Netzöffentlichkeit: Wer sich klein macht, kann schlecht groß denken

Über die fehlende politische Schlagkraft der Netzgemeinde ist in den vergangenen Tagen mehr als genug geschrieben worden. Hans Hütt, von dem das unten stehende Zitat stammt, ist aber der einzige, der das Verständnis von Öffentlichkeit, das die Netzgemeinde mehr oder weniger bewusst mit sich herumschleppt, als Voraussetzung ihrer Bedeutungslosigkeit benannt hat.

Um nur drei Beispiele zu nennen:

1. Sie hat die Annahme, dass kleinteilige, fragmentierte Öffentlichkeiten wie auf Twitter grundsätzlich problematisch, minderwertig, nicht der Rede wert sind, widerspruchslos geschluckt und hält starrköpfig an alten massenmedialen Bewertungskonzepten wie Resonanz und Reichweite fest. (Long Tail? Ach was, gilt doch nur für Waren.)

2. Sie schluckt den turbokapitalistischen Dummbackenscheiß der googles und facebooks dieser Welt, ohne mit der Wimper zu zucken, und regt sich höchstens mal auf, wenn jemanden religionskritische Kommentare gelöscht werden. (Hey, Nicht etwa Taxi-Sixtus, sondern Google selbst soll während der Leistungsschutzrecht-Debatte Astroturfing betrieben haben - ach was, kann gar nicht sein, das sind doch die Guten.)

3. Sie ist theoretisch in der Steinzeit des Internets stehen geblieben und glaubt immer noch, dass der Shift von Institutionen zu Personen ihnen auf Dauer einen Vorteil verschaffen wird. In den USA sind sie da schon weiter und haben bemerkt, dass Personen nicht skalieren. Da wird an neuen Konzepten gebastelt. (Neue konzepte, wtf?)

Fazit:

Faktisch sind wir völlig irrelevant, ob wir dafür Hundekekse vorgesetzt bekommen oder nicht, ändert daran nichts. Diese Irrelevanz ist voraussetzungs- und folgenreich, nicht mit Geltungsansprüchen, Wortgefechten, Duell-gleichen Attacken, sondern infolge eines implizit gesetzten Verständnisses von Öffentlichkeit, das hier unter unseren Augen und unter Mitwirkung vieler Stimmen Gestalt annimmt.

Tanzeinlage LIX

Asta Nielsen tanzt einen Mann an - Szene aus ihrem ersten Film Afgrunden (1910).

Hinter dem Horizont

Nehmen wir einmal an, das Bewusstsein eines einzelnen Menschen wäre im Grunde das, was die Öffentlichkeit für viele Menschen ist: eine Technik, um sich mit anderen Menschen über das zu verständigen, was alle angeht. Nehmen wir also an, dass die Evolution uns ein individuelles Bewusstsein herbei entwickelt hat, damit wir zusammen mit anderen Menschen Herausforderungen in beidseitigem Einvernehmen und zu ebensolchem Nutzen meistern können.

Dann wäre das Bewusstsein ein Werkzeug der gegenseitigen Verständigung und eine ursprüngliche Form der Öffentlichkeit. Und Öffentlichkeit wäre eine Weiterentwicklung dessen: ein Produkt der kulturellen Evolution, das es den Menschen gestattet, über ihre biologischen Grenzen hinaus Millionen, ja Milliarden von Menschen in Gesellschaften mehr oder weniger identitätsstiftend zusammenzuhalten.

Öffentlichkeit wäre damit mit ihrer neuen digitalen Form nach einigen 1.000 Jahren dort angekommen, wo das Bewusstsein schon immer war: Die digitale Öffentlichkeit wäre die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen.

Die digitale Öffentlichkeit wäre also, um es kurz zu sagen, Weltöffentlichkeit.

Die elektronischen Medien (…) belegen, wie eng die öffentlichen Prozesse der Information und Kommunikation mit den Leistungen des Einzelbewusstseins verknüpft sind.

