Noch sind Atome mobiler als Bits

Auch ich habe die Erklärung der Initiative Netzneutralität unterzeichnet. Damit habe ich mir unter anderem folgenden Satz freiwillig unterjubeln lassen:

Ein freies Internet ohne staatliche oder wirtschaftliche Eingriffe ist Garant für freien Meinungsaustausch weltweit und damit die direkte Ableitung des Rechts auf Meinungsfreiheit. Netzneutralität ist elementar für unsere Demokratie.

Das sehen leider nicht alle so, worauf zum Beispiel Don Dahlmann aufmerksam macht, der die Interessen der Wirtschaft und der Politik zusammen mit denen der Webgemeinde auf die Waage legt:

Mein Bauchgefühl sagt mir, dass das Ende des Netz, so wie ich es kenne, nur eine Frage der Zeit ist. Zu viele wirtschaftliche und politische Interessen hängen mittlerweile am Netz, als dass man es seiner Unabhängigkeit überlassen würde. (…) Ich sehe im Moment nicht, wie die User sich auf Dauer gegen diesen Beschuss wehren können.

Ein wichtiges Problem “der User” ist in meinen Augen nach wie vor, dass sie in Sachen Netz argumentativ vor allem auf Potentiale und weniger auf bereits vorhandenen konkreten Nutzen verweisen können. Nehmen wir zum Beispiel den Satz aus der Erklärung der Initiative für Netzneutralität, der das Netz als Garanten für freien, weltweiten Gedankenaustausch hinstellt.

Das mag möglich sein, in der Realität aber sieht es derzeit mit Ethan Zuckerman eher so aus, als ob

die Fernsehsender und Zeitungen unserer Eltern und Großeltern ein viel umfassenderes Weltbild vermittelt hätten als das Internet uns. (…)
(Auch) im Jahr 2010 sind Atome letztlich mobiler als Bits. Es ist wahrscheinlicher, eine Flasche Wasser aus Fiji auf einem amerikanischen Konferenztisch zu finden, als Nachrichten aus Fiji zu bekommen, geschweige denn Filme oder Musik aus Fiji, obwohl es in diesem Lande akute politische Probleme gibt.

So gesehen ist es kein Wunder, dass die Argumente der Netzbürger außerhalb ihrer “tolerierten Subkultur” (Geert Lovink) vor allem als eine Art Netz-Lobbyismus gesehen werden. Nehmen wir dieses Argument aus der Netzneutralitätserklärung:

Die Innovationsfähigkeit der Wirtschaft wird gestärkt wenn Entwicklungen frei online verfügbar sind und auch in neuen kollaborativen Ansätzen weiterentwickelt werden können. Innovationen brauchen Offenheit – die Möglichkeiten des Internets auf einige wenige Privileigierte (sic) zu beschränken, läuft dem entgegen.

Das ist ja alles richtig und bedenkenswert und überhaupt. Mich stört immer nur an diesen plakativen Sätzen, dass die Anwesenheit solcher Schlüsselworte wie “frei” oder “kollaborativ” ausreichen, um geschätzte 72 Prozent der Webgemeinde in grundloses Entzücken zu versetzen. Das war vor einigen Tagen übrigens mit dieser Studie zum Urheberrecht im 19. Jahrhundert der Fall, wo man irgendwann den Eindruck bekam, ALLEIN das fehlende Urheberrecht habe im 19. Jh. dafür gesorgt, dass Deutschland innerhalb weniger Jahre vom Agrar- zum Industriestaat wurde.

“Technopolitik ist nun mal komplex, weil die Materie eben so ist. Wir müssen also aufpassen, worüber wir genau reden”, sagt Geert Lovink. Dem ist wenig bis nichts hinzuzufügen. (Und wer sich etwas tiefer gehender mit Netzneutralität - durchaus auch im technischen Sinne - beschäftigen möchte, könnte zum Beispiel bei Kristian Köhntopp reinlesen.)

Tanzeinlage XXVI

Futuristic Mexican Space Dance, irgendwann in den 70ern - mit Raquel Welch.

Machen wir uns nichts vor XX

Die wahrhaft unangenehme Überlegung aber ist die Frage, was für eine Gesellschafts- und Herrschaftsform wir haben, wenn es eine Organisation wie Wikileaks braucht, um den Militärs Grenzen zu setzen, und die Gesellschaft ein Stück weit ehrlich zu informieren.

Don Alphonso über Wikileaks und anschließend mit einem ungewohnt optimistischen Blick auf die Zukunft der Zivilgesellschaft. (Wenn “Wikileaks Bestand hat, wird es (…) schon gut werden.”).

