Archiv der Kategorie ‘Kritik und Cojones‘

 
 

Minirant zum Megarauchverbot

In Bayern darf in Zukunft weder in Restaurants und Gaststätten noch in Bierzelten gequalmt werden. Ohne Ausnahme: Weder in (ehemaligen) Raucherseparees noch in Eckkneipen, in denen kein Essen angeboten wird, soll Rauchen gestattet sein. Das ist bekanntlich das Ergebnis des bayerischen Volksentscheids zum Rauchverbot.

Zwei Argumente, die von Nichtrauchern gerne gegen Raucher ins Feld geführt werden, gehen mir dabei auf den Keks, sofern sie in ihrer ganzen Totalität angeführt werden:

Existenz und Nichtexistenz von Nichtraucherkneipen: Ein Verbot von Raucherkneipen zu fordern mit der Begründung, es gebe ja leider leider keine Nichtraucherkneipen, ist egozentrisch bis autoritär. Es hat sich keine “Nichtraucherkneipenkultur” entwickelt, weil offensichtlich keine Nachfrage besteht (Marktwirtschaft). Deswegen anderen Leuten verbieten zu wollen, dass sie sich in ihrer Freizeit oder als Arbeitskraft bewusst und selbstbestimmt in ein solches Ambiente begeben, kann ich nicht nachvollziehen. Sagen wir es mal passend für den Internethorizont, in dem wir uns hier bewegen: Wer einerseits den Verlagen ihre Sehnsucht nach einem Leistungsschutzrecht verübelt und fordert, sie sollten sich lieber mit den realen Marktbedingungen auseinander setzen, kann nicht ernsthaft ausgewiesene Raucherkneipen verbieten wollen.

Tipp für militante Nichtraucher: sich in die Rolle der Spaßbremse fügen und einfach zu Hause bleiben. Wahlweise eine eigene Nichtraucherkneipe aufmachen.

Das Totschlagargument Passivrauchen: Es ist nicht zu bestreiten, dass Passivrauchen gesundheitsschädlich ist. Raucher schaden also nicht nur sich selbst, sondern auch denen, in deren Umfeld sie qualmen. Ok. Nehmen wir einfach diese Argumentationsfolie: Es ist nicht zu bestreiten, dass die Bevölkerung der nördlichen Erdhalbkugel allein mit ihren Schadstoffemissionen der Bevölkerung auf der südlichen Erdhalbkugel Schaden zufügt. Ergo sollten alle, die für strikte Rauchverbote sind, mindestens auch für die Abschaffung der USA und Europas sein. Alles andere wäre spießig.

Tipp für militante Nichtraucher: über den Tellerrand hinausdenken.

Brunftzeit der Platzhirsche

Ob nun Geert Lovink darauf hinweist, dass der Blogger-Journalisten-Disput in der deutschen Blogosphäre aber so etwas von uninteressant und irrelevant ist, oder nicht: Die gerade zu Ende gegangene re:publica ist die bevorzugte Brunftzeit der Platzhirsche, in der das Print- gegen das Internet-Wild um die Vorherrschaft im Revier kämpft. Nur dass es nicht um Sex geht, sondern um Reputation.

Angefangen hat es dieses Mal damit, dass Marcus Jauer von der FAZ den Print-Junghirsch gab und sich gleich mit mehreren altgedienten Online-Geweihträgern anlegte. Er schrieb unter anderem:

  • Johnny Haeuslers Ruf gründe auf einem einzigen Text.
  • Jörg Wittkewitz nehme sich wichtiger als sein Thema.
  • Und Robin Meyer-Lucht habe noch nicht mal eines.

    Interessant ist weniger, dass Jauer den Dreien gegenüber nicht gerade fair war; aufschlussreich ist vielmehr, welches Bild er von Bloggern an sich zu haben scheint. Für ihn ist die Blogosphäre offenbar voller spinnerter Egozentriker, die bevorzugt in Berlin leben, im Sankt Oberholz Kaffee trinken und im eigenen Saft braten. Ein Ort, so scheint es, wie gemacht für Leute, die - und das scheint wohlgemerkt die Sicht Jauers zu sein - mit wenig Leistung viel Aufmerksamkeit bekommen (Haeusler), bei aller Erfolglosigkeit dennoch ihr Ego ausleben (Wittkewitz) oder andere um des eigenen Erfolges willen ausbeuten wollen (Meyer-Lucht).

    Übrigens haben Johnny Haeusler und Jörg Wittkewitz inzwischen auf den Artikel reagiert; Robin Meyer-Lucht hat reagieren lassen wurde zumindest auf dem eigenen Blog verteidigt. Jauer sagt nichts; wahrscheinlich überlegt er, wie er seine Twitter-Seite noch besser macht. NACHTRAG: Interessant ist auch, was der ebenfalls in dem Artikel vorkommende Felix Schwenzel zu der Sache sagt.

