Monatsarchiv für März 2010

 
 

Technoider Determinismus

Es war ja nur eine Frage der Zeit, bis einer hierzulande eine so dicke Hose anhat, um ohne mit der Wimper zu zucken à la Zuckerberg oder Schmidt ein postprivatsphärisches Zeitalter auszurufen und damit eine Datenschutz-Debatte anzuzetteln. Christian Heller war mit seinem Text “Die Ideologie Datenschutz” so frei und hat darüber hinaus die Chuzpe, dafür Urheberrechte mit Datenschutz in einen Topf zu werfen:

“Der ideologische Kampfbegriff “Geistiges Eigentum” entspricht der Forderung, ein Mensch möge Verfügungsgewalt besitzen über die Daten, die sein Leben generiert. Genauso wie ‘Geistiges Eigentum’ ist ein ‘Eigentum’ an persönlichen Daten nicht naturgegeben, sondern nur ein gesellschaftlich erwünschtes Gedankenkonstrukt.”

Wenn das so ist, dann liegt es natürlich nahe, das Thema Datenschutz ebenso durch die Internetbrille zu betrachten wie das des Urheberrechtes: Datenschutz sei, so Heller, demzufolge “an der Realität der modernen Informationsmedien” zu messen wie andere “Eigentums-Konstrukte”.

Abgesehen davon, dass er damit ohne Not das auch historisch gesehen alles andere als unwichtige Konzept der Privatsphäre kurzerhand auf den Müllhaufen der Geschichte befördert und er so ganz offensichtlich die Gefahr unterschätzt, dass Daten auch missbraucht werden können bzw. sich die Einschätzung ehedem als unproblematisch erachteter persönlicher Daten auch wandeln kann, offenbart Heller mit diesen Gedankengängen eine Art technoiden Determinismus, der zu denken gibt und der eingedampft in etwa so formuliert werden könnte:

  • Alles, was technisch machbar und auf diese Weise ökonomisch verwertbar ist, sollte auch stattfinden. Es liegt am Menschen, sich diesen Umständen anzupassen - und nicht umgekehrt.

    Andere sind auf diesen Zug aufgesprungen: Michael Seemann zum Beispiel grenzt sich zwar von Heller ab, indem er einen “Generalangriff auf die soziale Konstruktion der bürgerlichen Identität” für zu sportlich hält und schlägt stattdessen vor:

    “Aber ist es dann damit getan, auf diese und andere Bedrohungen oder die ganz normalen Intoleranzen mit der Oktroyierung von Datenschutzreglementierungen zu reagieren? Insbesondere, wenn man die Annahme zu Grunde legt - und ich bin der festen Überzeugung, dass das notwendig ist -, dass sich ein heutiges Verständnis von Datenschutz sowieso nicht halten lassen wird. (…) Wir müssen aufhören, nur Daten schützen zu wollen und hinkommen zu einer Politik, die Identitäten schützt.”

    Wenn Michael Seemann aber einleitend schreibt, dass es seine “theoretische Berechtigung” habe, dass Heller Urheber- und Datenschutz vergleicht und damit zu ein und demselben Problem macht, begibt er sich allen nachfolgenden Relativierungen zum Trotz auf dessen theoretische Ebene:

    “Was den dort konstatierten Kontrollverlust der Verlagsbranche und der gesamten Contentindustrie ausmacht, das - so muss man leider zunächst feststellen - ist ein und die selbe Bewegung beim Schutz der persönlichen Daten. Je weiter die Entwicklung fortschreitet, desto weniger wird sich jemand noch sicher sein können, welche Information er wann und wem preis gibt.”

    Das klingt zunächst plausibel, beantwortet aber nicht die Frage, ob persönliche Daten wirklich mit Urheberrechten verglichen, ob sie in einen konkreten wirtschaftlichen Verwertungszusammenhang gestellt und nicht doch restriktiver geschützt werden sollten als andere Daten. Oder, wie ein Kommentator des Posts treffend anmerkte:

    Was die Gemeinsamkeiten des Wunschs nach Kontrolle über persönliche Daten mit dem Wunsch der Verlage nach Kontrolle über ihr Handelsgut betrifft, so stimmt es natürlich dass es eine Abstraktionsebene gibt, auf der beide Gemeinsamkeiten haben. Aber diese gemeinsame Ebene gibt es im Prinzip für jedes beliebige Paar mit Eigenschaften. Es braucht also eine tiefere Betrachtung der Sinnhaftigkeit der konkreten Ebene und die Frage, welche wichtigen Unterschiede bestehen. Und hier ist zunächst zu nennen, dass es bei dem Einen (”Datenschutz”) tatsächlich im die Möglichkeit von Menschen zu menschenwürdigem Leben (das ist übrigens kein wirklich schwammiger Begriff, wenn man ein wenig Fachliteratur zu Art. 1 GG zu Rate zieht) und bei dem anderen lediglich um den Schutz (eigentlich sogar Subvention oder Verordnung) eines Geschäftsmodells geht. Ersteres genießt in unserer Verfassung allerhöchsten Rang, Zweiteres kommt nicht mal vor. Man tut dem Wert der eigenen theoretischen Überlegungen keinen Gefallen, wenn man über solche Unterschiede einfach hinweg bügelt.