Die Rolle der Grafik bei der New York Times

Ob man die Struktur unserer Codes, mit denen wir Informationen austauschen, nun linear (bzw. alphabetisch) oder doch à la Vilém Flusser sowohl linear als auch formal (bzw. alphanumerisch) begreift: Es dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass Grafiken und Animationen im Online-Bereich eine extrem wichtige Funktion für die adäquate Vermittlung von Inhalten spielen. Guter Content allein macht den Kohl - sprich die Aufmerksamkeit der Leser - nunmal nicht fett.

Eine der Vorzeige-Grafikeinheiten der westlichen Welt dürfte die der New York Times sein, die im folgenden Video einen Einblick in ihre Arbeit gewährt.



Quelle: Gestalten TV/Gesehen bei Silvia Cobo.

Eine Metapher zum Vergessen

Ein langer Essay Jeffrey Rosens in der New York Times hat dazu geführt, dass im Netz wieder einmal über das Thema Internet und Vergessen nachgedacht wird.

The Web means the End of Forgetting” heißt das Stück und beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, wenn wir eventuell nach Jahren mit Aussagen oder Aktionen konfrontiert werden, die wir selbst oder andere über uns ins Netz gestellt haben - in einer “Welt ohne das Vergessen”. (Leider versäumt er, auch über die Dinge zu schreiben, die ohne unser willentliches Zutun via Telefonate, Kreditkarten etc. zu Daten werden.)

Kritik an Rosens Text gibt es auch deshalb, weil er mit dem klassischen Verängstigungsszenario “Entlassung wegen eines kompromittierenden Fotos in einem Sozialen Netzwerk” gleich auf das Ende des Vergessens an sich schließt.

In der deutschen Blogosphäre empfehlen Leander Wattig und Jörg Kantel, die womöglich weniger tollen Informationen über einen selbst mit wunderbaren Infos über einen selbst auszuhebeln. Und Christoph Kappes findet die Formel “Das Netz vergisst nicht” allein deshalb für verfehlt, da im Internet ständig etwas verloren geht - Webprojekte, Blogs, Unternehmensinformationen, Websites usw. usw.

Warum Internet und Vergessen als Begriffspaar nicht so richtig zusammengehen, erklärt Cliff Gerrish (den ich via hackr fand) ziemlich überzeugend: Für Gerrish ist es ein Beispiel einer Metapher, die für das Verständnis der eigentlichen Sache eher schädlich ist, weil das Bild (menschliches Gedächtnis) ganz anders funktioniert als die Sache (Datenbanken).

The human activity of memory and forgetting actually has very little in common with a computer’s storage and retrieval routines. When we say that the Web doesn’t forget, what we mean is that if something is stored in a database, unless there’s a technical problem, it can be retrieved through some kind of search query. (…) It’s not a matter of human remembering or forgetting, but rather one of discovery and random access through querying a system’s indexed data.

The problem that Rosen describes is not one of technology, but rather one of humanity and human judgment. The question of how we treat each other is fundamental and has been with us since the beginning.

Tanzeinlage XXV

Gute-Laune-Clip


via Clint

Vilém Flusser: Der Mensch als digitales Projekt

Unterstützt das Internet vor allem demokratische Prozesse oder können von ihm ebenso totalitäre Regime profitieren? Stärkt es wirklich das Individuum, weil es mehr Transparenz und neue Partizipationsmöglichkeiten schafft, oder wird es etwa den global agierenden Datenkraken auf dem Silbertablett serviert? Gibt es überhaupt einen nachhaltigen Kontrollverlust, der alte Strukturen und Hierarchien hinweg fegt oder ist die Konterrevolution bereits auf den Weg gebracht?

Entlang dieser Linien verläuft so ungefähr die argumentative Wasserscheide, die Internet-Befürworter von Internet-Gegnern trennt. Und die Lektüre einiger Essays Vilém Flussers, der als einer der Klassiker der Medienkritik des 20. Jahrhunderts gilt, zeigt: Diese Fragen bestehen länger, als viele glauben dürften. (Was eine positive Antwort nicht unbedingt wahrscheinlicher macht.)

Die folgenden Zeilen sind der Versuch, die Gedankenwelten bzw. das Medienverständnis Flussers nachzuvollziehen und ab und zu als Folie auf den gegenwärtigen Webdiskurs zu legen.