    Online-Platzhirsch Thomas Knüwer wollte einen solchen Affront wohl nicht auf sich sitzen lassen und legte sich nicht nur mit Jauer, sondern gleich noch mit dessen FAZ-Kollegen Harald Staun sowie Johannes Boie (SZ) an. Knüwer schlägt verbal um sich, als ob Bambi erst gestern erschossen wurde und unterstellt den Print-Journalisten Voreingenommenheit, Missgunst und Neid:

    “Für den Leser quälend trieft durch ihre Zeilen der Neid, dass da Leute das gleiche Handwerk betrieben wie sie: schreiben. Und das tun sie einfach so, als Hobby. Sie schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.”

    Boie konterte daraufhin mit dem Hinweis, dass er sich manchmal frage,

    “wie sehr Knüwer seine Arbeit beim Handelsblatt gehasst haben muss, wenn für ihn ‘Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität’ so grausam sind. Und ich frage mich auch, was Knüwer eigentlich bei der Zeitung gemacht hat – jene Menschen, die ich beim Handelsblatt mehr aus der Ferne als der Nähe kenne, haben dort noch nie einen Text von Chefs ‘diktiert’ bekommen. Allerdings verdienen sie auch ein bisschen mehr als ‘Leserkommentare, Resonanz und Bier auf einem Kongress’.”

    Nun ja. Was soll man dazu sagen, außer: Platzhirsche gibt es sowohl im Print- als auch im Online-Milieu, und: Geert Lovink hat Recht.

  • Technoider Determinismus

    Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis einer hierzulande eine so dicke Hose anhat, um ohne mit der Wimper zu zucken à la Zuckerberg oder Schmidt ein postprivatsphärisches Zeitalter auszurufen und damit eine Datenschutz-Debatte anzuzetteln. Christian Heller war mit seinem Text “Die Ideologie Datenschutz” so frei und hat darüber hinaus die Chuzpe, dafür Urheberrechte mit Datenschutz in einen Topf zu werfen:

    “Der ideologische Kampfbegriff “Geistiges Eigentum” entspricht der Forderung, ein Mensch möge Verfügungsgewalt besitzen über die Daten, die sein Leben generiert. Genauso wie ‘Geistiges Eigentum’ ist ein ‘Eigentum’ an persönlichen Daten nicht naturgegeben, sondern nur ein gesellschaftlich erwünschtes Gedankenkonstrukt.”

    Wenn das so ist, dann liegt es natürlich nahe, das Thema Datenschutz ebenso durch die Internetbrille zu betrachten wie das des Urheberrechtes: Datenschutz sei, so Heller, demzufolge “an der Realität der modernen Informationsmedien” zu messen wie andere “Eigentums-Konstrukte”.

    Abgesehen davon, dass er damit ohne Not das auch historisch gesehen alles andere als unwichtige Konzept der Privatsphäre kurzerhand auf den Müllhaufen der Geschichte befördert und er so ganz offensichtlich die Gefahr unterschätzt, dass Daten auch missbraucht werden können bzw. sich die Einschätzung ehedem als unproblematisch erachteter persönlicher Daten auch wandeln kann, offenbart Heller mit diesen Gedankengängen eine Art technoiden Determinismus, der zu denken gibt und der eingedampft in etwa so formuliert werden könnte:

  • Alles, was technisch machbar und auf diese Weise ökonomisch verwertbar ist, sollte auch stattfinden. Es liegt am Menschen, sich diesen Umständen anzupassen - und nicht umgekehrt.

    Andere sind auf diesen Zug aufgesprungen: Michael Seemann zum Beispiel grenzt sich zwar von Heller ab, indem er einen “Generalangriff auf die soziale Konstruktion der bürgerlichen Identität” für zu sportlich hält und schlägt stattdessen vor:

    “Aber ist es dann damit getan, auf diese und andere Bedrohungen oder die ganz normalen Intoleranzen mit der Oktroyierung von Datenschutzreglementierungen zu reagieren? Insbesondere, wenn man die Annahme zu Grunde legt - und ich bin der festen Überzeugung, dass das notwendig ist -, dass sich ein heutiges Verständnis von Datenschutz sowieso nicht halten lassen wird. (…) Wir müssen aufhören, nur Daten schützen zu wollen und hinkommen zu einer Politik, die Identitäten schützt.”

    Wenn Michael Seemann aber einleitend schreibt, dass es seine “theoretische Berechtigung” habe, dass Heller Urheber- und Datenschutz vergleicht und damit zu ein und demselben Problem macht, begibt er sich allen nachfolgenden Relativierungen zum Trotz auf dessen theoretische Ebene:

    “Was den dort konstatierten Kontrollverlust der Verlagsbranche und der gesamten Contentindustrie ausmacht, das - so muss man leider zunächst feststellen - ist ein und die selbe Bewegung beim Schutz der persönlichen Daten. Je weiter die Entwicklung fortschreitet, desto weniger wird sich jemand noch sicher sein können, welche Information er wann und wem preis gibt.”

