Wer meint, die re:publica sei ein Klassentreffen, hat Recht.
Wer meint, die re:publica sei nur ein Klassentreffen, hat keine Ahnung.
Sagt Anke Gröner und hat auch Recht.
Ich hatte hingegen überhaupt kein Recht mit meiner persönlichen re:publica-Strategie: zu den interessanten Veranstaltungen gehen und ansonsten (als Berliner Arbeitnehmer) ganz normal und erwerbstätigenmäßig weiterarbeiten.
Denn damit war die Klassentreffen-Komponente für mich erledigt; ich hetzte zwischen Veranstaltungen und Arbeitsplatz hin und her, und Zeit für einen Kaffee mitsamt Pläuschchen zwischendurch war nicht wirklich. Den einzigen, den ich mal hätte ansprechen können, war Felix Schwenzel. Der hatte offensichtlich ähnliche Veranstaltungspräferenzen und lief mir ständig über den Weg. Aber Schwenzel ist schwer zu greifen, wenn man nicht unhöflich sein möchte, weil er - wenn er mal irgendwo alleine rumsitzt - immer irgendwas in irgendeine Tastatur tippt.
Übrigens kam man auch häufig nicht mehr in die überfüllten Räume rein, wenn man kurz vor Beginn der Sessions kam - oder saß bzw. stand deplatziert und angestrengt in irgendwelchen unvorteilhaften Körperhaltungen rum, was das Zuhören erschwerte und dem Rücken nicht guttat.

Insgesamt aber ist die re:publica zweifellos professioneller geworden, einen Tick mainstreamiger wohl auch. Aber dass sie eine explizit linke Veranstaltung geworden sein soll, finde ich im Gegensatz zu Johannes Boie überhaupt nicht. Nur weil irgendwer irgendwo mal “Enteignet Provider” rief, Götz Werner sprach sowie Feminismus und Internet thematisiert wurden, soll etwas “links” sein? Mmmh.
Boie hätte sich vielleicht mehr Leute statt Programm angucken sollen. Von den rund zweieinhalbtausend People, die sich da im Umfeld von Kalkscheune, Friedrichsstadtpalast und Quatsch Comedy Club bewegten, waren schätzungsweise drei Viertel unter 30 oder von mir aus auch 35. Und die sind mit einiger Sicherheit dem äußeren Anschein nach nicht irgendeinem politischen Spektrum zuzuordnen; wahrscheinlich wollen sie solchen Schubladenbegriffen wie links und rechts auch nicht zugeordnet werden.
Gelungen war der Start der re:publica: Peter Glaser ist der geeignete Mann für einen Eröffnungsvortrag, das war nach seinem tollen Text im vergangenen Jahr klar, und die folgenden Redner Evgeny Morozov und Jeff Jarvis zeigte nicht nur den Willen der Veranstalter, international und damit über den deutschsprachigen Blogosphärenkosmos hinaus zu denken, sondern auch den Vorsatz, unterschiedliche Meinungen zuzulassen: Während Jarvis ja der Optimist unter den Internetoptimisten ist, gilt Morozov in dieser Hinsicht eher als Skeptiker.
Dass Jarvis eine Rampensau ist und Morozov kein Talent zum Präsentieren hat, darüber hinaus ein schlecht zu verstehendes Englisch spricht und somit in seiner Wirkung gegenüber Jarvis abfiel, war - na ja - Künstlerpech.
Am besten unterhalten wurde ich von Sascha Lobos Vortrag “How to survive a shitstorm“, der sich damit das Aufmacherbild dieses Blogposts verdient hat. (Verdoppelt hat er sich aber nicht, höchstens etwas zugenommen; das Bild zeigt ihn persönlich und sein auf die Videoleinwand geworfenes Äußeres.)
Peter Kruse bekam den besten Spitznamen verpasst: Die SZ nannte ihn den “graubärtigen Posteronkel der Netzgemeinde“. Abgesehen davon war sein Vortrag gut.
Christian Heller verfasste (ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand für ihn tat) eine der abgefahrensten Veranstaltungsankündigungen, die ich je gelesen habe. Immerhin schenkte er damit Interessierten reinen Wein ein, die das Thema ansonsten ernst genommen hätten.
Und Geert Lovink wäre wirklich interessant gewesen, wenn er nicht die Hälfte seiner Redezeit darauf verwendet hätte, Werbung in eigener Instituts-Sache zu machen.
Am dritten Tag ging mir dann die Puste aus; jedenfalls weiß ich über den nichts Nenneswertes zu berichten.
Nur mal so am Rande:
Eines der wichtigsten Schlagworte auf der re:publica war das Adjektiv überschätzt.
Zwei Belege:
“Eine vollkommen überschätzte, eine nervige Debatte, ist die in Deutschland stets diskutierte Frage, ob Blogger Journalisten sind.” (Lovink)
“Die Echtzeit ist total überschätzt” (Lobo)