Monatsarchiv für April 2010

 
 

Machen wir uns nichts vor XIII

Dostojewskis “‘Verbrechen und Strafe’ ist einer der bewegendsten Texte, und wie alle großen Texte hat er einen eigenen Rhythmus. Dieser Rhythmus ist ein Presto, ist also der schnellste, den es gibt. Aber im letzten Absatz des Buchs, in den letzten sechs oder sieben Zeilen, wird ein Wort wiederholt, auf Russisch heißt dieses Wort ‘postepenny’, es ist ein langsames Wort, auch durch das doppelte n. Es heißt ‘allmählich’, ein wunderbares deutsches Wort übrigens. Der ganze Roman verläuft also in einem rasanten Tempo, und im letzten Absatz wiederholt sich dreimal das Wort allmählich. Das hat etwas zu sagen: Leben geht allmählich. Wenn man nach der Lektüre dieses Romans sonst nichts gelernt hat, damit hat man schon genug gelernt. Gewalt ist schnell und plötzlich, Leben geht allmählich.”

Swetlana Geier im Spiegel-Interview

Tanzeinlage XIX

“Vintage-Stripperinnen” im Video von Evil Nine, wie René Walter treffend formuliert hat:

httpv://www.youtube.com/watch?v=dUvqADPLEfY&feature=player_embedded

Quelle: Nerdcore

Private Censorship

Der US-amerikanische Juraprofessor Tim Wu sagt, dass Zensur in den westlichen Gesellschaften inzwischen eher von der Wirtschaft (Private Censorship) als vom Staat ausgeht. Daran müssten wir uns erst einmal gewöhnen, da wir aus historischer Perspektive darauf trainiert seien, eher auf staatliche Eingriffe in die Freiheit der Meinungsäußerung sensibel zu reagieren als auf Interventionen von Unternehmensseite.

httpv://www.youtube.com/watch?v=fCUTogbAuoA&feature=player_embedded

Ein inspirierender Beitrag Wus zum Thema Netzneutralität, allein schon wegen seines Beispieles, mit dem er Private Censorship erläutert, indem er den Zusammenhang von privater bzw. privatwirtschaftlicher Zensur und dem typischen Happy End von Hollywoodfilmen aufzeigt (Quelle: re:publica-youtube-Kanal).

Wer Tim Wu im Interview sehen möchte, sei zusätzlich noch auf das Interview mit Philip Banse auf dctp verwiesen:

Brunftzeit der Platzhirsche

Ob nun Geert Lovink darauf hinweist, dass der Blogger-Journalisten-Disput in der deutschen Blogosphäre aber so etwas von uninteressant und irrelevant ist, oder nicht: Die gerade zu Ende gegangene re:publica ist die bevorzugte Brunftzeit der Platzhirsche, in der das Print- gegen das Internet-Wild um die Vorherrschaft im Revier kämpft. Nur dass es nicht um Sex geht, sondern um Reputation.

Angefangen hat es dieses Mal damit, dass Marcus Jauer von der FAZ den Print-Junghirsch gab und sich gleich mit mehreren altgedienten Online-Geweihträgern anlegte. Er schrieb unter anderem:

  • Johnny Haeuslers Ruf gründe auf einem einzigen Text.
  • Jörg Wittkewitz nehme sich wichtiger als sein Thema.
  • Und Robin Meyer-Lucht habe noch nicht mal eines.

    Interessant ist weniger, dass Jauer den Dreien gegenüber nicht gerade fair war; aufschlussreich ist vielmehr, welches Bild er von Bloggern an sich zu haben scheint. Für ihn ist die Blogosphäre offenbar voller spinnerter Egozentriker, die bevorzugt in Berlin leben, im Sankt Oberholz Kaffee trinken und im eigenen Saft braten. Ein Ort, so scheint es, wie gemacht für Leute, die - und das scheint wohlgemerkt die Sicht Jauers zu sein - mit wenig Leistung viel Aufmerksamkeit bekommen (Haeusler), bei aller Erfolglosigkeit dennoch ihr Ego ausleben (Wittkewitz) oder andere um des eigenen Erfolges willen ausbeuten wollen (Meyer-Lucht).

