Das alte Verlagsschiff und ein Seemann in der Spätpubertät

Die Online-Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat das Blog Michael Seemanns (CTRL-Verlust) vom Netz genommen. Anlass war der (lässige) Umgang des Autors mit Bilderrechten. Der Eindruck drängt sich aber auf, dass sich die FAZ bei passender Gelegenheit eines unliebsamen freien Mitarbeiters entledigt hat.

So weit, so alltäglich.

Der Aufschrei in der Blogosphäre ist dennoch groß - selbst bei Facebook hat sich bereits eine Gruppe formiert, die gegen die Aktion der FAZ protestiert. Und Carta erklärt die Sache gar zum Präzedenzfall für den “Clash publizistischer Kulturen“.

Ich glaube, das ist nicht nur stark übertrieben. Ich glaube vor allem, dass man Michael Seemann keinen Gefallen tut, für ihn und seinen Blog Welpenschutz zu fordern oder ihn gar als fleischgewordene “publizistische Kultur” hochzujazzen.

Denn es ist nicht nur die FAZ, die bei dieser Sache schlecht aussieht. Auch Seemann sollte sich in einigen Dingen hinterfragen.

Bei der FAZ rächt sich, dass man für die Blogsparte zwar Geld (für Autoren) in die Hand genommen hat, auf eine übergeordnete Moderation derselben aber verzichtete. Eine solche Instanz wäre prädestiniert dafür gewesen, den Lesern die Gründe dafür zu nennen, warum das Blog vom Netz genommen wurde. (Abgesehen davon ist es ohnehin ein Armutszeugnis der FAZ, Content einfach “abzuschalten”, ohne irgendeine Begründung zu liefern.)

Seemann hingegen sollte sich fragen, warum er offenbar davon ausgegangen ist, dass er anders behandelt wird als jeder andere freie Schreiberling auch: Wenn er gemeint haben sollte, seine Beiträge seien so wichtig, überschätzte er sich. Wenn er gemeint haben sollte, FAZ-Blogs flottierten frei von der FAZ-Marke, war er einfach nur naiv.

Michael Seemann wehrt sich dagegen, in irgendwelche Erwartungsschubladen gesteckt zu werden. Das ist durchaus sympathisch, aber auch realitätsfremd: Wenn man bei der FAZ schreibt, und sei es “nur” für ein Blog, werden nun einmal Erwartungen geweckt - allein weil FAZ drübersteht. Und wer “Fickt Euch” schreibt, läuft Gefahr, beizeiten selbst gefickt zu werden.

Es reicht auf Dauer nicht zu sagen:

“Insgesamt habe ich (unbewusst) immer mein Leben danach ausgerichtet, von anderen nicht beurteilt werden zu können. (…) Insgesamt ist eine Strategie Beurteilungen, bei denen andere den Maßstab vorgeben, aus dem Weg zu gehen.”

In diesem Fall hat das die FAZ für ihn erledigt. Das war zwar dirty, aber so ist das Leben. Nicht mehr und nicht weniger.

Anmerkung: Das Wort Spätpubertät in der Überschrift kommt von Martin Lindner, der der deutschen Blogosphäre insgesamt dieses Attribut verpasst hat. Und nein, dieser Blogpost hat nichts mit Seemann persönlich zu tun und auch nichts mit Schadenfreude: Er wurde hier schon gelobt und kritisiert. Siehe oben: Wer sich öffentlich äußert, wird zwangsläufig bewertet, kategorisiert, beurteilt - ob man will oder nicht.

Nachtrag: Es gibt nun eine Stellungnahme der FAZ.


 
 
 

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