Um es mal ganz krude zu formulieren: Die deutschsprachige Blogosphäre kaschiert ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Selbstüberschätzung. Diese Hybris ist aber lediglich eine Oberfläche, die schnell den Blick auf die eigentlichen Empfindlichkeiten freigibt, sofern sie in ihrer Herrlichkeit mit Kritik konfrontiert wird.
Wenn gepiekst wird, dann wird auch gezetert - am Augenfälligsten nutzt die Blogbar Don Alphonsos diese Regel. Immer wenn es Rainer Meyer zu bunt wird, steigt er vom Rodel und lässt seine Kunstfigur einen Rant raushauen. Und weil er dabei gerne Namen nennt, ist der Aufschrei meistens recht groß - zuletzt mit einem eher seicht-analytischen Artikel in der FAZ, dem ein furor-fäkalsprachlicher Eintrag im Blog folgte. Thema: Die vermeintliche Vetternwirtschaft einer vornehmlich in Berlin sitzenden Clique “mittleren Alters” namens Digitale Bohème, die ihre ökonomische Inkompetenz wiederholt unter Beweis gestellt habe.
Ich bin kein Don-Alphonso-Fan; einiges bei ihm scheint mir auch von ganz persönlichen Ressentiments und Erfahrungen getragen zu sein. (Er lebte zum Beispiel ja auch eine Zeit in Berlin.) Ich verstehe auch, dass einige Lieblingsopfer Don Alphonsos, denen er seit Jahren verbal ans Bein pinkelt zusetzt, nicht (mehr) bereit sind, sich mit ihm auseinanderzusetzen - zumal er ganz offensichtlich keinen Wert darauf legt. (An Sascha Lobos Stelle etwa würde ich das auch nicht machen.)
Aber ich denke nach wie vor, dass einer wie Meyer/Don Alphonso solange sein Publikum finden wird bzw. seine Funktion hat, bis die Blogosphäre in Deutschland so erwachsen geworden ist, substantielle (im Sinne von an die Substanz der eigenen Wahrnehmung gehende) Kritik von außen nicht als blasphemischen Akt hinzunehmen. Und Kritiker in solchen Fällen nicht einfach in irgendwelche Schubladen zu stecken, um sich bloß nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen:
Don Alphonso - ein Troll
Frank Schirmacher - ein ahnungsloser populistischer Konservativer
Lanier und Lovink - Gestrige
Ursula van der Leyen - das Böse
und so fort…
Ja klar, DIE Blogosphäre gibt es nicht. Es gibt durchaus nachdenkliche Töne von nachdenklichen Leuten, die zum Beispiel mit der Diskussionskultur in den Sozialen Medien nicht einverstanden sind oder die einräumen, dass Schirrmacher nicht durchweg ahnungslos und daneben argumentiert. Im Großen und Ganzen aber sind das - nach meiner Wahrnehmung jedenfalls - bei weitem nicht so viele wie die, die die Aufmerksamkeitserheischungskultur bereits soweit verinnerlicht haben, als dass sie nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, Meinungen zu vertreten, die nicht mit denen der Platzhirsche unter den Webzwonullern übereinstimmen.
Das ist ein wichtiger Grund für die angesprochene Selbstüberschätzung. So richtig nach hinten losgegangen ist das zum Beispiel im vergangenen Jahr, als Stefan Niggemeier, Mercedes Bunz, Sascha Lobo, Robin Meyer-Lucht, Markus Beckedahl, Thomas Knüwer und andere ihr Internet-Manifest veröffentlichten und dafür scharf angegriffen wurden, da sie sich anmaßten, für die gesamte Internet-Gemeinde zu sprechen. Aber das war eine Ausnahme.
Die Regel ist vielmehr, bei abweichenden Meinungen darauf zu verweisen, dass die Kontrahenten keine Ahnung vom Internet hätten. Weit verbreitet - interessanterweise gerne und häufig auch auf Techblogs - ist zudem die Unterstellung, die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht zu verstehen. Das nimmt dann auch mal doktrinäre Züge an.
Um nur ein Beispiel zu nennen, ohne jemanden vorführen zu wollen (und es wird hoffentlich vorerst mein letztes Payback/Schirrmacher-Beispiel sein): Tim Cole hat neulich Hans Olaf Henkel zum Opfer Schirrmacherscher Meinungsmachtmethoden stilisiert.
Henkel sei
“einer der geachtesten Manager Deutschlands, langjähriger Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der Leibnitz-Gesellschaft, Träger des Internationalen Buchpreises Corine für sein Buch „Die Ethik des Erfolgs“, ausgerechnet ihn stellte Schirrmacher an den Pranger als einer derjenigen, die ein “Zeitalter des Unglücks” über Deutschland hereinbrechen ließen, indem sie uns sehenden Auges in die größte Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit manöverierten.”
Dass für diese Behauptung durchaus einiges spricht und Henkel selbst in den USA von einigen als “Radikaler” gesehen wird, erwähnt Cole allerdings nicht. Das wird woanders geschrieben.
Ausgerechnet Hans Olaf Henkel ist also eines der Opfer des “Systems Schirrmacher”. Mir kommen echt die Tränen: Da soll offenbar der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden.