Machen wir uns nicht vor LI

Niemand sagt von sich, er sei ein Element einer quantitativ sehr mächtigen Menge (…) [oder] von Mengen, die sich überschneiden, auch wenn sie kausal nicht miteinander zusammenhängen. Unser Leben läuft sozusagen in einem Meer von unzähligen simultanen Statistiken ab, und die Zivilisation ist eine Einrichtung, welche die Zufälle real aus dem allgemeinen Dasein verbannen soll (…), während die Kultur die Zufälligkeit durch eine ihr eigentümliche “Wegerklärung” ausschaltet. (…) Deshalb ist der Argwohn, daß Zufallserscheinungen etwas Äußerliches seien, hinter dem sich kausale Zusammenhänge verbergen, (…) nicht die Ausnahme von der Regel kultureller Verhaltensweisen, sondern gerade deren normale, allerdings übersteigerte Konsequenz.

Stanisław Lem: Summa technologiae (1964)


 
 
 

18 Kommentare zu “Machen wir uns nicht vor LI”

  1. kusanowsky
    14. August 2014 um 11:11

    https://twitter.com/thorstena_bln/status/499607355181785088

    Ich glaube nicht, dass der Zufall gefürchtet wird. Ich glaube, dass jede noch so absurde und weltfremde Begründung deshalb so gern akzeptiert wird, weil man dadurch genügend Grund zum Widerspruch findet. Gründe werden nicht angeführt, damit sie geglaubt werden, sondern damit man etwas hat, worüber man reden kann. Das Bestehen auf Gründen, ihre Akzeptanz genauso wie ihre Ablehnung, hat eine gleichsam sozial notwendige Verschleierungs- und Verdeckungsfunktion. Indem durch Gründe Unglaubwürdigkeiten zur Kommunikation frei gegeben werden, vollzieht sich die Kommunikation auf einer Irritationsebene, durch die der grundlose Ablauf der Kommunikation und damit auch der grundlose Ablauf des ganzen Alltags, des Lebens beiseite geschoben werden kann. Denn nichts macht so sprachlos wie die Einsicht in die Zufälligkeit all der Dinge, deren Geschehen, deren Vorkommen gar keine Notwendigkeit hat.

    https://twitter.com/kusanowsky/status/492299165955670018

    Wer Denken und Sprechen gelernt hat, ist fortan außerstande, Sinnlosigkeit zu erfahren. Verstandesfähigkeit ist eine Art psychische Machtorganisation, die auf dem Wege der Gedächtnisbildung Ereignisverknüpfungen herstellt, so dass Unterschiede im Zeitverlauf, die keine Dauer haben und trotzdem in Beziehung zu einander gestellt werden können, fortdauern können: eine hübsche, aber machtvolle und real wirksame Illusion der Dauer, die nicht selten auch monstrositäten gebiert.

    Wer gelernt hat Zeit und Sinn zu verstehen, pflegt ein idiosynkratische Verhältnis zum Zufall. Denn Zufall wird ja nicht nur gefürchtet, sondern wird auch als Beglückung erfahren. Leider kann man sich weder den Zufall aussuchen, noch die eigene psychische Reaktion darauf.
    Darum ist die Diskssion über Gründe so fundemental hilfreich. Sie lenkt ab von Dingen, mit denen ohnehin niemand etwas anfangen kann und behindert die Einsicht in das, was ohnehin nicht der Rede Wert ist.

  2. Fritz
    14. August 2014 um 18:29

    Der Grund, warum wir “argwöhnisch” gegenüber der Grundlosigkeit des Zufalls immer erst einmal nach Begründungen suchen, kann ursprünglich darin liegen, dass unsere primären Erfahrung sind, dass es Ursache und Wirkung gibt und dass bei Wiederholung einer Ursache sich auch die gleiche Wirkung einstellt. Das ist konstitutiv für die Bildung jedes menschlichen Bewusstseins: “Gebranntes Kind scheut Feuer”, weil es den Grund kennt, und es bildet sich dann die Hypothese, dass alles einen Grund im Sinne einer Ursache hat, es kann höchstens sein, dass sich die Gründung der direkten Erfahrbarkeit entziehen. “Grundlosigkeit” ist von da an (sehr früh) eine unerträgliche Provokation. Bekannt sind z.B. die psychischen Schäden, wenn Kinder von ihren Eltern mal geküsst und mal geschlagen werden, ohne dass für sie der Grund für die plötzlichen Umschwünge irgendwie erkennbar sind - sie können dann leider nichts anderes als anzunehmen, dass die “Strafen” einen Grund im Kind hätten. Kinder entwickeln aus der “Grunderfahrung” dann die Litanei der “Warum?”-Fragen. Ungefähr bis 16, 17, 18 Jahre sind Jugendliche dann ein großes Ärgernis für Erwachsene, weil ihnen zu allen möglichen Selbstverständlichkeiten des Erwachsenenlebens Fragen nach dem Warum einfallen (”Warum soll ich überhaupt leben?” etc.), später sind die sogenannten “normalen Menschen” dann geradezu dadurch gekennzeichnet, dass sie sich die Fragen nach den Gründen überall dort abgewöhnen, wo die Antworten unbequem oder schmerzhaft wären.
    Ein Ärgernis ist die Grundlosigkeit auch in Erzählungen und Kunst: “Der Bürger duldet nichts Unverständliches im Haus” (Karl Kraus). Filme sind ein gutes Beispiel. Sie emulieren Welten, in denen alles erkennbare Gründe hat, und auch die Zufälle des Lebens (”Doch dann wurde Mutter krank und starb”) sind als Normalität in die “Grundordnung” eingefügt.
    Der Wunsch der Menschen, dass sie nichts ohne Grund tun und außerdem nichts ohne Grund geschieht, führt zu einer Begründungsmanie, die schon deshalb zum Streit führen muss, weil vielfach Begründungen buchstäblich fiktional sind, unterstützt noch von dem Umstand, dass die Menschen schon beim Beobachten der Erscheinungen inkonsistent sein können bis hin zur Fiktionalität dessen, was sie sehen: “wishful seeing” (hatte Goethe schon mit 8 Jahren erkannt, wie die Menschen schon über einfachste (”evidente”) Sachverhalte unterschiedlichster Ansicht sein könnten).
    “Dass jede noch so absurde und weltfremde Begründung deshalb so gern akzeptiert wird, weil man dadurch genügend Grund zum Widerspruch findet” - stimmt das denn? In vielen Fällen hegt man Gründe insgeheim - “über meine Gründe möchte ich nicht reden”, zumal unter Rationalisten wird der Esoteriker lieber still, während er ganz munter über seine Gründe plaudert, wo ihm niemand etwas entgegensetzt. Umgekehrt saugt der Mensch offenbar noch die absurdesten Begründungen auf, wenn ihm keine anderen Gründe zur Verfügung stehen. Paradebeispiel dafür sind die Religion mit ihren Erklärungen, wo denn alles herkäme - alles Not-Antworten auf die unbeantwortbaren Fragen der Kinder. Augenscheinlich liebt der Mensch Plausibilität. Plausibilität sorgt für Symmetrie und Ordnung. Die Therapieidee der Psychoanalyse beruht auf nichts anderem, als dass dem Patienten eine Begründung für sein Leiden zu Bewusstsein kommt - welche tiefe Erleichterung, wenn man für sich selbst plausibel “weiß” (zur Sprache bringen kann), aus welchen Gründen man leidet. Grundsätzlich ist es ja überhaupt so, dass die Menschen den Grund für das Positive in ihrem Leben sich zuschreiben (”Ich” ist immer prinzipill ein befähigter Mensch), während für das eigene Unglück immer etwas außerhalb der eigenen Person die Schuld trägt: Schießen wir ein Tor, war das unsere großartige Leistung, geht der Ball daneben, war der glitschige Ball schuld, der Schuh, der Rasen, der Wind, der Gegner, die Sonne, der Zufall.

