Archiv der Kategorie ‘Algorithmen und Maschinen‘

 
 

Von Tee zu Kunst und zurück

Ein Klumpen Tee ist ein Klumpen Tee, aber viele Klumpen Tee können ein Teehaus aus Teeziegeln ergeben - und wenn das dann von Ai Weiwei gebaut wurde, kann es sogar ein berühmtes Teehaus sein.

Wenn wir nun das Teehaus nähmen und auf eine große Wiese brächten und jeden einzelnen Teeklumpen dort wahllos hinauf schmissen, dann gäbe es kein Teehaus mehr. Und hinterher käme niemand auf die Idee, dass diese vielen Teeklumpen einmal ein Teehaus ergeben haben, sofern man nicht bei der Zerlegung und Verschmeißung desselben anwesend war.

Wenn Zufälligkeit (Teeklumpen) sich zur Gesetzmäßigkeit (Teehaus) wandelt, tritt Semantik (Kunstwerk) zutage. Wobei dies immer nur im Nachhinein zu erkennen ist, denn unterhalb einer Schwelle der Zerkleinerung löst sich ein Ereignis auf (Teehaus auf Wiese zu Teeklumpen).

Ai Weiwei ist ein Filter, ein Aggregator, ein Perzeptron, in diesem Fall für den Umbau von Tee in Kunst. Ein Journalist ist ein Filter etc. für den Umbau von Information in Text und Diskurs. Ein Verlag ist Think Tank und Filter etc. für dasselbe.

Die Dekonstruktion solcher Filter ist ein leichtes, wie wir in den vergangenen Jahren im Web gesehen haben. Der Rest und wesentlich längere Teil des Weges zu einem neuen Informationssystem, das einigermaßen diskursfähig ist, steht noch aus. Alles andere wäre Justin Bieber und #Icebucketchallenge in Endlosschleife.

Information Infrastruktur Internet

Kommunikation ist, sofern sie durch Medien vermittelt wird, keineswegs schon immer unabhängig von Orten gewesen. Sie ist gewachsen und war verknüpft mit Transportträger-Netzen wie den Kurieren, der Postkutsche und später der Eisenbahn. Insofern ist es nur folgerichtig, dass die physische Infrastruktur des Internet den alten Handelsrouten folgt und die Unterseekabel dieselben Orte verbinden, die schon immer miteinander verbunden waren.

Der Radiojournalist Moritz Metz ist der physischen Struktur des Netzes im wahrsten Sinne des Wortes nachgegangen - von der Telefonbuchse in der eigenen Wohnung bis zum Haus von Larry Page. Herausgekommen ist ein unterhaltsamer und informativer Vortrag, den er auf der re:publica 2014 gehalten hat (via Felix Schwenzel).

Hannah Arendt über Gesellschaft und #bigdata

In der Massengesellschaft hat das Gesellschaftliche den Punkt erreicht, wo es jeweils alle Glieder einer Gemeinschaft gleichermaßen erfasst und mit gleicher Macht kontrolliert. Das Gleichmachen ist aber der Gesellschaft unter allen Umständen eigentümlich, und der Sieg der Gleichheit in der modernen Welt ist nur die politische und juristische Anerkennung der Tatsache, dass die Gesellschaft den Bereich des Öffentlichen erobert hat, wobei automatisch Auszeichnung und Besonderheit zu Privatangelegenheiten von Einzelindividuen werden.

Auf dem gleichen Konformismus, den die Gesellschaft verlangt und durch den sie handelnde Menschen in sich verhaltene Gruppen organisiert, beruht auch die Wissenschaft, die dem Entstehen der Gesellschaft auf dem Fuße folgte, nämlich die Nationalökonomie, deren wichtigstes wissenschaftliches Rüstzeug die Statistik ist. Einen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit konnten Wirtschaftstheorien erst erheben, als die Gesellschaft ein einheitliches Sich-Verhalten durchgesetzt hatte, dessen Formen man nun erforschen und einheitlich systematisieren konnte, weil alle Unstimmigkeiten als Abweichungen von einer in der Gesellschaft geltenden Norm und daher als asozial oder anomal verbucht werden konnten.

