Internet: Massenmedium, Kulturraum oder Werkzeugkiste?

Das Internet ist nach herkömmlicher Lesart ein gigantisches Computernetz-Netzwerk und als solches zum Massenmedium geworden. Nun hat Peter Kruse einen anderen Vorschlag gemacht, was das Netz sein und vor allem bedeuten könnte.

Kruse ist Geschäftsmann, Organisationspsychologe, Honorarprofessor, Unternehmensberater. Und er ist auch der - ich wiederhole mich da gerne, weil ich die Bezeichnung so niedlich finde - “graubärtige Posteronkel der Netzgemeinde“. Kruse hielt auf der re:publica 2010 einen viel beachteten und ebenso gelobten Vortrag, in dem er in der Heftigkeit, in der das Thema Internet diskutiert wird, einen “Indikator für die Existenz unzureichend reflektierter Wertedifferenzen” sah.

Diese Differenzen bestehen laut Kruse zwischen “Digital Residents” und “Digital Visitors”, also denen, die den “Kulturraum Internet”, den so genannten achten Kontinent, bewohnten, und denen, für die dieser neue Raum weitestgehend noch terra incognita sei. Das Netz ist für Kruse also mehr als ein Medium, es ist ein Kulturraum.

Na gut, die meisten Netzbewohner fanden diese These allein deshalb gut, weil damit das Internet mehr als irgendetwas sei, in diesem Falle als ein Medium. Dennoch wurden auch Zweifel an diesem Konzept geäußert: Jörg Wittkewitz zum Beispiel schreibt, Kruses Ansatz erscheine ihm ein wenig “verstaubt”; für ihn sei das Internet eher so etwas wie ein Werkzeugkoffer, und was es mit dessen Instrumenten zu entdecken gelte, sei vor allen Dingen das eigene Selbst. (Jens Jessen, Feuilletonchef der Zeit, meinte gar, Kruses Trennung in Visitors und Residents sei “rassistische Rhetorik”, aber dazu was zu sagen, ist mir nun wirklich zu blöd.)

Kruse setzte jedenfalls via Twitter einen Tweet ab, der wie eine Entgegnung auf Wittkewitz wirkte: “Wette: Die instrumentelle Haltung zum Netz unterstellt hinter jedem Hype reflexartig persönliches Machtstreben, Manipulation und Eigennutz.” Wenn ich das richtig verstanden habe, meint er also, dass mit seinem Kulturraum-Konzept die Möglichkeit besteht, neben den zweifellos vorhandenen Risiken auch die Chancen einer digitalisierten Gesellschaft zu sehen.

Das wäre durchaus ehrenwert, dennoch ist die Unterscheidung zwischen Visitors und Residents aus meiner Sicht nicht viel mehr als die altbekannte Trennung zwischen Digital Natives und Digital Immigrants - mit dem Unterschied, dass nun nicht mehr das biologische Alter der Internetnutzer, sondern deren Vernetzungsgrad und Fähigkeit zum Umgang mit digitalen Techniken das Kriterium für drin sein und draußen sein ist.

Zumal die Rede vom Kulturraum und achten Kontinent dazu verleiten könnte, außer Acht zu lassen, dass die Art und Weise, wie dieser Raum besiedelt wird, von den Netzbewohnern nicht frei ausgehandelt werden kann. Siehe zum Beispiel die aktuelle Debatte um Netzneutralität. Oder die Tatsache, dass das Netz eben nicht unabhängig von der materiellen Wirtschaft und deren Marktgesetzen funktioniert, wie manche vielleicht träumen.

Wenn ich jedenfalls sehe, was zum Beispiel Jörg Tauss offensichtlich aus dem Kulturraum-Konzept folgert, zweifele ich an der Fruchtbarkeit dieses Denkmodells: Sein Einwurf, dass analog zur amerikanischen Geschichte die Netzbewohner die Indianer seien und die Bundesregierung die Siedler, ist in meinen Augen hanebüchen unpassend und (Achtung: Scherz) eventuell übermäßigem Club-Mate-Genuss geschuldet.