  • Frühlingsanfang

    Frühlingsanfang war bereits gestern. Was also will das Eis noch auf dem Liepnitzsee? Das gehört doch jetzt höchstens in einen Cuba libre.

    Tanzeinlage XVIII

    Es geht immer weiter. Es muss immer weitergehen.

    httpv://www.youtube.com/watch?v=-Y68ap2fmVE
    Quelle: Voodoo Rhythm Records

    Über Internetionalisierungsdebattendefizite

    Während Carta sich weiterhin und stellvertretend für die deutschsprachige Blogosphäre daran abarbeitet, dass ein konservativer Herausgeber und Feuilletonist einer konservativen Tageszeitung - also KEIN Blog - auf durchaus breiter Basis eine Auseinandersetzung mit dem Thema Internet angestoßen hat, werden in den USA ganz andere Fragen gestellt: etwa die nach dem Beitrag der Wissenschaften abseits der Informatik für die Debatten rund um das Netz und seine zukünftigen Auswirkungen.

    Wo sind die Beiträge, die nicht aus den Reihen der Informatiker und so genannten Webevangelisten kommen, die uns über die Folgen unseres Internet-Tuns in Kenntnis setzen, fragt zum Beispiel Evgeny Morozov. Morozov gilt auch aufgrund seiner weißrussischen Herkunft als Experte für netzgetriebene Demokratisierungsprozesse in autoritären Regimen; und seine Einschätzungen in dieser Hinsicht sind meist wesentlich weniger optimistisch als die, die von anderen, in Demokratien geborenen Experten stammen.

    Morozov ist es offenbar nicht ganz geheuer, dass Praktiken, die im Internet erfolgreich sind, einfach auf Bereiche des realen Lebens übertragen werden, ohne groß über die Folgen nachzudenken und ohne das Netz überhaupt verstanden zu haben. Ein Beispiel, das er anführt, ist Open Source und die Übertragung dieses Konzeptes auf Bereiche wie zum Beispiel Politik:

    “A government that anyone can edit may also be the one that would stand by as corporations and radical internet evangelists are trying to force us into believing that privacy is just a quaint and antiquated social norm”,

    warnt Morozov und fragt sich eben deshalb, warum seiner Meinung nach insbesondere die Geisteswissenschaften so wenig zu diesen Fragen beizutragen haben. Denn, das erscheint ihm nach der Lektüre Jaron Laniers “You are not a gadget” ziemlich klar, den Informatikern allein sollte man diese Aufgabe lieber nicht überlassen: Lanier wisse (stellvertretend für seine Zunft) zwar möglicherweise alles über Internettechnologie, aber sehr wenig über Gesellschaft.

    Und das sei einfach zu wenig angesichts des Einflusses, den das Netz inzwischen auf unser aller Leben besitzt:

    “Technology has penetrated our lives so deeply and so quickly that the only way to make sense of what is happening today requires not only drinking from the anecdotal fire hose that is Twitter, but also being able to contextualise these anecdotes in broader social, historical and cultural settings. But that’s not the kind of analysis that is spitting out of Silicon Valley blogs.”

    Morozov hat sich ein wenig umgesehen und konstatiert: Allein die Rechtswissenschaften mit Leuten wie Zittrain, Benkler oder Lessig hätten sich bislang in den angesprochenen Fragen einen Namen gemacht; und er fragt sich, warum zum Beispiel die Politische Theorie in Sachen Internet so schweigsam ist. Wobei seine offenbar eher spontane Auswahl der angeführten Fachrichtungen natürlich Widerspruch hervorgerufen hat. Und als jemand, der vor einigen Jahren und weit vor Bologna einer der Lemminge im deutschen geisteswissenschaftlichen Universitätsbetrieb war, frage ich mich auch des öfteren, warum zum Beispiel die Soziologie mit ihrem Wissen um das Spannungsfeld zwischen Individuum und Masse nicht präsenter ist im Web.

