“it must be that journalism has a role now in creating non-surveilled spaces”

Emily Bell, Professorin am Tow Center für Digitalen Journalismus an der New Yorker Columbia Journalism School, hat am Reuters Institute in Oxford eine Rede gehalten, die den Status Quo des Journalismus und der Öffentlichkeit (vor allem in den USA) in aller Nüchternheit beschreibt. Besonders interessant ihre Quintessenz, die sie von Ethan Zuckerman übernommen hat: If the leaks of Edward Snowden taught us anything, it must be that journalism has a role now in creating non-surveilled spaces.

Die Aufgabe scheint also ebenso klar wie kompliziert: Integriert das Kommentariat, statt es auszuschließen; akzeptiert die neue Rolle des Publikums als so genannte Fünfte Gewalt; nutzt die Kommunikationstechnologien, statt sie zu verdammen; macht Kundendaten nicht zu Geld - und setzt euch nicht zuletzt für die Abschaffung des Listenprivilegs ein.

The press is no longer in charge of the free press and has lost control of the main conduits through which stories reach audiences. The public sphere is now operated by a small number of private companies, based in Silicon Valley. (…)

Professional journalism is augmented by untold numbers of citizen journalists who now break news, add context and report through social platforms. To have our free speech standards, our reporting tools and publishing rules set by unaccountable software companies is a defining issue not just for journalism but the whole of society.

I am not going to argue that this is a reversible trend. It isn’t. But I am going to argue that journalism has an important role in building and deploying new technologies, shaping non-commercial parts of a new public sphere and holding to account these new extensive systems of power. (…)

Engineers who rarely think about journalism or cultural impact or democratic responsibility are making decisions every day that shape how news is created and disseminated.

In creating these amazingly easy-to-use tools, in encouraging the world to publish, the platform technologies now have a social purpose and responsibility far beyond their original intent. Legacy media did not understand what it was losing, Silicon Valley did not understand what it was creating.
(…)

The most vivid example of the friction between the new platforms and the traditional role of the press sits of course in the remarkable set of stories published by Alan Rusbridger and his team. We saw through the excellent work of the Guardian and others on the NSA leaks brought to light by whistleblower Edward Snowden, that the tools we use for journalism - Gmail, Skype, social media - are already fatally compromised by being part of a surveillance state. (…)

This week Ethan Zuckerman, who directs the Civic Media Lab at MIT delivered a very thought provoking talk at the Tow Center as part of a series we have called ‘Journalism After Snowden’ where he argued persuasively that if the leaks of Edward Snowden taught us anything, it must be that journalism has a role now in creating non-surveilled spaces.

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Siggi Becker hat recht: Weniger Links als freiwillige Geistblutspende in FB oder G+ abladen, sondern direkt in den eigenen Blog reinposten, um Verfügungsgewalt zu behalten und ein durchsuchbares Archiv zu haben. Also habe ich gestern, soweit mir Twitter, einer dieser vampiristische Mentoren in der Aufmerksamkeitsökonomie, dies im Zugriff auf die eigene Linkchronologie gestattete, mal gescannt, was ich in den vergangenen 14 oder 15 Monaten an Links dort hineingeschleudert habe und das hier rübergezogen, was ich noch nicht ganz vergessen möchte bzw. unter Umständen noch einmal gebrauchen kann.

Berufe im Misskredit: #Lehrer

Nicht erst seit den (…) PISA-Untersuchungen stehen die (…) Lehrer in Deutschland unter verschärfter öffentlicher Beobachtung. (…) Sie sind an allem schuld und sollen alles richten. (…)

So wie der Arzt für die Gesundheit, der Rechtsanwalt für das Recht ist der Lehrer (…) für die Bildung zuständig. Aber im Unterschied zu den freien Berufen hat er nicht mit Betroffenen zu tun, sondern mit Schutzbefohlenen, die sich ihn nicht aussuchen können. Gegen diesen mit der Schule einfach gesetzten Zwang, gegen den weder das Kinder- noch das Elternrecht etwas auszurichten vermag, steigt unweigerlich ein tiefer Groll auf. Außerdem muss der Lehrer sich nicht wie der Arzt und der Rechtsanwalt am, zugegeben reglementierten Markt bewähren, sondern kann als Festangestellter mit Pensionsberechtigung an der Biegung des Flusses sitzen und die Leichen an sich vorüberschwimmen lassen. (…)

Dass dieser Machtanspruch notwendig, aber nur angemaßt ist, verübeln wir (…) dem Lehrer. (…) Man delegiert also an die Lehrkraft, was die komplexe Gesellschaft vom kindlichen Ich verlangt, und führt zugleich Beschwerde darüber, dass diese auch tut, was sie tun soll.

