Einführung in die Verhaltens-Obamanomie

Der christdemokratische Asket Heiner Geißler geißelt ja schon seit Jahren “das verheerende Versagen der Wirtschaftswissenschaften“: Deren Konzepte zur Gestaltung der Globalisierung ließen humane Gesichtspunkte außer acht und orientierten sich vor allem an den Kapitalinteressen. Mit fatalen Folgen, da sich die gegenwärtige Politikergeneration als “unfähig” erweise, globalem ökonomischem Agieren ebenso weltweites politisches Handeln entgegen zu setzen. Nun, für diesen Vorwurf dürfte das Attac-Mitglied Geißler wohl kaum die Urheberrechte beanspruchen dürfen; und dass er die Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten begrüßt, überrascht genau so wenig. Dennoch ist es durchaus vorstellbar, dass Geißler nicht nur aus den üblicherweise vorgetragenen Gründen den Ausgang der US-Wahl gut findet. Denn Obama hat auf beide der angesprochenen Sphären – auf die Politik ja sowieso, aber augenscheinlich auch auf die (Wirtschafts-)Wissenschaften – einen alles andere als unerheblichen Einfluss. Zum Beispiel, indem er im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wissenschaftlern nicht nur zuhört, sondern auch und darüber hinaus in seine Regierungsmannschaft holt. Und offenbar gedenkt, deren Konzepte in die Tat umzusetzen, wenn diese denn für gut befunden wurden.

Zweifel am menschlichen Zutun angesichts des Klimawandels? Propagierung sexueller Enthaltsamkeit, anstatt sich auf vulkanisierten Kautschuk in kondomischen Formen und Farben zu verlassen? Kein Geld für Stammzellenforschung aus religiösen Motiven? Unterdrückung wissenschaftlicher Expertisen, sofern diese nicht genehme Ergebnisse beinhalten? Nicht mit Obama, frohlockt etwa der Economist, und sieht zum Beispiel in der Nominierung des Nobelpreisgewinners, Physikprofessors und Klimaschützers Steven Chu für das Amt des Energieministers ein klares Indiz für einen “shift in political attitudes towards scientific advice”. Das sieht die Wissenswerkstatt auch so und verweist auf den Umstand, dass einige hoch gehandelte Wissenschaftler nicht zuletzt aus diesem Grunde sich im US-Präsidentschaftswahlkampf für einen Regierungswechsel eingesetzt hatten. Das Blog konstatiert denn auch erleichtert, dass Obama offenbar entschlossen ist, in dieser Angelegenheit Wort zu halten.

“Wissenschaftlichen Rat” bekommt Obama auch vom Ökonomie-Professor Austan D. Goolsbee, der für das Regierungsteam im Bereich Wirtschaft vorgesehen ist, Obama aber bereits wesentlich länger – seit 2004 – mit wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnissen versorgt. Der mit 39 Jahren für einen Professor junge Goolsbee steht für eine neue Generation von Wirtschaftsexperten, “die sich auf das Internet konzentrieren, Netzwerkeffekte, Verhaltensökonomie und Neuroökonomie untersuchen”, schreibt Mark Williams in der Technology Review und bescheinigt Obama, sich einen Berater ins Boot geholt zu haben, “dessen Fähigkeiten und Ansichten die eines Wirtschaftswissenschaftlers des 21. Jahrhunderts sind.” (Die US-Amerikaner sind also sozusagen bereits bei Bert-Rürup-2.0…; der Finanz- und Wirtschaftsprofessor Rürup ist Vorsitzender der fünf Wirtschaftsweisen Deutschlands, deren Weisheit sich in der Regel ja eher nicht in zutreffenden Prognosen zu bevorstehenden wirtschaftlichen Entwicklungen ausdrückt.) Der Chicagoer Proff Goolsbee jedenfalls steht laut Williams zusammen mit anderen Wissenschaftlern - zum Beispiel Richard Thaler, einem der Begründer der Verhaltensökonomie bzw. der Behaviorial Economics – für zwei grundlegende Herangehensweisen an seine Arbeit:

“Als erstes setzen sie empirische Studien ein, um bestimmte Verhaltensmuster unter eingeschränkten Bevölkerungsgruppen zu untersuchen, weil sich in solchen mikroökonomischen Zusammenhängen solche Daten sehr einfach erheben lassen und sie oft erstaunliche Ergebnisse zeigen. Und als zweites borgen sich die Forscher Erkenntnisse aus der Verhaltenspsychologie und den Neurowissenschaften aus.”

