Brunftzeit der Platzhirsche

Ob nun Geert Lovink darauf hinweist, dass der Blogger-Journalisten-Disput in der deutschen Blogosphäre aber so etwas von uninteressant und irrelevant ist, oder nicht: Die gerade zu Ende gegangene re:publica ist die bevorzugte Brunftzeit der Platzhirsche, in der das Print- gegen das Internet-Wild um die Vorherrschaft im Revier kämpft. Nur dass es nicht um Sex geht, sondern um Reputation.

Angefangen hat es dieses Mal damit, dass Marcus Jauer von der FAZ den Print-Junghirsch gab und sich gleich mit mehreren altgedienten Online-Geweihträgern anlegte. Er schrieb unter anderem:

  • Johnny Haeuslers Ruf gründe auf einem einzigen Text.
  • Jörg Wittkewitz nehme sich wichtiger als sein Thema.
  • Und Robin Meyer-Lucht habe noch nicht mal eines.

    Interessant ist weniger, dass Jauer den Dreien gegenüber nicht gerade fair war; aufschlussreich ist vielmehr, welches Bild er von Bloggern an sich zu haben scheint. Für ihn ist die Blogosphäre offenbar voller spinnerter Egozentriker, die bevorzugt in Berlin leben, im Sankt Oberholz Kaffee trinken und im eigenen Saft braten. Ein Ort, so scheint es, wie gemacht für Leute, die - und das scheint wohlgemerkt die Sicht Jauers zu sein - mit wenig Leistung viel Aufmerksamkeit bekommen (Haeusler), bei aller Erfolglosigkeit dennoch ihr Ego ausleben (Wittkewitz) oder andere um des eigenen Erfolges willen ausbeuten wollen (Meyer-Lucht).

    Übrigens haben Johnny Haeusler und Jörg Wittkewitz inzwischen auf den Artikel reagiert; Robin Meyer-Lucht hat reagieren lassen wurde zumindest auf dem eigenen Blog verteidigt. Jauer sagt nichts; wahrscheinlich überlegt er, wie er seine Twitter-Seite noch besser macht. NACHTRAG: Interessant ist auch, was der ebenfalls in dem Artikel vorkommende Felix Schwenzel zu der Sache sagt.

    Online-Platzhirsch Thomas Knüwer wollte einen solchen Affront wohl nicht auf sich sitzen lassen und legte sich nicht nur mit Jauer, sondern gleich noch mit dessen FAZ-Kollegen Harald Staun sowie Johannes Boie (SZ) an. Knüwer schlägt verbal um sich, als ob Bambi erst gestern erschossen wurde und unterstellt den Print-Journalisten Voreingenommenheit, Missgunst und Neid:

    “Für den Leser quälend trieft durch ihre Zeilen der Neid, dass da Leute das gleiche Handwerk betrieben wie sie: schreiben. Und das tun sie einfach so, als Hobby. Sie schreiben nicht über das, was ihnen Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität diktieren – sie schreiben über das, was sie interessiert. Dabei sagen sie auch noch deutlich ihre Meinung. Und dafür ernten sie dann auch noch Leserkommentare, Resonanz und dürfen auf einem Kongress stehen und Bier trinken.”

    Boie konterte daraufhin mit dem Hinweis, dass er sich manchmal frage,

    “wie sehr Knüwer seine Arbeit beim Handelsblatt gehasst haben muss, wenn für ihn ‘Ressortleiter, Chefredakteure oder die Tagesaktualität’ so grausam sind. Und ich frage mich auch, was Knüwer eigentlich bei der Zeitung gemacht hat – jene Menschen, die ich beim Handelsblatt mehr aus der Ferne als der Nähe kenne, haben dort noch nie einen Text von Chefs ‘diktiert’ bekommen. Allerdings verdienen sie auch ein bisschen mehr als ‘Leserkommentare, Resonanz und Bier auf einem Kongress’.”

    Nun ja. Was soll man dazu sagen, außer: Platzhirsche gibt es sowohl im Print- als auch im Online-Milieu, und: Geert Lovink hat Recht.