    Das klingt zunächst plausibel, beantwortet aber nicht die Frage, ob persönliche Daten wirklich mit Urheberrechten verglichen, ob sie in einen konkreten wirtschaftlichen Verwertungszusammenhang gestellt und nicht doch restriktiver geschützt werden sollten als andere Daten. Oder, wie ein Kommentator des Posts treffend anmerkte:

    Was die Gemeinsamkeiten des Wunschs nach Kontrolle über persönliche Daten mit dem Wunsch der Verlage nach Kontrolle über ihr Handelsgut betrifft, so stimmt es natürlich dass es eine Abstraktionsebene gibt, auf der beide Gemeinsamkeiten haben. Aber diese gemeinsame Ebene gibt es im Prinzip für jedes beliebige Paar mit Eigenschaften. Es braucht also eine tiefere Betrachtung der Sinnhaftigkeit der konkreten Ebene und die Frage, welche wichtigen Unterschiede bestehen. Und hier ist zunächst zu nennen, dass es bei dem Einen (”Datenschutz”) tatsächlich im die Möglichkeit von Menschen zu menschenwürdigem Leben (das ist übrigens kein wirklich schwammiger Begriff, wenn man ein wenig Fachliteratur zu Art. 1 GG zu Rate zieht) und bei dem anderen lediglich um den Schutz (eigentlich sogar Subvention oder Verordnung) eines Geschäftsmodells geht. Ersteres genießt in unserer Verfassung allerhöchsten Rang, Zweiteres kommt nicht mal vor. Man tut dem Wert der eigenen theoretischen Überlegungen keinen Gefallen, wenn man über solche Unterschiede einfach hinweg bügelt.

  • Doktrinärer Katzenjammer

    Um es mal ganz krude zu formulieren: Die deutschsprachige Blogosphäre kaschiert ihre Minderwertigkeitskomplexe mit Selbstüberschätzung. Diese Hybris ist aber lediglich eine Oberfläche, die schnell den Blick auf die eigentlichen Empfindlichkeiten freigibt, sofern sie in ihrer Herrlichkeit mit Kritik konfrontiert wird.

    Wenn gepiekst wird, dann wird auch gezetert - am Augenfälligsten nutzt die Blogbar Don Alphonsos diese Regel. Immer wenn es Rainer Meyer zu bunt wird, steigt er vom Rodel und lässt seine Kunstfigur einen Rant raushauen. Und weil er dabei gerne Namen nennt, ist der Aufschrei meistens recht groß - zuletzt mit einem eher seicht-analytischen Artikel in der FAZ, dem ein furor-fäkalsprachlicher Eintrag im Blog folgte. Thema: Die vermeintliche Vetternwirtschaft einer vornehmlich in Berlin sitzenden Clique “mittleren Alters” namens Digitale Bohème, die ihre ökonomische Inkompetenz wiederholt unter Beweis gestellt habe.

    Ich bin kein Don-Alphonso-Fan; einiges bei ihm scheint mir auch von ganz persönlichen Ressentiments und Erfahrungen getragen zu sein. (Er lebte zum Beispiel ja auch eine Zeit in Berlin.) Ich verstehe auch, dass einige Lieblingsopfer Don Alphonsos, denen er seit Jahren verbal ans Bein pinkelt zusetzt, nicht (mehr) bereit sind, sich mit ihm auseinanderzusetzen - zumal er ganz offensichtlich keinen Wert darauf legt. (An Sascha Lobos Stelle etwa würde ich das auch nicht machen.)

    Aber ich denke nach wie vor, dass einer wie Meyer/Don Alphonso solange sein Publikum finden wird bzw. seine Funktion hat, bis die Blogosphäre in Deutschland so erwachsen geworden ist, substantielle (im Sinne von an die Substanz der eigenen Wahrnehmung gehende) Kritik von außen nicht als blasphemischen Akt hinzunehmen. Und Kritiker in solchen Fällen nicht einfach in irgendwelche Schubladen zu stecken, um sich bloß nicht mit ihnen auseinandersetzen zu müssen:

    Don Alphonso - ein Troll

    Frank Schirmacher - ein ahnungsloser populistischer Konservativer

    Lanier und Lovink - Gestrige

    Ursula van der Leyen - das Böse

    und so fort…

    Ja klar, DIE Blogosphäre gibt es nicht. Es gibt durchaus nachdenkliche Töne von nachdenklichen Leuten, die zum Beispiel mit der Diskussionskultur in den Sozialen Medien nicht einverstanden sind oder die einräumen, dass Schirrmacher nicht durchweg ahnungslos und daneben argumentiert. Im Großen und Ganzen aber sind das - nach meiner Wahrnehmung jedenfalls - bei weitem nicht so viele wie die, die die Aufmerksamkeitserheischungskultur bereits soweit verinnerlicht haben, als dass sie nicht mehr in der Lage zu sein scheinen, Meinungen zu vertreten, die nicht mit denen der Platzhirsche unter den Webzwonullern übereinstimmen.