  3. Thorstena
    14. August 2014 um 21:33

    Ich hatte Deinen Tweet gelesen, Klaus, und sehe das ähnlich, glaube ich - ich habe die Furcht vor dem Zufall so betont, da ich den Eindruck habe, dass - pauschal und pathetisch gesagt und ohne dies durch irgendwelche empirischen Studien belegen zu können - die zunehmende Dominanz naturwissenschaftlicher Denkweisen (bzw. was man dafür hält) gerade im techaffinen Milieu (und auch in der so genannten Generation Y) dazu führt, dass nun dem Zufall als gering geschätzten, aber zähneknirschend akzeptierten Sonderfall endgültig der Garaus gemacht werden soll - Big Data und Transparenz lassen schön grüßen.

    Historisch gesehen ist es aber nicht so, dass der Zufall immer schon kritisch gesehen wurde und diese Haltung sogar “konstitutiv für für die Bildung jedes menschlichen Bewusstseins” sei. Deshalb kannich Dir und Deiner psychologisierenden Deutung auch nicht zustimmen, Fritz.

    Die Antike bemühte bekanntlich die Schicksalsgöttin Fortuna ebenso wie das Christentum, nur das letzteres denselben letztendlich immer mit dem Willen Gottes begründete. Erst im 18. Jh. begannen die Aufklärer dann, den Zufall zu rationalisieren (vgl. Koselleck: Vergangene Zukunft http://www.suhrkamp.de/buecher/vergangene_zukunft-reinhart_koselleck_28357.html?d_view=inhaltsverzeichnis).

    Anders gesagt: Die Geringschätzung des Zufalls ist historisch und ein modernes Phänomen.

  4. markus
    14. August 2014 um 21:58

    nur zum big data und statistik: die haben beide überhaupt kein problem mit dem zufall oder wollem ihm den garaus machen, ganz im gegenteil. der zufall wird nicht nur als gegeben angenommen, der umgang mit dem zufall (und wahrscheinlichkeiten) ist der eigentliche kern der methode.

  5. Thorstena
    14. August 2014 um 22:14

    Ich gebe zu: alles sehr verkürzt dargestellt.

    Aber Du sprichst von der Methode und ich von Erwartungen; insofern sehe ich da keinen Widerspruch: siehe Studie von Boyd und Crawford >>> http://www.thorstena.de/?p=4406

  6. Max
    14. August 2014 um 23:38

    “Die Antike bemühte bekanntlich die Schicksalsgöttin Fortuna ebenso wie das Christentum, nur das letzteres denselben letztendlich immer mit dem Willen Gottes begründete.”

    Schicksal und Wille Gottes sind doch gerade das Gegenteil von Zufall. Solche Annahmen waren und sind gerade dazu da, den Zufall auch dort wegzuerkären wo man keine konkreten Erklärungen erfinden kann. Und zwar indem man annimmt, ein Rädchen im großen Plan des Schicksals / Gottes zu sein: Man kennt diesem Plan zwar nicht, aber man nimmt an, es gebe ihn. Mit dem Schicksal kann man auch die unerklärlichen Ereignisse erklären, denn das Schicksal meint eine Erklärung, die man selbst nicht kennt. Wenn man etwas nicht versteht, sagt man einfach “Die Wege des Herrn sind unergründlich”. Der Trost darin ist: Wir kleinen Lichter sind in unserem Horizont nur zu beschränkt um das Große Ganze zu sehen, aber immerhin, das Große Ganze gibt es! Stattdessen anzunehmen, das ganze Leben sei tatsächlich zufällig und sinnlos, kann frustrierend oder zumindest unbefriedigend sein. Besonders dann, wenn es es einem schlecht im Leben geht. Angeblich nimmt die Religiosität immer in Krisenzeiten zu.