(Parafrisierung des Grundgedankens von Volker Gerhardt, Philosophie-Professor an der Berliner Humboldt-Uni, in seinem Buch Öffentlichkeit: Gerhardt weitet darin den Beobachtungshorizont für Öffentlichkeit weitest möglich aus und betrachtet den Menschen als Homo Publicus - als Lebewesen, das ohne Öffentlichkeit nicht überleben kann.)

Foto: Nordkap/Mark Jetzkowitz (Creative Commons)

#postpluralismus

Wie jede erfolgreiche Begriffsschöpfung bündelt “Postdemokratie” eine Reihe von diffusen Erfahrungen – in diesem Fall vor allem politische Ohnmachtserfahrungen. Der Begriff scheint aber auch eine neue historische Konstellation zu treffen: Einerseits gibt es zur Legitimationsfigur der “Volksherrschaft” keine Alternative – sogar Putin will die Demokratie, wenn auch eine “gelenkte”. Andererseits aber sind die Bürger immer weniger überzeugt, das eigene politische Schicksal in der Hand zu haben. (…)

In so gut wie allen westeuropäischen Staaten wurde nach 1945 die Macht von Parlamenten eingeschränkt, aus Sorge, Volksvertretungen könnten noch einmal alle Macht an Figuren wie Hitler oder Pétain übertragen; stattdessen traten nicht durch Volkswahl direkt legitimierte Institutionen wie Verfassungsgerichte einen Siegeszug an. Auch standen die Parlamente keineswegs in besonders hohem Ansehen (…)

Wenn Postdemokratie also nicht Postparlamentarismus ist (jedenfalls kein neuer), was ist sie dann? Sie ist, mit einem Wort, Postpluralismus. Das Gleichgewicht gesellschaftlicher Kräfte, so die eigentliche These, habe sich entscheidend zugunsten grosser Unternehmen verschoben. Deren Interesse besteht nicht darin, einen freien Markt, sondern vielmehr ihre Vormachtstellung zu sichern – eine Befürchtung, die auch wirtschaftsliberalen Gegnern von Marktmonopolen nicht fremd ist. Und die Firmen, so die Diagnose weiter, setzten ihre Interessen durch, indem sie immer mehr Geld in eine Politik pumpten, die nicht mehr Parteien alten Schlages, sondern Meinungsmanager und politische Manipulatoren brauche.

Jan-Werner Müller setzt sich im Rahmen einer Artikelreihe in der NZZ zum Thema Volksherrschaft mit dem Begriff Postdemokratie und dem gleichnamigen Buch Colin Crouchs auseinander.

Kaffeepause beim Bierzeitankündiger

Felix Schwenzel hat einen schön zu lesenden Text geschrieben, in dem er sein Blog (stellvertretend für das Internet) als “mein kleines kaffeehaus” beschreibt - als offenen Ort für Gäste, an dem Publikationen aus aller Welt herumliegen, die zum Verweilen oder auch zum gegenseitigen Austausch einladen. Und mit Habermas und Wikipedia betont er dann “die Funktion der Kaffeehäuser als wichtigen Bereich der öffentlichen Sphäre, durch die sich eine bürgerliche Öffentlichkeit etablieren konnte”.

das internet ist genau das geworden, was ich mir als ideales kaffeehaus vorgestellt habe. zeitschriften und zeitungen aus aller welt hängen kostenlos rum, überall sitzen intellektuelle, es herrscht lärm und rauschen — und doch findet man hier seine innere ruhe (beispielsweise wenn man ins internet reinschreibt). das internet ist ein wichtiger bereich der öffentlichen sphäre, in dem sich derzeit eine neue öffentlichkeit etabliert.

Nun gilt Schwenzel als der Bierzeitankündiger der Blogosphäre, und insofern hätte es eigentlich besser gepasst, wenn er sein Blog nicht als Kaffeehaus, sondern als Schankwirtschaft bezeichnet hätte. Denn dort zum Beispiel - in den holländischen Wirtshäusern der Renaissance - entwickelte sich Öffentlichkeit ebensosehr und sogar früher als in den berühmten Kaffeten.

