Archiv der Kategorie ‘Algorithmen und Maschinen‘

 
 

“Supermeme”

Jakob Jochmann alias Erz hat sich aus der Vogelperspektive mit dem derzeit medial omnipräsenten Namen Sarrazin auseinandergesetzt und dabei unter anderem über Rückkopplungseffekte in der digitalen Aufmerksamkeitserheischungskultur nachgedacht.

Hier deu­tet sich ein neues Phä­no­men für die Medi­en­theo­rie an: Weil die Emp­fän­ger von Infor­ma­tio­nen den Gehalt der Infor­ma­tion über ihre aktive Suche mit­ge­stal­ten, weil sie zum Bei­spiel in Such­ma­schi­nen nach ein paar Schlüs­sel­wor­ten suchen, ent­steht eine posi­tive Rück­kopp­lung (…).

Die Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie tut ihr übri­ges. Alle Medi­en­pro­du­zen­ten, die ihre Inhalte an Leser ver­brei­ten wol­len, müs­sen deren Such­an­fra­gen berück­sich­ti­gen. (…) Such­ma­schi­nen­op­ti­mie­rung bringt »Super­meme« her­vor, Schlüs­sel­worte, die sich in der posi­ti­ven Rück­kopp­lungs­schleife gegen andere Deu­tungs­mus­ter des glei­chen Sach­ver­hal­tes unwei­ger­lich durch­set­zen.

Obwohl Erz die so entstehenden “Supermeme” problematisiert, weil sie so dominant sein können, dass sie selbst “die Wahrheit” absorbieren, ist seine Sichtweise nicht pessimistisch: Internetnutzer partizipieren nach dieser Lesart aktiv, vielleicht sogar bewusst an Meinungsbildungsprozessen, indem sie Suchmaschinen nutzen und die digitalen Spuren dieser Nutzung in ihrer Gesamtheit spürbare Auswirkungen haben.

Andererseits - Stichwort Supermeme - gehören massenpsychologische Phänomene im Internet tatsächlich zum täglich Brot. Tech Crunch-Gründer Michael Arrington hat das neulich beschrieben, als er Bloggen als eine der besten Methoden charakterisierte, um solche Phänomene zu verstehen - und aktiv zu beeinflussen (”a training ground for mass psychology and manipulation”).

In seinem Blogpost geht Arrington anders als Erz nicht vom Nutzer, sondern vom Urheber der Information (in diesem Fall: Blogger) aus, die später zum “Supermem” oder zumindest zum Shitstorm anwachsen kann. Und dieser Urheber habe enorme Einflussmöglichkeiten auf seine Leser, da er - im Gegensatz zu den Autoren der traditionellen Massenmedien - über unmittelbare Feedbackmöglichkeiten verfüge:

Old media types (…) generally have an editorial agenda, certain writing rules, and editors to please. There are too many layers between them and the direct feedback loop. so they evolve much more slowly. Bloggers have a direct line to the collective mind.

Wenn Arrington diese Feedbackmöglicheiten dann von der digitalen in die kohlenstoffliche Welt projiziert, indem er die Möglichkeiten von Bloggern mit denen von Politikern und Predigern vergleicht, spricht er meines Erachtens einen interessanten Punkt an:

I imagine priests and rabbis and career politicians have much the same experience. Speaking publicly so frequently they learn exactly how to manipulate the audience, or the camera, to get the reaction they want. It doesn’t work on every individual, but the masses as a group are easy to manipulate.

Interessant, weil Leute wie Geert Lovink und Evgeny Morozov an dieser Stelle unter Umständen widersprechen würden - zum Beispiel wenn es um die wirklichen Möglichkeiten geht, die sich Digitalaktivisten so bieten in der Politik.

Aber ich denke, die beiden würden auch nicht grundsätzlich abstreiten, dass die digitale Öffentlichkeit wächst und mit den Nebenwirkungen klarkommen muss.