    Das ist ein wichtiger Grund für die angesprochene Selbstüberschätzung. So richtig nach hinten losgegangen ist das zum Beispiel im vergangenen Jahr, als Stefan Niggemeier, Mercedes Bunz, Sascha Lobo, Robin Meyer-Lucht, Markus Beckedahl, Thomas Knüwer und andere ihr Internet-Manifest veröffentlichten und dafür scharf angegriffen wurden, da sie sich anmaßten, für die gesamte Internet-Gemeinde zu sprechen. Aber das war eine Ausnahme.

    Die Regel ist vielmehr, bei abweichenden Meinungen darauf zu verweisen, dass die Kontrahenten keine Ahnung vom Internet hätten. Weit verbreitet - interessanterweise gerne und häufig auch auf Techblogs - ist zudem die Unterstellung, die wirtschaftlichen Zusammenhänge nicht zu verstehen. Das nimmt dann auch mal doktrinäre Züge an.

    Um nur ein Beispiel zu nennen, ohne jemanden vorführen zu wollen (und es wird hoffentlich vorerst mein letztes Payback/Schirrmacher-Beispiel sein): Tim Cole hat neulich Hans Olaf Henkel zum Opfer Schirrmacherscher Meinungsmachtmethoden stilisiert.

    Henkel sei

    “einer der geachtesten Manager Deutschlands, langjähriger Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) und der Leibnitz-Gesellschaft, Träger des Internationalen Buchpreises Corine für sein Buch „Die Ethik des Erfolgs“, ausgerechnet ihn stellte Schirrmacher an den Pranger als einer derjenigen, die ein “Zeitalter des Unglücks” über Deutschland hereinbrechen ließen, indem sie uns sehenden Auges in die größte Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit manöverierten.”

    Dass für diese Behauptung durchaus einiges spricht und Henkel selbst in den USA von einigen als “Radikaler” gesehen wird, erwähnt Cole allerdings nicht. Das wird woanders geschrieben.

    Ausgerechnet Hans Olaf Henkel ist also eines der Opfer des “Systems Schirrmacher”. Mir kommen echt die Tränen: Da soll offenbar der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden.

    Im eigenen Saft

    Deutsche “Blogs sind selbstreferentielle Nische, fühlen sich da pudelwohl, aber bleiben bei allem vehement formulierten Anspruch irrelevant“, hat Nico Lumma neulich geschrieben und damit wahrscheinlich gar nicht unrecht, obwohl er das natürlich polemisch und ungenau formulierte. Dass Lumma damit in der Blogosphäre nicht besonders gut ankam, lag eher am elegischen Ton seines Posts und natürlich an der Message an sich.

    Einen ganz anderen Ton schlug einige Tage später Robert Basic an, als er “Warum nur jammern sich manche den Wolf, dass Blogs nix bringen, nicht wirklich einen Platz neben der ARD, der BILD und dem Deutschlandfunk gefunden haben? Fuck this!” in die Tasten haute. Und irgendwie wirkte es wie an Lumma persönlich gerichtet, als er später schrieb: “Im Großen und Ganzen gehen mir diese Kritiker richtig auf den Sack. Nicht, weil sie so schlau sind, sondern so richtig dämlich sind und jedes Maß für Relationen verloren haben.”

    Auch Social-Media-Harlekin Basic hat durchaus recht und eher meine Sympathie als Lumma, weil er sich gegen eine Beurteilung von Blogs nach vorgestanzten Erwartungskategorien (ökonomische Verwertbarkeit, gesellschaftliche Relevanz etc.) wendet.

    Unter dem Strich bleibt festzuhalten: Sowohl Basics als auch Lummas Post wurden viel besprochen und zitiert, was als Beleg für eine ausgeprägte Selbstreferenzialität der Blogosphäre gelten darf. Nach dieser Lesart briete die deutsche Webgemeinde tatsächlich im eigenen Saft.

    Wir sind, das müssen wir uns endlich mal eingestehen, bei weitem nicht so relevant, wie wir es gerne wären“, hat Sachar Kriwoj dazu gepostet und nach der Lektüre von Frank Schirrmachers Payback festgestellt:

    “Das Digitale ist die Zukunft. Dabei setzen wir uns mit den immer gleichen Problemen, siehe die oben angeführte Diskussion, also Datenschutz und Medienkompetenz, auseinander, ohne dass wir sie lösen, ohne dass wir neue Probleme definieren. Nicht nur Schirrmacher, auch wir sind gestrig.”

    Aber wenn wir schon bei Relevanz sind: Ist im Moment eigentlich auch ziemlich Egal.