 
 
 

18 Kommentare zu “Internet: Massenmedium, Kulturraum oder Werkzeugkiste?”

  1. Wittkewitz
    2. Mai 2010 um 20:01

    Es gibt zwei Dinge zu ergänzen. Die Idee des Kulturraums würde bedeuten, dass man das Netz aus einer Außenperspektive betrachten könne. Es gibt jedoch gar keine Innenperspektive, da es weder eine ureigene Region noch eine eigene SPrache oder gar eine gemeinsam Geschichte eines Internet-Sippe gibt. Denn das Netz ist nur ein Medium, das besondere und im Gegensatz zum Radio, Telefon oder Funk neue Arten des Austauschs und der Koordination ermöglicht. Niemand käme auf die Idee, das Telefon oder die Druckmaschine als Kulturraum zu bezeichnen.

    In Bezug auf das Selbst habe ich geschrieben, dass man im Netz vielem Fremden begegnen kann. Auf diese Weise kann das eigenen Selbst in mehr Facetten wahrgenommen werden. Vorrausstzung ist jedoch Offenheit. Offenheit ist praktisch das Gegenteil der Suche nach Mustern und Patterns. Genau das aber sucht ein Psychologe.

  2. admin
    2. Mai 2010 um 21:11

    Vielen Dank für Deinen Hinweis zur Offenheit als Voraussetzung, um Komplexität erfahren zu können. Das ist in der Tat eine wichtige Ergänzung zu Deiner Position, die ich hier kurz versucht habe zu beschreiben.

    Ansonsten habe ich mich ja bereits bei Dir drüben gefragt, ob es tatsächlich nicht möglich sei, das Internet aus einer Außenperspektive zu betrachten. Kann zum Beispiel Facebook nach Bourdieux wirklich kein “Sozialer Raum” (http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialer_Raum) sein, wenn andere gesellschaftliche Milieus (z.B. Subkulturen), die auch schwer von anderen abzugrenzen sind, mit dieser Methode durchaus von innen und von außen betrachtbar sind?

  3. admin
    2. Mai 2010 um 21:54

    Der Mann heißt Bourdieu ohne x, und ich hab noch einen Trackback an digitalpublic gesendet. Der Text ist ja nicht nur bei den Netzpiloten erschienen…

  4. Wittkewitz
    2. Mai 2010 um 22:43

    Es mag profan klingen, aber das Netz ist kein Raum. Virtuell ist nicht das Gegenteil von real sondern von physisch. Das bedeutet, dass physikalische Modelle hier eben NICHT greifen.Es geht hier also um Funktionen. Eine Kultur oder ein sozialer Raum übersteigt jedoch die Reduktion auf Wirkungen und Funktionen. Der Soziale Raum von Bourdieu müsste zunächst erstmal darufhin untersucht werden, welche Schichten warum am Web teilnehmen und welche nicht. Da ist es klar, dass Kruse Danah Boyd und Eszter Hargittai und viele ander echte Netz-Wissenschaftler noch nicht einmal erwähnt. Deren Studien und Papers lassen seine Aussagen gelinde gesagt unterkomplex erscheinen.

  5. admin
    2. Mai 2010 um 23:04

    Ich bin nun wirklich kein Bourdieu-Fanboy, aber der gibt ja genau das vor zu liefern, was Du forderst: kein physikalisches Modell, sondern soziologische Forschung, die Abgrenzungsstrategien per sozialer Distinktion (Teilnahme am Web) untersucht. Was ich unter dem Strich sagen will: Als Denkmodell ist der “Kulturraum” nicht per se untauglich, aber bitte nicht wörtlich zu nehmen.

  6. Wittkewitz
    3. Mai 2010 um 14:33

    Wenn die Idee des Kulturraums den alten Streit zwischen kulturalistischer und naturalistischer Erklärung des Begriffs Information auflöst, gerne auch das. Aber ich habe so meine Zweifel, dass so etwas aus der ABO-Ecke oder von Bourdieus Gnaden kommen kann. Glaube, dass wir das mit Latour und Stengers weiterkommen könnten.