    Aber ja: Die konkreten, benennbaren Ursachen mit denen uns die Wissenschaften (aber oft auch: Esoterik, Pseudowissenschaften, Verschwörungstheorien usw.) versorgen, sind sicherlich oft nachvollziehbarer, sodass man nur noch selten ein unbekanntes Schicksal als Erklärung für etwas braucht. Ein gefühlter Nachteil der wissenschaftlichen Erklärungen ist dagegen, dass sie so nüchtern sind. Sie enthalten keine Frohe Botschaft; sie liefern Erklärungen, aber nicht unbedingt angenehme. Zum Beispiel gibt in den wissenschaftlichen Erklärungen keinen Hinweis auf ein Leben nach dem Tod. Da ist die Botschaft des Christentums, auf das die Gläubigen zurückgreifen, schon angenehmer.

    Nebenbei:

    “Während 60 Prozent der Ostdeutschen mit der Vorstellung von einem Weiterleben nach dem Tod gar nichts oder nur wenig anfangen können, sagen dies nur 25 Prozent der Westdeutschen. “Ziemlich” oder “sehr” glauben dagegen nur 13 Prozent der Ostdeutschen, aber 38 Prozent der Westdeutschen.”
    Quelle: http://www.welt.de/vermischtes/article3495328/Viele-Deutsche-glauben-an-ein-Leben-nach-dem-Tod.html

    Dazu muss man wissen: Die Ostdeutschen sind sehr viel weniger religiös als die Westdeutschen. Ostdeutschland ist laut einer Studie sogar die am wenigsten religiöse Region der Welt.
    Quelle: http://www.welt.de/politik/deutschland/article106201680/Ostdeutsche-sind-groesste-Gott-Zweifler-der-Welt.html

  7. Fritz
    15. August 2014 um 07:37

    @Thorstena Dass die Gegenwart eine Obzession für Determiniertheit und Aufdecken der Gründe pflegt, würde ich auch so sehen. Das ist das Faustische der Moderne. Nichts kann ohne Grund sein, weswegen bei jedem tragischen Unfall heute nach einem Schuldigen gesucht wird (sehr schön, wie teilweise Jahre aufgewendet werden, um mit unfassbarer Akribie die Ursache eines Flugzeugabsturzes zu eruieren).
    Die Naturwissenschaft löst dabei aber nur ältere Begründungsschemata ab. Die europäische Antike brachte die Vielgötterei hervor, um für alles eine Erklärung zu haben. Fortuna weist zwar dem Menschen “glückliche Zufälle” zu, aber hat sie nicht jeweils Gründe dafür?
    Es gibt übrigens noch einen Begriff, der dem Zufall direkt beigeordnet ist: Risiko. Die Antike kannte diesen Begriff gar nicht im heutigen Sinn, geschweige denn seine Berechenbarkeit. Warum? Es war eben nicht Sache des Zufalls, ob man mit seinem Schiff unterging, sondern Sache der Götter. Die Risikoabschätzung kam erst mit der Aufklärung, die neue Begründungszusammenhänge ermöglichte. Erst jetzt war es sinnvoll, Schiffsuntergänge zu zählen und nicht mehr zu glauben, irgendeine höhere Macht habe einen Grund gehabt, dieses oder jenes Schiff untergehen zu lassen. Es handelte sich nur noch um Niederlagen menschlichen Handelns im Kampf gegen die Kräfte der Natur. (Ein Buch, dass die Begriffsgeschichte des Risikos sehr spannend erzählt, heißt treffenderweise “Against the Gods”.)
    Wenn man die Gegenwart betrachtet, könnte man vielleicht sagen, die Begründungswünsche sind eine volle Umdrehung komplexer geworden - wir suchen jetzt immer den “Systemzusammenhang”, also auch die Gründe hinter den Gründen und deren Gründe noch dazu. Ökosystem, Finanzsystem, Zellsystem, soziale Systeme, Wirtschaftssystem, Biosysteme, Nervensysteme, Rechtssysteme, Schulsystem etc. So wie der antike Mensch sich im Spannungsfeld miteinander streitender Götter befand, lebt der moderne Menschen im Spannungsfeld diverser “Systeme” und findet dort, wenn die Details zu kompliziert werden, die short cuts für seine Erklärungsbedürfnisse: “Schuld ist das Wirtschaftssytem” ist für die eine der höchste Gott, “schuld ist die Biologie” für andere.
    Das handlungsorientierte Begründungsschema der Aufklärung hat dabei einen großen Vorzug: Es ist immens erfolgreich. Inzwischen hat jede größere Firma eine Forschungsabteilung, und selbst die ökonomischen Auswerter des Begründungsbedürfnisses bezweifeln nicht die Wichtigkeit esoterischer “Grundlagenforschung” - was die Quantentheorie noch mal für Umsätze ermöglichen könnte!
    Insofern meine ich eher beobachten zu können, dass der Zufall im Sinne eines unerklärlichen Ereignisses durchaus gefürchtet wird, insbesondere solche “Zufälle”, die vorher vereinbarten Begründungsschemata widersprechen. Daher die allgegegnwärtigen Ideologien und “biases”: Eher reden wir von Zufall und “Ausnahme von der Regel, die die Regel bestätigt”, als dass wir das “Begründungssystem”, an das wir gerade glauben, anzweifeln ließen. Die Gültigkeit des eigenen Begründungsschema durchzusetzen, ist ein so starkes Bedürfnis, dass darum sogar Kriege geführt wurden und werden. Droht Inkonsistenz, wird nachgebessert. So streiten sich “Biologisten” mit “Psychologisten” mit “Rassisten” mit “Soziologisten” mit “Ökonomisten” mit “Marxisten” mit Gottgläubigen etc. - da wird immer besonders besonders viel erbitterter Streitaufwand aufgebracht, wo es um die Richtigkeit nicht einer Begründung, sondern eines ganzen Begründungsschemas geht. Da hängt Identität dran. Wird die bestritten, wird Mensch rabiat.