    #aufmerksamkeitserheischungskultur

    Jeder Penny, den Google verdient, und das sind eine Menge, spricht dafür, dass der Schwarm versagt hat“, sagt Jaron Lanier. Das Unternehmen ist für Internet-Pionier Lanier der sinnfällige Ausdruck schlechthin für die Überlegenheit der Aufmerksamkeitserheischungskultur über die Schwarmintelligenz:

    “Es ist absurd, wie entscheidend Werbung für die neue digitale Schwarm- oder Bienenstockökonomie ist, und noch absurder, dass von diesem Umstand nicht mehr Aufhebens gemacht wird. (…) Ein funktionierendes, auf ehrlicher Schwarmintelligenz aufbauendes System müsste der bezahlten Überredung überlegen sein. Wenn der Schwarm so viel weiß, sollte er jedem einzelnen von uns zu optimalen Entscheidungen verhelfen können (…). Die ganze bezahlte Überredung sollte zur Disposition stehen.”

    Interessant, dass sich jüngst auch Geert Lovink zu Wort gemeldet hat, dem ja ebenfalls der Internetpionier-Status zugebilligt wird. Lovink überträgt das, was Lanier an den Unternehmen und dem Markt kritisiert, auf jeden einzelnen Nutzer Sozialer Netzwerke:

    “Es geht heute im Netz um eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde. Das war so nicht gedacht. Man wollte damit viel spielerischer und kreativer umgehen. (…) Das Netz ist eine Tragödie der Selbstrepräsentation.”

    Diese Kritiken stellen den gegenwärtigen Konsens innerhalb der so genannten Blogosphäre, der die Reputation im Netz - ob als Individuum, Unternehmen oder Institution - als zentralen Faktor beinhaltet, auf ganzer Linie in Frage. Da die Kritiker ausgemachte Experten sind, wiegt das umso schwerer - wobei die Kritik ja nicht neu ist. (Beide Texte standen übrigens in FAZ.NET; ein Schelm, der Böses dabei denkt. (#Schirrmacher)).

    Der Peijas der Woche: Eric Schmidt

    (Oder: “Privacy is a basic human need.”)

    Eric Emerson Schmidt, offiziell Chief-Executive-Officer und inoffiziell der Erwachsene vom Dienst bei Google, hat sich während eines Interviews auf CNBC derart ungeschickt und entlarvend geäußert, dass ich mir nicht anders zu helfen weiß, als dies zum Anlass für den Start einer neuen Reihe zu nehmen: der Ausrufung eines Peijas der Woche, die nicht unbedingt alle sieben Tage, aber doch regelmäßig erfolgen soll.

    Peijas kommt, wie der oben gesetzte Link anzeigt, aus dem Plattdeutschen und bedeutet so viel wie Hanswurst, Clown, Hampelmann oder Narr. Es könnte ursprünglich aus dem Lateinischen stammen, wofür spricht, dass zum Beispiel im Spanischen “el payaso” für Clown steht. Peijas, so wie ich es im plattdeutschen Sprachgebrauch kennengelernt habe, ist aber auf jeden Fall eher abwertend als lustig gemeint - so viel steht fest.

    An dieser Stelle ist die Bedeutung von Peijas ausdrücklich nicht wörtlich für den Charakter des jeweils Genannten zu nehmen, sondern nur für die konkret bezeichnete Äußerung bzw. Aktion, wegen der sich der- oder diejenige in dieser Kategorie wiederfindet.

    Eric Schmidt hat sich die Auszeichnung in meinen Augen redlich verdient, indem er in seiner Funktion als Vorstandschef des weltweit größten Datensammlers zum Thema Datenschutz und Privatsphäre (”privacy”) sinngemäß sagte: “Wenn Du etwas tust, das niemand mitbekommen soll, dann lass vielleicht besser sowieso die Finger davon.

    Hier der Beleg:

    Das ist erstens ungeschickt, da Google bei aller Kritik, die das Unternehmen aufgrund seiner Größe und Mächtigkeit im Internetbereich auf sich zieht, sich bis zum heutigen Tag die Aura des Spielerischen, bei einigen besonders naiven Zeitgenossen gar die des Altruistischen bewahren konnte. Insofern dürfte diese Äußerung ein Rückschlag für Google sein.

    Zweitens ist sie entlarvend, da sie zeigt, dass Google offenbar nicht nur nicht gewillt ist, in irgendeiner Form Verantwortung zu übernehmen für etwaige Spätfolgen seiner Geschäftstätigkeiten. (Nach dem Motto: Könnte durchaus sein, dass unsere Datensucherei Nachteile für unsere Nutzer bringen könnte, aber wir können ja nichts dafür, wenn zum Beispiel irgendwelche Regierungen Schindluder mit diesen Infos treiben würden; Christian Stöcker hat das auf Spon überzeugend kommentiert.) Entlarvend ist die Äußerung aber auch allein deshalb, weil Schmidt sich auf das argumentative Niveau von autoritätsgläubigen Politdilettanten begibt, die angesichts irgendwelcher Einschränkungen der Privatsphäre die Leute damit zu beruhigen versuchen, dass ja niemand etwas zu befürchten habe, sofern man sich gesetzeskonform verhalte.

    Kurz: So eine Äußerung ist dem Vorstandschef eines Unternehmens wie Google nicht würdig und schlichtweg nicht akzeptabel.

