Soziale Netzwerke: Vorboten des Neohumanismus?

Die Web Security Dienstleister haben offenbar keine Krise: Soziale Netzwerke gelten in Unternehmen und Behörden oft als “Produktivitätskiller” - damit lässt sich Geld verdienen, indem der Zugang zu Information, Kommunikation, Unterhaltung via Social Networking eingeschränkt, gesperrt, blockiert, verboten wird.

So gab die weltweit tätige Securityfirma Scansafe eine Pressemitteilung heraus, in der vermeldet wird, dass Unternehmen den Zugang zu Sozialen Netzwerken für ihre Angestellten häufiger sperren als je zuvor. Soziale Netzwerkaktivitäten seien inzwischen beliebter bei den Mitarbeitern ihrer Kunden als die Gebiete Shopping, Waffen, Sport, Mailingdienste und Alkohol, heißt es in der Mitteilung. Und die Prognose des Produktmanagers lautet:

“(C)ompanies are increasingly taking a sterner approach to the sites that their employees are allowed to access. I imagine before long, social networking will be up there with pornography in terms of categories blocked.”

Das mag stimmen oder nicht; der Trend ist aber nicht von der Hand zu weisen, dass der freie Zugang zu Sozialen Netzwerken während der Arbeitszeit stärker zur Disposition steht, als das bislang ohnehin der Fall war. Zumal ja allein die Nutzerzahlen Facebooks zuletzt richtig durch die Decke gingen, also immer mehr Leute Social Networking betreiben.

Ein Beispiel: In der Schweiz sind Soziale Netzwerke (namentlich Facebook) derzeit bei Unternehmen bzw. Institutionen wie UBS, Schweizer Bundesbahnen, Post und seit jüngstem auch in der Bundesverwaltung nicht zu erreichen.

Und in den USA machen derzeit etwa die Verlagshäuser von sich reden, die ihren angestellten Journalisten vorschreiben wollen, was sie so alles netzwerkend ansprechen dürfen und was nicht: Nach Associated Press, Wall Street Journal und New York Times hat nun auch die Washington Post sich entschlossen, ihren twitternden, facebookenden oder sonstwie netzwerkenden Journalisten eine so genannte Guideline aufzudrücken, die in einigen Punkten so restriktiv ist, dass einer der Angesprochenen meinte, er schreibe fürderhin besser nur noch über das Wetter und Dessertrezepte.

So lustig ist der Fall der Washington Post allerdings nicht, wenn man die Vorgeschichte bedenkt: Denn die Guideline wurde verfasst, nachdem sich die Washington Post offenbar genötigt sah, einem ihrer Angestellten nahe zu legen, seinen Twitter-Account zu schließen. Der Mann hatte sich dort unter anderem explizit für eine Gesundheitsreform in den USA ausgesprochen…

Paul Bradshaw nimmt dies zum Anlass, das endgültige Ende scheinbarer journalistischer Objektivität, auf die ja gerade in den angelsächsischen Ländern so großer Wert gelegt wird, zu verkünden. Soziale Netzwerke machten Aktivitäten von Journalisten nun messbar; und diese seien deshalb einfach besser beraten, ihre Quellen, Einstellungen und Kontakte transparent zu machen als sie zu verbergen. Das Ideal der Objektivität sei ohnehin schon immer das gewesen, was Ideale immer sind: Ein Gedankenkonstrukt, das in der Realität, in Reinform jedenfalls, nicht existiert:

“Objectivity is a construct of recent times. One reason for its rise in the journalism sphere has been the consolidation of newspapers and television into monopolies and oligopolies in the past half-century”,

zitiert Bradshaw Dan Gillmor.