  8. Beobachter der Moderne
    15. August 2014 um 10:22

    Eine Frage in die Runde: Ist jemanden die Ironie aufgefallen, dass hier mit dem Zufall nur die Grundlosigkeit zum neuen Grund umgedeutet wird? Begründungen dienen angeblich dazu die Furcht vor dem Zufall zu beherrschen. Dabei wird der Zufall nur zum neuen Beobachtungschema um damit die Furcht vor der Grundlosigkeit zu nehmen. Der Zufall wird also zum neuen Grund. Auch wenn das Bedürfnis nach Gründen kritisiert wird, ist der Zufall nur ein neuer Grund sich das Weltgeschehen zu erklären. Aus dem Zirkel der Sinnzurechnung, egal welche Gründe dafür nun herhalten müssen, kommt man nicht raus.

    Es geht also letztlich nicht um die Furcht vor dem Zufall, sondern um das Bedürfnis nach Sinn. Zufall lässt es nicht zu, dass man Erwartungen bilden kann. Ebenso unmöglich ist es dann in Ereignissen einen Sinn zu erkennen. Zufall kann dann auch nur ein neues Beobachtungsschema sein, um Sinn zurechnen zu können – wenn auch kein sehr gutes, denn es geht darum in der Sinnlosigkeit einen Sinn zu erkennen. Das hilft bloß kaum weiter, weil man dann trotzdem keine Erwartungen bilden kann. Und wer sich mit der Sinnlosigkeit der Welt abgefunden hat, wird in ihr irgendwann auch keinen Sinn mehr sehen. Das gilt auch für Selbstbeobachtung. Fritz hat schon recht, wenn er anmerkt, dass es um Identität geht. Ja, aber nicht nur in Bezug auf sich selbst, sondern die Welt insgesamt. Nicht Identität macht rabiat, sondern fehlender Sinn.

  9. Thorstena
    15. August 2014 um 20:15

    “Ist jemanden die Ironie aufgefallen, dass hier mit dem Zufall nur die Grundlosigkeit zum neuen Grund umgedeutet wird?”