    Übrigens haben Johnny Haeusler und Jörg Wittkewitz inzwischen auf den Artikel reagiert; Robin Meyer-Lucht hat reagieren lassen wurde zumindest auf dem eigenen Blog verteidigt. Jauer sagt nichts; wahrscheinlich überlegt er, wie er seine Twitter-Seite noch besser macht. NACHTRAG: Interessant ist auch, was der ebenfalls in dem Artikel vorkommende Felix Schwenzel zu der Sache sagt.

    Online-Platzhirsch Thomas Knüwer wollte einen solchen Affront wohl nicht auf sich sitzen lassen und legte sich nicht nur mit Jauer, sondern gleich noch mit dessen FAZ-Kollegen Harald Staun sowie Johannes Boie (SZ) an. Knüwer schlägt verbal um sich, als ob Bambi erst gestern erschossen wurde und unterstellt den Print-Journalisten Voreingenommenheit, Missgunst und Neid:

    “Für den Leser quälend trieft durch ihre Zeilen der Neid, dass da Leute das gleiche Handwerk betrieben wie sie: schreiben. Und das tun sie einfach so, als Hobby. Sie schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.”

    Boie konterte daraufhin mit dem Hinweis, dass er sich manchmal frage,

    “wie sehr Knüwer seine Arbeit beim Handelsblatt gehasst haben muss, wenn für ihn ‘Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität’ so grausam sind. Und ich frage mich auch, was Knüwer eigentlich bei der Zeitung gemacht hat – jene Menschen, die ich beim Handelsblatt mehr aus der Ferne als der Nähe kenne, haben dort noch nie einen Text von Chefs ‘diktiert’ bekommen. Allerdings verdienen sie auch ein bisschen mehr als ‘Leserkommentare, Resonanz und Bier auf einem Kongress’.”

    Nun ja. Was soll man dazu sagen, außer: Platzhirsche gibt es sowohl im Print- als auch im Online-Milieu, und: Geert Lovink hat Recht.

  • #rp10

    Wer meint, die re:publica sei ein Klassentreffen, hat Recht.
    Wer meint, die re:publica sei nur ein Klassentreffen, hat keine Ahnung.


    Sagt Anke Gröner
    und hat auch Recht.

    Ich hatte hingegen überhaupt kein Recht mit meiner persönlichen re:publica-Strategie: zu den interessanten Veranstaltungen gehen und ansonsten (als Berliner Arbeitnehmer) ganz normal und erwerbstätigenmäßig weiterarbeiten.

    Denn damit war die Klassentreffen-Komponente für mich erledigt; ich hetzte zwischen Veranstaltungen und Arbeitsplatz hin und her, und Zeit für einen Kaffee mitsamt Pläuschchen zwischendurch war nicht wirklich. Den einzigen, den ich mal hätte ansprechen können, war Felix Schwenzel. Der hatte offensichtlich ähnliche Veranstaltungspräferenzen und lief mir ständig über den Weg. Aber Schwenzel ist schwer zu greifen, wenn man nicht unhöflich sein möchte, weil er - wenn er mal irgendwo alleine rumsitzt - immer irgendwas in irgendeine Tastatur tippt.

    Übrigens kam man auch häufig nicht mehr in die überfüllten Räume rein, wenn man kurz vor Beginn der Sessions kam - oder saß bzw. stand deplatziert und angestrengt in irgendwelchen unvorteilhaften Körperhaltungen rum, was das Zuhören erschwerte und dem Rücken nicht guttat.

    Insgesamt aber ist die re:publica zweifellos professioneller geworden, einen Tick mainstreamiger wohl auch. Aber dass sie eine explizit linke Veranstaltung geworden sein soll, finde ich im Gegensatz zu Johannes Boie überhaupt nicht. Nur weil irgendwer irgendwo mal “Enteignet Provider” rief, Götz Werner sprach sowie Feminismus und Internet thematisiert wurden, soll etwas “links” sein? Mmmh.