  7. Björn
    4. Mai 2010 um 09:15

    Mir scheint, dass es hier (mit dem Kulturraum, den Visitors etc.) nicht um sensationell Neues geht. Wir haben schon lange weitreichende soziokulturelle Erwartungen bezüglich des Netzes, die auf unseren Erfahrungen beruhen, was wir damit anstellen können. Jetzt konnten wir erleben, wie Sascha Lobo ein Aha-Erlebnis hatte, als Kruse diesen Begriff (”Kulturrasum”) fallen ließ - und alle so: aha.
    Und dann die Feststellung, dass es einen Unterschied zwischen Tatsachen und Werten gibt, und dass Diskussionen darüber einer unterschiedlichen Logik folgen, in der sozialen Realität aber oft miteinander vermengt werden … rechtfertigt doch auch kein Aha-Erlebnis.
    Alle diese Dinge, die doch schon längst im Netz zu finden sind, werden in dem Vortrag lediglich in Form einer Datenvisualisierung durch Kruses “nextexpertizer®” bunt und schnell vorgestellt.

    Und wie die Diskussion weitergeführt wird, finde ich auch merkwürdig: Beim Kulturraum kann es zwischen “Residents” und “Visitors” naturgemäß gar nicht um drinnen und draußen gehen. Der Visit ist eben auch Teil der Kultur.

    Ich habe den Eindruck, dass die Dinge in dieser Debatte unnötig kompliziert gemacht werden. Vielleicht würde weniger Bourdieu helfen.

  8. admin
    4. Mai 2010 um 10:11

    Ich bereue auch schon fast, dass ich den Namen Bourdieu genannt habe. Es ging mir dabei nur darum zu sagen, dass man einen Raum nicht zwingend im physischen Sinne betrachten muss. Nach dem Motto: Was kann Kruses Konzept des Kulturraumes bringen, wenn es auch nicht “um sensationell Neues” geht. Wobei Du mit deinem Hinweis, dass die “Visitors” eben auch Teil dieses Kulturraumes sind, natürlich Recht hast. So gesehen geht es wahrscheinlich eher um unterschiedliche Perspektiven als um drinnen und draußen.

  9. BenZol
    4. Mai 2010 um 14:48

    Virtuell als Gegenteil von physisch… *lol* Dann ist eine Schwebfliege das Gegenteil von einer Wespe? Weiter: “Das bedeutet, dass physikalische Modelle hier eben NICHT greifen”. Was denn nun physisch oder physikalisch?!? Kausalität, Entropie, funktionieren doch schon ganz gut. Und “es gibt jedoch gar keine Innenperspektive” klingt mir sehr schwer nach Relativitätstheorie.
    Übrigens: “[..] , dass man einen Raum nicht zwingend im physischen Sinne betrachten muss.”…auch hier wieder: Physisch oder physikalisch? Was ist mit n-dimensionalen Räumen? Mathematisch?

    Ich schließe mich Björn an und pflichte bei, dass die Dinge in dieser Debatte unnötig kompliziert gemacht werden. Warum?

  10. admin
    4. Mai 2010 um 16:36

    Dass Kruse nichts Neues beiträgt und die Debatte komplizierter gemacht wird als notwendig, mag sein. (Wobei dann die Frage naheliegt, wie man das einfacher bekommen könnte.) Fakt ist aber (und das war meine Motivation zu diesem Blogpost), dass Kruse mit seiner Präsentation auf der re:publica bemerkenswert viel Aufmerksamkeit, bis in die so genannten Qualitätsmedien hinein, bekommen hat. Insofern finde ich die Frage berechtigt, was der Kulturraum Kruses eigentlich aussagt und bringt. Wenn wir hier dann beschließen: “Nicht viel, außer Verwirrung”, dann kann ich mit dem Ergebnis gut leben. ;-)

  11. Lesetipps für den 5. Mai | Netzpiloten.de - das Beste aus Blogs, Videos, Musik und Web 2.0
    5. Mai 2010 um 09:20

    [...] Thorstena » Internet: Massenmedium, Kulturraum oder Werkzeugkiste?: Das Internet ist nach herkömmlicher Lesart ein gigantisches Computernetz-Netzwerk und als solches zum Massenmedium geworden. Nun hat Peter Kruse einen anderen Vorschlag gemacht, was das Netz sein und vor allem bedeuten könnte. [...]