Dieser statistische Standpunkt hat seine Berechtigung, weil Taten oder Ereignisse ihrem Wesen nach selten sind und stets ein Alltägliches unterbrechen, das in der Tat berechenbar ist. Nur vergisst man dabei, dass auch diese Alltäglichkeit den ihr eigenen Sinn nicht aus dem Alltag selbst bezieht, sondern aus dem Ereignis oder der Tat, die diesen Alltag und seine Alltäglichkeit allererst konstituiert haben.

Aus der unbestreitbaren Gültigkeit statistischer Gesetze im Bereich großer Zahlen folgt leider für die Welt, in der wir leben, nur, dass jede Zunahme der Bevölkerung diesen Gesetzen eine erhöhte Geltung verleiht, der gegenüber die “Abweichungen” immer gegenstandsloser werden.

Je mehr Menschen es gibt, desto wahrscheinlicher wird es, dass Menschen sich wirklich nur noch verhalten, und desto unwahrscheinlicher, dass sie solche, die sich anders benehmen, auch nur tolerieren.

Aus: Hannah Arendt. Vita Activa (1958)

Die Gedanken sind frei. Nicht.

Wenn wir David Cains fiktives Interview mit “The Man” (= dem Prototypen des US-amerikanischen Groß-Arbeitgebers) einen Augenblick lang für bare Münze nehmen, dann hat die Wirtschaft in den USA die Mittelklasse da, wo sie jene haben will: mit protestantischem Arbeitsethos ausgestattet, sich mit wenigen Tagen Urlaub im Jahr zufrieden gebend, auf den Konsum fixiert und Hilfe für die Ärmeren ablehnend gegenüber stehend.

Later is when life will be great - das ist das Motto, das vor allem die Jüngeren bei der Stange hält und sie glauben lässt, dass sie diesem Hamsterrad früher oder später entkommen werden, wenn sie sich nur genug anstrengen. Und der Kitt, der das gesamte Verblendungswerk zusammen hält, ist die Angst, nicht mehr dazu zu gehören.

Diese Angst kennt nicht nur die US-amerikanische Mittelschicht, sie ist allgegenwärtig: Laut Saskia Sassen sind sämtliche Proteste, die wir in den vergangenen zwei Jahren auf dem Globus gesehen haben, im Grunde Aufstände der Mittelschicht - junger Menschen, die ahnen, dass life für sie aller Voraussicht nach eben nicht great wird, auch nicht later.

Es ist nur scheinbar paradox, dass all diese Aufstände sich gegen “den Staat” richten, obwohl doch gerade dem globalen Mittelstand nichts mehr Verdruss bereitet als staatliche Institutionen: Vom Staat wird nichts erwartet, und die Trennung zwischen Bürger und Staat erscheint einigen Kommentatoren nach Edward Snowden endgültig. Aber dennoch gehen die Leute, wenn sie auf die Straße gehen, gegen den Staat auf die Straße. Trotz allem gilt: Wer sonst könnte Rechte garantieren?

Und um diese Rechte gilt es zu kämpfen, denn der imperiale Wissensdurst der westlichen Geheimdienste hat inzwischen dazu geführt, dass selbst die Gedanken nicht mehr frei sein sollen: Das ultimative Ziel des Ausspionierens des gesamten Internet, von Überwachung und Analyse ist es, nicht nur herauszufinden, was gesagt und getan, sondern auch, was gedacht wird.

Das Problem dabei: Wer bestraft wird, bevor er handelt, kann niemals seine Unschuld beweisen, kann niemals zeigen, dass gerade er eben nicht, wie vorhergesagt, gehandelt hätte. (…) Die Verlockung der Vorhersage, gepaart mit der menschlichen Neigung, Ursachen zu sehen, die keine sind, machen Big Data in der Hand unzureichend kontrollierter staatlicher Organe zu einer Bedrohung unserer Gesellschaft. Dagegen war die Stasi ein Witz.

Mit Snowden kommt das vernetzte Individuum als kollektives Thema zum Vorschein, einer Gemeinschaft von Individuen auf sämtlichen Netzebenen (Manuel Castells). Es zeigt, dass abweichendes Verhalten per se verdächtig ist und (Chelsea Manning) hart bestraft wird, sofern es die gegebenen Machtstrukturen im Netzwerk nachhaltig stört - sei es durch den Eigensinn oder durch die Aufsässigkeit der Menschen, die sich ein eigenes Urteil erlauben. Und selbst durch die Entscheidung, diesen ganzen Kram komplett zu ignorieren, scheint niemand mehr sicher.