    Boie hätte sich vielleicht mehr Leute statt Programm angucken sollen. Von den rund zweieinhalbtausend People, die sich da im Umfeld von Kalkscheune, Friedrichsstadtpalast und Quatsch Comedy Club bewegten, waren schätzungsweise drei Viertel unter 30 oder von mir aus auch 35. Und die sind mit einiger Sicherheit dem äußeren Anschein nach nicht irgendeinem politischen Spektrum zuzuordnen; wahrscheinlich wollen sie solchen Schubladenbegriffen wie links und rechts auch nicht zugeordnet werden.

    Gelungen war der Start der re:publica: Peter Glaser ist der geeignete Mann für einen Eröffnungsvortrag, das war nach seinem tollen Text im vergangenen Jahr klar, und die folgenden Redner Evgeny Morozov und Jeff Jarvis zeigte nicht nur den Willen der Veranstalter, international und damit über den deutschsprachigen Blogosphärenkosmos hinaus zu denken, sondern auch den Vorsatz, unterschiedliche Meinungen zuzulassen: Während Jarvis ja der Optimist unter den Internetoptimisten ist, gilt Morozov in dieser Hinsicht eher als Skeptiker.

    Dass Jarvis eine Rampensau ist und Morozov kein Talent zum Präsentieren hat, darüber hinaus ein schlecht zu verstehendes Englisch spricht und somit in seiner Wirkung gegenüber Jarvis abfiel, war - na ja - Künstlerpech.

    Am besten unterhalten wurde ich von Sascha Lobos Vortrag “How to survive a shitstorm“, der sich damit das Aufmacherbild dieses Blogposts verdient hat. (Verdoppelt hat er sich aber nicht, höchstens etwas zugenommen; das Bild zeigt ihn persönlich und sein auf die Videoleinwand geworfenes Äußeres.)

    Peter Kruse bekam den besten Spitznamen verpasst: Die SZ nannte ihn den “graubärtigen Posteronkel der Netzgemeinde“. Abgesehen davon war sein Vortrag gut.

    Christian Heller verfasste (ich kann mir nicht vorstellen, dass das jemand für ihn tat) eine der abgefahrensten Veranstaltungsankündigungen, die ich je gelesen habe. Immerhin schenkte er damit Interessierten reinen Wein ein, die das Thema ansonsten ernst genommen hätten.

    Und Geert Lovink wäre wirklich interessant gewesen, wenn er nicht die Hälfte seiner Redezeit darauf verwendet hätte, Werbung in eigener Instituts-Sache zu machen.

    Am dritten Tag ging mir dann die Puste aus; jedenfalls weiß ich über den nichts Nenneswertes zu berichten.

    Nur mal so am Rande:

    Eines der wichtigsten Schlagworte auf der re:publica war das Adjektiv überschätzt.

    Zwei Belege:

    “Eine vollkommen überschätzte, eine nervige Debatte, ist die in Deutschland stets diskutierte Frage, ob Blogger Journalisten sind.” (Lovink)

    “Die Echtzeit ist total überschätzt” (Lobo)

    Inbegriff der Permanenz

    “Das Netz ist zum Inbegriff der Permanenz geworden. Ständig geht es vor sich, es aktualisiert sich, es vibriert vor Mitteilsamkeit. Früher gab es einen Zustand, dann kam eine Veränderung, dann ein neuer Zustand. Jetzt ist Veränderung der Zustand. Früher hat der Große den Kleinen gefressen, dann fraß der Schnelle den Langsamen. Nun wird das Manchmal vom Immer verschluckt.”

    Peter Glaser: Die digitale Faszination: Vom Leben auf dem achten Kontinent/Eröffnungsvortrag auf der re:publica 2010.

    Try shit

    “We won´t learn anything if we don´t take risks - and try shit”, antwortete Jeff Jarvis zum Abschluss seiner Rede über private und öffentliche Daten bei der re:publica auf die Frage, wo denn die Gefahren liegen, wenn man Privates via Internet öffentlich macht.