    Carta macht es schon richtig, wenn es in der derzeitigen deutschen Internetdebatte Experten wie Gundolf S. Freyermuth und Stefan Münker ranholt (hier und hier), und so auf das Expertisen-Gewitter der FAZ und seines besagten Herausgebers reagiert.

    Es zeigt aber auch, dass hierzulande erst einmal das Internet entmythologisiert werden sollte, um vernünftig miteinander reden zu können, wie Björn Haferkamp angemerkt hat:

    “Ob das Internet existiert und sich weiter entwickelt ist eine unfruchtbare Frage. Die kritischen Fragen aber, die diese Gegebenheiten hervorrufen – was macht das mit unserer Kultur, mit der Psyche, mit der Wirtschaft – lassen sich vernünftig nur beantworten, wenn man das Gestrüpp der Mythen, Märchen und Dämonen beiseite räumt. Es gibt keine Lizenz zur Interpretation des Internet, man muss weder Gegnern noch Enthusiasten eine Definitionshoheit in dieser Frage einräumen.”

    Alles hat ein Ende . . .

    . . . nur die Wurst hat bekanntlich zwei. Ist bekannt, aber trotzdem traurig. Manchmal zumindest.

    In diesem Sinne: bad bad whiskey - make me loose my happy home.

    httpv://www.youtube.com/watch?v=rDPPvsErNQY&feature=player_embedded

    Philosophie des Geldes

    Die Philosophie des Geldes ist eines der Hauptwerke des Soziologen und Philosophen Georg Simmel, der bereits Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts erkannte, dass man das Thema Geld besser nicht allein den Ökonomen überlassen sollte.

    Zusammen mit der Rationalität bzw. “Verstandesherrschaft” und dem Wachstum der Großstädte (Arbeitsteilung) ist für Simmel die Geldwirtschaft ein wichtiges Kennzeichen der Moderne, das weit mehr ausmacht als seine Funktion für den Tauschhandel:

    “Analog zu bisherigen Religionen, die Sicherheit, Lebenssinn und Versprechen für die Zukunft gegeben haben, kann in der Moderne die Geldwirtschaft als neue Religion bezeichnet werden, die alle sozialen und individuellen Beziehungen berührt und auch die menschlichen Gefühle beherrscht.” (Quelle: Wikipedia)

    Insofern ist Simmels Werk, das 1900 erstmalig erschien, nach wie vor aktuell. Dirk Baecker beschreibt im nachfolgenden Video von dctp, wie die Menschen diese kulturelle Praxis erst (unter Zwang) zu erlernen hatten.

    Daydream Nation

    “Europa hat in der alten analogen Medienwelt einen Anteil von 28 Prozent, an der neuen digitalen Medienwelt aber nur von 1,8 Prozent”, führt FAZ-Netzökonom Holger Schmidt in einen Beitrag Stefan Glänzers ein, der anhand der europäischen Gründerszene und -kultur genau diesen Fakt zu erklären sucht. Dabei dient Glänzer das Silicon Valley und die US-amerikanische Gründer-Mentalität als Vergleichsmaßstab.

    Damit setzt er die Hegemonie der USA in den Informations- und Kommunikationstechnologien ganz richtig voraus. Für ihn sind fünf Dinge vonnöten, um im Netz auf globaler Ebene erfolgreich zu sein: “Gründer, Universitäten, Investoren, große Webfirmen und die Möglichkeit, erfolgreiche Firmen zu verkaufen.” Wobei allein das Volumen der Gelder, die ins Digitale fließen, so unterschiedlich (zugunsten der USA) ausfällt, dass der Hinweis auf fehlende Gründerkultur fast schon zweitrangig wirkt.

    Das ist ja schon fast ein Topos: Europa kann sich derzeit nicht rühmen, dynamische Gesellschaften zu beherbergen - allein in demographischer Hinsicht.

    Abgeschwabt

    Nachrichten aus der Berliner Blase: Ich persönlich finde es ja durchaus lustig, dass in den Stadtteilen Mitte und besonders Prenzlauer Berg der Begriff “Schwabe” seit einigen Jahren die (nicht unbedingt aus dem Ländle stammenden) Zäpfchen bezeichnet, die mit Papis Unterkonto in die Stadt einreiten, in schicken Kneipen Tannenzäpfle trinken, glauben, sie seien die Größten, und sich als Zugezogene retrocool im Mauerpark hinstellen und die Nase rümpfen, wenn es türkische Familien aus dem Wedding wagen, Ihre Grillinfrastrukturen auf dem grauen Grün aufzubauen.

    Neid muss man sich erarbeiten, pflegen dann des öfteren die humorlosen unter den schwäbischen Migranten zu grummeln und damit auf die sprichwörtliche Geschäftstüchtigkeit der alemannischen Stammesgenossen hinzuweisen.