Nun ist die Verhaltensökonomie nicht gerade eine neue wissenschaftliche Disziplin. Im Grunde arbeitet sie sich seit Jahrzehnten an dem prototypischen Modell der klassischen ökonomischen Lehre ab, das menschliche Verhaltensweisen abbilden soll: am Homo Oeconomicus, der Entscheidungen immer rational und nach wirtschaftlichen Kriterien fällt – nicht nur für Verhaltensökonomen meist ganz im Gegensatz zum “Homo Normalo”. Sendhil Mullainathan und Richard Thaler zum Beispiel markieren in ihrer Einführung in die Behavioral Economics drei Einschränkungen, die menschliche Verhaltensweisen in Entscheidungssituationen kennzeichneten, die die klassische ökonomische Theorie aber nicht beachte, nämlich…

  1. unbegrenzte Rationalität
  2. unbegrenzte Willensstärke
  3. unbegrenzter Eigennutz

Kritik am Homo Oeconomicus und die Differenzierung dieses Modells durch psychologische Erkenntnisse machen also das Wesen der Verhaltensökonomie aus. Nun weiß jeder, der über einen Funken Beobachtungsgabe und Selbstreferenzialität verfügt, dass bei menschlichen Handlungen an sich mindestens hinsichtlich der Ratio und des Willens (und mitunter sogar in puncto Egoismus) von unbegrenzten Möglichkeiten nicht die Rede sein kann – gleichwohl ist man immer wieder erstaunt, wie irrational sich Menschen in alltäglichen Situationen verhalten können. So ähnlich ist es mit der Verhaltensökonomie auch: Ihre empirischen Belege und Grundgedanken muten meist einleuchtend und geradezu schlicht an; ihre Ergebnisse können jedoch schnell verblüffend evident sein.

Interessant wird es, wenn die Ideen der Verhaltensökonomen in der Praxis ausprobiert werden. Richard Thaler steigerte zum Beispiel in einem Pilotprojekt in US-amerikanischen Unternehmen den Anteil der Mitarbeiter, die an einem betrieblichen Altersvorsorge-Programm teilnahmen, ganz erheblich, wie zum Beispiel Jean Uwe Heuser in der Zeit berichtet hat. Dafür änderte er nicht etwa die Bedingungen des Programms an sich, sondern lediglich die Form, in der es angeboten wurde: So mussten die Mitarbeiter das Programm nicht mehr wie zuvor üblich bei der Personalabteilung ihres Unternehmens anmelden, sie mussten bei den Personalern lediglich dann vorbeischauen, wenn sie ausdrücklich nicht teilnehmen wollten. Grund genug für Obama, sich diese Erkenntnisse zu eigen zu machen und anzukündigen, Arbeitnehmer fürderhin im Sinne dieses Modellprojektes zur Teilnahme am staatlichen Vorsorgeprogramm zu animieren zu wollen.

“Libertäter Paternalismus” nenne man das, meint Alain Zucker im Schweizer Das Magazin:

“Wir bewahren unsere individuelle Wahlfreiheit, aber die Behörden legen uns bestimmte Lösungen mehr ans Herz als andere. Das Risiko besteht darin, dass die Verhaltensökonomie zwar auf unsere Macken und Schwächen Rücksicht nimmt, aber jene der Behörden und Politiker möglicherweise unterschätzt, die über diese sanfte Bevormundung entscheiden müssen. Deren Bilanz der Volksbeglückung ist bisher nicht berauschend.”

Ein beliebtes Beispiel für die Irrationalität und, deren Berechenbarkeit vorausgesetzt, Manipulierbarkeit menschlicher Verhaltensweisen, die die Verhaltensökonomie durch Studien nachgewiesen hat, ist das so genannte Ultimatum Game. Dieses Modell beschreibt zwei Personen, von denen eine über die Summe X verfügt und von dieser der anderen Person einen in der Höhe selbst festgelegten Anteil abgeben muss. Die andere Person muss zustimmen, ansonsten erhält keiner der beiden auch nur einen Cent. Legt man das Homo-Oeconomicus-Modell für eine Prognose zugrunde, müsste die zweite Person auf jeden Fall die Offerte annehmen - egal wie hoch oder niedrig die in Aussicht gestellte Summe auch sein mag. Denn wenig ist demnach doch immer noch besser als nichts. Doch die Annahme stellt sich schnell als falsch heraus: Niedrige Offerten wurden von den Probanden regelmäßig abgelehnt, die Verhaltensökonomen vermuten, der Ärger über die in ihren Augen ungerechte Verteilung und der daraus entstehende Wille, dem Gegenpart einen auszuwischen, führe zu dieser Handlungsweise.

Die Neurowissenschaften haben das Ultimatum Game auch gleich nachgespielt und per Magnetic Resonance Imaging (MRI) in die Gehirne von Ultimatum-Game-Probanden geschaut und tatsächlich in der Hirnregion, die für das Belohnen und Bestrafen zuständig gilt, erhöhte Kreislaufaktivitäten festgestellt, schreibt erneut der Economist - und bescheinigt den Neuro-Ökonomen gleich mehr Potenzial, um zu bedeutenden Ergebnissen zu gelangen als den Behavioral Economics, in deren Kielwasser dieser junge Wissenschaftszweig derzeit schwimmt. Das mag sogar stimmen, auf die lange Sicht, sicher ist jedenfalls, dass das offene Ohr Obamas sich durchaus nicht als Einbahnstraße erweisen sollte, von der allein die US-Regierungsgeschäfte profitieren werden. Für das Standing (und auch die finanzielle Ausstattung) der Verhaltensökonomie, die ja auch gerne kritisch beäugt wird, dürfte sich die unerwartete Ehre, an höchster (Regierungs-)Stelle gehört zu werden, auf jeden Fall auszahlen. Die Praxis ruft also.

 


 
 
 

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