“Supermeme”
Jakob Jochmann alias Erz hat sich aus der Vogelperspektive mit dem derzeit medial omnipräsenten Namen Sarrazin auseinandergesetzt und dabei unter anderem über Rückkopplungseffekte in der digitalen Aufmerksamkeitserheischungskultur nachgedacht.
Hier deutet sich ein neues Phänomen für die Medientheorie an: Weil die Empfänger von Informationen den Gehalt der Information über ihre aktive Suche mitgestalten, weil sie zum Beispiel in Suchmaschinen nach ein paar Schlüsselworten suchen, entsteht eine positive Rückkopplung (…).
Die Aufmerksamkeitsökonomie tut ihr übriges. Alle Medienproduzenten, die ihre Inhalte an Leser verbreiten wollen, müssen deren Suchanfragen berücksichtigen. (…) Suchmaschinenoptimierung bringt »Supermeme« hervor, Schlüsselworte, die sich in der positiven Rückkopplungsschleife gegen andere Deutungsmuster des gleichen Sachverhaltes unweigerlich durchsetzen.
Obwohl Erz die so entstehenden “Supermeme” problematisiert, weil sie so dominant sein können, dass sie selbst “die Wahrheit” absorbieren, ist seine Sichtweise nicht pessimistisch: Internetnutzer partizipieren nach dieser Lesart aktiv, vielleicht sogar bewusst an Meinungsbildungsprozessen, indem sie Suchmaschinen nutzen und die digitalen Spuren dieser Nutzung in ihrer Gesamtheit spürbare Auswirkungen haben.
Andererseits - Stichwort Supermeme - gehören massenpsychologische Phänomene im Internet tatsächlich zum täglich Brot. Tech Crunch-Gründer Michael Arrington hat das neulich beschrieben, als er Bloggen als eine der besten Methoden charakterisierte, um solche Phänomene zu verstehen - und aktiv zu beeinflussen (”a training ground for mass psychology and manipulation”).
In seinem Blogpost geht Arrington anders als Erz nicht vom Nutzer, sondern vom Urheber der Information (in diesem Fall: Blogger) aus, die später zum “Supermem” oder zumindest zum Shitstorm anwachsen kann. Und dieser Urheber habe enorme Einflussmöglichkeiten auf seine Leser, da er - im Gegensatz zu den Autoren der traditionellen Massenmedien - über unmittelbare Feedbackmöglichkeiten verfüge:
Old media types (…) generally have an editorial agenda, certain writing rules, and editors to please. There are too many layers between them and the direct feedback loop. so they evolve much more slowly. Bloggers have a direct line to the collective mind.
Wenn Arrington diese Feedbackmöglicheiten dann von der digitalen in die kohlenstoffliche Welt projiziert, indem er die Möglichkeiten von Bloggern mit denen von Politikern und Predigern vergleicht, spricht er meines Erachtens einen interessanten Punkt an:
I imagine priests and rabbis and career politicians have much the same experience. Speaking publicly so frequently they learn exactly how to manipulate the audience, or the camera, to get the reaction they want. It doesn’t work on every individual, but the masses as a group are easy to manipulate.
Interessant, weil Leute wie Geert Lovink und Evgeny Morozov an dieser Stelle unter Umständen widersprechen würden - zum Beispiel wenn es um die wirklichen Möglichkeiten geht, die sich Digitalaktivisten so bieten in der Politik.
Aber ich denke, die beiden würden auch nicht grundsätzlich abstreiten, dass die digitale Öffentlichkeit wächst und mit den Nebenwirkungen klarkommen muss.


