Fünf kursorische Thesen zum Internet

Endlich hatte ich mal Urlaub. Auch vom Netz, da ich auf dem Land war und mein dortiger Freund und Nachbar sein Wlan nicht in den Griff bekam. Und das Bloggen via Modem oder mit dem I-Phone meiner Frau keine wirkliche Alternative darstellte. Das reichte nur für einige wenige Twitter-Einträge. Also ließ ich meine digitale Identität vor sich hin trudeln und konzentrierte mich aufs Grillen. Das schafft Abstand.

Und ist eine Gelegenheit, zum eiswürfelgesättigten Cuba libre, den ich mir zur Feier des Tages zusammengemixt habe, hier einige kursorische Thesen zu posten, die mit dem Internet zusammenhängen. Die mich in den vergangenen Wochen und Monaten beschäftigt und nicht wirklich losgelassen haben. Einige will ich so endlich loswerden, zumindest vorübergehend; auf andere würde ich in Zukunft gerne noch einmal genauer eingehen. Auf jeden Fall wird es eine kurze Liste werden, die aus dem Bauch heraus geschrieben ist. Die keinen Anspruch auf Vollständigkeit oder Tiefe hat. Kursorische, transitorische Thesen eben, die in der Blogosphäre präsent sind und an denen ich mich gerne mal geistig abarbeite:

1. Die Blogosphäre ist eine Ansammlung pubertärer Egomanen

Klar, das könnte man denken. Ist aber Blödsinn. Der Eindruck drängt sich nur auf, weil durch Web 2.0 einfach mehr Leute die Möglichkeit haben, ihre Befindlichkeiten in die Welt hinaus zu posaunen. Grundsätzlich glaube ich aber nicht, dass etwa ein Haufen Automanager, die sich ihre Mails noch ausdrucken lassen und sich auf Messen kurz über die neuesten Vergasermodelle unterhalten, um danach die anwesenden Bikinimädchen der Eventagenturen in ihren hormonellen Fokus zu nehmen, mehr IQ-Potenzial zusammen bringen als - sagen wir - die Kommentatoren eines durchschnittlichen Spiegelfechter-Posts.

2. Das Netz ist demokratisch bzw. befördert Demokratie

Diese Aussage ist in ihrer Totalität leider Quatsch. Das Netz bzw. das Web 2.0 ist sicher ein Set von Werkzeugen, das demokratische Prozesse - etwa die verstärkte Beteiligung von Bürgern an politischen Diskussionen bzw. Entscheidungen - unterstützen kann. Eine Garantie für einen dahingehenden Gebrauch dieser Werkzeuge gibt es aber nicht. So profan das ist, so wichtig ist es auch, das immer im Hinterkopf zu behalten. Ein willkürlich ausgewähltes gegoogeltes Beispiel aus dem deutschen Internetkosmos sind die Manipulationen von Wirtschaftsunternehmen bei Wikipedia. Andererseits gibt es auch viel versprechende Ansätze zur Formierung einer demokratischen (Gegen-)Öffentlichkeit im Netz. Man denke nur an die Zensursula-Debatte. Die internationale Perspektive zeigt außerdem, dass man immer auch genau auf die Wirkungsweisen und -richtungen digitaler Öffentlichkeiten schauen sollte: So wies Ethan Zuckerman am Beispiel des Iran darauf hin, dass die ganzen Twittermeldungen aus dem und über das Land eher eine  grenzüberschreitende, globale Öffentlichkeit formiert haben als sozialen Protest im Lande  selbst zu organisieren. Wichtig ist meiner Meinung nach auch Zuckermans Hinweis auf die fehlende Repräsentativität der Twittermeldungen aus dem Iran - die Internetöffentlichkeit ist nun einmal nicht die Öffentlichkeit in Gänze, weder im Iran noch hierzulande.

3. Das Internet gräbt der Kreativindustrie das Wasser ab und erodiert den Journalismus

Ja, ok, dieses Thema ist ein ganzes Buch wert - je nach Ausrichtung eines auf Papier oder eines als E-Paper. Mich interessiert daran vor allem ein Aspekt: die Aufgabe, die ob dieses so gewiss nicht richtigen Vorwurfs der so genannten Online-Community in Gänze zukommt, nämlich über Geschäftsmodelle für Online-Content nachzudenken. Woher sollen solche sonst kommen? Von Herrn Burda doch wohl nicht. (Das ist einer der Gründe, warum ich zum Beispiel Matthias Schwenk so gerne lese - der schafft es tatsächlich, in dieser Hinsicht immer konstruktiv zu sein.) 