Laubenpieper und Datenkraken

Ich bin mir gar nicht sicher, ob Heribert Prantl - ganz entgegen dem energischen Einspruch Thomas Stadlers - nicht doch Recht hat, mit seinem Einwand, dass der Teufel los wäre, wenn der Staat ein Projekt wie Street View fahren würde und nicht ein Unternehmen wie Google:

Die Street View-Freunde trauen Google mehr als dem Staat, die Gegner trauen Google weniger. Dabei gibt es keinen Anlass, Google einen Vertrauensvorschuss zu gewähren. (…) Der Vorteil bei den Datenspeichereien des Staates ist, dass man dagegen wirksam klagen kann. Gegen den Staat gibt es guten Rechtsschutz, weil es Gesetze gibt, die ihn binden. Gesetze, die eine umfassende Datenerfassung und deren globale Verbreitung à la Street View regeln, gibt es nicht. Bislang scheute sich der Staat vor der Regulierung.

Da ist meiner Meinung nach etwas dran; allein weil wie zum Beispiel auch beim Thema Zensur wir aus historischer Perspektive einfach sensibler gegenüber staatlichen Eingriffen sind als gegenüber solchen, die von unternehmerischer Seite kommen.

So sagt auch Gustav Seibt zwar ganz richtig, dass die Einwände gegen Street View vorwiegend aus einer ganz bestimmten Ecke kommen:

Der jetzige Widerspruch gegen Street View zeigt kultursoziologisch die Privatstraßenmentalität von Laubenpiepersiedlungen, Vorortvierteln und Villenkolonien.

Aber, so Seibt, das eigentliche Problem sei ein anderes, nämlich - selbst unter Ausschließung des Sonderfalls Soziale Netzwerke, in denen “wenigstens eine Art Symmetrie”, also Austausch von Nutzer(n) zu Nutzer(n), gewährleistet sei - die Herstellung einer “digitalen Öffentlichkeit” bzw. öffentlicher Daten, die vor allem von einem Unternehmen (sprich: wirtschaftlichen Interessen) erst ermöglicht wird.

Denn Google sei eine

Firma (…), die inzwischen den übergroßen Teil personenbezogener Daten nicht nur zugänglich macht, sondern auch selbst generiert. Und das wird zum Problem auch dann, wenn all diese Daten zweifelsfrei öffentlich sind. (…) Das Google-Problem besteht nicht in der Verletzung der Privatsphäre, sondern in der Monopolisierung des öffentlichen Raums.

Auch Google geht es um wirtschaftliche Interessen, was seit der Sache mit der Netzneutralität und Verizon auch in der Blogosphäre gemeinhin bekannt sein dürfte, und nicht um die Qualität und Rahmenbedingungen digitaler Öffentlichkeiten.

Carsten Knop hat das folgendermaßen beschrieben:

Darüber denken die Google-Strategen tatsächlich nach: Wie kann das Unternehmen auch in zehn oder zwanzig Jahren noch im Zentrum des Internet-Suchgeschäfts und damit der so lukrativen Online-Werbung stehen? (…) Was das mit Street View zu tun hat? Der Dienst ist ein kleiner Baustein in der Strategie von Google, sich für die künftigen Anwendungen im Internet zu rüsten. Dabei geht es nicht um das Ausspionieren von Menschen, sondern um die Möglichkeit, dem künftig in der Regel mobilen Internetnutzer zu jedem Zeitpunkt und an jedem Ort geeignete Werbeangebote machen zu können.

Das Problem seien nicht die öffentlichen Daten an sich, sondern deren Masse und Verknüpfungsmöglichkeiten:

Die Menschen wissen nicht mehr, wie viele Daten wo von ihnen öffentlich oder nur für den Staat zugänglich gespeichert sind. Man hat den Überblick verloren – und ahnt, dass das in der Zukunft noch schlimmer wird, wenn noch mehr Daten von Amazon, Apple, Google, Microsoft oder anderen Unternehmen in dezentralen Rechenzentren, also der Datenwolke „Cloud“, gespeichert und miteinander verknüpft werden.

Die Monopolisierung des öffentlichen Raums durch “die Wirtschaft” - das kann keine Alternative zu staatlicher Regulierung oder gar Willkür sein. Wenn es so etwas wie die digitale Öffentlichkeit gibt, sollte sie sich für die Rechte der eigentlichen Akteure - der Nutzer - einsetzen und sich nicht auf eine von beiden Seiten schlagen.

Es wäre nichts weniger als ihre eigentliche Existenzberechtigung.