(Aus: Heinz Bude: Bildungspanik.)

Morphing Public Sphere

In dieser ganzen Kladderadatsch-Debatte um den Zustand des Journalismus und der politischen Öffentlichkeit gibt es vielleicht einen einzigen Lichtblick - und man sollte ja immer auch das Positive sehen: Bislang wurde dem Web und den Sozialen Netzen gerne der Status als fester Bestandteil der Öffentlichkeit gerne mal mit dem Hinweis abgesprochen, die Teilöffentlichkeiten dort seien zu klein, zu fraktal, zu zersplittert und zu sehr von privatem Mitteilungsmüll angefüllt, als dass sie irgendetwas Substantielles zur allgemeinen Meinungsbildung beizutragen hätten.

Nun aber kommen weder die Verlage noch die Feuilletonisten, die sich traditionell voller Hingabe und durchaus aus eigennützigen Motiven (Reputation, Deutungshoheit) um den Zustand der Öffentlichkeit sorgen, um das kommentierende Publikum mehr herum - und das (kommentierende) Publikum ist es ja, das hier mit den neuen Formen digitaler Öffentlichkeiten einen größeren Einfluss geltend macht, als dass bislang der Fall war.

Das war es dann aber auch schon mit den guten Nachrichten. Der Rest ist Fremdschämen: Die Journalisten verachten die Kommentatoren. Die Kommentatoren die Journalisten. Beide verachten die Verlage, wobei nur die Kommentatoren dies auszusprechen wagen. Und die Verlage: verachten die Welt, vor allem aber google.

Damit haben wir - kleiner geht es nicht - eine neue historische Situation, entstand doch im 18. Jahrhundert die Presselandschaft mit einem bis ins 21. Jahrhundert haltenden Pakt zwischen den Verlegern und dem Publikum: Erstere waren die Sachverwalter der letzteren, die auf diese Weise ihr wachsendes Bedürfnis an der Teilnahme am öffentlichen Leben befriedigen konnten. Und die Journalisten waren die Gatekeeper, die für das Funktionieren dieses Teilnahmesystems sorgten.

Dieser Pakt, so umstritten und fragil er immer war, er existiert nicht mehr.

Die Frage ist, wohin nun dieser Resonanzboden namens Öffentlichkeit morphen wird, der einmal durchaus mit Recht als nationale politische Öffentlichkeit bezeichnet wurde. Wahrscheinlich ist, dass er bestehen bleibt, aber weiter an Bedeutung verlieren wird.

Das läge imho aber weniger an pöbelnden Kommentatoren oder unfähigen Journalisten, eher schon an den Verlegern, die - eine These Wolfgang Blaus - immer noch nicht erkannt haben, dass nationale Öffentlichkeiten in einem zunehmend globalisierten Informationszeitalter keine Öffentlichkeiten mehr sind - sondern bestenfalls Interessenvertretungen für ein alterndes Klientel. (Bestimmt kein Zufall, dass in den vergangenen Tagen das Thema Europäische Öffentlichkeit wieder stärker in den Fokus gerückt ist.)

Zeitalter der Simulation

Das Zeitalter der Simulation wird überall eröffnet durch die Austauschbarkeit von ehemals sich widersprechenden oder dialektisch einander entgegengesetzten Begriffen: (…) die Austauschbarkeit des Schönen und Hässlichen in der Mode, der Linken und der Rechten in der Politik, des Wahren und des Falschen in allen Botschaften der Medien, des Nützlichen und Unnützlichen auf der Ebene der Gegenstände, der Natur und der Kultur auf allen Ebenen der Signifikation. Alle großen humanistischen Wertmaßstäbe, die sich einer ganzen Zivilisation moralischer, ästhetischer und praktischer Urteilsbildung verdanken, verschwinden aus unserem Bilder- und Zeichensystem. Alles wird unentscheidbar, das ist die charakteristische Wirkung der Herrschaft des Codes, die auf dem Prinzip der Neutralisierung und der Indifferenz beruht.

