Archiv der Kategorie ‘Kritik und Cojones‘

 
 

tacit alliance

Für den US-amerikanischen Science Fiction-Autor Bruce Sterling ist der Hacker Space das Gehirn und Nervensystem des Austeritätsprogramms der sich formierenden globalen Netzwerkgesellschaft:

in the start up world you work hard and you move fast in order to make other people rich. other people, not you. you are a smart elite of very smart young people who are working very hard for an even smaller elite of mostly baby boomer financiers

so they can buy national governments, shut the governments down, destroy the middle class and the nation state

you are part of a tacit alliance between the hacker space and offshored money

(Vortrag auf der SinnerSchrader-Veranstaltung für die europäische Digitalökonomie, der so genannten Next. Gefunden via Siggi Becker.)

Machen wir uns nichts vor XLIII

Soziale Netzwerke sind fluide Selbstvergewisserungsmantras, in denen das Panta Rhei immer in dieselben ontologischen Bahnen abfliesst. Echokammer und Filter Blase war gestern; heute haben wir die Ontlosschleife.

(Selbstzitat.)

(Ich betätige mich ja nur ungern als Spaßbremse, aber die Reaktionen auf den Rant Frank Schirrmachers zur Zukunft des Journalismus offenbaren einige Brüche, die im Selbstverständnis der Netzbohémiens so schlummern. Wenn er die Ontologien der Netzaktivisten kritisiert, muss das demzufolge besser verschwiegen bzw. darauf nicht reagiert werden, weil es ja sonst auffiele, wie viel Metaphysik eigentlich in den Sozialen Netzwerken steckt. Stattdessen wird der Rant fleißig widerlegt - faktisch, ökonomisch, entwicklungstheoretisch, wie auch immer (wtf, seit wann müssen Rants Sinn ergeben?). Einer der wenigen Blogposts, der diesem Text Paroli bietet, ist ein kleiner, unscheinbarer von Markus Spath; der schlägt Schirrmacher mit den einzig möglichen Waffen - seinen eigenen:

das lustige an ihm ist, dass er selbst quasi ein glaubender der von ihm kritisierten ‘internetideologien/-en’ ist, nur die angedachten ergebnisse, visionen, utopien negativ und dystopisch bewertet. er selbst denkt technodeterministisch, nur verzweifelt seine humanistische seele an den entwürfen.

(Lustig, dass Markus und ich - apropos Schleife - uns hier gegenseitig zitiert haben. )

Machen wir uns nichts vor XLII

“tot ist das system der schamanischen pilz-kultur, bei dem die obersten eines stammes die hallogenen pilze verzehren, und die unteren schichten dann nacheinander jeweils den urin der nächsthöheren trinken. bis man am ende sich den visionären rausch nur noch vorstellen muss, wenn man als letzte(r) in der kette den becher bis zur neige leert.”

Martin Lindner erklärt die Geisteswissenschaften bzw. das hierarchisch aufgebaute, materielle und immaterielle Anerkennung kanalisierende System, das Qualifikationen scheinbar logisch mit Kompetenzen verknüpft und damit als gerecht erscheint, für tot.

Guttenberg hat also doch seine Verdienste. Als Plagiator.

Eure Öffentlichkeit

Jetzt schreit ihr alle wieder, weil ein Leistungschutzrecht kommen soll: Die Blogs sollen sich stärker vernetzen. Und die das am lautesten schreien, haben immer schon nur auf die drei, vier Alphaärsche verwiesen, die das auch für Euch tun.

Mit Kritik könnt ihr nicht umgehen. Wenn Euch etwas nicht in den Kram passt, ist es Feuilleton. Ihr geschichtsvergessenen Muttermörder: Ohne die Entwicklung Feuilleton wäret ihr und eure öffentliche Position gar nicht denkbar.

Ohnehin pinkelt ihr den Verlagen immer nur so lange richtig ans Bein, bis sie euch dafür bezahlen, was ihr vorher umsonst machen musstet.

Es gibt zu viele Ideologen unter euch.

Und zu viele Kindsköpfe.