Webdiskurs

Konzeptionell habe sich das Web jeden Funken Theorie ausgetrieben, hat Markus Spath in seinem klasse Rückblick zu fünf Jahren Web 2.0 (und fünf Jahren live.hackr) geschrieben. Allein bei Clay Shirky (Cognitive Surplus) und Umair Haque (Kapitalismus 2.0) seien in dieser Hinsicht Ansätze einer Theorie zu erkennen, “die konsequent den wirklichen Wert für den User (entlang des gesamten Spektrums Individuum – Gruppe – Gesellschaft – System) in den Mittelpunkt stellt.”

Es ist wirklich bemerkenswert, dass das Web einerseits schwer “vergisst“, seine User andererseits aber ziemlich geschichtsvergessen sind. Das kann nicht gut für die Qualität der Diskussionen und des Webdiskurses sein und bringt ihm darüber hinaus den Vorwurf der Oberflächlichkeit ein.

Um zwei Chefkritiker des Internets zu zitieren: “Ich merke immer häufiger, dass Netz-Diskurse nicht an die Quellen” gehen, warf Frank Schirrmacher einmal Benedikt Köhler im Rahmen der Isarrunde vor. Und Nicholas Carr äußert gerne die Befürchtung, dass das Web “nur eine Kultur der Mittelmäßigkeit (…) – viele Kilometer breit, aber nur ein paar Zentimeter tief” - erschaffen habe.

Flusser

Dieser Frust, den der Webdiskurs bisweilen produziert und die Frage, warum er denn hierzulande bloß so oft so schwachbrüstig daherkommt, hat dazu geführt, dass ich mir neulich einen Essayband Vilém Flussers (1920 - 1991) geschnappt und gelesen habe. Frei nach dem Motto: Mal gucken, was der alte Kommunikologe - dieser Pionier der Kritik an den Neuen Medien - bereits vor Jahrzehnten zu sagen hatte. (Die Wahl Flussers war Zufall; ich stand in einer mittelmäßigen Buchhandlung vor dem einschlägigen Regal und habe das gezogen, was mir am vielversprechensten erschien.)

Und - was soll ich sagen - der Schluck aus der Quelle war außerordentlich erfrischend. Ich will mal im Folgenden versuchen zu beschreiben, was ich aus diesem Buch (Vilém Flusser: Medienkultur, Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1997) für mich und für gegenwärtige Debatten im Web herausgezogen habe. Wobei es natürlich eine Frechheit ist und Internet-Skeptikern eine Bestätigung für die Oberflächlichkeit des Webdiskurses sein dürfte, wenn da ein Blogger angeritten kommt und über Flusser rumphilosophiert, weil er ein 240-Seiten-Taschenbuch gelesen hat.

Kontext

Dennoch: Bevor ich hier jetzt loslege, müssen noch wenigstens ein paar Worte über Flusser und seine Bedeutung fallen. Nach Frank Hartmann kann man Vilém Flusser einer Richtung der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kommunikationsmedien zuordnen, die “sich gegen die subjektzentrierte Auffassung von Geschichte und ihre Privilegierung von Geist und Bewußtsein stellt.” Stattdessen rücke nun die “Veränderung sozialer und psychischer Verhältnisse und Wahrnehmungen” durch die Medien in den Blick. Anders gesagt: “Technologie prägt die Kultur einer Gesellschaft.”

Für Hartmann ist Harold A. Innis - Begründer der Toronto School of Communication, der auch Marschall McLuhan angehörte - einer der Klassiker dieser Herangehensweise. Für die späten 1940er, frühen 1950er Jahre sei folgende Aussage Innis` “fast revolutionär” gewesen, so Hartmann:

Wir können wohl davon ausgehen, daß der Gebrauch eines bestimmten Kommunikationsmediums über einen langen Zeitraum hinweg in gewisser Weise die Gestalt des zu übermittelnden Wissens prägt. Auch stellen wir fest, daß der überall vorhandene Einfluß des Mediums irgendwann eine Kultur schafft, in der Leben und Veränderungen zunehmend schwieriger werden, und daß schließlich ein neues Kommunikationsmittel auftreten muß, dessen Vorzüge eklatant genug sind, um die Entstehung einer neuen Kultur herbeizuführen.

Flusser wiederum sehe, so Hartmann weiter, anders als zum Beispiel McLuhan eine zweite industrielle Revolution erst mit der “Elektrizität der Speicher- und Übertragungsmedien”, also nach dem Zweiten Weltkrieg, gegeben. Sein Ansatz sei dabei phänomenologisch, und seine Kommunikationstheorie “ziele auf die Veränderung des unsere Kultur bestimmenden alphanumerischen Codes.”