Und was soll das überhaupt sein, “bürgerliche Öffentlichkeit”? Es wird gerne und nicht nur von Schwenzel angeführt, dass Kaffeehäuser ein “natürliches Habitat von Intellektuellen” seien und einen Austausch über Standesgrenzen hinweg ermöglichten. Dabei gibt es selbst heutzutage, wo auf dem europäischen Kontinent Intellektuelle höchstens an seinen östlichen Grenzen überhaupt noch irgendeine (politische) Bedeutung haben, kaum einen Geistesarbeiter, der Standesdünkel nicht als symbolisches Kapital für sein Prestige einsetzen würde.

Diese Öffentlichkeit-Kaffeehaus-Intellektuellen-Verknüpfung geht natürlich auf Jürgen Habermas und seiner über 40 Jahre alten These vom Strukturwandel der Öffentlichkeit zurück. Und dagegen - weder gegen Kaffeehäuser noch gegen Habermas - ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Eigentlich.

Uneigentlich kommt aber kaum ein Text oder eine Studie, die sich mit dem Thema Öffentlichkeit auseinander setzt, ohne den Hinweis auf die Habermas-Öffentlichkeit aus. Selbst diese unfassbar schlechte Abhandlung der von einem recht bekannten Unternehmen namens google finanzierten Denkbude (”Think Tank”) Co:Lab in Berlin bezieht sich auf den Philosophen, indem der Verfasser behauptet, dass sich “trotz der Möglichkeiten der Erweiterung des Öffentlichen durch die Entwicklung sehr vieler lokaler und spezialisierter Massenmedien (…) während des 20. Jahrhunderts speziell in hoch industrialisierten Gesellschaften eine Schwächung der Öffentlichkeit feststellen” lasse.

Klar, diese These passt google natürlich gut in den Kram. Da kann man sich dann ganz leicht selbst als Retter der Öffentlichkeit präsentieren; und es fällt auch nicht weiter ins Gewicht, dass der gute alte Jürgen H. das Internet ja eigentlich ziemlich blöd findet. Dummerweise ist es nur so, dass diese These seit langem und mehrfach widerlegt worden ist: Weder ist Öffentlichkeit erst in der Moderne (und damit auch nicht in irgendwelchen Kaffeehäusern) entstanden noch ist sie im Verfall begriffen.

Die so oft und speziell von Habermas problematisierten Teilöffentlichkeiten kann man ebensogut auch als Ausdifferenzierungen und damit als Gewinn für die öffentliche Sphäre deuten, weil die unterschiedlichsten Interessen in ihnen bedient werden können. Entscheidend ist dabei nur, ob diese Teilöffentlichkeiten auf Verknüpfung mit anderen angelegt sind.

Das Internet ist doch ganz im Gegensatz zu einer Verfallsgeschichte der Öffentlichkeit eine Verheißung, eine unfassbare Chance für einen (sozial) breiter und durchmischter angelegten öffentlichen Raum. Für eine Sphäre, in der weder Intellektuelle noch ihre publizistischen (Feuilleton)-Organe als maßgebliche Gatekeeper fungieren, die Themen und Menschen je nach Gusto einlassen oder außen vorhalten können. Insofern würde ich mir wünschen, dass wir neue Vergleiche und Geschichten (er)finden, mit denen die digitale Öffentlichkeit anschaulich beschrieben werden kann. Und dass wir andere Gewährsleute für unseren Öffentlichkeitsbegriff angeben als immer nur den Habermas.

Das Internet ist eben kein klassisches Massenmedium. Deshalb sollten wir uns auch nicht an den alten Dispositiven der Massenmedien orientieren. Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, wenn Felix Schwenzel bald einen ebenso schönen, aber doch ganz anderen Text schrübe.

Warum Twitter Öffentlichkeit ist

“jede erfolgreiche plattform erzeugt ihr soziales objekt aus dem nichts. (es gibt kein ungebundes soziales, das an keine konkrete formation gebunden ist. sozial ist im web immer an eine konkrete formation gebunden)”, hat Markus Spath mal gesagt.

Man könnte also auch sagen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer zufälligen Ansammlung von Menschen und einer Ansammlung von Menschen, die womöglich einmal zufällig zustande kam, ab einem gewissen Umschlagpunkt aber Muster kollektiven Handels oder Denkens aufweist - nur dass dies leider nicht planbar ist.