Inzwischen überlege ich, ob ich Teil Eurer Öffentlichkeit sein will: Ich will keine Partei ergreifen, niemanden wegbeißen und ich will auch kein Geld vom Internet. Aus welchen Gründen also bleiben?

mein kind ist geiler als dein kind

Neobürgerliche Kinder-Erziehung mitsamt elterlicher Profilneurosen, auf den Punkt gebracht von Fil.

Digitaler Klimawandel

Kurze Anmerkung zur gerade wieder stark blubbernden Urheberrechtsdebatte: “Wer die Markwirtschaft akzeptiert, aber Urhebern das Recht aufs Wirtschaften abspricht, ist ein Heuchler”, schreibt Konrad Lischka, und das hört sich wesentlich undiplomatischer an als neulich Sascha Lobo, der meinte: “Der Fortbestand des freien und offenen Netzes hängt auch davon ab, ob sich mit Inhalten ausreichend viel Geld verdienen lässt.”

Mein Problem mit Lischkas Quintessenz hat Benedikt Köhler auf Twitter auf den Punkt gebracht. Dort stellt er die künstliche Frontenstellung in Frage, die der Spiegelmann sich da zurechtgetastaturt hat:

“Moment mal, wer gegen ACTA ist, ist doch nicht zwangsläufig für Apple, Google und Megaupload?”, twittert Köhler und fügt daraufhin völlig korrekt an, dass es übrigens “auch Marktwirtschaften mit liberalen Fair-Use-Regelungen” gebe.

(Es sieht ganz danach aus, als ob sich in der Urheberrechtsdebatte ein Klimawandel ankündigt: Der Druck auf das freie und offene Netz steigt, da die vorhandenen digitalen Geschäftsmodelle bislang weder wirtschaftlich noch inhaltlich das halten, was sich viele Webevangelisten einst und immer noch von Ihnen versprochen haben. Wenn es sich nicht um so viel Geld und damit existenzielle (Geschäfts-)Interessen handelte, könnte man locker den Zeithorizont ausweiten und sagen: Ja nun, wird schon noch kommen.

So ist es aber nunmal nicht, und deshalb wäre es auch ziemlich bescheuert, wenn die digitalen Meinungsmacher unterdessen in der Mehrzahl so reagierten wie Lischka. Denn dann dürfte das Warten auf das neue, nachhaltige, smoothe und wirtschaftlich attraktive digitale Geschäftsmodell einen ziemlich unschönen Nebeneffekt haben: die Spaltung der so genannten Netzgemeinde, der ohnehin schwächsten Internet-Interessengruppe neben Content-Verwertern und Tech-Unternehmen.)

Aktualisierung: Na, hätte ich geahnt, dass Marcel Weiß und Sascha Lobo auf google plus eine solch spektakuläre Diskussion abliefern würden, hätte ich wohl geschwiegen.

Machen wir uns nichts vor XXXVII

Ich kann doch nicht einen Satz wie: “Die architektonische Offenheit des Netzes führte zu seiner weltweiten Verbreitung” stehen lassen, ohne die gewaltigen Investitionen in Netzinfrastruktur und die damit verbundenen kommerziellen Gewinnerwartungen zu bedenken; noch weniger die staatlichen Regulatorien, die diese Gewinne erst garantieren: MCI in den USA zum Beispiel hat seinen Unternehmenssitz nach Washington verlegt, damit ihre Lobbyisten es nicht so weit zur FCC haben, die folgerichtig das gesamte Backbone MCI überlassen haben. In Deutschland ähnlich, aber darüber redet niemand. Stattdessen immer diese religiöse Scheiße von Wohlfahrt und Demokratie und Kreativität und was weiß ich.

Ausnahmslos Zustimmung hat sie nicht gerade hervorgerufen, die neue Internetversteherbroschüre für Internetausdrucker der Digitalen Gesellschaft. Das zeigt der Kommentar-Rant des Untoten Ostgoten auf google plus ganz, äh, anschaulich.

Tja, wie komplex oder eben unterkomplex so eine Darstellung sein sollte, ist die Frage: Die Digitale Gesellschaft konzentriert sich mehr oder weniger ganz auf die Perspektive (und Nutzerbedürfnisse) der eigenen Klientel (Netzaktivistenfraktion). Christoph Kappes zum Beispiel guckt da schon wesentlich weiter über den Tellerrand hinaus und beschreibt in seinen Thesen die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Politik und damit auch auf die Gesellschaft. Was fehlt, und da hat die Kritik natürlich ihren Punkt, ist ein von “den” Netzaktivisten kommender Diskurs über die großen Linien, die die Grenzen des globalen Digitalisierungsmarktes markieren und die Interessen der beteiligten Kräfte offenlegt: Regulatorien, Kapitalströme, Lobbyisten, wirtschaftliche und politische Interessen, gesellschaftliche Auswirkungen, etc.

