Boulevard III

Oh, in den vergangenen Tagen gab es einige Blogposts, die ganz hübsch in die Kategorie Netzboulevard passen.

Da war zunächst einmal Sascha Lobos Rant, in dem er sich eine ganze Reihe von Netzprotagonisten unter dem thematischen Deckmantel Urheberrecht zur Brust nahm (”niggemeier könnte texte in fantasiesprache in die rinde einer eiche bei leipzig einritzen, seine stumpfen fans würden begeistert hinpilgern und ihm ein flattr-blümchen hinlegen”). Interessant ist insbesondere die Auswahl der Namen, wie zum Beispiel Markus Spath anmerkt:

das deutsche web kann man mehr oder weniger vollständig als gigantische disseminationsmaschine für skandale/aufregungen beschreiben (man braucht sich ja nur die liste an bloggern anzuschauen, die lobo in seinem rant für erwähnenswert erachtet (wobei lobo und sixtus interessanterweise noch am ehesten dieser dynamik widerstehen, deren funktionslogik entspricht eher dem pop, indem sie den skandal selbst zumindest ironisieren (bzw. irokesieren))))

Stefan Niggemeier selbst ritzte zwar nichts in Eichenrinden, machte aber das (vermeintlich) erratische Gebahren eines Verlagserben in exponierter Stellung in den Kommentarspalten seines Blogs öffentlich (übrigens bereits zum zweiten Mal). Das wiederum gefiel nicht allen gut, vor allem nicht Frank Lübberding, der Niggemeier Heuchelei vorwirft.

Und Wolfgang Michal hatte nichts Besseres zu tun, als wiederum Lobo (stellvertretend für die gesamte digitale Bohème) zu kritisieren, er (und die Bohème) habe der Diskussion um Urheberrechte nichts Substanzielles hinzuzufügen. Michal selbst allerdings auch nicht; eigentlich zitiert er nur aus dem Rant, um dann zu bedauern, dass die Blogosphäre “inhaltlich, personell und finanziell” stagniere. (Was dieser Rant aber eigentlich mit der Blogosphäre an sich zu tun haben soll, verrät er uns leider nicht wirklich; Felix Schwenzel meint ganz richtig, denke ich, dass Michal das Thema zu weit aufzieht.)


 
 
 

11 Kommentare zu “Boulevard III”

  1. Horst
    20. Oktober 2010 um 11:05

    Fremdwörter als Beweis von Intellekt?

  2. Thorstena
    20. Oktober 2010 um 11:07

    @Horst Hilf mit auf die Sprünge: Wen oder was meinst Du damit?

  3. Michi
    20. Oktober 2010 um 11:09

    Ihr habt alle zu viel Zeit. Aber schön, wenn man so privilegiert ist, sich ernsthaft mit solchen Nichtigkeiten befassen zu können.

  4. Thorstena
    20. Oktober 2010 um 11:12

    @Michi steht hier nicht umsonst in der Kategorie Boulevard. Ist aber schön, dass Du Dir Zeit für den Kommentar genommen hast ;-)

  5. Horst
    20. Oktober 2010 um 11:13

    Protagonist, erratische, exponiert, stagnieren … Ich denke, man braucht nicht in allen Fällen ein Fremdwort, um das Gesagte zu sagen. Wirkt dann für mich einfach gestelzt und aufgeblasen.

  6. Thorstena
    20. Oktober 2010 um 11:19

    @Horst Aufgeblasen ist schon das richtige Stichwort - da kann ich Dir schlecht widersprechen.

  7. kusanowsky
    20. Oktober 2010 um 11:37

    Das ist deshalb ein bemerkenswerter Artikel geworden, weil man anschließend die Vermutung haben kann, dass sie Skandale anfangen, Langeweile zu verbreiten. Nicht, dass ich mir zutrauen würde, mich darin nicht zu irren; allein, ich vermute, dass, wenn alle Argumente für und wider alles mögliche vorgetragen wurden, dann nur übrig bleibt, entweder alle bekannten Argumente, was z.B. das Urheberrecht angeht, noch einmal zu wiederholen; oder, wenn das auch schon zum x-ten Mal ergebnislos durchgekaut wurde, man sucht Möglichkeiten der Skandalinszenierung um die scheintoten Blogger aus dem Tiefschlaf zu wecken. Und was wäre, wenn man beim nächsten Skandal, der ja jetzt schon irgendwo seine ersten Zellteilungen betreibt, nicht mehr zwischen Wachtraum und Schlafvision unterscheiden kann?

  8. Thorstena
    20. Oktober 2010 um 12:06

    @kusanowsky Da ist was dran - wobei ja Markus Spath in seinem oben zitierten Blogpost die “Möglichkeiten der Skandalinszenierung” vor allem in einer “radikalen Personalisierung” sieht. Das würde bedeuten, dass in Zukunft beides häufiger vorkommen wird: die Herausstellung einzelner - und die Langeweile.

  9. kusanowsky
    20. Oktober 2010 um 12:35

    “dass in Zukunft beides häufiger vorkommen wird: die Herausstellung einzelner” das ist streng genommen ein alter Hut. Ich glaube von Billy Wilder stammt die Einsicht, dass eine Zeit kommen wird, da man nur für einen Tag berühmt wird. Ich glaub, das ist aus den 50er Jahren. Ich vermute vielmehr, dass die Skandale in einer schnelleren Frequenz und mit immer größerer Übertreibung abgefeiert werden. Und ich vermute, dass gerade diese oder ähliche Skandale selbst der Ausdruck der Langweile, aber auch der Urteilslosigkeit sind. Man weiß eigentlich gar nicht genau, was man mit dem Internet anfangen soll, deshalb macht man erst mal mit dem weiter, was man schon kennt. Richtig interessant wirds erst dann, wenn es soweit kommt, dass der erste, der “Skandal” schreit, schallend ausgelacht wird.

  10. Thorstena » thorstena zwanzigzehn
    28. Dezember 2010 um 01:02

    [...] so ausgeufert, dass man sich im Oktober bereits fragen muss, ob das Netz nicht zu einer Skandalausspuckmaschine geworden ist, die nach immer heftigeren Skandalen verlangt. Und um letztendlich Langeweile zu [...]

  11. Thorstena » Blogkrise? Welche Blogkrise?
    24. Januar 2011 um 13:33

    [...] Internet hat den Hang zur Schlagzeile und spuckt eine Aufregung nach der anderen aus. Im digitalen Strom der frei flottierenden Infohäppchen ist es ansonsten schwer, das zu [...]

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