Blogkrise? Welche Blogkrise?

Das Internet hat den Hang zur Schlagzeile und spuckt eine Aufregung nach der anderen aus. Im digitalen Strom der frei flottierenden Infohäppchen ist es ansonsten schwer, das zu erreichen, was alle wollen: Aufmerksamkeit erheischen. Wenn es beispielsweise irgendwo Probleme gibt, wird je nachdem eigentlich nur noch zwischen Krise und Tod unterschieden: Der Tod der RSS-Technologie, des Papiers und des Telefonats. Die Krise der Verlage, des Journalismus - und seit Neustem mal wieder der Blogs.

Die Krise der Blogs verschärft sich demnach: Carta stellt sich neu auf, Basic Thinking schrumpft zur One-Man-Show, der Perlentaucher bittet um Unterstützung, Rivva krepelt vor sich hin etc. etc. Es wird schon deutlich, dass sich die meisten hoch geschätzten und ebenso bewerteten Unternehmungen in der Blogosphäre schwer tun, auf eine Nutzerzahl zu kommen, die werbewirtschaftlich interessant ist. Ebenso schwierig scheint es zu sein, fremdes Geld aufzutreiben oder Ressourcen über Kooperationen ins Boot zu holen, sofern man seine eigene “Marke” behalten will.

Das ist also gemeint, wenn von der Krise der Blogs die Rede ist: die Anpassung der wirtschaftlichen Blütenträume an die ökonomische Realität. Insofern ist es wirklich treffender, von Problemen der Blogs zu sprechen, die mit ihrer Bloggerei kommerzielle Interessen verfolgen. (Und seitdem Blogs “nicht mehr die dominierenden Verbreitungsstellen im digitalen Umfeld” (Robert Basic) sind, sondern Facebook und Twitter, glaubt auch niemand mehr so recht daran, dass sich der große Erfolg für einzelne Weblogs noch einstellen wird.)

Auf der anderen Seite integrieren die so genannten Holzmedien die Weblogs gerade in ihre inhaltlichen Konzepte und holen sich Blogger ins Haus: Die FAZ mit Zugpferd Don Alphonso macht das schon länger, und der Spiegel hat gerade damit angefangen. Die Zeit und der Freitag werden regelmäßig für ihre gute Communitypflege gelobt etc. etc. Unter dem Strich haben inzwischen zumindest alle überregionalen Blätter so etwas wie eine Bloggersparte auf ihren Internetseiten eingerichtet, deren populärste Vertreter dann sogar ab und an auf bedrucktem Papier erscheinen.

Insofern könnte man sogar statt von einer Krise von der Institutionalisierung der Weblogs sprechen: Die Verlage verwursten sie gerade zu digitalen Kolumnen im Rahmen ihrer Contentangebote und rücken sie so ein Stück näher an den journalistischen Mainstream heran. (Dass dies nicht der plötzlich entdeckten Liebe zu einer neuen Stilgattung zu verdanken ist, zeigt das Beispiel The Atlantic: Das US-amerikanische Magazin verdient seit Ewigkeiten wieder Geld. 40 Prozent der Werbeeinnahmen kamen vor allem dank steigender Klickzahlen im Netz zustande; und für die Klicks sorgt vornehmlich Alphablogger Andrew Sullivan, der rund 1,2 von den insgesamt 4,8 Millionen monatlichen Besuchern (unique visitors) ranholt.)

Zwei wichtige Punkte fallen bei dem ganzen Krisengeraune ohnehin unter den Tisch: Die Bloggerei eignet sich offensichtlich ohnehin besser als Marketingtool und funktioniert eher als indirekte Einnahmequelle (Thomas Strobl dürfte weniger Bücher verkaufen, wenn er sein gut gehendes Wirtschaftsblog weissgarnix nicht hätte.)