Man kann aber wenigstens eine Voraussetzung angeben, die erfüllt sein muss, damit dieser Umschlagpunkt stattfinden kann - Gleichzeitigkeit.

Nehmen wir Twitter: Der Clou dort ist nicht, dass alle gleichzeitig etwas lesen. Sondern dass alle gleichzeitig etwas Bestimmtes lesen (können) und das auch wissen. Diese gemeinsame Erfahrung ist die kollektive Magie des 140-Zeichen-Dienstes, und deshalb ist Twitter auch “Öffentlichkeit”

Urs Stäheli benennt in der Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung 5 “Konsequenzen für eine gegenwärtige Theorie des Kollektiven”:

1. Kollektive sind flüssig und werden immer wieder neu aus unterschiedlichen Einheiten zusammengesetzt (Menge der eingeloggten Twitter-User an einem gegebenen Tag zu einem gegebenen Zeitpunkt, die auf den Bildschirm schauen)

2. Es bedarf gewisser (Infra-)Strukturen, damit sich “ein temporäres Wir” bilden kann. (140 Zeichen pro Nachricht …)

3. Die Infrastruktur und das Kollektiv müssen durch wiederholbare Bewegungsmuster für die Individuen verknüpft werden, um selbst wiederholbar zu sein. (…immer und für jeden zu jeder Zeit)

4. Das Kollektiv verhält sich parasitär zur Infrastruktur und bestimmt das Nutzungsverhalten emergent und eigenständig. (Gespräch, Hashtag, Shitstorm - keiner weiß warum)

5. Kollektive beschreiben sich nicht selbst und sind deshalb als Phänomen an sich mit hoher Bedeutung aufgeladen. (”Twitter ist demokratiefördernd”)

(via Jan-Felix Schrape)

Nachtrag: Dazu passt ein Blogpost Christian Michael Schenkels, den ich vor Monaten fand und in dem er sich mit dem Thema Masse und Social Media anhand Elias Canettis Masse und Macht auseinander setzt.

Resteverwertung #Öffentlichkeitsschnipsel

Ich weiß noch nicht, ob und wie es hier weitergeht. Aber das ist ja kein Grund, meine Social-Media-Schnipsel wie vertrocknete Grasbüschel vom kalifornischen Wüstenwind hinweg wehen zu lassen. Oder so.

Das Muster ist - Überraschung - Öffentlichkeit (gepostet in den vergangenen zwei, drei Monaten auf google plus:

Marianne Lieder in ihrer Rezension zu Volker Gerhardts Buch zum Thema Öffentlichkeit:

Kant erklärte die Öffentlichkeit, damals noch unter dem Terminus „Publizität“, zur „transzendentalen“ Bedingung von Recht und Politik. Auch die Ethik musste sich für Kant öffentlich begründen lassen, ebenso wie die Wissenschaft und Kunst, denn jede Erkenntnis sei ein „Communicator-Machen“, jedes ästhetische Urteil beruhe auf einem Sensus communis. Hinter diese Einsicht sei die Mehrheit der späteren Berufsdenker wieder zurückgefallen. Dies gilt für Hegel und Carl Schmitt ebenso wie für den Öffentlichkeitstheoretiker Jürgen Habermas.

Ich:

Noosphäre ist Öffentlichkeit, nur umfassender und mit anderen Mitteln.

Constantin Seibt:

In der öffentlichen Sphäre werden nicht Wahrheiten verhandelt, sondern Meinungen. Denn Wahrheit ist, da unveränderbar, eigentlich unpolitisch: Wer die Wahrheit sagt, stellt nur Tatsachen fest. Über Jahrhunderte war Wahrheit deshalb auch nie ein politisches Thema. Worüber seit Plato nachgedacht wurde, war der Gegensatz von Wahrheit und Meinung.

Wikipedia zum Begriff Nachrichtenwert:

Personalisierung: Je stärker ein Ereignis personalisiert ist, sich im Handeln oder Schicksal von Personen darstellt, desto eher wird es zur Nachricht.

Siggi Becker zu Edward L. Bernays Propaganda.

Immer noch Plichtlektüre.