Codes

Alphanumerischer Code - das ist für Flusser die Schriftkultur des Westens, die nicht einfach alphabetisch heißen könne, da sie von Beginn an auch “formal-kalkulatorische” Elemente - sprich Zahlen - in sich aufgenommen habe, die sich der normalen, linearen Lesart von Texten widersetzten (zeitlos vs. linear). Denn das Neue an der Schrift sei im Kern das Aufrollen des vormodernen Bildes, zum Beispiel der Höhlenmalerei, in Zeilen bzw. Linien gewesen. Diese Linearität habe das Entstehen eines geschichtlichen Bewusstseins erst ermöglicht.

Doch dieses Bewusstsein, so Flusser, verflüchtige sich nun, da Techno-Bilder alphabetische Texte zunehmend ersetzten, die Gesellschaft aber von Texten programmiert sei. Dies sei eine revolutionär neue Lage:

Die gegenwärtig an der okzidentalen Gesellschaft Beteiligten (…) sind vorwiegend für lineare Codes programmiert - obwohl sie selbstredend auch Bildercodes, Raumzeitcodes usw. empfangen und senden können -, aber sie sind unfähig, die aus den Inseln der technischen Codes strömenden und sie täglich berieselnden Informationen zu speichern (…). Dadurch werden sie für diesen Typ von Informationen bloße Durchgangskanäle - nicht eigentlich Gedächtnisse, sondern Kanäle -, also das, was man gewohnt ist, “Empfänger der Massenmedien” zu nennen.

Mit dem Informationszeitalter und der Erfindung des Computers werde das prozessuale historische Denken (linear) nach und nach dem formal-kalkulatorischen (zeitlos) unterworfen - durch eine naturwissenschaftlich gebildete, neue Elite:

Eine Elite, deren hermetische Tendenz sich laufend verstärkt, entwirft Erkenntnis-, Erlebnis- und Verhaltensmodelle mit Hilfe sogenannter “künstlicher Intelligenzen”, welche von dieser Elite programmiert werden, und die Gesellschaft richtet sich nach diesen für sie unlesbaren aber befolgbaren Modellen.

Das elitäre Denken (…) erkennt, erlebt und wertet die Welt und sich selbst nicht mehr als Prozesse, sondern als Komputationen, etwa als Ausbuchtungen von Relationsfeldern.

Schaltpläne

Wie Flusser aus der Nummer mit den manipulierten Medienkonsumenten via Massenmedien herauskommen will, nimmt dann nicht nur den Grundgedanken Sozialer Medien vorweg, sondern verweist nebenbei auch noch auf das derzeit vielzitierte Konzept des Cognitive Surplus (Clay Shirky). Er will das Fernsehen (und die Computer sowieso) mit reversiblen Kabeln versehen, damit nicht alle stumpf und gleichgeschaltet vor dem Bildschirm sitzen, sondern gleichzeitig konsumieren, kommunizieren und produzieren können:

So wie sie gegenwärtig geschaltet sind, machen die neuen Medien Bilder zu Verhaltensmodellen und Menschen zu Objekten, aber sie können anders geschaltet werden und damit Bilder in Bedeutungsträger und Menschen zu gemeinsamen Entwerfern von Bedeutung verwandeln.

Leider verhindere aber die allgegenwärtige Tendenz, das Fernsehen und auch die Computer aus ihrem gesellschaftlichen Kontext zu reißen und zu mythologisieren - diese “Idolatrie”, Medien “zu einer Art selbständigen und selbstentscheidenden Götzen zu erheben” -, eine Änderung der Schaltpläne ernsthaft in Erwägung zu ziehen, schreibt Flusser. (Das mag sich geändert haben. “Idolatrie” oder technoider Determinismus aber sind weiterhin en vogue.)

Probleme

Für Flusser ist die Frage nach der Art der Schaltpläne nicht weniger als existenziell für den Fortbestand der Demokratie. Allerdings sieht er zwei Probleme, die zu lösen sind, wenn jeder mit jedem jederzeit und überall kommunizieren könnte.

Die an sich wünschenswerte Reversibilität der Medien würde zwar mehr Dialog produzieren - dies allerdings ginge dann auf die Kosten des Diskurses. Angesichts der angesprochenen Kritik am Webdiskurs lohnt es sich, das näher auszuführen: Flusser unterscheidet grundsätzlich zwischen zwei Kommunikationssystemen, die er einerseits Netz und andererseits Rundfunk nennt.

