Links (28.05.2012)

Die grösste Gefahr für das Web sind die Versuche grosser Unternehmen oder Regierungen, seine Nutzung zu kontrollieren, Zugänge zu blockieren oder das, was Nutzer im Netz machen, auszuspionieren, hat der World-Wide-Web-Begründer Tim Berners-Lee mal wieder betont und im NZZ-Interview mit Juliane Leopold davor gewarnt, “die Vorteile eines offenen, freien Internets als selbstverständlich” anzusehen.

Als tatsächlich offen und frei kann man zB die Sozialen Netze nicht bezeichnen, wenn google plus seine Nutzer zwingen kann, ihre im Ausweis stehenden Namen zu offenbaren, oder facebook einfach Fotos löscht, deren Vomnetznahme nicht einleuchtet (zB stillende Mütter). Felix Neumann greift deshalb die Regulierungsdiskussionen auf, die sich um die Social-Media-Unternehmen drehen, und denkt über die Grauzonen nach, die zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre bestehen: Die Frage sei, ob und worin sich die Regeln bürgerlicher Salons oder Kaffeehäuser, in denen Zeitung gelesen und Argumente ausgetauscht wurden und so Öffentlichkeit entstand, von denen der großen Sozialen Netze überhaupt unterscheiden: Diese Regeln, so Neumann,

sind nicht wesentlich verschieden von Kleiderordnungen und sprachlichen Codes, die bei Tisch und im Café einzuhalten sind: Bisweilen explizit, oft implizit, nicht immer und verläßlich, aber doch oft genug sanktioniert, durchsetzbar ohne wirklich funktionierenden Rechtsschutz, und durchgesetzt nicht etwa durch Beamte, sondern durch Angestellte.

Ändert sich das jetzt grundsätzlich, wenn unser Caféhaus nicht mehr am öffentlich zugänglichen Platz steht, sondern Facebook ist?

Die Kaffeehaus-Metapher greift auch Peter Glaser auf, dessen Kolumne in Futurezone übrigens zu den Perlen der Internetschreiberei in deutscher Sprache gehört:

Die Generation, die nun mit dem Internet aufwächst, lebt nicht mehr mit dem Netz, sie lebt im Netz. Diese neuartige Technosphäre nur als Nachrichten-Umschlagplatz oder digitales Gewerbegebiet zu betrachten, greift zu kurz. Im Netz sind Medien nicht mehr nur Dinge, die wir benutzen – wir leben heute in unseren Medien, auf Facebook, Twitter, in Foren und Blogs. Es sind Pendants zu Straßencafes, Wohngemeinschaften, Clubs.

Außerdem schrub ich auf google plus etwas zu einem meines Erachtens ziemlich kulturpessimistischen Pfingst-Essay, den Botho Strauss in der NZZ veröffentlicht hat:

Einen schwer verdaulichen Essay-Happen hat der immer mal wieder heftig umstrittene Dramatiker Botho Strauss da in der NZZ serviert, den man auf ganz unterschiedlichen Ebenen goutieren kann. Er ist zB durchaus als Bestätigung dessen zu lesen, was Perlentaucher Thierry Chervel neulich mutmaßte: dass die Autoren das Netz vor allem als Bedrohung sehen, weil sie es nicht verstanden haben.

Aber vielleicht wäre das auch ein bisschen sehr schlicht, und vor allem: Was sollte das bringen?

Auf das Internet bezogen - und ich kann da nicht umhin, zwischen den ganzen überbordenden Bildungsmetaphern und -anspielungen eine Kritik an demselben heraus zu lesen - birgt dieses Essay doch vor allem den Vorwurf, dass die Technik und das Wissen “unserer Tage” keinen Raum für Kultur böten und, schlimmer noch, keinen Ort für Kritik oder gar Widerstand.

Ich persönlich glaube an das Gegenteil, zumindest an meinen besseren Tagen. Aber solche Texte wie dieser hier von Strauss zeigen mir halt auch, dass “wir Internet-People” noch lange nicht zum Mainstream vorgedrungen sind, noch immer keine Erzählung anbieten können, um mehr Leute davon zu überzeugen, dass das Netz eben kein Feind des Geistes, der Kultur ist. Ganz und gar nicht.

Noch aber schreibt jemand wie Strauss:

In der virtuellen Welt kann durch Spiel und Abgleich der Geist ein höheres Risiko sowohl der Entfaltung wie der Verstrickung eingehen als durch irgendeine Form des Widerstands. (…)

Wer sich an technischen Neuerungen berauscht, ist ein Schwachkopf. Wer sich ihrer zu bedienen versteht, ist ein Alltagsmensch, aus dem noch einmal etwas Besonderes werden könnte, wie zu allen Zeiten. Der Bewegungsraum eines Menschen muss zu fünf Achteln anachronistisch sein und darf nur zu drei Achteln aus Unübersehbarem bestehen. (…)

Früher gab’s mehr von dem, was war. Heut gibt’s zu viel von dem, was wird. (…)

Wissen und Technik unserer Tage haben bisher keinen sprachbildenden Einfluss, scheinen nicht chiffrierfähig. (…)

Die ästhetischen Valeurs sind die bedrängtesten. Was interessiert es, ob millionenweis kommuniziert wird, wenn der Hort des unduldsam Schönen keine chaotischen Schwingungen mehr in die Social-Cloud absetzt?


 
 
 

4 Kommentare zu “Links (28.05.2012)”

  1. BenZol
    29. Mai 2012 um 13:03

    Mir fliegt der Draht aus der Mütze und mein Bruch tritt raus
    so’ne Kritik hält doch kein Mensch im Kopf mehr aus.
    Ich guck auf den Bildschirm und glaub ich schiel
    weil mein Weltbild grad in sich zusammenfiel.

  2. Thorstena
    29. Mai 2012 um 13:05

    Grass?

  3. BenZol
    29. Mai 2012 um 13:25

    Ja.

  4. Thorstena
    29. Mai 2012 um 14:03

    :-)

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