Zeit-Redakteur Adam Soboczynski ist bereits im Frühjahr in den digitalen Fleischwolf geraten, als er in seinem Artikel “Das Netz als Feind” Leserkommentare zu journalistischen Beiträgen als Wurmfortsätze bezeichnete und bedauerte, das Internet grabe den “geistesaristokratisch aus der Mehrheitsdemokratie herausragenden Intellektuellen” zugunsten dem “Diktat der Masse” das Wasser ab.
In der aktuellen Zeit-Ausgabe setzt sich Soboczynski nun unter dem Titel “Höfische Gesellschaft 2.0” mit Sozialen Netzwerken auseinander. Mit dem hübschen, durchaus nicht unpassenden Bild des adeligen Hofstaats vergleicht er das Nutzerverhalten in Sozialen Medien mit dem Gebahren der Günstlinge an den europäischen Höfen des absolutistischen Zeitalters. Soziale Netzwerke erzeugten einen neuen Menschentypus, lautet sein Fazit:
“den sozial hyperaktiven, den um Status und Witz kämpfenden Höfling, den reaktionsschnellen und bewertungssüchtigen, den geistreichen Parvenü.”
Kurz: Für Adam Soboczynski ist der digitale Antichambrierer Mitbringsel einer Zeit, die “eine neue Ordnung der Dinge” herbeiführe, welche “zunächst nichts als bloß den Untergang der alten” mit sich bringe. Insofern hat Soboczynski seit dem Frühjahr seine argumentative Stoßrichtung nicht geändert, sondern lediglich den Adressatenkreis seiner Web-2.0-Artikel erweitert: Nicht mehr “nur” die Intellektuellen sind dem Untergang geweiht, sondern nunmehr gleich “die Ordnung der Dinge” an sich.
Soboczynski spricht in seinem Artikel einerseits Dinge an, die in Zusammenhang mit Sozialen Netzwerken dringend zu diskutieren sind: etwa die unterstellte, aber per se keineswegs gegebene Demokratiefreundlichkeit des Web 2.0, die Ökonomisierung des Sozialen oder der Verlust der Privatsphäre. Andererseits enthält der lange Artikel, der als Aufmachertext das Feuilleton der aktuellen Zeitausgabe ziert, einige nicht nachvollziehbare thematische Zuspitzungen, einseitige Auslegungen und krude Szenarien - selbst wenn man dem Autor zugute hält, dass er nicht über das Internet an sich, sondern über Soziale Netzwerke schreibt. (Allerdings meint er mit Sozialem Netzwerk offensichtlich nur Facebook, was ja auch schon wieder eine nicht ganz astreine Zuspitzung ist.)
Folgende Passagen finde ich fragwürdig:
“Charisma lässt sich nicht mehr durch zeitweilige Abwesenheit steigern, sondern offenbar nur durch Dauerpräsenz in Dauerkommunikation. (…) Heute ist bekanntermaßen allumfassender sozialer Austausch das Paradigma der Zeit.”
Nein: Weder produziert “Dauerpräsenz in Dauerkommunikation” Charisma (auch wenn dies nicht wenige offenbar meinen) noch ist die Erzeugung von vermeintlichem Charisma alleiniger Grund für die Nutzung Sozialer Medien. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Soboczynski an keiner Stelle seines Textes darauf eingeht, dass viele Leute sich via Soziale Netzwerke Informationen beschaffen - mit der Hilfe von Empfehlungen anderer Netzwerkteilnehmer. (Aber auch für den Autor Soboczynski gilt: Jeder nutzt Soziale Netzwerke auf seine ganz eigene Art; allein: Diese Verallgemeinerung ist nicht statthaft.)
“Der Reiz sozialer Netzwerke ist unmittelbar einleuchtend. Die Freunde, die man dort versammelt, sind in der Regel sorgsam ausgewählt, nicht jeden lässt man hinein in seinen Freundeskreis. (…) Soziale Netzwerke sind in der Regel elitär: Die meisten Nutzer versammeln so an die 80 bis 150 ausgewählte Bekannte, denen sie Einblick in ihr Leben gewähren.”
Nein: Auch hier scheint der Autor von sich und seiner (Facebook-)Recherche auf andere zu schließen. Meine persönliche Beobachtung - auch, aber nicht nur bei Facebook - ist eine andere: Von insgesamt “sorgsam ausgewählten Kontakten” kann in Sozialen Netzwerken selbst bei wohlwollender Betrachtung nicht die Rede sein. Oder: Es gibt durchaus gute Gründe, Soziale Netzwerke als elitär zu betrachten, die von Soboczynski genannten gehören aber eher nicht dazu.