Die Rolle der Grafik bei der New York Times

Ob man die Struktur unserer Codes, mit denen wir Informationen austauschen, nun linear (bzw. alphabetisch) oder doch à la Vilém Flusser sowohl linear als auch formal (bzw. alphanumerisch) begreift: Es dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass Grafiken und Animationen im Online-Bereich eine extrem wichtige Funktion für die adäquate Vermittlung von Inhalten spielen. Guter Content allein macht den Kohl - sprich die Aufmerksamkeit der Leser - nunmal nicht fett.

Eine der Vorzeige-Grafikeinheiten der westlichen Welt dürfte die der New York Times sein, die im folgenden Video einen Einblick in ihre Arbeit gewährt.



Quelle: Gestalten TV/Gesehen bei Silvia Cobo.

Eine Metapher zum Vergessen

Ein langer Essay Jeffrey Rosens in der New York Times hat dazu geführt, dass im Netz wieder einmal über das Thema Internet und Vergessen nachgedacht wird.

The Web means the End of Forgetting” heißt das Stück und beschäftigt sich mit der Frage, was es bedeutet, wenn wir eventuell nach Jahren mit Aussagen oder Aktionen konfrontiert werden, die wir selbst oder andere über uns ins Netz gestellt haben - in einer “Welt ohne das Vergessen”. (Leider versäumt er, auch über die Dinge zu schreiben, die ohne unser willentliches Zutun via Telefonate, Kreditkarten etc. zu Daten werden.)

Kritik an Rosens Text gibt es auch deshalb, weil er mit dem klassischen Verängstigungsszenario “Entlassung wegen eines kompromittierenden Fotos in einem Sozialen Netzwerk” gleich auf das Ende des Vergessens an sich schließt.

In der deutschen Blogosphäre empfehlen Leander Wattig und Jörg Kantel, die womöglich weniger tollen Informationen über einen selbst mit wunderbaren Infos über einen selbst auszuhebeln. Und Christoph Kappes findet die Formel “Das Netz vergisst nicht” allein deshalb für verfehlt, da im Internet ständig etwas verloren geht - Webprojekte, Blogs, Unternehmensinformationen, Websites usw. usw.

Warum Internet und Vergessen als Begriffspaar nicht so richtig zusammengehen, erklärt Cliff Gerrish (den ich via hackr fand) ziemlich überzeugend: Für Gerrish ist es ein Beispiel einer Metapher, die für das Verständnis der eigentlichen Sache eher schädlich ist, weil das Bild (menschliches Gedächtnis) ganz anders funktioniert als die Sache (Datenbanken).

The human activity of memory and forgetting actually has very little in common with a computer’s storage and retrieval routines. When we say that the Web doesn’t forget, what we mean is that if something is stored in a database, unless there’s a technical problem, it can be retrieved through some kind of search query. (…) It’s not a matter of human remembering or forgetting, but rather one of discovery and random access through querying a system’s indexed data.

The problem that Rosen describes is not one of technology, but rather one of humanity and human judgment. The question of how we treat each other is fundamental and has been with us since the beginning.

Öfter mal abbiegen vom Pfad

Der Soziologe Dirk Baecker hat der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bzw. Thomas Strobl ein Interview gegeben, in dem er seine These erläutert, dass das Internet “das Verbreitungsmedium der ‘nächsten Gesellschaft’ sei, an deren Schwelle wir uns gerade befänden.” Diese Gesellschaft beschreibt Baecker als heterogene Netzwerkkultur, in der man sich mit einer Komplexität anfreunden müsse, “mit der man die Berührung suchen muss, ohne auf ein Verstehen rechnen zu können.” (Aktualisierung: Text ist nun online.)

Das klingt nicht gerade viel versprechend und vertraut zugleich - anonyme Systemfehler sind ja seit einiger Zeit durchaus en vogue.