Eine an sich belanglose Visualisierung und eine ebensolche Anmerkung zum Thema Tastaturkotze

Tastaturkotze - das ist doch einmal ein sehr anschaulicher Name für die dahin geworfenen, mit Beleidigungen gespickten Kommentare, die der sozialen Seite des Internets das Stigma eingebracht haben, inhaltlich vollgeschmierten Klowänden nicht ganz unähnlich zu sein. (Der Werber Jean-Remy von Matt sagte dies über Weblogs schon vor einigen Jahren; 2006, um genau zu sein.)

Auch wenn das einige Leute anders sehen dürften: Es bringt nichts, Beleidigungen im Netz persönlich zu nehmen. (Weil sie nicht wirklich persönlich gemeint sind, meistens jedenfalls. Es ist vielmehr so, dass die Beleidiger sich - ob begründet oder nicht; meistens also nicht - beleidigt fühlen und ihrerseits mit Beleidigungen kontern.)

Und es bringt übrigens auch nichts, seine Kommentatoren (und damit Leser) größtenteils für Idioten zu halten. Jedenfalls dürfte es bei einer solchen Haltung recht schwer fallen, nicht selbst in den Verdacht zu geraten, ein Idiot, mindestens aber etwas borniert zu sein. (Leute zum Beispiel, die über sprachlich manchmal etwas unbeholfen agierende Social-Media-Anfänger die Nase rümpfen, stehen bei mir in Verdacht sich einzubilden, als Erwachsene auf die Welt geschissen worden gekommen zu sein.)

Frank Schirrmachers Killerapp und die (ersten) Folgen

FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat als erster Publizist der bürgerlichen Presse in Deutschland eingeräumt, dass der politische Konservatismus in einer Selbstbewusstseinskrise bzw. in einer Phase der Selbstdesillusionierung steckt. Der Neoliberalismus bzw. “Ludwig Erhard plus AIG plus Lehman plus bürgerliche Werte” - das sei wahrlich eine Killerapplikation gewesen, schreibt Schirrmacher.

Schaut man sich die Reaktionen in der bürgerlichen Presse an, bleibt festzustellen, dass es a) überhaupt solche gibt, woran zu sehen ist, dass Schirrmacher mit seinem Text in Schwarze getroffen hat, ob er nun abgelehnt wird oder nicht, und dass b) sich der “politische Konservativismus” derzeit in zwei Teile dividiert: Einige nehmen den Faden gerne auf und spinnen ihn weiter; die anderen halten an den alten Gewissheiten fest.

(Das gilt übrigens nicht nur für die Presse, sondern auch für die Politik: Während die Führung der CDU derzeit mit dem Unmut ihrer Basis kämpft und es noch nicht ausgemacht ist, wie sie sich wirtschaftlich positionieren wird, hat sich die FDP bereits dafür entschieden, weiter reine “Klientelpartei wirtschaftlicher Interessengruppen” zu bleiben.)

Und apropos Politik: Es geht - jedenfalls IMHO - doch gar nicht darum, dass die Linke Recht hat und die Rechte nicht. Es geht noch nicht einmal um linke oder rechte Positionen generell. Und auch nicht allein um die Finanzkrise und die unter anderem daraus folgende Krise der staatlichen Haushalte. Es geht verdammt nochmal um den Primat “der Politik”gegenüber “der Wirtschaft”.

Und genau deshalb ist es mutig und richtigungsweisend von Frank Schirrmacher gewesen, sich hinzustellen und zu sagen: Leute, das was da gerade abläuft, ist mit klassischen konservativ-bürgerlichen Werten absolut unvereinbar. Denn ohne die Leute, die auf diese Werte wert legen, wird sich weder der Finanzsektor bändigen noch der Primat der Politik zurück holen lassen.