Im Rundfunksystem ist ein zentraler Sender strahlenförmig und eindeutig (”univok”) mit einer Anzahl von peripheralen Empfängern verbunden. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Diskurs”. Im Netzsystem ist eine Anzahl von Teilnehmern “bi-univok” so miteinander verbunden, daß alle Beteiligten senden und empfangen können. Der Kommunikationsprozeß in solch einem System heißt “Dialog”. Der Zweck des ersten Systems ist, vorhandene Informationen zu verteilen (…). Der Zweck des zweiten Systems ist, aus vorhandenen Teilinformationen neue zu synthetisieren.

(…) Die Verdrängung des Dialogs durch den Diskurs im Hinblick auf Elitebildung - Parlamente, Komitees, Studiengruppen, elitäre Ausstellungen usw. - ist überhaupt für die industrielle Revolution charakteristisch. Sie bedeutet das Ende der Volkskultur (Folklore) und das Aufkommen der manipulierten Masse.

In einer vernetzten Gesellschaft sieht Flusser das entgegengesetzte Problem: Die Förderung des Dialoges käme einer allgemeinen Politisierung der Menschen gleich, der mit einem Mangel an öffentlichen Diskurs bezahlt werden müsste. Denn früher seien Informationen im öffentlichen Raum publiziert worden, und die Menschen hätten ihr Heim verlassen müssen, um an diese heranzukommen. Heute aber würden die Informationen direkt von privaten Räumen aus in andere private Räume übertragen.

Der Mangel an öffentlichem Diskurs geht also laut Flusser mit einer Zerbröselung der Privatheit einher, da die Trennung von Öffentlichkeit und Privatheit nicht mehr funktional erscheint. Ein Beispiel dafür sei, dass Häuser immer weniger als Schutz vor der Außenwelt dienten, da materielle und immaterielle Kabel diese “wie einen Emmentaler” durchlöchert hätten. (An dieser Stelle dürften sich die Vertreter des Post-Privacy-Gedankens nicht gerade widerlegt fühlen.)

Diese Erosion der Privatheit verspreche auf der einen Seite mehr Freiheit, auf der anderen aber weniger Schutz für das Individuum. Und das sei deshalb problematisch, weil die Menschen für eine solche Situation kompetent sein müssten. “Und diese Voraussetzung ist nicht gegeben.”

Das ist nach wie vor ein brandaktuelles Problem. Vom Versagen der Universitäten in dieser Hinsicht ist schon oft geschrieben worden. Und die Forderung, in den Schulen ein Unterrichtsfach mit Namen “Online-Erziehung” einzuführen - was schon seit langem gefordert wird, zum Beispiel von Sascha Lobo - ist sicher keine schlechte Idee.

Menschenbild

Die “grundlegende Frage, vor der wir angesichts der neuen Technologien gestellt sind”, ist für Flusser also die nach der Schaltungsart der Kanäle - und was das aus den Menschen macht, wenn die Kabel in den Kanälen reversibel geschaltet sind. Denn dies würde ein Menschenbild “als Verknotung von Beziehungen” bedeuten:

Wir haben uns ein Netz von zwischenmenschlichen Beziehungen vorzustellen, ein “intersubjektives Relationsfeld”. Die Fäden dieses Netzes sind als Kanäle zu sehen, durch welche Informationen wie Vorstellungen, Gefühle, Absichten oder Erkenntnisse fließen. Diese Fäden verknoten sich provisorisch und bilden das, was wir “menschliche Subjekte” nennen. Die Gesamtheit der Fäden macht die konkrete Lebenswelt aus, und die Knoten darin sind abstrakte Extrapolationen. Das erkennt man, wenn man sie entknotet. Sie sind kernlos wie Zwiebeln. Anders gesagt: Das “Selbst” (”Ich”) ist ein abstrakter, gedachter Punkt, um welchen sich konkrete Beziehungen hüllen.

(…) Der Mensch muss als dichte Streuung von Teilchen gesehen werden.

Das liest sich auf den ersten Blich einigermaßen fantastisch, aber wenn man sich eine Bemerkung ansieht, die Kathrin Passig neulich mal in Bezug auf den Internet-User an sich gemacht hat, kommt man zu dem Schluss, dass das, was Flusser da ausspricht, in der Webgemeinde derzeit durchaus als Konsens zu bezeichnen ist. Sie schrieb im Merkur:

Der Mensch ist nicht das kleinste Modul. (…) [Im Internet gibt es] keine erwünschten oder unerwünschten Personen, es gibt nur erwünschte und weniger erwünschte Verhaltensweisen.

