Digitaler Maoismus in der Wissenschaft

... Schwer zu identifizieren, und der Meta-Wahn ist schuld: individuelle Urheberschaft im Netz

 

 

 

 

 

Wie es Wikipedia mit “der Wahrheit” hält, ist ja schon länger umstritten. Und dass dieses ‘kollektivistische Lexikon’ im wissenschaftlichen Milieu nicht gerade everbody´s darling ist, überrascht auch nicht wirklich. Wohltuend unaufgeregt kommt deshalb das Weblog Wissenswerkstatt daher, in dem Marc Scheloske nach der Zitierfähigkeit der Wikipedia in wissenschaftlichen Publikationen fragt.

Scheloske nimmts pragmatisch und hält es schlichtweg für falsch, Wikipedia als seriöse Quelle für die Wissenschaft von vorneherein auszuschließen. Wichtig sei zum Beispiel vielmehr, dass Autoren ihre Quellen und Informationen vernünftig einzuschätzen wissen. Ich zitiere: “Jedes Zitat ist ein Verweis auf die Aussagen und Erkenntnisse von dritter Seite. Eine kritische Prüfung auf Plausibilität, Vollständigkeit und Objektivität ist immer erforderlich. Dies gilt für Informationen und Textstellen aus der Wikipedia, wie für alle anderen Quellen.”

Doch das Handwerk des Zitierens wird ja nicht nur vom wissenschaftlichen Nachwuchs nicht immer beherrscht; Journalisten zum Beispiel tun sich damit auch mitunter schwer. Obwohl Scheloske fast schon irrtiert in den Raum stellt, dass es ja wohl nicht so schwer sein könne, “den Studenten beizubringen, daß die Bezugnahme und der Verweis auf Quellen (egal welcher Provenienz) das Ergebnis eines nüchternen Abwägungsprozesses ist.”

Auch das ist ja im Grunde nichts Neues: Dass es in der Wissensgesellschaft sehr wichtig ist, die Relevanz und Güte von Informationen realistisch einschätzen zu können, ist bereits zum Festtagsreden-Topos geronnen.

Anhand des Beispieles Wikipedia habe ich mich mal wieder an den viel diskutierten Essay Jason Laniers, “DIGITAL MAOISM: The hazards of the New Online Collectivism“, erinnert. Auch Lanier lehnt Wikipedia durchaus nicht ab, sieht jedoch ein grundsätzliches Problem: “No, the problem is in the way the Wikipedia has come to be regarded and used; how it’s been elevated to such importance so quickly. And that is part of the larger pattern of the appeal of a new online collectivism that is nothing less than a resurgence of the idea that the collective is all-wise (…).”

Im Kern weist Lanier auf den Umstand hin, dass Informationen, die im Netz zu finden sind - seien diese auch noch so metamäßig eruiert und aufbereitet - letztendlich von Individuen Menschen  stammen. Und weder von einer anonymen Masse noch von einer intelligenten digitalen Maschinerie selbstständig generiert werden. So schreibt er insbesondere den Anhängern der AI deutliche Sätze ins Stammbuch: “The beauty of the Internet is that it connects people. The value is in the other people. If we start to believe that the Internet itself is an entity that has something to say, we’re devaluing those people and making ourselves into idiots.”

Und das sollte sich dann der wissenschaftliche Nachwuchs und alle anderen, die sich mit der Technik des Zitierens schwer tun, tunlichst hinter die Ohren schreiben (ich bemühe nochmals Jason Lanier): “The best guiding principle is to always cherish individuals first.” Nicht nur beim Zitieren.

 
 
 

Ein Kommentar zu “Digitaler Maoismus in der Wissenschaft”

  1. Thorstena » Algorithmen sind politisch
    16. Februar 2009 um 21:32

    [...] irgendwie Spiegelfechterei, zeigt der multiplizierte Fehler doch nur, dass man sich generell nie nur auf eine Quelle verlassen sollte - und das schließt Wikipedia genau so ein wie zum Beispiel die Enzyclopaedia [...]

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