Allerdings ist es bei Baecker so, dass nicht nur wir die Maschinen nicht verstehen; die Maschinen ihrerseits verstehen uns ebenso wenig. Sagt Baecker und widerspricht damit ein Stück weit allen, die mit erhobenen Zeigefinger sagen, wir seien in unserer ganzen Individualität weitaus vorhersagbarer als wir meinen:

“Ich finde den Erfolge der sogenannten Soziophysik in den letzten Jahren sehr interessant. Sie hat eine Art Epidemiologie der Kommunikation entwickelt, also Prozesse der Ansteckung im Konsumverhalten, (…) bei der Ausbreitung politischer Meinungen beobachtet. Allerdings wird dabei die andere Hälfte der Soziologie vergessen, nämlich die Beschreibung der Mechanismen, die menschliche Gesellschaften entwickelt haben, um der Ansteckung zu entgehen. (…) Wenn ich (…) weiß, was ihre Freunde tun, weiß ich nur, daß Sie auch bald etwas tun werden, aber ich weiß nicht, ob Sie auf denselben Pfad einschwenken oder gerade jetzt einen anderen wählen.”

Leben ist nicht planbar

Während hierzulande Businessmenschen noch Geld dafür bezahlen, um in die Geheimnisse und Vorzüge der Intuition und ihren Nutzen für den erhofften geschäftlichen Erfolg eingewiesen zu werden, sind die US-Amerikaner in dieser Hinsicht bereits ein gutes Stück weiter: Denn wer sich nicht auf die vagen Andeutungen des Unterbewussten verlassen mag, der kann es ja einfach ans Tageslicht holen, jedenfalls ein bisschen.

Self Tracking soll genau das ermöglichen, und diese datentechnische Erfassung des eigenen Selbst wurde jüngst in einem langen Essay in der New York Times von Gary Wolf beschrieben und übrigens von Jörg Wittkewitz bereits vor anderthalb Jahren zu einem neuen US-Volkssport ausgerufen. Self Tracking ist die Vermessung des eigenen Selbst mithilfe von vornehmlich digitalen Signalverarbeitungstechniken und statistischen Analysetools: sei es, um die Pulshistorie beim Joggen, das eigene Schlafverhalten, mitunter auftretende Stimmungsschwankungen oder den tagtäglichen Kaffee, Alkohol- und Zigarettenkonsum zu erfassen.

Und fürderhin besser in den Griff zu bekommen, um ein besserer besser funktionierender Mensch zu werden.

Was mich an der ganzen Sache, an diesem ganzen Essay stört, ist die Tatsache, dass Wolf zwar in der Pose des neutralen Berichterstatters auftritt, aber als Mitbetreiber einer Metawebsite zu “personal data projects” mit Namen the Quantified Self alles andere als ein solcher ist. (Immerhin erwähnt er das in seinem Text.)

Dass er scheinbar ausgewogen über Möglichkeiten und Grenzen des Self Tracking schreibt, aber seinen Textfluss in ein affirmatives Rinnsal leitet, das das zarte Data-Pflänzchen offenbar nähren soll.

Denn, so Wolf, wer wollte denn allen Ernstes auf die Vorzüge verzichten, die die Quantifizierbarkeit des eigenen Selbst mit sich bringe:

“If you want to replace the vagaries of intuition with something more reliable, you first need to gather data. Once you know the facts, you can live by them.
(…)
Once you start gathering data, recording the dates, toggling the conditions back and forth while keeping careful records of the outcome, you gain a tremendous advantage over the normal human practise of making no valid effort whatsover.
(…)
We need help from machines.”

Wolf legt Wert auf die Feststellung, dass Self Tracking mehr sei als das übliche Streben nach Effizienz. Schließlich impliziere Effizienz einen schnellen Fortschritt in Richtung eines gesteckten Zieles; für viele “Self Trackers” sei ein Ziel aber unbekannt. Und mehr noch: “Self Trackers” glaubten häufig, dass die Daten zum eigenen Selbst Geheimnisse ans Tageslicht brächten, die sie nicht ignorieren könnten - inklusive Antworten auf Fragen, die sie nie gestellt hätten.

Im Gegensatz zu der althergebrachten Technik, Selbstanalyse vornehmlich mit den Mitteln des Wortes und der Schrift zu betreiben, liefere die Methode, Daten zum eigenen Selbst zu dokumentieren, quantitative Signale, die uns über unser Verhalten informierten, schreibt Wolf weiter. Und das sei auch der eigentliche Grund, warum Self Tracking per Datensammelei Einsichten in Bewusstseinsebenen erlaube, die unseren biologischen Sinnen ansonsten verschlossen blieben.