Darin sieht Flusser einen Paradigmenwechsel: Früher sei der Mensch das Subjekt und die ihn umgebene Welt das Objekt gewesen. Nun beginne der Mensch aber, formal und damit relativistisch (postmodern) zu denken:

Was wir real nennen und auch so wahrnehmen und erleben, sind jene Stellen, jene Krümmungen oder Ausbuchtungen, in denen die Partikel dicht gestreut sind und sich die Potentialitäten realisieren. (…) Wir haben uns selbst - unser “Selbst” - als eine derartige “digitale Streuung”, als eine Verwirklichung von Möglichkeiten dank dichter Streuung zu begreifen. (…) Wir sind nicht mehr Subjekte einer gegebenen objektiven Welt, sondern Projekte von alternativen Welten.

Denn die Unterscheidung von Subjekt und Objekt sei mit der Heisenbergschen Unschärferelation unsinnig geworden:

Was den Geist der Post-Moderne (…) vom modernen Geist wohl am deutlichsten unterscheiden wird, ist dieses bewusste Auf-sich-nehmen der Tatsache, daß wir absurderweise in einer absurden Welt da sind und daß wir nichts anderes tun können, als diesem Geheimnis des Sinnlosen einen Sinn zu verleihen. (…)

Wir werden erwachsen. Wir wissen, daß wir träumen. (…)

Dieses vorläufig unvorstellbare Weltbild ist jenes der zukünftigen Informationsgesellschaft.

Immaterielle vs. energetische Kultur

Der Informationsgesellschaft, bei “welcher Informationen ins elektromagnetische Feld eingetragen und dort übertragen werden”, wird ja gerne unterstellt, eine immaterielle Kultur zu haben. Flusser hält das für hanebüchen und spricht lieber von einer energetischen bzw. “verstofflichenden” Kultur.

Es hat keinen Sinn, fragen zu wollen, ob “1 +1 = 2″ auch um 4 Uhr nachmittags in Semipalatinsk wahr ist. Es hat aber ebensowenig Sinn, von der Formel zu sagen, daß sie “immateriell” sei. (…) Früher ging es darum, die gegebene Welt zu formalisieren, und jetzt, die entworfenenen Formen zu alternativen Welten zu realisieren. Das meint “immaterielle Kultur”, sollte aber eigentlich “verstofflichende Kultur” heißen. (…) Das Kriterium der Informationsgesellschaft ist (…) folgendes: Inwieweit sind die eingeprägten Formen mit Stoff auffüllbar, inwieweit sind sie realisierbar? Wie operativ, wie fruchtbar sind die Informationen?

“Die Abkehr von den Dingen” nennt Flusser das. Wertvoll sei allein die Information, das “Programm” in den Maschinen.

Ich bin mir da nicht ganz sicher, ob ich da die Kategorien durcheinanderwürfele. Jedenfalls musste ich bei diesen Zeilen an diejenigen denken, die die Formulierung “Diebstahl geistigen Eigentums” für reine Kampfrhetorik halten und diese gerne spitzfindig zu widerlegen suchen (Beispiel: “unautorisierte Distribution statt Diebstahl“).

Humanismus/Nächstenliebe

Flussers Weltbild ist nicht ohne Tücken. Wenn er zum Beispiel die Schriftkultur des Westens als Voraussetzung für historisches Bewusstsein sieht, schließt er gleichzeitig aus, dass andere, schriftlose Kulturen so etwas wie Geschichtsbewusstsein überhaupt haben können.

Ähnlich ist es mit seinem Bild, den Menschen als “digitale Streuung” und die Gesellschaft als naturwissenschaftlich geprägt zu begreifen:

Die Aufklärung beruht auf dem Glauben an die Fähigkeit der Vernunft - und vor allem der Logik und der Mathematik -, die Hintergründe zu erklären. Sie ist eine Tochter des Humanismus, der seinerseits auf dem Glauben beruht, der Mensch sei gut. (…) Wie Midas verwandelt die Vernunft [aber] alles, was sie berührt: zwar nicht in Gold, aber in Wertfreies, in ethisch Neutrales. Je weiter die Vernunft in die Hintergründe vordringt, desto mehr werden Ethik und Politik zugunsten einer Wissenschaft mit Totalitätsansprüchen abgesetzt: Einzig wissenschaftliche Erklärungen gelten. Und damit ist selbstredend sowohl der Aufklärung wie dem Humanismus der Boden entzogen.

Ohnehin passe angesichts der anzustrebenden (demokratischen) Medienkultur der reversiblen Kabel und der damit einhergehenden Dialogkultur der Rückgriff auf das jüdisch-christliche Konzept der Nächstenliebe besser.