    Und, um Bruce Schneier zu zitieren, ist vor allem folgendes zu diesem Thema zu sagen:

    “Privacy is a basic human need. (…) Too many wrongly characterize the debate as “security versus privacy.” The real choice is liberty versus control.”

    Das Geld und die Internetbestimmer

    Sevenload-Gründer Ibrahim Evsan kritisiert, dass hierzulande immer noch Aufklärungsarbeit in Sachen Internet betrieben wird (und werden muss), während in den USA eher - wie immer so schön formuliert wird - zukunftsorientiert darüber nachgedacht wird, was man mit dem Netz und seinen Möglichkeiten so alles anstellen kann.

    Ohne dabei in die Standardklage zu verfallen, dass auf der einen Seite des Teiches eher Risiken und auf der anderen Chancen gesehen werden, weist “Ibo” auf einige Tatsachen hin, die es wert sind, ausgesprochen zu werden.

    Zum Beispiel: Das Internet ist US-amerikanisch dominiert, und das hat eine Menge mit der lieben Kohle zu tun. So müsse man sich vor Augen halten,

  • dass die Höhe der Venture-Capital-Investitionen in den Internetbereich in Deutschland im Jahr 2008 insgesamt 245 Millionen Euro ausmachte, während allein Facebook im gleichen Zeitraum 200 Millionen Dollar für neue Server, also nur für Hardware, ausgegeben habe.
  • und dass Xing einen Umsatz pro Quartal generiere, auf den Google in einer Stunde komme.
  • Hier ist das komplette Interview:

    Link: Ibrahim Evsan

    Gefunden im Blog von Leander Wattig.

    Adam Soboczynski und die Antichambrierer

    Zeit-Redakteur Adam Soboczynski ist bereits im Frühjahr in den digitalen Fleischwolf geraten, als er in seinem Artikel “Das Netz als Feind” Leserkommentare zu journalistischen Beiträgen als Wurmfortsätze bezeichnete und bedauerte, das Internet grabe den “geistesaristokratisch aus der Mehrheitsdemokratie herausragenden Intellektuellen” zugunsten dem “Diktat der Masse” das Wasser ab.

    In der aktuellen Zeit-Ausgabe setzt sich Soboczynski nun unter dem Titel “Höfische Gesellschaft 2.0” mit Sozialen Netzwerken auseinander. Mit dem hübschen, durchaus nicht unpassenden Bild des adeligen Hofstaats vergleicht er das Nutzerverhalten in Sozialen Medien mit dem Gebahren der Günstlinge an den europäischen Höfen des absolutistischen Zeitalters. Soziale Netzwerke erzeugten einen neuen Menschentypus, lautet sein Fazit:

    “den sozial hyperaktiven, den um Status und Witz kämpfenden Höfling, den reaktionsschnellen und bewertungssüchtigen, den geistreichen Parvenü.”

    Kurz: Für Adam Soboczynski ist der digitale Antichambrierer Mitbringsel einer Zeit, die “eine neue Ordnung der Dinge” herbeiführe, welche “zunächst nichts als bloß den Untergang der alten” mit sich bringe. Insofern hat Soboczynski seit dem Frühjahr seine argumentative Stoßrichtung nicht geändert, sondern lediglich den Adressatenkreis seiner Web-2.0-Artikel erweitert: Nicht mehr “nur” die Intellektuellen sind dem Untergang geweiht, sondern nunmehr gleich “die Ordnung der Dinge” an sich.

    Soboczynski spricht in seinem Artikel einerseits Dinge an, die in Zusammenhang mit Sozialen Netzwerken dringend zu diskutieren sind: etwa die unterstellte, aber per se keineswegs gegebene Demokratiefreundlichkeit des Web 2.0, die Ökonomisierung des Sozialen oder der Verlust der Privatsphäre. Andererseits enthält der lange Artikel, der als Aufmachertext das Feuilleton der aktuellen Zeitausgabe ziert, einige nicht nachvollziehbare thematische Zuspitzungen, einseitige Auslegungen und krude Szenarien - selbst wenn man dem Autor zugute hält, dass er nicht über das Internet an sich, sondern über Soziale Netzwerke schreibt. (Allerdings meint er mit Sozialem Netzwerk offensichtlich nur Facebook, was ja auch schon wieder eine nicht ganz astreine Zuspitzung ist.)

    Folgende Passagen finde ich fragwürdig:

    “Charisma lässt sich nicht mehr durch zeitweilige Abwesenheit steigern, sondern offenbar nur durch Dauerpräsenz in Dauerkommunikation. (…) Heute ist bekanntermaßen allumfassender sozialer Austausch das Paradigma der Zeit.”