Ich möchte Wolf ja gar nicht vorwerfen, dass er mögliche Nachteile eines umfassend praktizierten Self Trackings nicht problematisiert (Datenschutz?). Aber dieser Text wirft hinsichtlich seiner Frontenstellung Daten versus Intuition dennoch Fragen auf:

Wie weit von der eigenen Mitte entfernt muss man sein, um Intuition als minderwertig zu erachten und sie gegen naturwissenschaftliche Methoden ersetzen zu wollen? Wie leichtfertig muss man sein, um den Kontrolleffekt solcher Tools, sei es von außen oder per geistiger Zwangsjacke aus sich selbst heraus, zu missachten? Und vor allem: Wie muss man das Leben sehen und welchem Machbarkeitswahn muss man verfallen sein, wenn man es für quantifzierbar und damit in letzter Konsequenz offenbar für planbar hält?

Realität, mit Werbung angereichert

Ich will mich ja nicht irgendwo pitbullmäßig festbeißen, aber es ist ja schon interessant, dass Jaron Lanier, der derzeit recht präsent ist in den Medien, für alles mögliche kritisiert wird - etwa ökonomische Impotenz oder seine Rede vom digitalen Mob. Nur der eigentliche Punkt, woraus mir seine (durchaus zu kritisierenden) Thesen zu erwachsen scheinen, bringt niemand so richtig auf das Diskussions-Tablet: nicht die Werbung als solche, auch nicht die Werbung als wichtiger ökonomischer Faktor für Inhalte im Netz, sondern die alles überstrahlende, dominant-absolute Rolle, die Werbung in der Contentökonomie spielt ist es, von der bei Lanier die Rede ist.

Es geht also um die Schattenseiten der Aufmerksamkeitserheischungskultur, die zum Beispiel Keiichi Matsuda im unten stehenden Video anhand einer der ökonomischen Hoffnungen des Web 2.0 hübsch visualisiert hat: augmented reality erscheint hier vor allem als ad-gesättigter Schilderwald.

Augmented (hyper)Reality: Domestic Robocop from Keiichi Matsuda on Vimeo.

Gefunden bei read write web

Kulturpessimismus vs. Selbstverteidigung

Während sich die Mehrheit der Webgemeinde darauf geeinigt zu haben scheint, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher als Speerspitze des Kulturpessimismus anzusehen (und sich deshalb nicht groß mit seinen Argumenten auseinander setzen zu müssen), bekommt er nun unerwarteten Beistand von Seiten der digitalen Bohème: Mercedes Bunz hat Schirrmacher in der de:bug-Januarausgabe attestiert, in seinem Buch Payback eine fundierte Zusammenfassung aktueller Netzdebatten präsentiert zu haben (Text ist nicht online). Und auf ihrem Blog hat Bunz ihm beigepflichtet, dass gesellschaftlich gesehen nicht weniger notwendig wäre als eine ordentliche “IT-Aufklärungsbewegung” (IT Enlightment):

Yes, there is an industrialisation of information. Yes, more and more algorithms are delivering results that calculate the future. What might look convenient at first sight, can become a huge problem – think of being profiled for health care insurance.”

Damit knüpft Bunz direkt an Schirrmacher an, der jüngst schrieb:

“Eine gleichsam anthropologische Erkenntnis des digitalen Zeitalters lautet, dass Menschen, wenn man sie nur durch mathematische Modellierung in entsprechend differenzierte Einheiten unterteilt, so verschieden gar nicht sind. Kennen wir das Muster, können wir immer bessere Aussagen über die Zukunft machen. (…) Ob die Systeme leisten, was sie versprechen, ist irrelevant - der Börsencrash hat gezeigt, dass es genügt, wenn die entscheidenden Leute an sie glauben.”

Da ist was dran: Es wurde bereits im vergangenen Jahrhundert festgestellt, dass maschinengetriebene Anonymität die Menschen rücksichtsloser macht - selbst innerhalb des brutalstmöglichen Szenarios, das man sich so vorstellen kann: während des Krieges.

