Warum Twitter Öffentlichkeit ist

“jede erfolgreiche plattform erzeugt ihr soziales objekt aus dem nichts. (es gibt kein ungebundes soziales, das an keine konkrete formation gebunden ist. sozial ist im web immer an eine konkrete formation gebunden)”, hat Markus Spath mal gesagt.

Man könnte also auch sagen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer zufälligen Ansammlung von Menschen und einer Ansammlung von Menschen, die womöglich einmal zufällig zustande kam, ab einem gewissen Umschlagpunkt aber Muster kollektiven Handels oder Denkens aufweist - nur dass dies leider nicht planbar ist.

Man kann aber wenigstens eine Voraussetzung angeben, die erfüllt sein muss, damit dieser Umschlagpunkt stattfinden kann - Gleichzeitigkeit.

Nehmen wir Twitter: Der Clou dort ist nicht, dass alle gleichzeitig etwas lesen. Sondern dass alle gleichzeitig etwas Bestimmtes lesen (können) und das auch wissen. Diese gemeinsame Erfahrung ist die kollektive Magie des 140-Zeichen-Dienstes, und deshalb ist Twitter auch “Öffentlichkeit”

Urs Stäheli benennt in der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 5 “Konsequenzen für eine gegenwärtige Theorie des Kollektiven”:

1. Kollektive sind flüssig und werden immer wieder neu aus unterschiedlichen Einheiten zusammengesetzt (Menge der eingeloggten Twitter-User an einem gegebenen Tag zu einem gegebenen Zeitpunkt, die auf den Bildschirm schauen)

2. Es bedarf gewisser (Infra-)Strukturen, damit sich “ein temporäres Wir” bilden kann. (140 Zeichen pro Nachricht …)

3. Die Infrastruktur und das Kollektiv müssen durch wiederholbare Bewegungsmuster für die Individuen verknüpft werden, um selbst wiederholbar zu sein. (…immer und für jeden zu jeder Zeit)

4. Das Kollektiv verhält sich parasitär zur Infrastruktur und bestimmt das Nutzungsverhalten emergent und eigenständig. (Gespräch, Hashtag, Shitstorm - keiner weiß warum)

5. Kollektive beschreiben sich nicht selbst und sind deshalb als Phänomen an sich mit hoher Bedeutung aufgeladen. (”Twitter ist demokratiefördernd”)

(via Jan-Felix Schrape)

Nachtrag: Dazu passt ein Blogpost Christian Michael Schenkels, den ich vor Monaten fand und in dem er sich mit dem Thema Masse und Social Media anhand Elias Canettis Masse und Macht auseinander setzt.


 
 
 

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