Na gut, was im einzelnen in welcher Zeitung nach dem Schirrmacher-Text gesagt worden ist, soll folgende (wahrscheinlich unvollständige) Übersicht zeigen:

  • Die FAZ ließ neben Schirrmacher die Soziologen Jens Beckert und Wolfgang Streeck zu Wort kommen:

    Eine Neuregulierung der Finanzmärkte ist weitgehend ausgeblieben, das Bankensystem ist nach wie vor anfällig, die konjunkturelle Entwicklung erlahmt. Dies wirft die Frage nach der nächste Stufe der Finanzkrise auf. (…) [Es] muss ins Auge gefasst werden, dass aus der ungelösten Finanzkrise eine soziale und politische Krise entstehen wird.

  • Auch Tissy Bruns sieht im Tagesspiegel und später auch in der Zeit die Welt aus den Fugen geraten:

    Der Finanzkapitalismus hat den Anspruch paralysiert, auf dem Primat der Politik zu bestehen. Wer glaubt noch daran, dass legitimierte Politik dem Gemeinwohl im Zweifel Vorrang verschaffen kann vor Partikularinteressen aller Art? Schlimmer als die Handlungszwänge sind die Gedankengefängnisse, in die sich die demokratischen Öffentlichkeiten begeben haben. Es wird kaum gedacht und selten gesagt, dass es weiter schieflaufen wird, wenn die Politik ihre Handlungsfreiheit gegenüber den „Märkten“ nicht zurückerobern will.

  • Arno Widmann schrieb in der Berliner Zeitung einen ganz fantastischen, weit ausholenden Text zum Thema:

    Je weniger in einer Gesellschaft systemrelevant ist, desto besser. Desto geringer die Einsturzgefahr des Ganzen. Es geht nicht darum, Einstürze, Bankrotts also, zu verhindern. Es geht darum, sie möglichst früh, also möglichst kostengünstig passieren zu lassen. Das ist sicher keine linke Idee. Das ist aber auch keine rechte Idee. Das ist vernünftig.

  • Auf der anderen Seite steht die Welt mit Thomas Schmid, der bestreitet, dass etwas grundsätzlich nicht stimmt, und merkt zu Schirrmacher an:

    Doch was da als fast apokalyptischer Aufruf zu Besinnung und Umkehr daherkommt, ist in Wahrheit ein - durchaus symptomatisches - Dokument bürgerlicher Selbstvergessenheit, bürgerlichen Eigenhasses, bürgerlicher Destruktivität. Es stimmt ja gar nicht, dass unsere Welt aus den Fugen wäre.

  • Und der Welt-Autor Clemens Wergin versucht derweil, die Ehre des Liberalismus zu retten:

    Dieser elementare Verstoß gegen liberale Überzeugungen geschah aber eben nicht, wie Moore und Schirrmacher nahe legen, weil eine politische Elite die Wirtschaftselite retten wollte. Sondern weil sich herausgestellt hatte, dass das System vor einem Kollaps stand und man nur durch solche Rettungstaten schlimmere Folgen auch für alle Teile der Gesellschaft, die nicht der Elite angehören, verhindern konnte. Es handelt sich also um eine ideologische Verkürzung, wenn man als “Elitenrettungsprogramm” bezeichnet, was tatsächlich ein Rettungsprogramm für die ganze Gesellschaft war, Sozialhilfeempfänger und Mittelschicht einbegriffen.

  • Eigentlich ist es müßig zu erwähnen, dass Jan Fleischhauer - ach, das Zitat (und der Text) sprechen wieder einmal für sich:

    Die meisten, die heute zur Neuregulierung der Finanzmärkte aufrufen, kennen noch nicht einmal den Unterschied zwischen “put” und call”, beziehungsweise halten Ersteres für ein Begriff aus dem Golfsport. Das macht ihre Einwände nicht notwendigerweise falsch, aber untauglich für die Arbeit an einer neuen Weltfinanzordnung, wie sie vielen jetzt notwendig erscheint.

    Abschließend ist vielleicht noch ein Blick auf die Blogosphäre angebracht: Ronnie Grob und Michael Pantelouris haben sich mit dem Thema näher beschäftigt.