Burkhard Müller in der SZ vom 26.11.2012 über Narrative in einer Rezension zu Albrecht Koschorkes Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie.

Erzählen dient dem Stoffwechsel des Kollektivs mit der Welt. Es sichert den Zusammenhalt diverser Communitys über ihr Fachchinesisch hinaus. Es wählt aus und richtet zu, auf dass sich das Relevante mit dem Gedächtnis verschwistere. Es relativiert die humorlosen Hochdiskurse durch sein respektloses Geplapper und Gekicher. Es gibt, eine Art umgekehrter “stiller Post”, dem formlosen durch sukzessive Durchläufe allmählich Form. Es bearbeitet Normprobleme im Modus des Einzelfalls, agiert also wie ein Gericht, aber informell.

Constantin Seibt zitiert Hannah Arendt:

Denn was wir unter Wirklichkeit verstehen, ist niemals mit der Summe aller uns zugänglichen Fakten und Ereignisse identisch und wäre es auch nicht, wenn es uns je gelänge, aller objektiven Daten habhaft zu werden. Wer es unternimmt, zu sagen, was ist, kann nicht umhin, eine Geschichte zu erzählen, und in dieser Geschichte verlieren die Fakten bereits ihre ursprüngliche Beliebigkeit und erlangen eine Bedeutung, die menschlich sinnvoll ist.

Dirk Baecker (Text nicht mehr online) zum Thema Demokratie und Öffentlichkeit in der Weltgesellschaft:

Die Ungewissheit der Souveränität der Nation und die Oszillationen einer Öffentlichkeit im Kontext einer global, digital und ökologisch verunsicherten Weltgesellschaft erschweren die Selbstbestimmung eines Staatsvolks in einem bisher unbekannten Ausmaß.

Sollte die Nation im Kontext der Autopoiesis der Weltgesellschaft weiterhin an Einfluss verlieren, wird es erforderlich, die Variable dēmos neu zu bestimmen: Die Öffentlichkeit ist mit dem Staatsvolk weder identisch noch kann aus ihm jene Form der Selbstbeherrschung gewonnen werden, die ein Staatsvolk kennzeichnet.

Die Öffentlichkeit ist statt dessen das Komplement eines Staatsvolks im kommunikativen Raum der Gesellschaft, gleichsam der Spiegel, in dem ein Staatsvolk laufend überprüft, ob die Formen der Selbstbeherrschung, die es gefunden hat, noch wünschenswert sind.

Der Soziologe Łukasz Jurczyszyn analysiert neue Protestformen, die in den vergangenen Jahren in Polen aufgetaucht sind - u.a. auch anhand der ACTA-Bewegung:

Die Anti-ACTA-Erfahrung lehrt, dass jeden Augenblick Aufgaben auftauchen können, für die es sich lohnt, partikulare Differenzen und Konflikte zu vertagen, um sich taktisch zur Erreichung eines wichtigen Ziels zusammenzuschließen

Sascha Lobo in einer seiner Spiegel-Kolumnen:

Hinter den vielen Open-Bewegungen wie Open Access, Open Data, Open Government und auch Open Source steht nicht weniger als ein neues Verständnis von Öffentlichkeit. Die vordigitale Öffentlichkeit war primär ein Kommunikationsraum, die digitale Öffentlichkeit ist zusätzlich ein Funktionsraum.

Guuardian-Chefredakteur Alan Rusbridger, der für den Journalismus bzw. die Vierte Gewalt zwei Kardinalprobleme sieht: die Abhängigkeit von Subventionen (subsidy) und die Tendenz zur Monopolisierung (Ownership) - ein optimistisches Plädoyer, den neuen Mitspieler in der #Öffentlichkeit (”third wing to the fourth estate”) willkommen zu heißen:

Virtually every adult over the age of 30 grew up with the idea that the fourth estate consisted of just two parts – press and broadcasting. Each was owned, financed and regulated in different ways and each gave rise to different ideas of what journalism was. (…) But now there’s a new kid on the block. A third wing to the fourth estate, if that’s not too mixed a metaphor. You could even argue there are two new kids on the block – the original world wide web (essentially another form of transmission) and web 2.0, the advent and rapid maturing of so-called social, or open, media. (…)