Der bekannte spanische Blogger Enrique Dans nimmt die Guideline der Washington Post zum Anlass, um den konkreten Konflikt zwischen einem Verlag und seinen Angestellten generell auf die Arbeitswelt der Zukunft zu projzieren:

“Aufgrund der zunehmenden beruflichen Mobilität sind einzelne Personen keine bloße Erweiterung eines Unternehmens oder Produktes mehr; sie sind vielmehr Personen, die mittels der Werkzeuge des Social Webs ihre Individualität ausdrücken”,

schreibt Dans und spricht in diesem Zusammenhang vom “Vordringen des Neohumanismus“. Deshalb sei die restriktive Guideline der Washington Post schlicht und ergreifend “ein Fehler”.


 
 
 

6 Kommentare zu “Soziale Netzwerke: Vorboten des Neohumanismus?”

  1. Twitter Trackbacks for Thorstena » Soziale Netzwerke: Vorboten des Neohumanismus? [thorstena.de] on Topsy.com
    7. Oktober 2009 um 16:34

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  2. BenZol
    8. Oktober 2009 um 13:40

    Und?!? sind soziale Netzwerke Vorboten eines neuen Humanismus? Oder ist vielleicht jede Technologie, die gesellschaftliche Relevanz hat, ein Vorbote für neue philosophische Richtungen und umgekehrt?

    Gehen wir doch einmal zurück ins Jahr 300.000 a.d. und blättern in den Archiven des Vorgänger-Blogs “Thors! Tengha! - Höhlenwand mit recht vielen interessanten Tierdarstellungen”:

    …Das Feuer - Vorbote des Anthropozentrismus?…

  3. admin
    8. Oktober 2009 um 14:58

    Also Ben, Dir kann man es auch nicht recht machen: Wenn ich Biometaphern blöd finde, sagst Du, ich solls nicht so ernst nehmen. Wenn ich Neohumanismus schreibe und das nicht so ernst nehme, soll ich mich mit dem Begriff ernsthaft auseinandersetzen…
    Also: Die Überschrift ist natürlich nicht bierernst gemeint, und ob das Konzept des Neohumanismus an sich stimmig ist oder nicht, vermag ich auch nicht zu sagen. Aber: Sie scheint ja auf den Leser zu wirken (;-)), und Enrique Dans hat meiner Meinung nach im Kern schon recht: Soziale Netzwerke in Unternehmen zu rrestriktiv zu handhaben oder komplett zu sperren, ist ein Fehler, in meinen Augen jedenfalls.

  4. BenZol
    13. Oktober 2009 um 14:40

    Tut mir leid. Eigentlich dachte ich, dass meine eher satirisch angehauchte Erwiderung Ernst von seinem Bier trennt. [Der säuft ja eh schon wie ein Loch ;-)] Natürlich hat Dans im Kern Recht, soweit ich das per Google-Sprachtools sehe (jaha, es kann nämlich nicht jeder eine zweite Fremdsprache!).
    Trotzdem erwarte ich von einer Rubrik “[..] Kritik und Cojones” mehr Cojones. Vielleicht bin ich auch nur schon zu besoffen von Ernsts Bier. Enden wir nun aber versöhnlich, und nehmen uns ein Beispiel am alten “Fritze” Hebbel: “Ich werde nie zum Frühling sagen: verzeihen Sie, Sie haben dort ein welkes Blatt, oder zum Herbst: nehmen Sie es ja nicht übel, dieser Apfel ist nur zur Hälfte roth.” - Tagebücher 3, 3323 (1845). S. 27. (Quelle: Wikiquote)

  5. admin
    13. Oktober 2009 um 17:13

    Hast schon Recht: ich bin im Vagen hängen gebleiben: Auf mehr Cojones können wir uns auf jeden Fall einigen!

  6. Thorstena » Schattenseite der Aufmerksamkeitsökonomie
    13. Oktober 2009 um 23:24

    [...] bleibt dabei: Ich halte es für einen Fehler, wenn Unternehmen ihren Mitarbeitern die Nutzung Sozialer Netzwerke einschränken, verbieten oder [...]

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