(tl;dr: Ohne Gedankenfreiheit kein freier Wille. Eat this endlich.)

Profiling ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und sei es für einen Twitter-Wetterbericht

Die digitale Öffentlichkeit ist die erste Öffentlichkeit, die die technischen Möglichkeiten bereit stellt, um im Idealfall jedes einzelne Bewusstsein dieses Planeten auch noch mit dem mächtigsten geisteskollektiven Knotenpunkt zu verknüpfen und Wirkung zu erzielen. Nicht nur für Stefan Heidenreich ist deshalb diese informationstechnische Freiheit des Einzelnen das entscheidend Neue im Web 2.0.

Heidenreich hielt auf der re:publica einen Vortrag zum Thema Netzwerkanalyse und politische Öffentlichkeit und berichtete dabei auch über ein Projekt, mit dem er sich gerade zusammen mit Kollegen, der Twitter-Kontextsuchmaschine Tame und der Unterstützung Twitters selbst vorgenommen hat, zur anstehenden Bundestagswahl eine Art politische Wetterprognose für die digitale Echtzeit-Anwendung zum Mikroblogging zu basteln. Der Vortrag wurde leider nicht per Video aufgezeichnet; immerhin gelang es aber Philip Banse, den Wissenschaftler und Medientheoretiker für dctp vor das Mikrophon zu bekommen.

Eine politische Wetterprognose für Twitter - das wäre ganz nach dem Geschmack der politischen Klasse, die natürlich auch mitbekommen hat, dass die Menschen, die das Internet bzw. Soziale Medien als Bestandteil ihres natürlichen Lebensraums betrachten, Fleisch gewordenes Stimmenpotential sind: Derzeit oszilliert dieses bekanntlich zwischen 10 Prozent (Piratenpartei im Zenit) und 20 Prozent (Grillo), zumindest in Westeuropa.

Nun stehen die Informatik und die Sozialwissenschaften bei der Entwicklung geeigneter Analyseverfahren für Netzwerke im Internet laut Heidenreich noch ganz am Anfang. Klar ist eigentlich nur, dass es etwas zu holen gibt, denn im Vergleich zu den herkömmlichen statistischen Verfahren ist es mit Netzwerkanalysen möglich, weit mehr über die Menschen zu erfahren: Jedes Nutzerprofil ist individuell und hat zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt eine ganz bestimmte Position im Netzwerk; das ist der gläserne Preis für die informationstechnische Freiheit des Einzelnen - und das macht das Profiling für unterschiedlichste Zwecke ebenso möglich wie attraktiv.

Heidenreich ist nun bei seinen Recherchen über mögliche Arten der Netzwerkanalyse für seine Zwecke an einem hochinteressanten Punkt angekommen: an dem Unterschied nämlich, ob man ein Netzwerk einfriert und in seiner Gänze sozusagen statisch betrachtet oder ob man sich auf die Veränderung desselben konzentriert und es ausschnittsweise im Zeitverlauf, also an den Stellen, wo Veränderungen stattfinden, analysiert.

Bei Heidenreich hat sich dabei inzwischen die Vermutung festgesetzt, dass die Dynamiken eines Netzwerkes spannender sind als das Netzwerk selbst: Nur bei einer dynamischen Netzwerkanalyse ist es vermutlich möglich zu beobachten, wie sich Informationen verbreiten, Meme bilden, Shitstorms und Informationskaskaden entstehen, etc.

Und wenn es richtig gut läuft, können daraus dann auch Prognosen entstehen, die voraussagen, welche Themen demnächst wichtig werden - und damit sind wir wieder beim Wetterbericht. (Ganz abgesehen davon, träumen natürlich viele Leute davon, einen Shitstorm vor seinem Entstehen zu identifizieren und dann auch nicht stattfinden zu lassen …)

Ein Wetterbericht für Twitter wäre also schon die hohe Schule, denn mit Stefan Heidenreich ist nicht die Aggregation von Informationen zu einem bestimmten Thema die eigentliche Schwierigkeit, sondern ihr qualitativer Umschlag: die Informationen sinnvoll zusammen zu stellen und die richtigen Schlüsse aus ihnen zu ziehen.