“Ein (…) Grund für die Brutalisierung war (…) die neue Unpersönlichkeit der Kriegsführung, die das Töten oder Verstümmeln auf einen Akt reduzierte, der sich auf das Drücken einer Taste oder Bewegen eines Hebels beschränkte. Technologie macht ihre Opfer unsichtbar”,

brachte zum Beispiel der Historiker Eric Hobsbawm in seinem Werk “Zeitalter der Extreme” zu Papier. Und heutzutage kommt hinzu, dass viele maschinengetriebene Kalkulationen für den menschlichen Geist weder mathematisch noch hinsichtlich ihrer ethischen Folgen nachvollziehbar sind, würde Schirrmacher wohl hinzufügen.

Und noch etwas: Die Technologien, von denen die Rede ist, sind im Alltag längst angekommen, worauf zum Beispiel CCC-Sprecher Frank Rieger hingewiesen hat:

“Die softwaregestützte Durchregelung des Alltags, das Schwinden menschlichen Ermessensspielraumes zugunsten algorithmisch generierter Handlungsanweisungen findet sich überall. Die Sachbearbeiter in Unternehmen oder Ämtern führen oft nur aus, was ihnen „die Software“ vorgibt. Sich gegen die Vorgabe zu entscheiden ist aufwendig und anstrengend, muss gerechtfertigt werden.”

Das läuft auf ein bürokratisches Horrorszenario hinaus, wie es sich Kafka nicht besser hätte ausmalen können. Denn je passgenauer die Algorithmen werden, die Menschen zu Datensätzen umrechnen, desto mehr Möglichkeiten zur Kontrolle gibt es theoretisch. Und wer würde daran zweifeln, dass “der Staat” von diesen Möglichkeiten auch Gebrauch machen möchte?

“Wir müssen uns ernsthaft der Frage stellen, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der kleine und größere Übertretungen von moralischen und rechtlichen Normen nicht mehr verborgen bleiben. Wenn Übertretungen einmal aufgezeichnet sind, ist die Versuchung groß, sie auch - vorzugsweise automatisiert - zu ahnden. Ist ein solches Leben auszuhalten, erstrebenswert, menschenwürdig? Bisher wird nicht jedesmal, wenn jemand nachts um vier bei roter Ampel über die leere Straße läuft, automatisch ein Strafzettel erstellt. Bald ist das kein Problem mehr”,

sagt Rieger und weist darauf hin, dass “Geheimdienste (…) das Arbeitsprinzip der Wahrscheinlichkeitsverbesserung schon vor Jahrzehnten entdeckt” haben - Stichwort Rasterfahndung.

Es geht also um mehr als zu erörtern, ob die Privatsphäre ein Auslaufmodell, Frank Schirrmacher ein Kulturpessimist oder das Unternehmen Google böse ist. Es geht darum, ob eine “bot-mediated reality” uns in der Hand hat oder wir sie. Und es geht darum, bürgerliche Rechte zu wahren.

Rieger und der CCC haben da bereits zwei Vorschläge: das Recht auf digitale Selbstverteidigung (im Netz zu lügen, um sich selbst und andere zu schützen) und die Forderung an den Gesetzgeber nach mehr Datenschutz - an staatliche und unternehmerische Adressen gleichermaßen (”Wir nennen es den Datenbrief. Dabei müssen nicht nur die Rohdaten mitgeteilt werden, sondern auch alle abgeleiteten Informationen, eben die extrahierten Merkmale und Profile, inklusive der Möglichkeit, sofort die Löschung zu verlangen”).

Das ist vielleicht eine der wenigen bleibenden Illusionen, die sich um das Netz ranken: die konkrete Möglichkeit wirksamer politischer Teilhabe. Um mit Geert Lovink den nächsten von der Netzgemeinde ausgemachten “Kulturpessimisten” zu zitieren:

“Ich bin auf der Seite derer, die das Netz sozialpolitisch mitgestalten. Das ist nach wie vor ein offenes Feld, auch für Leute, die nicht technisch oder kommerziell sind. Man kann hier als Einzelner, als kleine Gruppe noch etwas verändern, trotz der Dominanz mächtiger Korporationen wie Microsoft und Google.”

Gegoogelte Gourmet-Gäste

Schirrmacher hin oder her: Während die vermeintlichen Segnungen des Sematischen Webs weiter auf sich warten lassen, nimmt das Pragmatische Web Konturen an.