    Die Frage, wie die Menschen mit den Dingen umgehen, die sie nicht erklären können, ist der eigentliche Ausgangspunkt gewesen, warum ich das Zitat oben gepostet habe. (Insofern liegen Schicksal, Gottes Wille und der Zufall nicht so weit auseinander, als man vielleicht vermuten könnte, Max.)

    Es ist nur so, dass ich wie gesagt den Eindruck habe, dass der Zufall als “Grund” zunehmend weniger akzeptiert wird - und nicht, dass “hier mit dem Zufall nur die Grundlosigkeit zum neuen Grund umgedeutet wird.”

  10. Fritz
    16. August 2014 um 10:59

    Ja, der “Zufall” ist ein Ersatz-Grund und als solcher praktisch nur noch für Versicherungen akzeptabel. Er widerspricht der Physik (”Gott würfelt nicht”). Stellen wir uns ein Beispiel vor: “Der jüngste Krieg zwischen Israel und Hamas ist ein Zufall der Geschichte. Genauso zufällig hätte Frieden ausbrechen können.” Eine solche Deutung wäre nicht akzeptabel, weil dann keiner mehr wüsste, welche Strategie er verfolgen sollte: Wie soll man handeln gegen den Zufall? Da gibt es nur eins: Regeln. Dann wäre der glückliche Ausgang der Menschheitsgeschichte nur ein Thema für Regulierung und drastisches Enforcement der Regeln(so wie im Straßenverkehr der Zufall durch Regeln abgeschafft werden soll, im nächsten Schritt dann durch autonomes Fahren, was praktisch den Preis von Autoversicherungen gegen Null tendieren lassen könnte).
    Besondere Erklärungsfluten erleben wir in den letzten Jahren in der Ökonomie. Die Weltwirtschaft ist eigentich ein unendlich komplexes Ding, das sich tagtäglich aus mehreren Milliarden Transaktionen zusammensetzt, aus circa 20 Milliarden Mannstunden Arbeit, aus unendlich vielen rechtlichen, sich kompliziert überschneidenden Regelungen, obendrein noch aus Psychologie, Geschichte, geographischen, technischen und politischen Voraussetzungen und nicht zuletzt spielt auch noch jede Menge mathematische Logik hinein. Alles Gründe, um sich mit “einfachen” Erklärungen und Prophezeiungen zurückzuhalten, aber das Gegenteil ist der Fall: Es wuchern die Erklärungen, während die Mauern der ökonomische Denkpaläste schwanken und stellenweise zusammenbrechen. Durchgesetzt hat sich auf diesem Gebiet offenbar nur die Lehre von der Wahrscheinlichkeit, dass es immer anders kommen kann, als man denkt - der nächste “Schwarze Schwan” kann jederzeit hochflattern. Nicht zufällig, aber unvorhersehbar.

  11. Thorstena
    16. August 2014 um 20:44

    (Man könnte sogar noch weitergehen und sagen, dass der Zufall von der Technik aufgesogen wird: “Abseits der gegenwärtigen Transparenzekstase zeichnet sich die Frage nach einem neuen Arkanum ab, einem Funktionsgeheimnis digitaler Kulturen, das nicht geheim gehalten zu werden braucht, weil es schlicht inkommensurabel ist.” http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/das-digitale-denken-ii-die-zeit-die-aus-der-kaelte-kam-12845616.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2)

  12. Beobachter der Moderne
    17. August 2014 um 12:06

    @Thorstena
    Ich hab meine Zweifel, ob der Zufall jemals als Grund akzeptiert wurde, denn der Zufall erklärt nichts. Er markiert nur das Problem für das es Lösungen zu finden gilt.