    Nein: Weder produziert “Dauerpräsenz in Dauerkommunikation” Charisma (auch wenn dies nicht wenige offenbar meinen) noch ist die Erzeugung von vermeintlichem Charisma alleiniger Grund für die Nutzung Sozialer Medien. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Soboczynski an keiner Stelle seines Textes darauf eingeht, dass viele Leute sich via Soziale Netzwerke Informationen beschaffen - mit der Hilfe von Empfehlungen anderer Netzwerkteilnehmer. (Aber auch für den Autor Soboczynski gilt: Jeder nutzt Soziale Netzwerke auf seine ganz eigene Art; allein: Diese Verallgemeinerung ist nicht statthaft.)

    “Der Reiz sozialer Netzwerke ist unmittelbar einleuchtend. Die Freunde, die man dort versammelt, sind in der Regel sorgsam ausgewählt, nicht jeden lässt man hinein in seinen Freundeskreis. (…) Soziale Netzwerke sind in der Regel elitär: Die meisten Nutzer versammeln so an die 80 bis 150 ausgewählte Bekannte, denen sie Einblick in ihr Leben gewähren.”

    Nein: Auch hier scheint der Autor von sich und seiner (Facebook-)Recherche auf andere zu schließen. Meine persönliche Beobachtung - auch, aber nicht nur bei Facebook - ist eine andere: Von insgesamt “sorgsam ausgewählten Kontakten” kann in Sozialen Netzwerken selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht die Rede sein. Oder: Es gibt durchaus gute Gründe, Soziale Netzwerke als elitär zu betrachten, die von Soboczynski genannten gehören aber eher nicht dazu.

    “Die Behauptung, dem Web 2.0 hafte Demokratiefreundlichkeit an, ist ein verlogenes Marketingversprechen, ist Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs. (…) [Sozialen Netzwerken] ist eine negative Anthropologie unterlegt, die aristokratischen Selektionsmechanismen folgt: Missliebige Kontaktaufnahmen klickt man kalt weg, jene, die sich aufdringlich zu Wort melden, werden kommentarlos ausgeschaltet.”

    Nein: Soboczynski sollte bedenken, dass ein Kontakt auf Facebook keinem Freund oder auch nur einem guten Bekannten im wirklichen (physischen) Leben entsprechen muss. Aber selbst so verstehe ich die Kritik nicht: Man nehme nur den Begriff “Berufsleben” und setze ihn im Zitat statt “Web 2.0″ ein. Wo ist der Unterschied? Abgesehen davon: Leute wie Evgeny Morozov oder Ethan Zuckerman weisen seit langem gebetsmühlenartig darauf hin, dass das Web 2.0 eben nicht automatisch mehr Demokratie bringt - wer also behauptet nach Meinung Soboczynskis, das Internet sei demokratiefreundlich? Da muss er schon Ross und Reiter nennen.

    “Die Umwälzung des kollektiven Affekthaushalts ist eine Revolution, die mit handfesten politischen Forderungen flankiert wird. Es ist keineswegs kokett, dass die politisch bewegte Internetgemeinde, die immerhin auf Anhieb 2 Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl auf sich vereinen konnte, als Piratenpartei firmiert.”

    Nein: Nicht alle, die sich der Internetgemeinde verbunden oder gar zugehörig fühlen, haben die Piratenpartei gewählt. Auch nicht alle der “politisch bewegten” Gemeindemitglieder. Bei weitem nicht.

    “Die Netzgemeinde gibt sich betont egalitär und sucht die Oligarchisierung, die sich im Internet herausgebildet hat, zu verschleiern. Ihre Fürsten sind jene Betriebe, die erstmals in der Geschichte umfassend das Alltagsleben strukturieren. (…) [Facebook] formalisiert (…) für über 300 Millionen Nutzer das soziale Leben.”

    Nein: Eine zielgerichtete Ökonomisierung des Privaten ist im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Netzwerke kaum zu bestreiten. (Sie ist nur folgerichtig zu Zeiten, in denen selbst Altenheime vor consultenden Unternehmensberatern nicht sicher sind.) Von einer Oligarchisierung des Internets und einer Formalisierung des Alltagslebens durch Facebook in solch allgemeinem Tonfall und vor allem mit dem Wörtchen “erstmals” zu sprechen, ist aber fragwürdig, wenn man sich im historischen Rückblick mal anschaut, was die Industrialisierung den Menschen so alles zugemutet hat. In dieser Zeit wurden Unternehmen Oligarchen und Monopolisten, wurde das Leben der Menschen formalisiert und ihnen die freie Zeit genommen, die später aus nicht zuletzt ökonomischen Gründen (Kino, Vergnügungsparks etc.) als Freizeit wieder (wohl portioniert) eingeführt wurde.

    “Es nährte der Internetwahlkampf des Barack Obama kurzweilig die Illusion, das Internet tauge zum Verstärker althergebrachter politischer Institutionen und zur Steigerung des Charismas eines demokrarischen Anführers. (…) Derlei nützt sich ab und dürfte (…) kaum wiederholbar sein.”

    Nein: Woher nimmt Soboczynski diese Gewissheit? Warum spricht er bei dieser Gelegenheit nicht an, dass Soziale Medien durchaus mehr direkte Demokratie-Elemente (zumindest erst einmal technisch) ermöglichen könnten? Es entsteht der Eindruck, hier ist eher der Wunsch der Vater des Gedankens.