Robotmania

Kinder sind Robotern gegenüber generell aufgeschlossen bis enthusiastisch eingestellt. So lange Roboter keine ruckartigen Bewegungen oder merkwürdigen Geräusche machen, üben sie nach meiner Beobachtung so ab dem dritten Lebensjahr eine gewaltige Faszination aus - übrigens auf Jungen und auf Mädchen.

Das liegt natürlich daran, dass Kinder auf Sachen abfahren, die berechenbar sind. Und für Kinder tun Roboter normalerweise genau das, was man von ihnen erwartet. In einer Welt, in der es täglich mehr Neues als Bekanntes zu entdecken gilt, ist das ein unschätzbarer Hort an Stabilität. Nur die Verlässlichkeit eines Kuscheltieres ist höher einzuschätzen.

Eine Studie der Knowledge-Agentur Latitude mit dem Lego-Learning-Centre und Ideen-Consultant Projekt Synthesis zeigt zum Beispiel, dass Schulkinder den Gedanken ziemlich anregend finden, einen Roboter (robot teacher) als Lehrer zu haben. 350 Kinder (kid innovators) aus sieben Ländern partizipierten an dieser Untersuchung, und ihre Erwartungen an den idealen Roboter-Pädagogen sind ebenso hoch wie selbstverständlich. Er sollte halt einfach perfekt sein:

The robot teacher would have all the time and patience to explain a problem and concept over and over again until the kid got it. But there won’t be any harsh judgement or shame involved like in a “normal” classroom setting. The robot teacher/tutor would be supportive and understanding.

Das “Ergebnis” dieser Studie ist natürlich ein wenig albern, weil die Kinder ja nicht von ihren Erfahrungen mit echten Robotern erzählt haben, sondern von ihrer Vorstellung, wie es sein sollte, wenn sie mit einem robot teacher zu tun hätten. Es handelt sich um ein Wunschbild, dass die Kinder wahrscheinlich analog zu ihrem Bild eines perfekten Erwachsenen gebildet haben, das wunderbar in die Marketing-Strategie der Studienmacher passen dürfte.

Den Robotern dürfte das herzlich egal sein. Der Umgang mit Menschen ist aus der maschinellen Perspektive heraus eher eine kommende Nischenkommunikation: Cisco geht zum Beispiel davon aus, dass in den nächsten Jahren gerade der Datenaustausch von Maschine zu Maschine (M2M) für wachsenden Internet-Traffic sorgen wird.

Robot-Org, die globale non-profit Interessenvertretung für non-intelligente und quasi-intelligente Maschinen, begründet diesen Paradigmenwechsel mit der höheren Effizienz rein maschineller Informations-Austauschsysteme: Im Gegensatz zu Mensch-Maschine-Verbindungen oder gar rein menschlichen Beziehungen muss die Sachdimension nicht durch die Sozialdimension entlastet werden.

Die alte Frage, warum die Menschen ihre kommunikativen Mittel, die sie an der Hand haben, nur völlig unzureichend ausschöpfen, wird also einfach outgesourct und ist bald kein zentrales Problem mehr.

tl;dr: was mein robot teacher sagt.

Google und Gedächtnis

Der Echtzeit-Kult findet in der Architektur Sozialer Netzwerke seine Entsprechung in eher unterentwickelten Archivierungs- und Suchfunktionen. Es ist alles auf die Gegenwart ausgerichtet, und Postings versickern innerhalb weniger Tage ins Nirgendwo.

Solche strukturellen Beschränkungen sollte man vielleicht im Hinterkopf behalten, wenn man diese Infografik zu den tools von Google anschaut, mit denen Gedächtnisfunktionen ausgelagert werden können.

Google and Memory
Research and Design by: Online Colleges Site

Nicht von ungefähr

Wenn wir verhindern wollen, dass Soziale Netzwerke zu stupiden Echokammern werden, in denen man nur im eigenen Meinungssaft schmort bzw. dem des eigenen Bekanntenkreises, ist ein Blick in die Großstadtforschung ganz nützlich, meint Ethan Zuckerman, Harvard-Wissenschaftler und Mitgründer des Blogs Global Voices.