    Technik saugt auch nicht den Zufall auf. Mit jeder Störung und mit jedem Unfall macht er sich wieder bemerkbar. Technik ist allenfalls eine Lösungsstrategie mit Zufällen umzugehen. Eliminieren kann man Zufälle trotzdem nicht. Deswegen gibt es sowas, wie Risikofolgenabschätzung. Wer suggeriert, bei Technik gehe es um die Eliminierung des Zufalls, gibt eher Auskunft über die eigenen naiven Erwartungen an Technik als über den Wissensstand von Ingenieuren. Die sind sich in der Regel des Problems, dass man den Zufall niemals vollkommen ausschalten kann bewusst, selbst wenn das das erklärte Ziel sein sollte. Nur weil bestimmte Medienwissenschaftler kein ausreichendes Verständnis von Technik haben, um solche Sachverhalte beurteilen zu können, bedeutet das nicht, dass es ein Arkanum gibt.

  13. Thorstena
    17. August 2014 um 13:03

    @Beobachter “Nur weil bestimmte Medienwissenschaftler kein ausreichendes Verständnis von Technik haben, um solche Sachverhalte beurteilen zu können, bedeutet das nicht, dass es ein Arkanum gibt.”

    Ich bin diesem netzsalonistischen Todschlagargument, XY verstünden die technische Seite von Z nicht und sollten daher schweigen, inzwischen müde geworden. (Zumal man so ein Argument auch umdrehen und behaupten könnte, Ingenieure sollten zu Fragen der Ethik schweigen, da sie nur in Zweck/Mittel-Kategorien zu denken in der Lage seien und deshalb nicht verstünden, was “Sinn” sei - aber lassen wir das; das führt zu nichts.)

    Wie oben bei hackr bereits angedeutet, geht es mir nicht um die Funktionsweise von Technik, sondern um die Erwartungen, die damit verknüpft sind, und auch um gesellschaftlich Strukturen, die sie zu formen hilft. Im Grunde also die Frage nach dem Zufall imho auch eine Frage nach “Macht und Verantwortung”:

    “Zur angemessenen Beurteilung von Maschinen, Strukturen und Systemen der modernen materialen Kultur gehören nicht nur ihre Beiträge zur Effizienz und Produktivität oder ihre positiven oder negativen Auswirkungen auf die Umwelt, sondern auch die Art und Weise, wie sie spezifische Formen von Autorität und Macht verkörpern. (…) Was wir Technologie nennen, sind Weisen, Ordnung in unsere Welt hineinzunbauen.” Langdon Winner/http://innovate.ucsb.edu/463-langdon-winner-do-artifacts-have-politics

  14. Beobachter der Moderne
    17. August 2014 um 14:44

    Ich hatte den Artikel von C. Pias gelesen, bevor ich den Kommentar geschrieben hatte. Er beschreibt darin nur das Offensichtliche, genauso wie der Satz: „Was wir Technologie nennen, sind Weisen, Ordnung in unsere Welt hineinzunbauen.“ Was besagt denn das genau? Gerade wenn dieser Sachverhalt so offensichtlich ist, besagt er für sich genommen nicht viel – es sei denn man hat ein Problem mit den Ordnungen, die bestimmte Technologien erhalten. Dann ist man auch schnell bei der Machtfrage und kann Technikprobleme zu politischen Problemen umdeuten. Technik nützt aber nicht nur Politikern. Technologie nur als politisches Problem zu betrachten, verengt den Blick auf die eigentliche Funktion von Technologie, nämlich Zeit- und Energieersparnis bei der Lösung bestimmter Probleme. Neue Technologien können jedoch auch eine Neuorganisation von Arbeitsabläufen mit sich bringen. Damit sind die Vor- und Nachteile der Technik nicht auf Politik beschränkt, sondern ziehen sich durch alle fast alle Facetten des Lebens. Wir sind nicht zuerst Opfer von Technik, sondern vor allem Benutzer von Technik. Jeder profitiert davon und trägt somit eine Verantwortung. Das schließt nicht aus, dass man auch zum Slaven der Technik werden kann. Deswegen ist aber trotzdem nicht zuerst die Politik gefordert, sondern jeder selbst, in dem er sich mal fragt, ob er noch Nutzer oder schon Sklave der Technik ist. Gegebenenfalls kann man ja dann sein Nutzungsverhalten ändern.