Franz Walter über Zivilgesellschaft und Partizipationsdemokratie:

Gerade die modernen Partizipationsinitiativen liefern keine Lösung des Ungleichheitsproblems, laufen vielmehr noch stärker auf eine Art Zensusdemokratie hinaus. Es behaupten sich im zivilgesellschaftlichen Engagement im Wesentlichen diejenigen, die über besonderes Kapital verfügen, die Interessen wirksam zu organisieren vermögen, die in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden, die Bündnispartner aufgrund des eigenen gesellschaftlichen Gewichts gezielt mobilisieren können.

San Keller über facebook und Öffentlichkeit:

Ich behaupte, Facebook und Warhol, der ja sehr virtuos mit dem Grenzgebiet von Privatem und Öffentlichen umging und einen öffentlichen Raum im Kopf schuf, haben etwas Gemeinsames. Die Kategorien des Öffentlichen und des Privaten werden umgepflügt oder zumindest neu konfiguriert. Warhol kodierte das Öffentliche als Privates um und umgekehrt. Facebook ist eine soziale Skulptur, die niemand bewusst als solche geschaffen hat und die aus technischen Möglichkeiten heraus entstanden ist. Aber Facebook verändert den Öffentlichkeitsbegriff.

Sascha Lobo über die Piratenpartei und Öffentlichkeit:

Eine kirremachende Ironie des Schicksals: Was im Kleinen lächerlich wirkt und großen Anteil am Piraten-Burnout hat - die Mühen der ständigen Transparenz und die intensive Einbeziehung der Öffentlichkeit - wäre im Großen das beste Mittel gegen die Merkelsche “marktkonforme Demokratie”, die der Treiber des gesellschaftlichen Burnouts ist.

Felix Stalder zur Piratenpartei und ihrer Einstellung zur Öffentlichkeit:

Wir haben immer mehr Menschen mit ganz viel Nischenwissen und ganz viel Spezialistentum. Die Piratenpartei ist ein gutes Beispiel dafür. Deren Mitglieder sind unglaublich communityorientiert und haben wenig Interesse, mit der Allgemeinheit, der Öffentlichkeit im alten Sinne, zu kommunizieren. Die verstehen das Internet ja eh nicht, ist die Haltung.

Kurze Pause


(via Michael Schmid)

Machen wir uns nichts vor XLIII

Soziale Netzwerke sind fluide Selbstvergewisserungsmantras, in denen das Panta Rhei immer in dieselben ontologischen Bahnen abfliesst. Echokammer und Filter Blase war gestern; heute haben wir die Ontlosschleife.

(Selbstzitat.)

(Ich betätige mich ja nur ungern als Spaßbremse, aber die Reaktionen auf den Rant Frank Schirrmachers zur Zukunft des Journalismus offenbaren einige Brüche, die im Selbstverständnis der Netzbohémiens so schlummern. Wenn er die Ontologien der Netzaktivisten kritisiert, muss das demzufolge besser verschwiegen bzw. darauf nicht reagiert werden, weil es ja sonst auffiele, wie viel Metaphysik eigentlich in den Sozialen Netzwerken steckt. Stattdessen wird der Rant fleißig widerlegt - faktisch, ökonomisch, entwicklungstheoretisch, wie auch immer (wtf, seit wann müssen Rants Sinn ergeben?). Einer der wenigen Blogposts, der diesem Text Paroli bietet, ist ein kleiner, unscheinbarer von Markus Spath; der schlägt Schirrmacher mit den einzig möglichen Waffen - seinen eigenen:

das lustige an ihm ist, dass er selbst quasi ein glaubender der von ihm kritisierten ‘internetideologien/-en’ ist, nur die angedachten ergebnisse, visionen, utopien negativ und dystopisch bewertet. er selbst denkt technodeterministisch, nur verzweifelt seine humanistische seele an den entwürfen.

(Lustig, dass Markus und ich - apropos Schleife - uns hier gegenseitig zitiert haben. )

Stimmung

Stimmungsbild an Häuserwand - Berlin im November.

blogoscoop