Das Internet als Wahrnehmungsfolie

Es ist schon interessant zu beobachten, wie sich gegenwärtig einzelne Diskussionen um die Existenz oder eben Nicht-Existenz einer Net Generation im deutschsprachigen Raum zu einer umfassenderen Debatte ausweiten. Die Digital Natives – die Vertreter dieser Generation, denen gemeinhin nachgesagt wird, nach 1980 geboren und so mit dem Internet als Alltagsmedium aufgewachsen zu sein oder (man will ja niemanden aufgrund seines Geburtsdatums ausschließen) sich inzwischen mit der digitalen Welt so verbunden zu fühlen, dass sie diese als wichtigen Bestandteil ihrer Gesamtpersönlichkeit sehen – stehen sinnbildlich für die so genannte digitale Revolution und die gesellschaftlichen Entwicklungen, die diese nach sich ziehen wird.

Dass das Thema “Die ‘Generation Internet’ im Wissensmanagement von morgen” es nun schon in die Liste der 12 Leitthemen geschafft hat, die im Oktober in Frankfurt am Main durch den Wissensmanagement-Kongress Knowtech führen sollen, dürfte diejenigen erfreuen, die sich eine tiefer gehende Debatte zum Thema wünschen: Die Initiative DNAdigital zum Beispiel, auf deren Kompendium “Wenn Anzugträger Kapuzenpullis treffen” nun auch Jochen Robes auf seinem Weiterbildungsblog hingewiesen hat. (Ähem, fand ich natürlich gut, dass nicht nur ich, sondern auch Robes das ausführliche Interview mit Peter Kruse als Herzstück der Textsammlung ausgemacht hat.) Oder der “digitale Immigrant” Martin Lindner, der am 16. März freimütig twitterte, der Generationen-Aufhänger sei “ein wenig flach auf die Dauer”, aber taktisch “vermutlich nötig”, um die “Web-Revolution zu propagieren”. Denn eigentlich, so Lindner, sei die digitale Revolution ein Thema, das alle betreffe, nicht nur die Vertreter der Net Generation. (Lindner selbst steckt gerade in der Planung eines interessanten “selbstorganisierten Konferenz-Projektes“, das nach dem Vorbild der US-amerikanischen HackingEducation Köpfe vernetzen soll, die sich über Bildung im Web-2.0-Zeitalter Gedanken machen.)

Und so fungiert das Thema digitale Revolution als eine Art Wahrnehmungsfolie, auf der vermeintlich kommende gesellschaftliche Entwicklungen diskutiert werden - als Hebel, um sich über dieses zweifellos wichtige Thema öffentlichkeitswirksam auszutauschen. Die Frage ist dann zum Beispiel nicht, wie vielleicht vordergründig diskutiert wird, ob man Twitter cool und nützlich findet, sondern ob man das Phänomen in seinem Kontext - Microblogging und Web 2.0 - für wichtig oder gar richtungsweisend ansieht. Vermutlich twitterte Martin Lindner (ebenfalls am 16. März) deshalb auch kritisch zu Sascha Lobos Artikel, den er als Reaktion auf eine Kolumne Harald Martensteins in der Zeit geschrieben hat. Dort ernennt Lobo Twitter bzw. Microbloggen zum Microphänomen und begründet dies zum Beispiel mit gerade einmal (von ihm nach eigener Aussage selbst geschätzten) 50000 Twitter-Nutzern in Deutschland - ansonsten glänzt er dort aber mit einem hübschen Bild, das Martensteins Aussage widerlegen soll, es sei im Sinne des Datenschutzes und der Persönlichkeitsrechte widersprüchlich, “gegen Videokameras in Umkleidekabinen” zu sein und “gleichzeitig die totale Vernetzung als Fortschritt” zu feiern:

“Diese Passage ist (…) vor allem falsch, weil sie die selbstgesteuerte Vernetzung und das freiwillige Einstellen von Daten vergleicht mit Videokameras in Umkleidekabinen. Der Unterschied ist der gleiche wie zwischen “sich im Klo einschliessen” (toll, manchmal) und “im Klo eingeschlossen werden” (untoll, immer).”

Aber das ist eine andere Baustelle.


 
 
 

3 Kommentare zu “Das Internet als Wahrnehmungsfolie”

  1. martin lindner
    29. März 2009 um 16:55

    grad über twitter re-follow hierher verschlagen worden.

    2 missverständnisse: (1) ich bin ganz sicher kein “selbsternannter Digial Native”. nämlich gar keiner, sondern ausdrücklich und immer selbsternannter “immigrant”. und 3/4 der interessantesten web-avantgardisten, denen ich folge, sind das auch. darüber kann man sich gedanken machen. (2) ich wollte eigentlich nicht Lobo kritisieren, sondern Martenstein.

    ansonsten kann ich in dem (interessanten) blog-statement vor lauter rhetorischen vorbehalts- und kritische-ironie-signalen nicht ganz die position ausmachen, die du hier einnimmst. vermutlich eine schreibweise die wenn, dann eher nur gedruckt funktioniert. auf dem screen will jeder immer gleich wissen, was derjenige denkt, der hier schreibt.

  2. admin
    29. März 2009 um 19:02

    Danke für die Hinweise:

    Selbsternannter Digital Native war natürlich Quatsch, da ist was durcheinander geraten. (Zumal ich Dich hier schon einmal korrekt beschrieben habe, als ich Dein Statement auf youtube zu Microlearning postete: http://www.thorstena.de/?p=696) Das habe ich geändert.

    Ansonsten habe ich Dich aber schon so verstanden, dass Du Lobos Einordnung Twitters als “Microphänomen” nicht zustimmen magst; in Deinem Kommentar auf dessen Blog schreibst Du ja auch, dass die eher geringe Zahl der deutschsprachigen Twitterer nichts über die Relevanz des Microbloggings an sich aussage.

    Und über Deinen Hinweis, meine Position sei hier nicht ganz auszumachen, muss ich erst einmal nachdenken. (Da bin ich ohnehin noch in der Experimentierphase). Vielleicht liegt es daran, dass ich Microlearning für relevanter halte, als viele das derzeit einräumen möchten, mit dem Generationen-Thema aber meine Probleme habe. Deshalb fand ich einfach gut, dass Du in diesem Zusammenhang so offen von Taktik und Öffentlichkeitswirksamkeit gesprochen hast.

  3. martin lindner
    30. März 2009 um 10:45

    Digital Natives: ja, ich halte den begriff inzwischen selbst, wie viele andere (vgl. Graham Attwell), für einen schmarren. es ist eine abkürzung für “digitaler klimawandel” (der alle betrifft, die diesen medien ausgesetzt sind). und dieser hinweis wird - unter älteren - dadurch unwiderlegbar, dass man auf “die kids” verweist. meine 12jährige tochter sagt mir immer, dass das unsinn ist: ihre klassenkameraden sind defnitiv nicht “digital literates”. und sie werden es von alleine auch nicht, bzw. nicht viel leichter als mein 74jähriger bloggender webjunkie-vater.

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