4. Das Internet ist ein Ökosystem

Auch mit diesem Thema bin ich wohl lange noch nicht fertig. Einerseits kann man sicher anschaulich verdeutlichen, dass das Netz kein fertiges Etwas ist, sondern etwas, was noch im Entstehen begriffen ist, indem man es als System beschreibt, das sich sukzessive ausdifferenziert und sich zu immer höheren Stufen (Emergenz) entwickelt. Ein Werdendes, dessen Endzustand - sofern es so etwas überhaupt einmal geben sollte - so weit weg ist, dass wir es uns noch nicht im Entferntesten vorstellen können. Andererseits kommt mir diese Beschreibungsart verdächtig dominant vor: Inzwischen kommt auch in der deutschsprachigen Blogosphäre kaum ein seriöser Text, der sich in irgendeiner Form mit der Zukunft des Webs beschäftigt, ohne Schlagworte wie “Ökosystem” oder “evolutionäres Denken” aus. Ich habe hier schon einmal über meine Aversion gegen Biometaphern geschrieben: Im Grunde bin ich einfach misstrauisch gegenüber Analogien, die Entwicklungen nahe legen, die niemand wirklich voraussagen kann. Sprich, ich habe manchmal den Eindruck, dass diese Biometaphern mehr Propaganda- als Veranschaulichungsinstrument sind. Anders gesagt: Ich habe bislang die Systemtheorie so verstanden, dass der Begriff der Selbstorganisation ursprünglich für biologische Systeme gilt. Und für mich ist noch lange nicht klar, ob sich das Netz wirklich zu einem “autopoietischen System” entwickelt. (Bin ich nun ein “Technologie-Skeptiker”?)

5. Sascha Lobo ist ein eitler Pfau

Evolutionsbiologisch ist der Vergleich der Loboschen Frisur mit der Schleppe des männlichen Pfaus sicher nur insoweit zulässig, als das zum Beispiel auch eine Alge mit dem Menschen verwandt ist, diese Verwandtschaft aber nichts über die unterschiedliche Komplexität der beiden Lebensformen aussagt. Außerdem geht es ja nicht um die Optik, sondern um den Charakter, und da sind die Vorzeichen sicher umgekehrt. Aber nichts-desto-Trotz: Lobos Selbstinterview auf seinem Blog, das er anlässlich seiner Rolle in der bis zum Überdruss diskutierten Vodafone-Werbekampagne gespielt hat und spielt, lässt die Vermutung zu, dass er nicht gerade ein Selbstzweifler und vor Blasiertheit nicht gefeit ist. Aber ich kenne Sascha Lobo nicht persönlich und lasse mich gerne eines Besseren belehren. Vielleicht darf ich ja mal mit ihm einen Kaffee trinken…


 
 
 

3 Kommentare zu “Fünf kursorische Thesen zum Internet”

  1. Thorstena » Fünf kursorische Thesen zum Internet
    25. Juli 2009 um 02:20

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  2. BenZol
    31. Juli 2009 um 11:06

    ad I: Über 50% des Textes dieser These beschäftigen sich mit dem Anzweifeln der intellektuellen Fähigkeiten von Automanagern. Im Übrigen glaube ich, dass die Blogosphäre vor allem männlich geprägt ist. Männlich = pubertär und egoman (wenn man den Frauen glauben möchte).

    ad II: Full Ack. Bei Herrschaftsformen muss man sich ja zuerst auch immer die Preisfrage stellen: Wer herrscht? Der Gewinner bekommt das System sozusagen gratis mitgeliefert.

    ad III: Die Frage würde sich nicht stellen, wenn man von Anfang an nicht versucht hätte, das tradierte wirtschaftliche System auf die informatorische Globalisierung zu übertragen. Dazu mein Lieblingsspruch, der heute an alle dummen Kapitalisten rausgeht: Wenn man nur einen Hammer hat, dann sieht jedes Problem aus wie ein Nagel.

    ad IV: Holla, das entwickelt sich ja zur Manie! Ich muss es Dir jetzt einfach mal sagen: Niemand nimmt diese Metaphern für bare Münze. Ehrlich! Niemand. Genau wie kein frühpubertierender männlicher Jugendlicher seine Freundin der Photosynthese wegen mit an den Baggersee nimmt - ganz gleich wie schlecht die Aufklärung durch die Eltern auch war!

    ad V: Sascha Lobo ist ein eitler Pfau.

    Gruß

    Cpt. BlogBeard

    Ansonsten: Sehr schön! Weiter so! Ich komme immer gerne hier vorbei.

  3. admin
    31. Juli 2009 um 23:00

    Cpt. BlogBeard: Zum Thema Ökometaphern hat mich vor allem Dein Photosynthese-Beispiel überzeugt. Versprochen: Ich mach mich jetzt locker ;-)

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