Was das sein soll? Sozusagen ein Mitbringsel Sozialer Medien, das um so differenzierter eingesetzt werden kann, je mehr Leute diese nutzen.

“[W]ith the rise of the social Web, we see that what truly makes our online experiences meaningful is not necessarily the Web’s ability to approximate human language or to return search results with syntactical exactness. (…)
Rather, meaningful and relevant experiences now are born out of the context of our identities and social graph: the pragmatics, or contextual meaning, of our online identities. My Web experience becomes more meaningful and relevant to me when it is layered with contextual social data based on my identity. This is the pragmatic Web.”

Kontext ist ja schön, aber es ist ja immer die Frage, wer wie warum man einen solchen in der Praxis einsetzt.

Stellen Sie sich zum Beispiel vor, Sie verspeisen in einem Nobelrestaurant - so wie es gerade (zumindest in Berlin) hip zu sein scheint - das Züngchen eines Seeigels (Bildquelle: Wikipedia).

Der Kellner begrüßt Sie mit Namen: Das ist guter Service; Sie haben ja schließlich reserviert. Zwischen dem zweiten und dritten Gang aber erwähnt er Ihren Arbeitgeber und lobt dessen Serviceleistungen. Und während des fünften Gangs kommt er unvermittelt auf die Bürgerinitiative zu sprechen, der sie sich jüngst angeschlossen haben.

Und der Mundschenk fragt Sie, ob sie von Ihrem jährlich stattfindenden Südafrika-Aufenthalt auch immer einige Flaschen Roten vom Kap mitbringen.

Und auf die Frage, woher er das weiß, sagt er: “Wir googeln alle unsere Gäste, die reserviert haben.”

Also, mir würde der Seeigel schwer im Magen liegen, wenn ich beim Essen ungefragt auf Sachen angehauen werde, die ich mit Fremden vielleicht gar nicht besprechen möchte. Ich weiß aber, dass das in einem Berliner Restaurant der gehobenen Küche so gehandhabt wird. (Wahrscheinlich - ich hoffe es zumindest - etwas diskreter als in der vorgestellte, rein fiktiven Szene.)

Fazit: Es kommt auch beim Pragmatic Web immer darauf an, wie man die Tech-Tools nutzt, wenn man sie nutzt. (Womit wir wieder bei Schirrmacher wären; hab das Buch gelesen: war ein Fehler.)

Technologiebewertung: Shirky und Schirrmacher

Abgesehen davon, dass Frank Schirrmacher und Clay Shirky unter anderem selbst geschriebene Texte publizieren, verbindet die beiden erst einmal nicht viel.

Shirky wirkt vornehmlich in New York als Kommunikationswissenschaftler, und neben dem Schreiben ist er beruflich als Redner und Berater tätig. Sein Thema ist das Internet, und es kommt vor, dass er als “Social Media Guru” bezeichnet wird.

Schirrmacher, einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ist Hesse, gerade 50 geworden, der “Dirty Harry des Feuilletons” und dazu Bestsellerautor. Sein Thema ist die Fragmentarisierung der Gesellschaft - ob durch Demographie (Methusalem-Komplott), Kleinfamilie (Minimum) oder Internet (Payback).

Neben dem Schreiben verbindet die beiden aber noch etwas. Das, was Andrian Kreye in der Süddeutschen Zeitung Schirrmacher mit dem Erscheinen seines neuesten Buches Payback attestiert: Seine “publizistische Stärke ist es, den intellektuellen Wissensdurst eines Universalgelehrten mit den Jagdinstinkten eines Boulevardjournalisten zu verbinden.

Das könnte man eben auch von Clay Shirky sagen, der gerne mal - öffentlichkeitswirksam - mit Begriffen wie Revolution oder Chaos jongliert, um anschließend zu erklären, wie er das eigentlich gemeint hat. Jüngstes Beispiel: Mit einem seiner letzten Posts auf seinem Blog hat Shirky den Begriff “Algorithmic Authority” platziert.

Algorithmische Autorität ist für Shirky der publikumsträchtige Begriff für die Tatsache, dass viele Leute, die im Internet unterwegs sind, Informations-Aggregatoren und -Filtern wie Wikipedia, Twitter oder Google inzwischen so viel Vertrauen entgegen bringen, dass sie die auf diese Art gelieferten Infos in ihrer Auswahl und Richtigkeit nicht mehr in Frage stellen.