    Mein Fazit: Vielleicht sollte sich Adam Soboczynski einfach ein wenig intensiver mit Sozialen Netzwerken und dem Nutzerverhalten darin beschäftigen, bevor er sich zu solch expliziten Thesen versteift: Denn wenn die Grundannahmen nicht stimmen, sind meist auch die Konklusionen nicht schlüssig. Das gilt meines Erachtens auch in diesem Fall.

    Soziale Netzwerke: Vorboten des Neohumanismus?

    Die Web Security Dienstleister haben offenbar keine Krise: Soziale Netzwerke gelten in Unternehmen und Behörden oft als “Produktivitätskiller” - damit lässt sich Geld verdienen, indem der Zugang zu Information, Kommunikation, Unterhaltung via Social Networking eingeschränkt, gesperrt, blockiert, verboten wird.

    So gab die weltweit tätige Securityfirma Scansafe eine Pressemitteilung heraus, in der vermeldet wird, dass Unternehmen den Zugang zu Sozialen Netzwerken für ihre Angestellten häufiger sperren als je zuvor. Soziale Netzwerkaktivitäten seien inzwischen beliebter bei den Mitarbeitern ihrer Kunden als die Gebiete Shopping, Waffen, Sport, Mailingdienste und Alkohol, heißt es in der Mitteilung. Und die Prognose des Produktmanagers lautet:

    “(C)ompanies are increasingly taking a sterner approach to the sites that their employees are allowed to access. I imagine before long, social networking will be up there with pornography in terms of categories blocked.”

    Das mag stimmen oder nicht; der Trend ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass der freie Zugang zu Sozialen Netzwerken während der Arbeitszeit stärker zur Disposition steht, als das bislang ohnehin der Fall war. Zumal ja allein die Nutzerzahlen Facebooks zuletzt richtig durch die Decke gingen, also immer mehr Leute Social Networking betreiben.

    Ein Beispiel: In der Schweiz sind Soziale Netzwerke (namentlich Facebook) derzeit bei Unternehmen bzw. Institutionen wie UBS, Schweizer Bundesbahnen, Post und seit jüngstem auch in der Bundesverwaltung nicht zu erreichen.

    Und in den USA machen derzeit etwa die Verlagshäuser von sich reden, die ihren angestellten Journalisten vorschreiben wollen, was sie so alles netzwerkend ansprechen dürfen und was nicht: Nach Associated Press, Wall Street Journal und New York Times hat nun auch die Washington Post sich entschlossen, ihren twitternden, facebookenden oder sonstwie netzwerkenden Journalisten eine so genannte Guideline aufzudrücken, die in einigen Punkten so restriktiv ist, dass einer der Angesprochenen meinte, er schreibe fürderhin besser nur noch über das Wetter und Dessertrezepte.

    So lustig ist der Fall der Washington Post allerdings nicht, wenn man die Vorgeschichte bedenkt: Denn die Guideline wurde verfasst, nachdem sich die Washington Post offenbar genötigt sah, einem ihrer Angestellten nahe zu legen, seinen Twitter-Account zu schließen. Der Mann hatte sich dort unter anderem explizit für eine Gesundheitsreform in den USA ausgesprochen…

    Paul Bradshaw nimmt dies zum Anlass, das endgültige Ende scheinbarer journalistischer Objektivität, auf die ja gerade in den angelsächsischen Ländern so großer Wert gelegt wird, zu verkünden. Soziale Netzwerke machten Aktivitäten von Journalisten nun messbar; und diese seien deshalb einfach besser beraten, ihre Quellen, Einstellungen und Kontakte transparent zu machen als sie zu verbergen. Das Ideal der Objektivität sei ohnehin schon immer das gewesen, was Ideale immer sind: Ein Gedankenkonstrukt, das in der Realität, in Reinform jedenfalls, nicht existiert:

    “Objectivity is a construct of recent times. One reason for its rise in the journalism sphere has been the consolidation of newspapers and television into monopolies and oligopolies in the past half-century”,

    zitiert Bradshaw Dan Gillmor.

    Der bekannte spanische Blogger Enrique Dans nimmt die Guideline der Washington Post zum Anlass, um den konkreten Konflikt zwischen einem Verlag und seinen Angestellten generell auf die Arbeitswelt der Zukunft zu projzieren:

    “Aufgrund der zunehmenden beruflichen Mobilität sind einzelne Personen keine bloße Erweiterung eines Unternehmens oder Produktes mehr; sie sind vielmehr Personen, die mittels der Werkzeuge des Social Webs ihre Individualität ausdrücken”,

    schreibt Dans und spricht in diesem Zusammenhang vom “Vordringen des Neohumanismus“. Deshalb sei die restriktive Guideline der Washington Post schlicht und ergreifend “ein Fehler”.

    blogoscoop