Und die große Masse der Blogger hatte ohnehin nie vor, allein mit der Internetschwurbelei Geld zu verdienen - Krise hin oder her. Zuletzt hat das zum Beispiel Antje Schrupp sehr hübsch beschrieben. (”Mein Bloggen richtet sich nicht in erster Linie an ein Publikum (wobei ich mich über Publikum natürlich gleichwohl freue), sondern ist klammheimlich zu meinem persönlichen Gedanken-Festhalt-Medium geworden.”)


 
 
 

12 Kommentare zu “Blogkrise? Welche Blogkrise?”

  1. Roman Geyer
    25. Januar 2011 um 09:11

    Es scheint sich eine Entwicklung á la „jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen“ abzuzeichnen. Bloggen etabliert sich einerseits in der kommerzfreien Zone, als journalistische Kunstform (ich sag’ einfach mal journalistisch). Damit ist kein Geld zu verdienen, weil wenige so interessant sind, dass irgendwer Kohle für deren Ergüsse locker machen würde. Geistiger Exhibitionismus ist nur zu Geld zu machen, wenn die Urheber in einem gesellschaftlichen Fokus stehen.

    Auf der anderen Seite der Schwarzweißmalerei stehen die, die zur richtigen Zeit genau das richtige gemacht haben. Ich möchte bezweifeln, dass der Zuckerdingsda von Anfang an strategisch gehandelt hat.

    Die Schrupp ist wenigstens ehrlich. Einen Blog zu füllen, heißt nicht laufend irgendwelche Zettel zu suchen. Obwohl, insgeheim würde sie bestimmt auch ganz gerne Geld damit verdienen.

    Das Gegenteil von Strobl scheint mir mein Lieblings-Ätzbrocken mit dem Irokesen zu sein. Strobl verkauft mehr gedrucktes wg. Bloggen und der andere geht mit seinem Versuch Blogger-Sabbelei zu drucken ein.

    Wenn Zeitschriftenmacher glauben, über Andockversuche an den Mainstream ihre Verkaufszahlen zu stabilisieren, dann zeigt das nur, wie hilflos klassischer Journalismus doch ist. Die Identitäts- und damit Auflagenkrise der Verlage hat erst dann ein Ende, wenn das Nebeneinander eingenordet ist. Das Marketingmodell von „The Atlantic“ sollte man im Auge behalten, um besseres draus zu machen.

    Ich wundere mich schon lange darüber, wie leidensfähig eine der wichtigsten Branchen unseres Lebens ist. Und wie hilflos!

  2. BenZol
    25. Januar 2011 um 12:01

    WIR WERDEN ALLE STERBEN!!! *hust* *krawatteglattstreichen*

    Krise hin Krise her. Bloggen macht Spaß. Die Leute lesen gerne coole Blogs und finden Blogger gut. Nach der ersten Begeisterungsphase und dem erstmaligen Auftauchen von inhaltlicher und förmlicher Qualität, kommt die Bestandsaufnahme. Ergebnnis: Es ist eigentlich alles total geil…allerdings…auf Dauer können/wollen wir (Blogger) diese Leistung leider nicht aufrechterhalten. Grund: Money, money, money. Erinnert stark an eine andere mediale Erfolgsstory: Popmusik.

    Bleibt die Frage: Wann kommen die ersten Majorlabels für Blogs - oder - ist der Menschheit bis jetzt ein nachhaltigeres (funktionierendes) Vertriebsmodell eingefallen? Nein? Niemand? Schade!

  3. BenZol
    25. Januar 2011 um 12:03

    Ah, und bis dahin sollte mal wirklich jemand schleunigst ein Medienlabel für Blogs aufmachen. Ich mach’ auch gerne mit.

  4. Thorstena
    25. Januar 2011 um 13:44

    @benzol So wie es aussieht, kommen als Majorlabels für Blogs (wie oben angesprochen) nur die Verlage in Frage - denn die Mehrautorenblogs funktionieren dahingehend (in D.) ja nicht (siehe Carta). Ebenso wenig Vermarktungsunternehmen allein für Blogs (siehe Adnation).