     
     
     
  • 3 Kommentare zu “Brunftzeit der Platzhirsche”

    1. BenZol
      26. April 2010 um 11:18

      Ich versteh das alles nicht mehr. Ich will auch nicht mehr. Selbstreferentialität als Thema in Blogs ist schon sowas von Korkenziehermäßig gedacht, boah ey! Feuilleton-Origami als neue thematische Sportart? Da kann ich immer nur auf’s Neue Splatterdandy zitieren:

      Der Skandal ist die Sprache, in der man mit euch reden muss. Ihr Öffentlichkeitsfanatiker, ihr Dekadenzpropheten auf dem Tugendpfad, ihr positionslosen Hyperironiker, ihr Pop-Hitlers, ihr Allesversteher, ihr Spiegel-Leser, ihr habt Euch der Kontrolle widersetzt, ihr Wachhunde der Öffentlichen Moral, ihr subtilen Verhöhner des Establishments, ihr Einzelkämpfer, ihr Anti-Bohlens, ihr ehrfurchtslosen Majestätsbeleidiger, ihr habt euch niemals vereinnahmen lassen, ihr Stellvertreter einer Generation, ihr habt euch dem Mainstream entgegengestellt, ihr Rauhbeine, ihr müsst gegen etwas zusammenhalten, ihr KZ-Banditen, ihr müsst den Gürtel enger schnallen, ihr Jammer-Wessis, ihr müsst euch in Gruppen aufspalten, ihr Zentralisierer der Peripherie, ihr Globalisierungsfaschisten, ihr habt Standortvorteile zu nutzen verstanden, ihr Totengräber des Wohlfahrtsstaats, ihr Lobbyisten, ihr Netzwerk-Mussolinis, ihr seid die Besten, ihr Bestien in Menschengestalt, ihr habt alles gegeben, ihr habt euch für euer Anliegen eingesetzt, ihr Reformavantgardisten, ihr seid gegen etwas auf die Straße gegangen, ihr habt euch der Sprache des Pöbels verweigert, ihr Volksverhetzer, ihr habt versucht zu differenzieren, ihr habt euch von anderen abgesetzt, ihr habt Qualität auf Märkten durchgesetzt, ihr habt euch eurer Vermarktung nicht länger entzogen, ihr Subventionsjunkies, ihr Stalin-Mönche, die der Markt entsetzt, ihr Möchtegern-Arbeitslosen, ihr Warteschlangen-Fetischisten, ihr habt lange Zeit Geduld bewiesen, ihr habt euch für eine Elite stark gemacht, ihr PISA-Studenten, ihr Marktliberalisierer, ihr habt die Grenzen abgeschottet, ihr habt die niedrigsten Instinkte bedient, ihr seid auf die Bedürfnisse der Gesellschaft eingegangen, ihr habt die Fakten auf den Tisch gelegt, ihr Focus-Faschos, ihr Meinungsforscher, ihr habt Formate bedient, ihr habt euch dabei lediglich am Publikumsgeschmack orientiert, ihr Folterknechte, ihr Pragmatismus-Fatalisten, ihr postmodernen Postbeamten, ihr Realitätsfingierer, ihr Formatverweigerer, ihr habt das Niveau gesenkt, um das Niveau zu heben, ihr habt aufbegehrt, ihr habt alles verändert mit dem RAF-Kostüm, ihr Auschwitzverhinderer, ihr Kriegstreiber, ihr Nazischweine habt den Zug verpasst, ihr Subversionsspießer, ihr Diskurskanonen, ihr Amerikaner, ihr Anti-Amerikaner, ihr wolltet für alle nur das Beste, ihr Glücksdealer, ihr müsst euch entspannen, ihr Uhse-Guevaras, ihr Befreier des Körpers, eure Ficks waren das größte, ihr habt damit gegen etwas protestiert, ihr Glücksverächter, ihr asketischen Sektprediger, ihr Feminismusprotestanten, ihr Britney-Beleidiger, ihr Pubertätsverächter, ihr schwanzlosen Playboys, ihr Sexistenschweine, ihr Perversionsschöngeister, ihr tabulosen Tabuverwalter. Ihr Terroristen. Ihr seid wie ich. Ihr habt es allen gezeigt.

    2. admin
      26. April 2010 um 12:05

      1. Gaaanz ruhig.
      2. Wer ist Splatterdandy?

    3. BenZol
      26. April 2010 um 15:10

      ‘Tschuldigung - bin gerade ein bißchen faldbakken. Aber wenn die Blogosphäre noch einen Text zur “Bloggersfear” hervorbringt, schreie ich! Übrigens hier ein absoluter Musthaveread-Tipp: http://www.cracked.com/article_14990_what-monkeysphere.html

      Splatterdandy: http://www.motor.de/kuenstler/splatterdandy

    blogoscoop