Nichts gegen praktizierte Nächstenliebe. Aber Humanismus und Aufklärung als erledigt zu erklären, das ist schon - sagen wir - stark gewöhnungsbedürftig.

Sprache

Flusser ist nicht nur ein begnadeter, mehrsprachiger (deutsch, englisch, französisch, portugiesisch) Schreiber mit beeindruckendem philosophischen und etymologischen Wissen - der Mann konnte auch druckreif reden. Das vermittelt zum Beispiel nachstehendes You-Tube-Video, in dem er über den Menschen als digitale Streuung und die Zerbröselung des Privaten spricht (abgesehen davon hört man, dass Marcel Reich-Ranicki keinen hyperindividuellen Sprechduktus besitzt, sondern die Sprache eines intellektuellen (und zu großen Teilen jüdischen) deutschen Kulturmilieus, das in der Nazizeit praktisch ausgelöscht wurde.)

Netzquellen

Im Netz gibt eine Menge Informationen zu Flusser, zum Beipiel an folgenden Stellen:

  • Die Flusser Files
  • Vilém Flusser Archive
  • Flusserstudies.net

    In der deutschsprachigen Blogosphäre bezieht sich übrigens meines Wissens zum Beispiel Benedikt Köhler regelmäßig auf Flusser.

    Und nun?

    Nun habe ich den mit Abstand längsten Post meines Bloggerdaseins geschrieben. Ich bewundere jeden, der bis hierhin durchgehalten hat.

    Die Essenz, die aus den Texten Flussers mitnehme, ist weder originell noch besonders kreativ: Wenn das Netz uns “als Bürgern” etwas bringen soll, dann müssen wir etwas dafür tun: Partizipation einfordern, Voraussetzungen schaffen (Bildung), Aufklären. Denn wie die Sache ausgeht, ist nicht ausgemacht. Bis dahin lohnt es sich aber, ab und zu die Klassiker zu lesen. Nach dem Motto: Das Netz vergisst vielleicht nicht, wir hingegen aber schon.

  • Ohnegleichen

    “Istanbul Suopping - crazy girls - ohne Baby” - und das offenbar unter dem Motto “Ohne”. Was soll uns das bedeuten?

    Gesehen in Kołobrzeg

    Zwischen Krautrock und Transhumanismus

    Das Schöne am Bloggen jenseits aller ökonomischen Interessen ist ja zum Beispiel, dass man ganz ungeniert auch mal knallharten Nepotismus betreiben darf. Nehmen wir zum Beispiel meinen Kumpel Ben Barks, der hier gerne und gut im Sinne seines Steckenpferdes, des Transhumanismus, kommentiert - ansonsten aber vor allem für eine Sache brennt: seine Musik.

    Ben spielte zusammen mit Tanja Geke und Steve Crock bei LongTrigger; und nun hat sich LongTrigger in LT-Royce umbenannt, weil Natti Reed zu der Gruppe hinzugestoßen und Tanja Geke erst aus- und nun wieder eingestiegen ist. Hört sich irre kompliziert an, aber hier hat auch noch niemand behauptet, dass das Leben unkompliziert sei. Auf jeden Fall ist die ganze Sache mehr als eine Umbenennung, weil sich auch die Musik geändert hat: mehr Rock, weniger Pop.

    Wie es dabei zum Namen LT-Royce kam, erzählt Ben am besten selbst:

    Es war im Sommer 2009. Tanja hatte uns zu einer Party eingeladen, auf der sie mit ihrer neuen Band “Tante Bob” auftreten wollte. Mitten im Herzen Berlins. Auf dem Dach eines Hauses. Nicht ganz neu, aber trotzdem, auch nach all den Jahren ein immer noch bestechendes Konzept.

    Ich fuhr mit Steve in dem verspiegelten Fahrstuhl nach oben. Dort erwarteten uns Batmans Erzrivale, der Joker, sowie Justus Jonas, Capt. Jack Sparrow und wie sie alle heißen. Nachdem ich die viel zu dunkle Sonnenbrille endlich von meinen Augen gepopelt hatte, konnte ich erkennen, dass wir jedoch lediglich auf dem Dach des audible.de Büros gelandet waren. Dort hörten wir brav der Band zu und lästerten über dieses und jenes bei Bier und Burgern.