    Tolle Präsentation, wobei: “Don´t ignore the worst case”, meinte hingegen Frank Rieger bei seinem Vortrag, in dem es ebenfalls um Privacy-Fragen ging und die Jarvis-Thesen offen angezweifelt wurden - insbesondere der behauptete Nutzen offen gelegter persönlicher Daten.

    Bleiben zwei Erkenntnisse: Die Debatte um Privacy wird uns noch lange beschäftigen, und die re:publica hat einen formidablen ersten Tag hingelegt.

    Machen wir uns nichts vor XII

    “Aus der Genetik und den Neurowissenschaften geht ein neues Menschenbild hervor, das allen anderen Bildern von Menschen, die die westliche Tradition bisher hervorgebracht hat, grundlegend widerspricht. Es ist ganz und gar unmetaphysisch. (…) Dieses Bild beeinflusst in ganz subtiler Weise die Art, wie wir miteinander im täglichen Leben umgehen. Es fragt sich zum Beispiel, ob die Entmystifizierung des menschlichen Geistes ohne eine Entsolidarisierung der Gesellschaft vonstatten gehen kann. Was unsere Gesellschaft zusammengehalten und dazu beigetragen hat, dass wir uns benehmen, waren der metaphysische Glaube an Gott oder die Psychoanalyse und andere Ersatzreligionen.

    Die Frage ist: Hat die Wissenschaft irgend etwas Vergleichbares zu bieten, das den Zusammengehalt von Massengesellschaften aufrechterhalten kann, nachdem die ganzen metaphysischen Ideen nicht nur bei professionellen Geistes- und Naturwissenschaftlern, sondern auch bei ganz normalen Leuten verschwunden sind?”

    Thomas Metzinger

    Startup statt Marke

    Martin Lindner macht sich Gedanken um Selbst-Marketing im Internetzeitalter und fragt, wie weit man da eigentlich mitmachen solle.

    “Die alte Trennlinie zwischen Privatperson und Profession gibt es nicht mehr. Das ist dann nicht so problematisch, wenn ich mich voll und ganz mit dem identifiziere, was ich anbiete. Das ist das untergründige Ziel in der Web-Ökonomie. Aber wie oft ist das in der Realität wirklich hundertprozentig der Fall?”

    Sehr interessant ist dabei sein Vorschlag, sich nicht an dem vielbeschworenen und aus dem alten Marketing stammenden Markenkonzept (”Jeder ist eine Marke”) zu orientieren, wenn man denn mitmacht, sondern an der Arbeitsweise von Startups, insbesondere denen, die “kleine Software-Applikationen” bauen:

    “Von solchen Software-Startups kann jede/r lernen: Wie man eine Idee findet und herausarbeitet, wie man sie Schritt für Schritt möglichst zielgenau umsetzt. Und weil das offen im Web stattfindet, das zugleich der Markt ist, ist diese Umsetzung eigentlich schon fast alles, was man an Marketing braucht.”

    Ziemlich unklares Dings

    Auch die Evolutionsenthusiasten unter uns dürften einräumen, dass ein Mem einerseits ein faszinierendes Konzept, andererseits ein ziemlich unklares Dings darstellt. Wie die Evolutionstheorie im Allgemeinen und Meme im Besonderen die Geschichtswissenschaft besser machen könnten und wo die Grenzen einer solchen Betrachtungsweise liegen, beschreibt Donald Worster ausführlich im American Scholar.

    Historiker, schreibt Worster zusammenfassend, könnten die Naturwissenschaften und damit die Umweltbedingungen als Kraft für das menschliche Leben durchaus ernster nehmen bzw. stärker berücksichtigen, müssten gleichzeitig aber ein Auge für die Besonderheiten kultureller Spielregeln bewahren:

    “Historians would need to acknowledge, with the aid of evolutionary psychology, the reality of a human nature that evolves through time. At the same time they would need to think about the role of cultural beliefs and rules as a quasi-independent but never isolated force on the planet (…).

    (via aldaily.com/Blogpost weder verwandt noch verschwägert mit @dings)

    blogoscoop