Freie Kultur: Netzbasierte Ökosysteme im Dienste globaler Wissenskonzerne?

“Fostering an ecosystem and then making money in various other ways”: Das ist laut Wikipedia-Mitbegründer Jimmy Wales die wirtschaftliche Essenz einer offenen Internetkultur, die frei von restriktiven Urheberrechtsbestimmungen Kreativität fördert. Dementsprechend kommen die Kritiker dieses Modells, das dem “Free-Culture-Konzept” des US-Juristen Lawrence Lessig viele Anregungen verdankt, aus den Reihen der Copyright-Lobbyisten, namentlich den Verlagen und der Musikindustrie.

Interessant ist, dass inzwischen nicht mehr nur analoge Betonköpfe, sondern auch netzaffine Figuren Zweifel an dem Free-Culture-Konzept äußern - und das mit Begründungen, die Lessig ursprünglich den Copyright-Verteidigern entgegenhielt: Die meisten Nationen seien durch multinationale Konzerne vereinnahmt worden, deren Interesse eher in der Anhäufung von Kapital als im freien Austausch von Ideen liege. Mit dem Ergebnis, dass Machtkonzentrationen bei der Nutzungskontrolle über Produkte der Kreativindustrie niemals zuvor so unangezweifelt akzeptiert worden seien wie heutzutage.

Wenn zum Beispiel Matteo Pasquinelli nun sagt, Free Culture sei eine Methode, “um lebendiges Wissen in einem rückversichernden juristischen System für globale Monopole zu vereinnahmen”, dann hört sich das verdammt ähnlich an, nur dass er nicht pro, sondern contra Free Culture argumentiert. Pasquinelli spricht in diesem Zusammenhang von Digitalem Feudalismus und sagt, dass Netzkooperationen nicht “unabhängig von der materiellen Wirtschaft und Marktgesetzen” funktionierten und der “Unterschied zwischen gewinnorientiert und nicht-gewinnorientiert (…), wenn er auf das Internet angewendet wird, irreführend” sei.

“Der Punkt ist, dass diese Kultur sehr leicht intellektuelles Eigentum oder symbolisches Kapital für das Geschäft oder die Hardware von jemand anderem werden kann. (…) Wir haben bereits eine gigantisch große digitale Klasse nicht gewinnorientierter Kulturarbeiter”,

sagt Pasquinelli. Bezogen auf Wikipedia spricht Christian Fuchs dann das konkret aus, was Pasquinelli abstrakt umreisst:

“Würde (…) die Lizenz von Wikipedia plötzlich in normales Urheberrecht umgewandelt, so würde die gesamte Arbeit von Millionen von Menschen plötzlich in unbezahlte, Mehrwert generierende Arbeit transformiert, wodurch hohe ökonomische Profite erzielt werden könnten.”

Somit wird klar, wie netzaffine Figuren so etwas wie Digitalen Feudalismus als existierend ansehen, warum sie an Free Culture ihre Zweifel haben können: Es geht um die (wirtschaftliche und politische) Macht globaler Konzerne, die sich die Errungenschaften einer freien Internetkultur langsam, aber sicher einverleiben. So wie es Facebook zum Beispiel seit einiger Zeit mit den privaten Daten seiner Nutzer vorexerziert.

Warum der globalisierten Wirtschaft derzeit mehr noch als der Politik zugetraut wird, Internetraubbau zu betreiben und die zarten Früchte dieser vergleichsweise jungen Kultur zu schlucken, verdeutlicht Fuchs, Privatdozent an der Uni Salzburg, in einer Schrift, die den theoretischen Rahmen seiner Habilitation “Internet and Society: Social Theory in the Information Age” umreisst. Darin geht er davon aus, dass “es notwendig ist, eine große Theorie der Gesellschaft und der kapitalistischen Gesellschaft auszuarbeiten, um darauf aufbauend verstehen zu können, wie heute Technik und Medien die Gesellschaft (und umgekehrt) prägen”.

Und der Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation ist “die unheimliche ökonomische Macht der Wissenskonzerne”, deren ersten 6 (AT&T, Vodafone, Verizon, Deutsche Telekom, Nippon, Telefónica) im Jahr 2007 über mehr Kapital verfügten als gesamte Bruttoinlandsprodukt Afrikas zusammengenommen:

“Als zentrale Kategorie [einer dialektischen Analyse der Gesellschaft, die zugleich reale Gefahren und potenzielle Chancen aufzeigt] erscheint mir daher jene des transnationalen informationellen Kapitalismus angebracht, um die Veränderungen und Kontinuitäten zu erfassen: Akkumulation, Herrschaft, Macht, Ausbeutung, Hegemonie, Gegenmacht, Ökonomie, Politik und Kultur bauen heute auf transnationalen Organisationsmodellen auf, die Inklusion und Exklusion ins vernetzte Sozialsystem ist global und dynamisch. Die zugrundeliegenden Dynamiken werden durch IKT vermittelt und verstärkt (…).”

Und weiter:

“Es war ein Irrtum von Bertolt Brecht, Walter Benjamin und Hans-Magnus Enzensberger, dass die Emergenz des Prosumenten [der Verschmelzung von Produzenten und Konsumenten] zu einer Mediendemokratie jenseits des Kapitalismus führen würde. (…) Dass dies ein Irrtum war, zeigt die kapitalistische Realität des Web 2.0, in der die Tendenz zum Prosumenten nicht automatisch zur Emanzipation vom Kapitalismus führt, sondern eingebettet ist in einen antagonistische Dialektik von Kooperation und Konkurrenz, also zugleich Keimform einer kooperativen Gesellschaft und repressiv ist.”

Vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen gleicht die Gegenüberstellung der Möglichkeiten von Prosumenten auf der einen und der global agierenden Wissenskonzerne auf der anderen Seite also dem Kampf Davids gegen Goliath. Kann nicht schaden, sich dessen bewusst zu sein.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Freie Kultur: Netzbasierte Ökosysteme im Dienste globaler Wissenskonzerne?”

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    6. Mai 2010 um 21:08

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