  • Pantelouris beschreibt anschaulich, wie absurd es eigentlich ist, weiterhin in links-rechts-Gegensätzen zu denken:

    Wenn nun also Cameron unter dem Schlagwort “Null Toleranz” anfangen sollte, klassisch sozialdemokratische Politik zu machen, wenn nun also die CDU unter dem Schlagwort “Kirchhoff” anfangen sollte, klassisch sozialdemokratische Positionen einzunehmen, dann hielte ich das im Prinzip für richtig. Allerdings sollte man trotzdem darauf hinweisen, dass sie zwar möglicherweise in der Krise so etwas wie Vernunft gefunden haben, aber man darf sie hin und wieder daran erinnern, dass es andere gab, die tatsächlich schon lange recht hatten.

  • Und Ronnie Grob klebt meines Erachtens - genauso wie Cicero-Journalist Christoph Seils in seinem Gastkommentar im Tagesspiegel - zu sehr an der Frage, wer denn nun Recht haben könnte (worum es ja - wie bereits gesagt - meines Erachtens gar nicht geht):

    Der Glaube, dass ein “starker Staat” jedes Problem löst, ist bei den Linken weit verbreitet. Und Sparen ist offenbar des Teufels. Wenn es um Einsparungen geht, also um die Rückgängigmachung finanzieller Exzesse, so liest man von linker Seite nur von Sparzwang, Sparwahn, Sparwahnsinn, Kaputtsparen, Totsparen oder gar von einer Spar-Pandemie, um mal ein paar Stellen der “Nachdenkseiten” zu zitieren.

  • Konservative Killerapplikation

    Nun plötzlich sind sie da, die Artikel in der bürgerlichen Presse, auf die man eigentlich seit 2008 bzw. seit dem Beginn der Finanzkrise gewartet hat: das Eingeständnis, dass neoliberaler Turbokapitalismus sich auch und gerade mit konservativen Werten nicht vereinbaren lässt und der Primat der Politik niemals hätte mit vorauseilendem Gehorsam zugunsten der Wirtschaft, zumal der Finanzwirtschaft, aus der Hand gegeben werden dürfen.

    Dafür musste sich schon mit Charles Moore ein Engländer sowie ausgewiesener Konservativer (und nebenbei der Biograph Margaret Thatchers) zu Wort melden und die Frage stellen, ob die Linke nicht doch Recht gehabt haben könnte mit ihren münteferingschen Heuschrecken-Szenarios.

    Es folgte mit Constantin Seibt ein Schweizer, der im gleichen Tenor schrieb, was andere schon lange dachten, und dabei offensichtlich genau den Ton traf, der gerade in der Luft liegt. Jedenfalls sah Klaus Jarchow im Stilstand bereits im Milieu eines neuen, aufgeklärten Bürgertums “ein neokonservatives Programm (entstehen), das diesen Namen endlich verdient, weil es sich gegen den ökonomischen Anarchismus wendet.”

    Es ist sicher kein Zufall, dass in Deutschland nun Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sontagszeitung diese Gedanken als erster in der bürgerlichen Presse ventiliert hat; er ist nun einmal derjenige unter den überregional einflussreichen Blattmachern hierzulande, der mit dem feinsten Gespür für entstehende Trends und Debatten gesegnet ist.

    Der FAZ-Herausgeber schreibt:

    Es war ja nicht so, dass der Neoliberalismus wie eine Gehirnwäsche über die Gesellschaft kam. Er bediente sich im imaginären Depot des bürgerlichen Denkens: Freiheit, Autonomie, Selbstbestimmung bei gleichzeitiger Achtung von individuellen Werten, die Chance, zu werden, was man werden will, bei gleichzeitiger Zähmung des Staates und seiner Allmacht. Und gleichzeitig lieferte ihm die CDU ihren größten Wert aus: die Legitimation durch die Erben Ludwig Erhards, das Versprechen, dass Globalisierung ein Evolutionsprodukt der sozialen Marktwirtschaft wird. Ludwid Erhard plus AIG plus Lehman plus bürgerliche Werte - das ist wahrlich eine Killerapplikation gewesen. (…)

    Entstanden ist so eine Welt des Doppel-Standards, in der aus ökonomischen Problemen unweigerlich moralische werden. Darin liegt die Explosivität der gegenwärtigen Lage, und das unterscheidet sie von den Krisen der alten Republik.

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