Ein Dogma aus der präfacebookschen Phase

Es brauchte einige Tage, bis die Kritik am Medienjournalisten Stefan Niggemeier zum Shitstorm wurde, weil er behauptet hatte, der Verleger Konstantin Neven DuMont (KND) habe auf seinem Blog nach allen Regeln der Kunst getrollt und so die Kommentarfunktion systematisch gestört. Nach meiner Wahrnehmung dauerte es ebenso lange, bis sich der Hauptvorwurf an Niggemeier herausschälte, er habe die persönlichen Daten, die KND auf seinem Blog hinterließ, gegen dessen Willen veröffentlicht und damit missbraucht. (Dann aber gab es bekanntlich kein Halten mehr.)

Gerade in diesen Tagen vor dem Shitstorm kam bei einigen niggemeierkritischen Kommentatoren eine eigenartige Bastahaltung zum Vorschein, die Wolfgang Michal nicht zu Unrecht als dogmatisch bezeichnete: “Diese Leute postulieren ein neues (aus dem Hut gezaubertes) Dogma. Es lautet: Anonymität muss immer gewährleistet werden.

Allein: Die Überzeugung, im Netz gebe es ein absolutes und unumstößliches Gesetz auf Anonymität, ist weder neu noch aus dem Hut gezaubert. Im Gegenteil: Sie ist schon wieder so alt, dass sich niemand daran zu erinnern scheint. Diese Überzeugung kommt aus der präfacebookschen Entwicklungsphase des Internets, in denen noch ganz andere utopistische Erwartungen in das Internet gesetzt wurden, als das heutzutage der Fall ist.

Um einen Netzdino in diesem Zusammenhang zu zitieren:

Einer der zentralen Gedanken Anfang der 1990er Jahre war die Veränderbarkeit der Identität. Die Internetkultur ist jedoch in eine völlig andere Richtung gegangen. Es geht heute im Netz um eine völlig einfache und konservative Form der Selbstdarstellung. Es ist so, als ob man sich ständig irgendwo bewerben würde. Das war so nicht gedacht. Man wollte damit viel spielerischer und kreativer umgehen. (…)

Die sozialen Netze, die in den letzten Jahren aufgebaut worden sind, sehen in der Virtualität eine reine Kopie der realen Welt. Die Benutzer finden das prima. Das Netz ist eine Tragödie der Selbstrepräsentation,

meint Geert Lovink und kritisiert die “Vermassung des Internets”, die zu einer “Situation grundlegender Desorientierung” geführt habe.

Aus dieser Perspektive ist es dann einmal mehr der tumbe Mainstream, der die Möglichkeiten netzbasierter Errungenschaften zunichte macht - und den es zu belehren gilt. Mit dem Ergebnis, dass sich notorische “Regelaufsteller-Arschlöcher” zu Wort melden, die nicht argumentieren, sondern Vorschriften machen.

Es mag erkenntnistheoretisch nicht uninteressant und durchaus fruchtbar sein, im Netz so etwas wie gelebte Postmoderne zu sehen - mit der viel beschworenen Krise des Subjekts und der Vorstellung, der Mensch sei mitnichten das kleinste Modul des Diskurses. Aus einer elitären Grundhaltung heraus aber alle als ahnungslos abzustempeln, die im Internet “eine reine Kopie des realen Lebens sehen”, ist im besten Falle kleingeistig. Im schlimmsten ist es tatsächlich eine “arschlochmäßige” Grundhaltung.


 
 
 

2 Kommentare zu “Ein Dogma aus der präfacebookschen Phase”

  1. BenZol
    1. November 2010 um 11:19

    Oh ja, hab’ Ausläufer des Shithurricanes auf Spreeblick mitverfolgt. Die Fronten waren etwas, nun ja, … verhärtet.
    Aber mal ernsthaft: Sind der Argumente nicht langsam genug getauscht? Ich meine, dass jeder der sich etwas intensiver mit der Thematik auseinandersetzt, die wesentlichen Argumente der Streitparteien kennt. So ist das eben im Pluralismus. Was zwangsläufig folgt, sind die Grabenkämpfe derjenigen, die noch nie den Wikipedia-Artikel zum Pluralismus gelesen haben oder ein solches Konzept generell suspekt finden, sobald es um etwas ihrer Meinung nach nur ansatzweise Wichtiges geht.

    Wer ist eigentlich Bonnie Pointer?!??
    http://www.youtube.com/watch?v=us6boEU0o5U

  2. BenZol
    1. November 2010 um 11:23

    Zu schön, um wahr zu sein ^^:
    http://www.youtube.com/watch?v=DIyr5TXqe8Y&feature=fvst
    (und auch für Blog-Kommentarbereiche geeignet)

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