Social Media und menschelnde SAPisierung

Die sozialen Medien perfektionieren die Vermessung des Menschen. Facebooks Börsengang wird zeigen, wie viel Geld das wert ist, hat Sascha Lobo neulich in seiner Spiegel-Kolumne geschrieben. Für diese Behauptung hat der einzige deutsche Internet-Popstar u.a. eine Untersuchung angeführt, die gezeigt hat, dass die professionelle Auswertung von Facebook allemal mehr bringt bei der Bewerbersuche der Wirtschaft als ausgeklügelt standardisierte Testverfahren.

So weit sind wir also bereits gekommen bei der Quantifizierung bzw. SAPisierung dieser Welt: Alles, was nicht bei 3 auf den Bäumen ist, wird gemessen und in Prozesse gegossen. Schon lange nicht mehr nur in den börsennotierten Unternehmen, sondern auch in den kleinen Klitschen. Nicht mehr nur in der Architektur, sondern auch im Handwerk. Selbst die Politik wird gerade von einer gewissen Partei, die gerade sehr erfolgreich ist, auf ihre Vermessbarkeit hin getestet. Und nun also Social Media.

Interessant dabei ist, dass mehr Standardisierung gleichzeitig mehr Menschlichkeit erfordert. Nur Menschen sind in der Lage, die Verwerfungen der Standardisierung, die Grausamkeiten jeder einzelnen Excel-Datei wieder einigermaßen wettzumachen. Empathie-Schnittstellen können bis auf weiteres eben nur Menschen sein.

Auch eine Socialmediaisierung der Bildungslandschaft würde bedeuten, dass es (menschliche) Experten geben müsste, die Online-Kommunikation entsprechend auswerten und deuten könnten.

Der kanadische Wirtschaftsprofessor Joshua Gans nimmt die vielen Kurse, die von den verschiedensten Universitäten und Unternehmen derzeit online gestellt werden, zum Anlass, um über die Folgen der Digital Revolution in Education nachzudenken.

Seine Quintessenz: Noten und Abschlüsse werden an Bedeutung verlieren, und die stetig in Optimierung begriffenen standardisierten Assessments der Unternehmen reichen nicht mehr aus, um die für sie besten Absolventen herauszufiltern. Die Lösung liegt für Gans bei den Professoren, die den Online-Dialog mit ihren Studenten pflegen und diese dann nach bestimmten Kriterien bewerten sollen - ein Social-Media-System für die Schnittstelle Hochschulbildung und Wirtschaft, bestehend aus Likes und Dislikes sowie persönlichen Empfehlungen.

Das mag man gruselig finden, wenn man noch alte humboldtsche Bildungsideale im Kopf hat. Wahrscheinlich ist es aber gesünder und vor allem realistischer, das zur Kenntnis zu nehmen und das beste daraus zu machen. So wie Martin Lindner etwa, der neulich festgestellt hat, dass die Forderungen der neoliberalen, entsolidarisierten Welt und der kommunitaristisch vernetzten neuen Welt derzeit zusammen fallen. Es sei aber falsch, gute neoliberale Bildung aus moralischem oder bildungsbürgerlichem Dünkel abzulehnen. Richtig verstanden sei eine solche Bildung Ausbildung für den Guerillakampf. Dazu müsse man die Umwelt kennen, mit der man sich auseinandersetzt: “Nötig ist aber auch, die Punkte zu markieren, an dem beides eben NICHT zusammenfällt.”


 
 
 

Ein Kommentar zu “Social Media und menschelnde SAPisierung”

  1. Thorstena » Zuckerberg auf den Spuren Quételets
    24. Mai 2012 um 15:14

    [...] der Börsengang Facebooks ist bislang beschissen bescheiden verlaufen. Möglicherweise ist die Vermessung des Menschen also weit weniger wert als allgemein vermutet. Aber es hätte ja auch etwas Beruhigendes, wenn der [...]

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