    @roman Dass es funktionieren kann, zeigen einige Beispiele aus den USA (siehe Huffington Post). In Deutschland ist es im Vergleich zu den Staaten aber so, dass weder Investoren bereit sind, groß in den “Blogmarkt” zu investieren, noch kommen die Blogs auf eine kritische Masse an Lesern. Der hoch gelobte Perlentaucher hat zum Beispiel 180.000 Besucher monatlich auf seiner Seite; ein Kumpel von mir, der in der Online-Werbung arbeitet, sagt, dass es erst ab 500.000 so richtig interessant wird.
    Insofern teile ich Deine Kritik an der Bloggerei an sich (”geistiger Exhibitionismus”) nicht und mache die Gründe für den wirtschaftlichen Status Quo nicht allein an der Qualität der Blogger fest.

  5. Roman Geyer
    25. Januar 2011 um 15:12

    Diese Diuskussion gefällt mir.

    @BenZol: Blogger, bloggen, in Blogs schreiben etc. findet in einer der berühmten Nieschen (!) statt. Ich würde deinen richtigen Vergleich enger fassen: Pop Music vs. Pop Art. Unter der Dusche fiel mir heute Früh Andy Warhol ein. Und das ist die Richtung, die ich meinte. Mach ma’ schnell was vermarktungsfähiges. Setze einen Trend und sauge daraus, so lang es eben geht. Um die Labels der Factory scheren sich heute nur noch Menschen von gestern, weil Schnee von gestern. Oder Menschen mit Kohle und die stehen auf allem, was etwas her macht. Die würden sogar die ausgestopfte Oma in eine Wohnzimmerecke stellen, wenns gerade Hipp wäre. Über AW’s geniales Geschäftsmodell könnte ich stundenlang fabulieren.
    @Thorstena: Es sollte so sein, dass Kritik an der Bloggerei nicht als Kritik an der Bloggerei verstanden wird. Geht das? Ja, zwischen den Zeilen steht nämlich geschrieben, dass Bloggerei eine Kunstform ist. Endlich gibt es eine Plattform in der Menschheitsgeschichte, auf der das Beuyssche Kredo „in jedem Menschen steckt ein Künstler“ umgesetzt werden kann. Damit eröffnen sich ungeahnte Weiten. Was Reichweiten und die damit verbundene Möglichkeit, Werbegelder zu liquidieren angeht, zeigt dein Beispiel, wie unterschiedlich Web und Print gesehen werden. Auch darüber könnte ich jetzt einen längeren Exkurs veranstalten.

  6. BenZol
    25. Januar 2011 um 20:41

    @Roman: Was ist dann aber mit Bloggern, denen es vor allem um eine wie auch immer geartete Form von Wahrheit geht. Oh je, Wahrheit und Kunst, darüber könnte man eine Menge schreiben. Kunst ist ja auch unter anderem politisch und und und….
    Den Pop-ART-Ansatz finde ich aber sehr interessant. ;-)
    @thorstena: Geht es nicht letztlich darum, einen Kapital-Aggregator zu bauen, der ökonomische Sub-Level-Systeme (unabhängige Mehrautoren-/Einzelblogs) in einem Netzwerk zusammenzuschließen versteht, um den Teilnehmern durch (ökonomisch-) synergistische Effekte ihrer Produktion (hier als: Bloggen mit Mehrwert), dadurch finanzielle Sicherheit und Freiheit zu garantieren oder sie zumindest wahrscheinlicher zu machen? Das ist doch m.E. die Grundfunktion. Wie man die umsetzt (Du gabst uns ja bereits einige Beispiele), halte ich hier einmal bewusst offen. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass die genannten Möglichkeiten nicht der Weisheit letzter Schluss sein können.

    Also: Anstrengen Bloggerinos! :-)

  7. Roman Geyer
    26. Januar 2011 um 09:00

    Blogger aller Länder vereinigt euch! Da war doch was. So weit ich mich erinnern kann, lief ein ähnlich lautendes Modell ziemlich aus dem Ruder.