    Sie ahnen gar nicht, wie recht sie damit haben: Neulich hatte ich mal wieder Gelegenheit, einem polnisch-sprachigen Telefonat zu lauschen. Und da meinte einer der Gesprächspartner, der in Kleinpolen Ferienhäuser an Deutsche vermietet, er habe keine Lust mehr, sich von seinen Gästen ständig “abschwaben” zu lassen - um das verb “szwabic´” wortwörtlich zu übersetzen (wobei abschwaben im Österreichischen “abspülen” bedeuten soll).

    “Szwabic´” bzw. “oszwabic´” steht im Polnischen tatsächlich für “betrügen” bzw. “hintergehen” - wirklich erstaunlich.

    Mantra

    Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative.

    Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative. Protect your happiness. Win over negative.

    Genau.

    Arbeit, Kapital, Daten

    Sprunghaft angestiegen sei das Geschäft des Informationsmanagements, des Geschäftes also, das Unternehmen und Organisationen dabei hilft, Nutzen aus ihren wachsenden Datenbeständen zu ziehen, meldet der Economist: Demnach investierten allein Oracle, IBM, Microsoft und SAP in den vergangenen Jahren rund 15 Milliarden US-Dollar, um auf Datenmanagement oder -analyse spezialisierte Firmen zu kaufen. Insgesamt wachse, so das britische Globalisierungs- und Wirtschaftsblatt, diese Sparte der IT-Branche doppelt so schnell wie der Rest der Software-Industrie und werde derzeit 100 Milliarden US-Dollar schwer geschätzt.

    Es bleibt schwierig für Unternehmen und Organisationen, angesichts des heftig anwachsenden Datenaufkommens diese zu speichern und - noch weitaus schwieriger - zu analysieren und für das eigene Business gewinnbringend einzusetzen.

    Aber, das ist die Message des Economist in diesen Tagen, das Zeitalter sei angebrochen, in dem Daten nahezu gleichberechtigt neben den altgedienten Produktionsfaktoren Kapital und Arbeit stünden. Kreditkartenanbieter, Einzelhändler, Handy- und Versicherungsfirmen geben demnach die Richtung vor, in die es gehen wird:

    “Es gibt jetzt genügend digital erfasste Lebensäußerungen, Kommunikation, Bilder, Mobiltelefon-Bewegungsinformationen, Einkaufsentscheidungen, täglich werden es mehr. Getrieben vom reichlich verfügbaren Datendünger, sprießen die mathematischen und statistischen Methoden zur Auflösung der Persönlichkeit in klassifizierbare Einzelaspekte zu ungeahnter Güte”,

    beschreibt CCC-Sprecher Frank Rieger unser aller Zerlegung in eine “Kombination von kleinen Merkmalsschubladen”.

    Und da wir uns - statistisch gesehen - alle ziemlich ähneln und - statistisch gesehen - auf ziemlich eingetrampelten Pfaden (Alltag) wandeln, ist unser aller Verhalten darüber hinaus ziemlich vorhersehbar. Um dies zu sein, muss man kein Facebook-Heavy-User und auch nicht abgehört werden. Es reicht bereits, ein Handy bei sich zu tragen, zeigt Rieger an anderer Stelle der FAZ zum Beispiel anhand der Vorratsdatenspeicherung. Neulich erst wurde eine Studie häufiger zitiert, in der US-amerikanische Wissenschaftler anhand dreimonatiger Bewegungsprofile von 50.000 Handynutzern eine Vorhersagbarkeit von 93 Prozent berechneten.

    Und von einer Krise der Branche, deren Währung unter anderem personenbezogene Daten sind, konnte und kann keine Rede sein:

    “Interessanterweise nahm der Internetverkehr weltweit im Jahr 2008 trotz der globalen Rezession um 55 Prozent zu; für 2009 wird ein weiterer Anstieg um 74 Prozent vorausgesagt. In einem umfassenderen Sinn werden Netzwerksysteme und -anwendungen den Unternehmen immer mehr Möglichkeiten geben, ganze Bereiche soziokultureller Aktivitäten - zum Beispiel Bildung oder Agrobiotechnologie - systematisch für effizientere Vermarktung vorzubereiten und andere Bereiche wie Medizin oder Energieversorgung so umzugestalten, dass sie sich in die Prinzipien der Profitmaximierung fügen.”

    Profitmaximierung per personenbezogener Daten: Insofern ist es eine Frechheit, dass über Sinn und Unsinn eines Datenbriefes überhaupt diskutiert wird.

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