Jean Baudrillard (1982)

Krautrock lebt

Nachtrag: Ich muss dann noch etwas zu der Band loswerden, die da spielt: Camera aus Berlin ist bekannt geworden, indem sie unangekündigt an den unterschiedlichsten Orten spielte, vorzugsweise in U-Bahnstationen. Beim Echo 2012 gar auf der Herrentoilette. Die Band spielt Krautrock, aber man hört natürlich den Einfluss von Techno bzw. House.

Übrigens: Camera spielt am 23. Dezember im Kreuzberger SO 36 zusammen mit Damo Suzuki, dem ehemaligen Can-Sänger.

Tanzeinlage LXX

Selma Hayek in Quentin Tarantinos From Dust Till Dawn zu Tito & Tarantulas After Dark.

Ausgebloggt?

Das Nachdenken und die Berichterstattung über den „digitalen Strukturwandel“, über Szenen und Technik, ist im Mainstream angekommen. Unter diesen Umständen kann es kein Blog mehr geben, das den Anspruch erhebt, hierfür sozusagen eine Agentur zu sein, wo etwas Besonderes sich abspielt oder das sich sonst vom Rest der Debatte abheben würde. (…)

Wir haben alles schon mal geschrieben, alles schon mal gedacht. Alles schon mal ausprobiert. Und wir können davon immer noch nicht leben, sondern wir gehören zu den Überzeugungstätern und zu den Zeitreichen. (…)

Wir haben also auskommentiert. Es ist vorbei. Wir schreiben nur noch weiter, ungefähr so, wie das Orchester auf der Titanic bis ganz zum Schluß immer weiter gespielt hatte. Ob sich die Musiker dabei zu einem bestimmten Zeitpunkt ein neues Design verpaßt hatten, ist nicht überliefert.

Jürgen Fenn aka Schneeschmelze denkt über die Schlammschlacht beim Mehrautorenblog Carta und über den Stand der Blogosphäre an sich nach. Wobei Fenn seinen Ansatz selbst einen idealistischen nennt: Für ihn ist ein(e) wahre(r) Blogger(in) jemand, der (vor allem materiell) unabhängig schreibt und versucht, eine “kommunikative und gesellschaftliche Funktion” zu erfüllen, nämlich “den Diskurs zu fördern und aufzuklären”.

Insofern hat er natürlich recht: Das “echte Bloggen” ist etwas für, nun ja, seltene Vögel.

Tanzeinlage LXIX

Aus Rita’s Last Fairy Tale, einem Film über die Liebe, den Hass und den Tod.

Von Tee zu Kunst und zurück

Ein Klumpen Tee ist ein Klumpen Tee, aber viele Klumpen Tee können ein Teehaus aus Teeziegeln ergeben - und wenn das dann von Ai Weiwei gebaut wurde, kann es sogar ein berühmtes Teehaus sein.

Wenn wir nun das Teehaus nähmen und auf eine große Wiese brächten und jeden einzelnen Teeklumpen dort wahllos hinauf schmissen, dann gäbe es kein Teehaus mehr. Und hinterher käme niemand auf die Idee, dass diese vielen Teeklumpen einmal ein Teehaus ergeben haben, sofern man nicht bei der Zerlegung und Verschmeißung desselben anwesend war.

Wenn Zufälligkeit (Teeklumpen) sich zur Gesetzmäßigkeit (Teehaus) wandelt, tritt Semantik (Kunstwerk) zutage. Wobei dies immer nur im Nachhinein zu erkennen ist, denn unterhalb einer Schwelle der Zerkleinerung löst sich ein Ereignis auf (Teehaus auf Wiese zu Teeklumpen).

Ai Weiwei ist ein Filter, ein Aggregator, ein Perzeptron, in diesem Fall für den Umbau von Tee in Kunst. Ein Journalist ist ein Filter etc. für den Umbau von Information in Text und Diskurs. Ein Verlag ist Think Tank und Filter etc. für dasselbe.

Die Dekonstruktion solcher Filter ist ein leichtes, wie wir in den vergangenen Jahren im Web gesehen haben. Der Rest und wesentlich längere Teil des Weges zu einem neuen Informationssystem, das einigermaßen diskursfähig ist, steht noch aus. Alles andere wäre Justin Bieber und #Icebucketchallenge in Endlosschleife.

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