Links (27.10.2012)

Das Königsdrama ist immer noch das beste Narrativ, um Skandale zu beschreiben. Über Möglichkeiten und Grenzen einer Erzählform am Beispiel des Falls der Swiss Air schreibt der Schweizer Journalist Constantin Seibt auf seinem Blog Deadline.
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Thomas Macho, der Kulturwissenschaften an der Humboldt-Uni in Berlin lehrt, hat in der NZZ einen Abriss über Menschen, Tiere und Maschinen veröffentlicht.

Nach Macho ist die Abgrenzung des Menschen von den Tieren und damit von allem anderen (also auch den Maschinen) nicht schon Produkt der antiken Philosophie, des Monotheismus oder der Renaissance, sondern erst des Industrialismus:

Der Paradigmenwechsel von den agrarischen zu den industriellen Maschinen kann kaum überschätzt werden; ihm verdanken wir den wirtschaftlichen Reichtum und die technischen Triumphe der letzten zweihundert Jahre. Ihm verdanken wir aber auch eine radikale Verdrängung der Tiere aus den meisten Lebensbereichen: den praktischen Siegeszug einer Wissenschaft vom Menschen, die der Separation von Tieren, Menschen und Maschinen eine theoretische Legitimation zu geben versuchte.

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David Weinberger erinnert uns daran, dass sich Fakten, Wahrheit, Wissen und Objektivität nicht erst im Informationszeitalter als historische Konstruktionen entpuppt haben, indem er in zwei Blogposts (1 und 2) anhand des Wahrheitsbegriffes Martin Heideggers klarstellt, dass es schon immer Zeiten gegeben hat, denen es guttat, ihren Wahrheitsbegriff etwas aufzulockern und so andere Wahrheiten möglich zu machen: ein ungemein beruhigender Gedanke, wie ich finde:

Heidegger’s notion that truth is the world showing itself to us, and it shows itself to us differently depending on our projects.

It’s phenomenologically true: the onion shows itself differently whether you’re intending to cook it, whether you’re trying to grow it as a cash crop, whether you’re trying to make yourself cry, whether you’re trying to find something to throw at a bad actor, etc.

I understand that when Heidegger was writing Being and Time in the 1920s, it was important to try to relax our culture’s commitment to scientific objectivity in order to allow more types of truths to appear – more ways that the world shows itself to us.

Almost a hundred years later, with a brand new medium for knowledge, truth, and disclosure, it is time to re-assert science’s privileged (yet still human and imperfect) position as we try to come to agreement across cultures about what we need to do in order to live together on this earth.

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Es gibt vielleicht ein paar 100 Netzwerkingenieure weltweit, die sich alle persönlich kennen und das Internet schmeißen, sagt der Architekturkritiker Andrew Blum in einem Interview mit Andrian Kreye.

Klassische Geeks. Unfassbar intelligent und sehr selbstbewusst, was diese Intelligenz betrifft. Da herrscht dann auch so eine Gladiatorenkampfstimmung, weil jeder von ihnen glaubt, dass sie genau wissen, wie man am besten vorgeht.

Kreye fragt: Und die betreiben den Backbone des Internets?

Das Netz ist feinmaschiger geworden. Einige Anbieter von Inhalten sind inzwischen selbst globale Netzwerke geworden. Google, Microsoft und Facebook betreiben ihre eigenen Netze und sind so zu ihren eigenen Backbones geworden. Deswegen sind die Knotenpunkte so wichtig geworden.

Ein weiteres Charakteristikum: die Nähe der physischen Bestandteile des Internets zu den historischen Handelszentren - sinnfälliger Ausdruck seiner unmittelbaren Verwandtschaft mit Kapitalismus und Globalisierung:

Was mich wirklich erstaunt hat, war, dass die physische Infrastruktur den alten Handelsrouten folgt. Die Unterseekabel verbinden dieselben Orte, die schon immer miteinander verbunden waren – New York, Lissabon, Mombasa, Mumbai, Singapur. Im Landesinneren sind es auch die traditionellen Handelsstädte – Frankfurt, Guangdong.

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An dieser Stelle trifft sich die Aussage Blums mit der des Algorithmus-Experten Kevin Slavin, der einen ganz einfachen Grund dafür präsentiert, warum zum Beispiel in New York die Bauwerke rund um die Wall Street inzwischen eher algorithmischen als menschlichen Bedürfnissen angepasst werden: Der Hochfrequenzhandel sucht die Nähe zur Börse, um mit den jeweils eigenen Algorithmen diesen einen Sekundenbruchteil schneller zu sein als die Konkurrenz (via):

It takes you 500,000 microseconds just to click a mouse. But if you’re a Wall Street algorithm and you’re five microseconds behind, you’re a loser.


 
 
 

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