    Was in dem verlinkten Artikel konkret mit „politisch“ gemeint sein soll, verstehe ich nicht. Ich lese das nur als Hinweis darauf, dass der Autor sich mit Problemen beschäftigt, von denen er der Meinung ist, sie gingen alle an. Laut der Zusammenfassung geht es doch primär um die Neuorganisation bestimmter Produktionsabläufe bei Einführung einer neuen Technologie. Da Unternehmen nicht im luftleeren Raum agieren, können solche Neuorganisationen auch externe Effekte habe, die man als politisch beschreiben könnte. In der Pauschalität, wie hier Zufall und Technik diskutiert werden, würde ich vor einer vorschnellen Verengung auf eine politische Betrachtung warnen, denn sie führt zur Überschätzung der politischen Gestaltungsfreiheiten. Mithin denke ich, dass dieses auf politische Probleme verengtes Verständnis von Technik wenig zur Lösung dieser Probleme beiträgt. Pias‘ Geschwurbel von Arkanum ist genau solch eine Mystifizierung von Technik, die nichts zur Lösung der Probleme beitragen kann, weil schon die Problemdiagnose so gut wie unmöglich wird. Gerade das Argument von der Inkommensurabilität bzw. Unvergleichbarkeit der Funktionsweise „digitaler Kulturen“ ist doch insofern äußerst problematisch, weil Unvergleichbarkeit eigentlich Unverständlichkeit meint. Wenn wir etwas nicht mit anderem vergleich können, können wir es auch nicht verstehen. Nur weil Pias annimmt, dass das Wissen über die Funktionsweise „digitaler Kulturen“ unverständlich ist, kommt er überhaupt zu der Schlussfolgerung, dass es nicht geheim gehalten werden muss. Im Prinzip sagt er damit ja nur, dass wir sind alle zu doof das zu verstehen – er mit eingeschlossen. Dann wird aber die Unverständlichkeit der Technik zum Letzten, was man über Technik sagen kann. Es handelt sich also bei der Ahnungslosigkeit nicht um ein Todschlagargument, sondern sie ist ein tragender Bestandteil dieser Art von Technikbetrachtung. Und nur weil man nichts über die Technik weiß, kann man dann dunkel von einem Arkanum raunen, um dann doch einen „Grund“ in der Technik zu sehen. Verständlich macht man sich Technik und deren Folgeprobleme auf diesem Wege definitiv nicht, weil die Perspektive künstlich verengt wird. Deswegen fällt es mir sehr schwer solche Betrachtungen ernst zu nehmen.

  15. Thorstena
    17. August 2014 um 15:59

    “Mithin denke ich, dass dieses auf politische Probleme verengtes Verständnis von Technik wenig zur Lösung dieser Probleme beiträgt.”

    Imho ist es momentan eher so, dass die politische Dimension von Technik zu wenig berücksichtigt wird. So unterschiedlich kann man das sehen.

  16. Beobachter der Moderne
    18. August 2014 um 16:04

    Die Frage ist, wie kommst Du zu diesem Eindruck? Wenn ich mich an die Feuilleton-Artikel und diverse Blogbeiträge zum Thema seit Snowdens Enthüllungen erinnere, hab ich nicht den Eindruck, dass die politische Dimension von Technik zu wenig berücksichtigt wird. Seit dem geht es um nichts anderes.

  17. Thorstena
    19. August 2014 um 15:28

    Kommt drauf an, aus welcher Richtung man sich diesen Diskurs betrachtet. Was die Massenmedien angeht, hast Du sicher recht.

  18. Dr. K- Braun
    24. August 2014 um 22:13

    Die alte, uralte, phönizieralte, dinosaurieralte Frage von Zufall oder Bestimmung. Ick lach mir tot. Ohne protzen zu wollen: Hatte ich mit 21 abgehakt…. vielleicht auch mit 23, weil quasi unlösbar fürs Menschenspatzengottgleichgehirn.

    Ich freue mich immer wieder über Themen, die die gelebte Realität zumindest tangential touchieren.

    Besos,
    Dr. K- Braun

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