    Faszinierend an Andy Warhol finde ich, dass er sozusagen als Dachmarke fungierte. Und die „Factory“ war die Holding unter der Kunst, Musik und Trallala zelebriert wurde.

    Die Bloggerszene in Regale zu stopfen, läuft der anarchischen Grundstruktur des Webs total entgegen. Bloggerismus lebt von Vielfalt. Von Menstruationsproblemen diverser spät pubertierender Möchtegern-Emanzen kann man lesen, es ist alles über verquere Lebensansichten völlig uninteressanter Mitmenschen rund um den Globus zu erfahren und man kann durchaus Ernst zu nehmende Beiträge finden. Es ist alles vorhanden, was ich auch draußen vor meiner Haustüre vorfinde.

    Früher existierte halt keine adäquate Plattform für die Schilderung aller Facetten irdischen Daseins (deshalb Exhibitionismus). Ich glaube, dass nach anfänglicher „blinder Begeisterung“ nun eine Art Identitätskrise der Blogger stattfindet. Da platzt ein Ballon, übrig bleiben Fetzen, die nun sortiert werden müssen.

    Die meisten Menschen sind es nicht gewohnt, ohne klare Strukturen zu leben, zu denken. Das ist der Kern des Problems. Die Blogger hocken vor ihren Rechnern und warten darauf, dass ihnen endlich wer eine Regalnase verpasst. Ein Beispiel: „Ab hier: Wahrheiten aller Art.“

    Noch was: Es lässt sich trefflich rumnölen im eigenen Blog. „Warum mach’ ich das bloß?“ Die Antwort-Kommentare gehen fast immer in eine Richtung, da bricht der Trauerredner im Menschen durch: „Mach’ dir nix draus, geht mir auch so, es gibt schlimmeres!“

  8. Thorstena
    26. Januar 2011 um 09:04

    @roman Bloggen und das Beuyssche Credo - diesen Vergleich habe ich noch gar nicht gehört. Gefällt mir!

    @benzol Hört sich gut an, klingt aber ein bisschen nach Flattr. Sprich: Ich bezweifele, ob so etwas funktionieren kann.

  9. BenZol
    26. Januar 2011 um 10:09

    @thorstena: Ich finde das zu pessimistisch gedacht. Ach, und Flattr hatte ich gar nicht im Sinn. Ich spinne nur rum, um eine Lösung zu finden (Gehirnsturm). Wie wäre es damit: Die zehn größten Blogs schließen sich unter einer Flattr-Fahne zusammen. Zugang zu diesem Netzwerk erhält man durch einen Flattr-Account. Auch blöd, was? Da ich hier wohl der einzige Spinner bin, hör’ ich jetzt aber auf. ;-)

  10. Thomas Strobl
    26. Januar 2011 um 15:22

    >Thomas Strobl dürfte weniger Bücher verkaufen, wenn er sein gut gehendes Wirtschaftsblog weissgarnix nicht hätte.

    Hier scheint eine kleine Korrektur angebracht: Thomas Strobl würde kein einziges Buch verkaufen, wenn er nicht seinen weissgarnix-Blog hätte.

  11. Thorstena
    26. Januar 2011 um 15:41

    Das ist ein Wort!

  12. Roman Geyer
    26. Januar 2011 um 15:46

    Flattr. Na klar, Flattr! Übrigens: Flattr heißt komplett ausgeschrieben „Flattrig“. Auf den Websites kommt es zu einer Inflation von Bannerchen und Fähnchen. Im Vergleich mit der Website von Morgen, geht es vor dem UN-Gebäude in NY bei voller Beflaggung eher beschaulich zu. Alle Internet-Browser-Menüleisten brauchen eine neue Funktion: ”Flatter-Fähnchen und ähnlichen Mist ausblenden“. Diese Funktion werde ich standardmäßig aktivieren.

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