Internet-Manifest: 2 cl Nepotismus, nun mit Beipackzettel

Eine internetöffentliche Diskussion in drei Akten:

Die Ausgangslage: Einige bekannte Online-Publizisten haben eine Art Grundsatzprogramm veröffentlicht, das sie Internet-Manifest genannt haben, obwohl es im Text eher um Journalismus geht. Bei der Veröffentlichung teilten sie weder mit, für wen dieses Manifest eigentlich genau gedacht ist, noch, warum sie sich dazu berufen fühlten, ein solches Programm zu verfassen. Zunächst war irgendwie nur klar, dass es etwas mit dem Heidelberger Appell und der Hamburger Erklärung zu tun hat.

Die Entwicklung: Das Manifest wurde in der deutschsprachigen Blogosphäre erwartungsgemäß schnell publik und erreichte sicher auch die Redaktionsstuben der Verlagshäuser. Ob es dort aber alle gelesen haben, ist fraglich. Dafür erlangte das Manifest dank des US-amerikanischen Journalisten Jeff Jarvis, der die Inhalte weitertwitterte, international eine beachtliche Aufmerksamkeit und wurde inzwischen in diverse Sprachen übersetzt.

Die Kritik: Die 17 Behauptungen des Manifestes wurden vor allem von den Leuten heftig kritisiert, als deren Sprachrohr sich die Verfasser offenbar sehen: die deutschsprachige “Internetcommunity” bzw. “Blogosphäre” oder mit welchen Bezeichnungen die Menschen in mentale Schubladen gesteckt werden, für die das Internet tagtägliches Informationsbeschaffungs- und Kommunikationsmedium ist. Hauptkritikpunkte waren formal der anmaßende Tonfall des Manifestes und die holzschnittartig verfassten Thesen darin. Inhaltlich stießen sich viele in erster Linie daran, dass bereits bekannte Sätze zu “steilen Thesen” zugespitzt wurden, die Verfasser darüber hinaus aber nicht viel Neues zu bieten hatten.

Und nun?

Die Verfasser des Manifests können darauf verweisen, Öffentlichkeit hergestellt zu haben, so wie es “I-was-among-them-Mercedes-Bunz” im Guardian getan hat. Und sie sind erst einmal bemüht, die Wogen in ihrer eigenen Community zu glätten. Dafür ist dann natürlich derjenige zuständig, der die meiste Glaubwürdigkeit besitzt: Stefan Niggemeier.

Niggemeier hat einen “Beipackzettel” zum Manifest geschrieben, der zum “Reflexions-Mäander” (Ulrike Langer) geworden ist. Dummerweise hakt es bei mir an der für mich entscheidenden Stelle. Dort schreibt er:

“Was wir wirklich schlecht gemacht haben beim Veröffentlichen unseres „Manifestes”: seinen Adressaten zu nennen.”

Wenn ich das richtig verstanden habe, müsste es doch wohl heißen: seinen Adressaten NICHT zu nennen, oder? Ich kann jedenfalls nur zu diesem Schluss kommen, wenn ich die darauf folgenden Zeilen lese, bzw. die Stelle in Gänze:

“Was wir wirklich schlecht gemacht haben beim Veröffentlichen unseres „Manifestes”: seinen Adressaten zu nennen. Es muss bizarr wirken auf Menschen, die in diesem Medium in einem ganz anderen Maße zuhause sind als ich, wenn da plötzlich 15 Berufs-Publizisten ankommen und ihnen erklären wollen, wie das Internet funktioniert. Vielleicht erklärt sich ein Teil der Ablehnung, den dieser Text gerade bei eingefleischten Onlinern erfahren hat, aus dieser wahrgenommenen Anmaßung, die von uns nie beabsichtigt war.

Natürlich ist unser „Manifest” auch anmaßend (und mit dem Wort fängt es schon an), natürlich kommt es in vielen Punkten relativ breitbeinig daher, aber einem ganz anderen Ansprechpartner gegenüber: Denjenigen, die das Internet immer noch bekämpfen oder glauben, es gehe weg, wenn man es nur angestrengt genug ignoriert. Denjenigen, die es für eine Phase halten, einen Hype, der vorübergehen wird.”

Dieser Beipackzettel wäre in der Tat von Anfang an nötig gewesen und hätte einige Missverständnisse vermieden. Dann hätte man sich nur noch den üblichen, häufig so unnötig persönlichen Anfeindungen ausgesetzt, die ja immer kommen - allein wenn der Name Lobo fällt.

Neben der eindeutigen Nennung der Adressaten des Manifestes hätte man aus meiner Sicht aber auch noch ein paar Worte darüber verlieren können, warum nun ausgerechnet diese 15 People sich dazu berufen fühlen, Behauptungen zum Internet zu manifestieren. Ich kann mich erinnern, dass ich zuerst bei Thomas Knüwer auf den Text stieß. Und dort stand nur folgender Hinweis:

“Wir konnten nicht alle einbinden, die sich gemeldet haben. Das ist schade, und ich möchte mich hiermit dafür entschuldigen.”

Diese Pseudoentschuldigung hätte sich Knüwer dann auch schenken können. Interessanter wäre ja wohl gewesen kurz zu schreiben, warum die mitmachen durften, die mitgemacht haben. Und dann hätte man einfach auch mal aussprechen können, was naheliegt und dann auch gar nicht schlimm wäre: Das Manifest ist auch ein Dokument einer Vetternwirtschaft. Ein Produkt eines Freundes- und Gute-Bekannten-Kreises. Oder etwa nicht? Das würde jedenfalls den komischen Vorwürfen, es handele sich bei den Manifest-Manifestierern um eine Berliner Clique oder um den Versuch, einen Verband zu gründen o.ä., den Wind aus den Segeln nehmen.


 
 
 

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