  12. Wittkewitz
    5. Mai 2010 um 15:14

    Ist es möglich eine Aussage über Fledermäuse aus der Innenperspektive zu machen. Ich denke, das ist kein Problem, wenn Du mit einer Fledermaus sprechen könntest, könnte sie Dir sagen, wie es ist eine Fledermaus zu sein. Könntest Du als auch als Deutscher Staatsbürger sagen, wie es ist ein Deutscher zu sein? Oder gelingt das nur als Beschreibung von außen als Nicht-Deutscher? Konnten die MEnschen in der Antike besser über ihre Zeit reden als die Historiker jetzt in der Aussenperspektive der Rückschau? Das hat nichts mit Relitivitätstheorie zu tun.

  13. Wittkewitz
    5. Mai 2010 um 15:18

    physisch ist ein Synonym von stofflich bzw. körperlich und die Wissenschaft des Körperlichen ist eben die Physik sodass die Welt des Physischen physikalischen Gesetzen gehorcht. Es ist als eher so, dass derjenige, der das Physische und dessen Gesetze (Das Physikalische) nicht klar differenzieren eher weniger starke Argumente vorbgringen kann als derjenige, der die Nutzung von Begriffen kennt *lol*

  14. BenZol
    12. Mai 2010 um 12:52

    Danke, Herr Wittkewitz, dass Sie mir klar gemacht haben, dass Sie die stärkeren Argumente vorbringen können. Das hätte ich vorher nie für möglich gehalten. ;-) Gut, dass ich jetzt meine Stellung (weit hinter Ihnen) auf der intellektuellen Richterskala kenne.

    Es geht mir nicht um physisch und physikalisch. Es geht um virtuell und physisch/physikalisch. Zum Beipiel: “Virtualität ist die Eigenschaft einer Sache, nicht in der Form zu existieren, in der sie zu existieren scheint, aber in ihrem Wesen oder ihrer Wirkung einer in dieser Form existierenden Sache zu gleichen.” (Wikipedia)

    Ich meine, dass es für Virtuelles einfacher ist, die Illusion von etwas Physikalischem zu erzeugen, als von etwas Physischem. Man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass das Physikalische eine virtuelle Abstraktion des Physischen darstellt.

    And now crucify me!

  15. Elainette
    9. Juni 2010 um 22:30

    BenZol, was ist denn an der “Virtuell als Gegenteil von physisch”-Definition auszusetzten (wenn man evtl. noch ergänzt, dass funktionale Aspekte dem Vrituellen erhalten bleiben)?

    Wittkewitz, ist die Genealogie dieser Definition bekannt?

  16. BenZol
    10. Juni 2010 um 13:32

    “Elainette” - das ist ein wunderschöner Name. Gegenteile sind sprachlich immer schnell bei der Hand und man hinterfragt selten, ob es sich dabei um dabei wirklich um ein Gegenteil handelt oder nur um etwas anderes, das sich fundamental von dem Ding unterscheidet. Worauf ich hinaus wollte ist: Es gibt hier einen großen Widerstand, Metaphern, Denkmodelle oder Gesetzmäßigkeiten aus der physischen Welt auf das Virtuelle zu übertragen, Stichwort Biometaphern. Ich sehe das nicht so. Ist z.B. Strahlung materiell oder immateriell? Und sind das Gegensätze? Ist physikalisch das Gegenteil von biologisch? Ist Verhalten physisch, wenn es z.B. unabänderlich in einer DNA kosiert wurde? Information (virtuell) ist Teil unseres Universums und muss sich an bestimmte Gesetze halten. Ich weiß nicht, warum ich das in der Diskussion um die Natur des Internets ausklammern sollten.

    Übrigens: physisch ist ursprünglich von Physis abgeleitet, “[ein] Begriff, der in der Regel mit „Natur“ (lat natura), „natürliche Beschaffenheit”, Natur-, Körperbeschaffenheit übersetzt wird.”"(Wikipedia)

    Ist danach beispielsweise das künstlich erzeugte Ununoctium (Element) physisch oder nur die physische Abbildung einer virtuellen Gesetzmäßigkeit bzw. Idee?

  17. BenZol
    10. Juni 2010 um 13:33

    äh, kodiert, natürlich.

  18. Thorstena » thorstena zwanzigzehn
    28. Dezember 2010 um 01:02

    [...] mitunter auch heiße Luft in die Öffentlichkeit hinauspustet. Sein Konzept, dass das Netz ein Kulturraum sei, eine Art achter Kontinent, auf dem “Digital Residents” und “Digital Visitors” und [...]

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