Zuckerman schreibt dies in einem klasse Text anlässlich seiner Keynote für die Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI) in Vancouver, in der er seine Rede mit einem Grundgedanken unterlegte: Der Vergleich von Sozialen Netzwerken und Großstädten zeige, dass man die Menschen zwar nicht zwingen könne, auch mal über den Tellerrand zu schauen. Man könne aber sehr wohl dahingehend planen und Strukturen - online wie offline - dementsprechend anlegen. Dann sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass die gewünschten Effekte auch eintreten. (Serendipity nennt Zuckerman das dann - ein Begriff, der irgendwo zwischen glücklicher Fügung und folgerichtigem Resultat eines ausgeklügelten Planes changiert: je besser der Plan, desto wahrscheinlicher und nicht von ungefähr die Fügung.)

Und der Vergleich Sozialer Netzwerke mit Großstädten ist dabei für Zuckerman mehr als naheliegend:

Cities are (…) also a powerful communication technologies. Cities enables realtime communication between different individuals and groups and the rapid diffusion of new ideas and practices to multiple communities. Even in an age of instantaneous digital communications, cities retain their function as a communications technology that enables constant contact with the unfamiliar, strange and different.

Wenn man sich aber das Handy-Bewegungsprofil eines US-Amerikaners in einer Großstadt anschaue, dann sei zum Beispiel recht schnell zu erkennen, welcher sozialen und auch welcher ethnischen Gruppe er angehöre, schreibt Zuckerman. Und diese Berechenbarkeit komme nun einmal zustande, weil sich der Mensch an sich im Normalfall vorzugsweise in geordneten Bahnen und Rhythmen bewege - und somit in der Großstadt viele kleine Parallelwelten nebeneinander lebten, ohne viel voneinander zu wissen. (Stadtplanerisch könne man aber eine ganze Menge machen, um die unterschiedlichen Gruppen zur gegenseitigen Kontaktaufnahme zu ermutigen - oder zu entmutigen.)

Das ist in Sozialen Netzwerken ja nicht anders. Also kommt es für Zuckerman darauf an, ob die Webtools der Sozialen Netzwerke solche Membranen bereitstellen, die einen Kontakt über die Grenzen des eigenen Netzwerkes hinaus ermöglichen. So ungefähr wie das die trending topics bei Twitter versuchen: Immerhin bekommt man auch mal ein Schlagwort mit aus anderen Kommunikationsuniversen, das einen zum Hinschauen bringen kann. Der Trend geht aber gerade in die andere Richtung: Facebook mainstreamisiert mit dem Like-Button den Bekanntenkreis als Informationsfilter. Aber wer hat schon einen Bekanntenkreis, der in allen möglichen und unmöglichen Themen Anspruch auf Repräsentativität erheben kann?

Da ist der Hinweis sicher nicht ganz falsch, sich doch besser an Stadtplanung und -forschung als an die jüngsten Reste von MySpace oder Geocities zu halten, falls man auf der Suche nach Referenzen oder sogar Vorbildern sein sollte. (Georg Simmel zum Beispiel wird da häufiger genannt.) Abgesehen davon ist der Hinweis wahrscheinlich sogar wichtig, da bei der Softwareentwicklung häufig immer noch zu technologisch und zu wenig vom späteren Nutzer her gedacht wird (aktuell betrifft das zum Beispiel die Apps).

Digitaler Politaktivismus (”Supermeme II”)

Im letzten Blogpost an dieser Stelle wurde Michael Arrington zitiert, der über massenpsychologische Einflussmöglichkeiten in der Digitalen aus der Sicht eines Bloggers geschrieben hat (“Blogging And Mass Psychomanipulation”).

Arrington projiziert diese Möglichkeiten wie dort beschrieben von der digitalen auf die kohlenstoffliche Welt, indem er die Möglichkeiten von Bloggern mit denen von Politikern und Predigern vergleicht - mit folgendem Fazit:

I imagine priests and rabbis and career politicians have much the same experience. (…) It doesn’t work on every individual, but the masses as a group are easy to manipulate.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Leute wie Geert Lovink und Evgeny Morozov einen Unterschied zwischen Politaktivismus in seiner herkömmlichen Form und digitalen Politaktivismus machen - und letzterem die Durchschlagskraft absprechen. (Schnittstelle bzw. Gemeinsamkeit zwischen den Themen “Supermeme” einerseits und Digipolitaktivismus andererseits wäre also die Voraussetzung, möglichst viele Leute zu erreichen - und zu einer “Haltung” oder “Aktion” zu motivieren.)