Jedoch - und nun relativiert Shirky nach bewährtem Muster - sei der Begriff “Algorithmic Authority” eigentlich irreführend, da er impliziere, das Problem daran sei allein die Technik (Aggregatoren und Filter). Der “Faktor Mensch” spielt - je nach Spielart mehr oder weniger - halt doch mit rein: Es gebe schließlich einen Unterschied zwischen dem PageRank-Algorithmus und den durchaus auch aus Menschen bestehenden Kontrollmechanismen (”human vetting”) anderer Konzepte wie zum Beispiel Wikileads.
(Abgesehen davon: Jeder Algorithmus ist vom Menschen gemacht und damit letztendlich politisch.)

Den eigentlichen Kern seiner Ausführungen sieht Shirky also keineswegs in einer Problematisierung erweiterter technologischer Möglichkeiten (”It’s also worth noting that algorithmic authority isn’t tied to digital data or even late-model information tools. “) Sein Thema ist vielmehr der Autoritätverlust, dem die Institutionen, die bislang Kraft ihrer schieren Existenz Glaubwürdigkeit verkörperten, ausgesetzt sind:

“[T]he core of the idea is this: algorithmic authority handles the ‘Garbage In, Garbage Out’ problem by accepting the garbage as an input, rather than trying to clean the data first; it provides the output to the end user without any human supervisor checking it at the penultimate step; and these processes are eroding the previous institutional monopoly on the kind of authority we are used to in a number of public spheres, including the sphere of news.”

Ohne den Begriff “Algorithmic Authority” zu verwenden, treibt auch Schirrmacher die Frage um, wie die Menschen im Internetzeitalter an Informationen kommen, diese verarbeiten und schließlich auf der Basis dieses kognitiven Prozesses konkrete Entscheidungen treffen. Nur hält er sich weitaus länger mit dem “‘Garbage In, Garbage Out Problem” auf als Shirky.

Auf seiner Promo-Tour für sein neues Buch - egal ob auf Edge, im Spiegel oder gar bei Bild - stellt Schirrmacher eine direkte thematische Verbindung her, die vom selbst eingestandenen “information overload” über die Veränderungen, die diese Infoflut in unseren Gehirnen verursachen wird, bis zu dem Punkt her, an dem wir die Fähigkeit verloren haben werden, selbstständig zu denken. Und das ist dann laut Schirrmacher der Moment, an dem die Maschinen die Macht über uns ergriffen haben werden.

[W]ir werden uns in fast allen Bereichen der autoritären Herrschaft der Maschinen unterwerfen. (…) Das Gefühl, dass das Leben mathematisch vorbestimmt ist und sich am eigenen Schicksal nichts mehr ändern wird, ist einer der dokumentierten Effekte der Informationsüberflutung.
(…)
Auch wenn die meisten Leute es gern anders hätten, müssen wir akzeptieren, dass wir durch unsere Kommunikation mit Computern berechenbar werden.
(…)
Der Mensch ist eine statistische Datenmenge, die bei genügender Dichte nicht nur Rückschlüsse auf sein bisheriges, sondern auch auf sein zukünftiges Verhalten ermöglicht.”

Pointiert zusammengefasst könnte man also sagen: Während also Clay Shirky einen Bedeutungsverlust der Institutionen konstatiert, sieht Frank Schirrmacher gleich den freien Willen des Menschen an sich flöten gehen.

Da Schirrmacher aber selbst als Herausgeber einer überregional erscheinenden Tageszeitung einer Institution angehört, deren Macht laut Shirky bröckelt, erscheint die Vermutung, er überreiße seine Argumentation bewusst, um von seinem eigentlichen Problem abzulenken, nicht allzu weit hergeholt: Er könnte also durchaus von der Gefahr schreiben, in der sich der freie Wille vermeintlich befindet - und letztendlich sich selbst und seinen Einfluss meinen.

Das erklärte zumindest, warum ausgerechnet ein konservativer deutscher Intellektueller Informationstechnologien einen höheren Stellenwert für die gesellschaftliche Entwicklung zuspricht als ein US-amerikanischer “Social Media Guru”.

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