    Dort kamen wir auf “LT” [für ehemals LongTrigger]. Die ersten Tracks waren da schon eingespielt (Last Night, A Little Left, Outback). Der Sound kam uns viel brachialer vor. Laut stampfend nahm da ein Monster Fahrt auf. Die Gitarren waren dichter als je zuvor bei LongTrigger und der Beat erinnerte an eine Lokomotive oder an einen wirklich teuren hubraumstarken Motor. “Mustang-LT?”, “LT-Dodge RAM?”, “Harley-LT?”, nee – zu rockig zu analog. Die elektronischen Komponenten, die wir zur Abrundung des Sounds eingesetzt hatten waren klarer, fast wie akustisches Chrom. “Hey, wie wär’s mit LT-Royce?”, fragte jemand, der nur Steve oder Ben sein konnte.

    Inzwischen sind aus den drei fertig gestellten Songs ein ganzes Album geworden, und da will ich selbstverständlich niemanden hier länger auf die Folter spannen: Jetzt gibt es erst einmal etwas für die Ohren, und den Rest dieses Blogposts kann der geneigte Leser dann durch den LT-Royceschen Klangteppich hindurch aufnehmen. (Falls es jemanden interessiert: Bei diesem Player-Widget kann man sich ja durch die Titel klicken. Mein Anspieltipp ist der 8. Song, Strange Lovers; das beste Intro hat für mich der 4., Somewhere.)

    Grundsätzlich ist das natürlich hochsympathisch, dass LT-Royce sich via Jamendo unter eine Creative-Commons-Lizenz begeben hat. Zumal da ein ganz konkreter Gedanke hintersteht, den sich auch die erratisch agierende Musikindustrie beizeiten mal aneignen könnte:

    Am meisten verkauft man sowieso direkt bei Konzerten. Da kann man den Fans ruhig die Downloads kostenlos zur Verfügung stellen, finden wir. Bei Jamendo gibt es übrigens auch ein kommerzielles Verwertungssystem. Unternehmen können für einen Obolus Stücke von Jamendo streamen. Die Künstler bekommen dafür dann einen kleinen Anteil. Damit werden europaweit vor allem Restaurants, Autohäuser und Hotels beschallt. Ist schon komisch, wenn man bedenkt, dass man plötzlich in einer Hotelhalle in Bratislava “Get up” hören könnte. Schöne neue Welt!

    Und die Mucke? Irgendetwas zwischen Krautrock und Transhumanismus. (Longversion: Leicht psychedelischer Elektrorock mit Indieelementen und einer Prise elektronisch getrocknetem Kraut - das Ganze im Spannungsfeld von Gitarre und Synthesizer sowie Perry-Rhodan-Aura.)

    So eine Art angerocktes Raumtauchen mit festen Songstrukturen als Flossen; die Texte unterstützen das:

    yeah the desert lies in front of me
    open legs between my bones
    well I hate you and your economy
    lonely soul between the stones

    Fazit: Weiter so. Da steckt ne Menge drin. Je länger man die Scheibe hört, desto interessanter wird sie. (Auf der nächsten wünsche ich mir noch mehr Mut zum Experiment: Songstrukturen weiter aufbrechen, den Tablaspieler von der Müllerstraße ab und zu mal mitspielen lassen, ein 15 Minuten wabernder Sphärentitel - so etwas würde mich interessieren.)

    Und jetzt will ich wissen, was Ihr live so macht! Hitzewelle und saisonbedingte Unclubbigkeit - Gründe der fehlenden Ankündigung an dieser Stelle - werden ja auch nicht ewig anhalten. Kann mir dann mal jemand Bescheid sagen, wenn es so weit ist?

    Machen wir uns nichts vor XIX

    Bedeutet die technische Entwicklung der Medien (…) nur eine Steigerung der Verblendungsmöglichkeiten und damit eine Depotenzierung aufklärerisch-emanzipatorischer Hoffnungen? Oder treten wir in eine geschichtlich neue Situation, die mit neuen Techniken auch neue Formen der ‘Mediatisierung’ bzw der neuen anthropologischen Situation der ‘Medienzivilisation’ schafft? Das ist, changierend zwischen Apokalypse und Integration, die ‘medienphilosophische’ Frage des zwanzigsten Jahrhunderts.

    Tja, so viel an dieser Einschätzung Frank Hartmanns hat sich auch im laufenden Jahrhundert bislang nicht geändert. Ansonsten will ich derzeit weder integrativ und schon gar nicht apokalyptisch werden, nur weil es gerade gefühlte 37 Grad heiß ist. Es ist eher so, dass ich gerade nach den Anfängen dieser ganzen Debatte um Neue Medien und Internet und Dings schaue, und dazu hat Hartmann auf seiner Seite übrigens einige sehr interessante Links und Verweise und Texte zusammengetragen.

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