“Die Behauptung, dem Web 2.0 hafte Demokratiefreundlichkeit an, ist ein verlogenes Marketingversprechen, ist Teil eines utopistischen Verblendungszusammenhangs. (…) [Sozialen Netzwerken] ist eine negative Anthropologie unterlegt, die aristokratischen Selektionsmechanismen folgt: Missliebige Kontaktaufnahmen klickt man kalt weg, jene, die sich aufdringlich zu Wort melden, werden kommentarlos ausgeschaltet.”
Nein: Soboczynski sollte bedenken, dass ein Kontakt auf Facebook keinem Freund oder auch nur einem guten Bekannten im wirklichen (physischen) Leben entsprechen muss. Aber selbst so verstehe ich die Kritik nicht: Man nehme nur den Begriff “Berufsleben” und setze ihn im Zitat statt “Web 2.0″ ein. Wo ist der Unterschied? Abgesehen davon: Leute wie Evgeny Morozov oder Ethan Zuckerman weisen seit langem gebetsmühlenartig darauf hin, dass das Web 2.0 eben nicht automatisch mehr Demokratie bringt - wer also behauptet nach Meinung Soboczynskis, das Internet sei demokratiefreundlich? Da muss er schon Ross und Reiter nennen.
“Die Umwälzung des kollektiven Affekthaushalts ist eine Revolution, die mit handfesten politischen Forderungen flankiert wird. Es ist keineswegs kokett, dass die politisch bewegte Internetgemeinde, die immerhin auf Anhieb 2 Prozent der Stimmen bei der Bundestagswahl auf sich vereinen konnte, als Piratenpartei firmiert.”
Nein: Nicht alle, die sich der Internetgemeinde verbunden oder gar zugehörig fühlen, haben die Piratenpartei gewählt. Auch nicht alle der “politisch bewegten” Gemeindemitglieder. Bei weitem nicht.
“Die Netzgemeinde gibt sich betont egalitär und sucht die Oligarchisierung, die sich im Internet herausgebildet hat, zu verschleiern. Ihre Fürsten sind jene Betriebe, die erstmals in der Geschichte umfassend das Alltagsleben strukturieren. (…) [Facebook] formalisiert (…) für über 300 Millionen Nutzer das soziale Leben.”
Nein: Eine zielgerichtete Ökonomisierung des Privaten ist im Zusammenhang mit der Nutzung Sozialer Netzwerke kaum zu bestreiten. (Sie ist nur folgerichtig zu Zeiten, in denen selbst Altenheime vor consultenden Unternehmensberatern nicht sicher sind.) Von einer Oligarchisierung des Internets und einer Formalisierung des Alltagslebens durch Facebook in solch allgemeinem Tonfall und vor allem mit dem Wörtchen “erstmals” zu sprechen, ist aber fragwürdig, wenn man sich im historischen Rückblick mal anschaut, was die Industrialisierung den Menschen so alles zugemutet hat. In dieser Zeit wurden Unternehmen Oligarchen und Monopolisten, wurde das Leben der Menschen formalisiert und ihnen die freie Zeit genommen, die später aus nicht zuletzt ökonomischen Gründen (Kino, Vergnügungsparks etc.) als Freizeit wieder (wohl portioniert) eingeführt wurde.
“Es nährte der Internetwahlkampf des Barack Obama kurzweilig die Illusion, das Internet tauge zum Verstärker althergebrachter politischer Institutionen und zur Steigerung des Charismas eines demokrarischen Anführers. (…) Derlei nützt sich ab und dürfte (…) kaum wiederholbar sein.”
Nein: Woher nimmt Soboczynski diese Gewissheit? Warum spricht er bei dieser Gelegenheit nicht an, dass Soziale Medien durchaus mehr direkte Demokratie-Elemente (zumindest erst einmal technisch) ermöglichen könnten? Es entsteht der Eindruck, hier ist eher der Wunsch der Vater des Gedankens.
Mein Fazit: Vielleicht sollte sich Adam Soboczynski einfach ein wenig intensiver mit Sozialen Netzwerken und dem Nutzerverhalten darin beschäftigen, bevor er sich zu solch expliziten Thesen versteift: Denn wenn die Grundannahmen nicht stimmen, sind meist auch die Konklusionen nicht schlüssig. Das gilt meines Erachtens auch in diesem Fall.