen muss. Dahalb habe ich von den “Phantom-Schwaben” gesprochen.

    Grüße, AH

  4. Thorstena
    19. Oktober 2011 um 15:00

    Ich glaube, das war ein Missverständnis, zumal ich mich auch noch ungenau ausgedrückt habe: Ich hatte Dich tatsächlich so verstanden, als ob Du den Eindruck hast, die Teilnehmer an dieser Kommentarschlacht hätten nicht mitbekommen, dass “Schwabe” synonym verwendet wird. (Ich wollte also nicht sagen, Dass du persönlich das nicht mitbekommen hättest.)

    Wobei Du nun sagst, dass auch dieser Eindruck falsch ist, wenn ich Dich dieses Mal richtig verstanden habe. Sorry dafür, werde ich richtig stellen bzw. habe ich oben richtig gestellt.

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