Morozov beklagte vor einigen Monaten in einem Streitgespräch mit Clay Shirky den “wahllosen Charakter des digitalen Aktivismus“:

Ich mache mir (…) Sorgen (…) darüber, wie das Internet den Charakter des politischen Widerstands in autoritären Regimen verändert (…) [Der digitale Aktivismus] würdigt unser Engagement für politische und gesellschaftliche Themen, die wirklich wichtig sind und permanente Aufopferung verlangen, herab.

Ich bin ebenfalls nicht sicher, ob Blogger so großartige Symbole für regierungskritische Kampagnen sind. Die gewöhnlichen unpolitischen Menschen, über die wir sprechen, die, die am Ende den Mut aufbringen, auf die Straße zu gehen und die Staatsgewalt herauszufordern: Diese Menschen müssen von Leuten angeführt werden, die bereit sind, mutig für ihre Sache einzutreten, sich zu opfern, ins Gefängnis zu gehen und die nächsten Havels, Sacharows oder Solschenizyns zu werden.

Ich glaube, dass ein Massenprotest einen charismatischen Führer, einen Sacharow braucht, um sein Potential wirklich entfalten zu können. Meine Befürchtung ist, dass es im Twitter-Zeitalter keinen Solschenizyn mehr geben kann.

Da stecken zwei Argumente und eine Unterstellung drin: das übliche (meines Erachtens überstrapazierte) Zerstreuungsszenario, das Soziale Netzwerke kritisch als Aufmerksamkeitszerbröseler sieht, und das (meines Erachtens wichtige) Überwachungsszenario, das die Einflussmöglichkeiten autoritärer Regime im Vergleich zu denen der Internetaktivisten, die in solchen Ländern leben, weitaus größer einschätzt. Aber auch die Vermutung, dass es Internetaktivisten am nötigen Ernst fehlen könnte. (So ein bisschen wie bei den 68ern. Daniel Cohn-Bendit: “Die Revolution, wir haben sie so geliebt!”.)

Abgesehen davon, dass man als deutscher Staatsbürger so seine Probleme mit dem Ausdruck “charismatischer Führer” hat, finde ich die Behauptung fragwürdig, dass man einen solchen braucht für einen ordentlichen Massenprotest. Jedenfalls hört sich das immer noch sehr nach den Theorien Gustave le Bons an, und der schrieb sein Standardwerk “Psychologie der Massen” Ende des 19. Jahrhunderts - wobei die Masse dabei alles andere als gut wegkam (”geistig außerordentlich tief stehend”).

Über die Möglichkeiten des politischen Aktionismus (in diesem Fall eher in westlichen Staaten als in totalitären Regimen) hat neulich auch Geert Lovink nachgedacht. Lovink verweist ähnlich wie Morozov auf die andere Seite, die bessere Überwachungsmöglichkeiten hat (und im Zweifel das Gewaltmonopol) und sieht zumindest einen Teil der Zukunft des “Undergrounds” - man höre und staune - offline:

Hardcore underground can no longer dream of an invisible status because it is subjected to the same techno-surveillance as all others. (…)

We need to mind a stricter separation between internal organization and external communication. Because of the lack of privacy and increased surveillance, (militant) protest can no longer rely on electronic devices in the early stages and decisive moments of socio-aesthetic action. This is a problem as, for instance, email is still used as a tool for mobilization and internal debate. It is tempting to use mobile phones on the streets to coordinate action. (…)

It is likely that activism has to, once again, become hyper-local and offline, in order to strike its target effectively.

Morozov und Lovink liefern also unter dem Strich schon einige gute Argumente, warum es digitalen Politaktivmus an Durchschlagskraft fehlen könnte. Aber gerade bei Morozov vermischen sich in diesem Fall die ihm eigene, zurückhaltende Beurteilung der politischen Kraft des Digitalen mit blanken Vorurteilen.

Es muss ja nicht immer ein Sacharow sein, der die Massen bewegt. In der Digitalen käme meines Erachtens derzeit am ehesten Julian Assange für eine vergleichbare Rolle in Frage. (Wobei man ihm so etwas vielleicht eher nicht wünschen sollte, so wie sich das in den Tagen seit den Afghanistan-Protokollen entwickelt hat.)

“Supermeme”

Jakob Jochmann alias Erz hat sich aus der Vogelperspektive mit dem derzeit medial omnipräsenten Namen Sarrazin auseinandergesetzt und dabei unter anderem über Rückkopplungseffekte in der digitalen Aufmerksamkeitserheischungskultur nachgedacht.

Hier deu­tet sich ein neues Phä­no­men für die Medi­en­theo­rie an: Weil die Emp­fän­ger von Infor­ma­tio­nen den Gehalt der Infor­ma­tion über ihre aktive Suche mit­ge­stal­ten, weil sie zum Bei­spiel in Such­ma­schi­nen nach ein paar Schlüs­sel­wor­ten suchen, ent­steht eine posi­tive Rück­kopp­lung (…).

Die Auf­merk­sam­keits­öko­no­mie tut ihr übri­ges. Alle Medi­en­pro­du­zen­ten, die ihre Inhalte an Leser ver­brei­ten wol­len, müs­sen deren Such­an­fra­gen berück­sich­ti­gen. (…) Such­ma­schi­nen­op­ti­mie­rung bringt »Super­meme« her­vor, Schlüs­sel­worte, die sich in der posi­ti­ven Rück­kopp­lungs­schleife gegen andere Deu­tungs­mus­ter des glei­chen Sach­ver­hal­tes unwei­ger­lich durch­set­zen.

Obwohl Erz die so entstehenden “Supermeme” problematisiert, weil sie so dominant sein können, dass sie selbst “die Wahrheit” absorbieren, ist seine Sichtweise nicht pessimistisch: Internetnutzer partizipieren nach dieser Lesart aktiv, vielleicht sogar bewusst an Meinungsbildungsprozessen, indem sie Suchmaschinen nutzen und die digitalen Spuren dieser Nutzung in ihrer Gesamtheit spürbare Auswirkungen haben.

Andererseits - Stichwort Supermeme - gehören massenpsychologische Phänomene im Internet tatsächlich zum täglich Brot. Tech Crunch-Gründer Michael Arrington hat das neulich beschrieben, als er Bloggen als eine der besten Methoden charakterisierte, um solche Phänomene zu verstehen - und aktiv zu beeinflussen (”a training ground for mass psychology and manipulation”).

In seinem Blogpost geht Arrington anders als Erz nicht vom Nutzer, sondern vom Urheber der Information (in diesem Fall: Blogger) aus, die später zum “Supermem” oder zumindest zum Shitstorm anwachsen kann. Und dieser Urheber habe enorme Einflussmöglichkeiten auf seine Leser, da er - im Gegensatz zu den Autoren der traditionellen Massenmedien - über unmittelbare Feedbackmöglichkeiten verfüge:

Old media types (…) generally have an editorial agenda, certain writing rules, and editors to please. There are too many layers between them and the direct feedback loop. so they evolve much more slowly. Bloggers have a direct line to the collective mind.

Wenn Arrington diese Feedbackmöglicheiten dann von der digitalen in die kohlenstoffliche Welt projiziert, indem er die Möglichkeiten von Bloggern mit denen von Politikern und Predigern vergleicht, spricht er meines Erachtens einen interessanten Punkt an:

I imagine priests and rabbis and career politicians have much the same experience. Speaking publicly so frequently they learn exactly how to manipulate the audience, or the camera, to get the reaction they want. It doesn’t work on every individual, but the masses as a group are easy to manipulate.

Interessant, weil Leute wie Geert Lovink und Evgeny Morozov an dieser Stelle unter Umständen widersprechen würden - zum Beispiel wenn es um die wirklichen Möglichkeiten geht, die sich Digitalaktivisten so bieten in der Politik.

Aber ich denke, die beiden würden auch nicht grundsätzlich abstreiten, dass die digitale Öffentlichkeit wächst und mit den Nebenwirkungen klarkommen muss.

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