betriebsblind und/oder kommerzgetrieben

Keine Ahnung, ob das Zufall ist oder mehr als das, aber in den vergangenen Wochen bin ich des öfteren auf die Behauptung gestoßen, im Umfeld des Web 2.0 gebe es keine Ideale. Überhaupt sei die Generation, die das Internet als selbstverständlichen Bestandteil ihrer Lebenswirklichkeit sieht, tendenziell wenig idealistisch.

Da nach meiner Wahrnehmung besonders gerne die Hardcore-Digitalisten auf dieser Behauptung bestehen, kann ich daraus nur zweierlei schließen: Entweder sind da einige Jungs betriebsblind oder sie haben - bewusst oder unbewusst - die Marketingstrategien der ITK-Wirtschaft bereits soweit verinnerlicht, dass sie im Stadium kommerzgetriebener Sprechautomatismen angekommen sind. (Oder beides.)

Nehmen wir das Beispiel der Hackerethik. Felix Neumann hat einmal den Begriff Hacken anhand des (seinerzeit vorläufigen) Kodexes der Piratenpartei erklärt und zitiert:

Mit “System hacken” meint man nicht, dass es zerstört wird, sondern einfach nur komplett verstanden. Erst wenn man ein System komplett versteht, sieht man die Schwachstellen/Fehler.

Es ist schon erstaunlich, dass einige Webaktivisten sich offenbar noch nicht einmal an die elementaren Punkte der Hackerethik erinnern mögen. Denn von den Grundsätzen dieser Ethik (etwa Freiheit der Informationen oder Ideal der Wissensteilung) dürften zweifelsohne auch die Webzwonuller etwas mitgenommen haben. (Wobei natürlich klar ist: Wer selbst am liebsten viele bestehende Werte über Bord werfen will, der dürfte nicht gerne an die eigenen erinnert werden. Das macht angreifbar, und mit Kritik haben es einige Vertreter unserer selbsternannten Digitalelite ja nicht so.)

Ein positives Beispiel in dieser Hinsicht ist für mich Constanze Kurz, Wissenschaftlerin an der HU Berlin und Sprecherin des Chaos Computer Clubs - eben eine Person aus Fleisch und Blut, die über Technik sprechen will, dies aber tiefenentspannt und geerdet auf der Basis eines bestehenden und individuell durchwirkten Wertesystems tut. Wie man im Folgenden Video gut beobachten kann, hilft das offensichtlich, den Humor zu bewahren und weder sich noch die Technik zu überschätzen. Sehr sympathisch.

(Via Netzpolitik und auch Spreeblick; das Interview ist übrigens eines aus dem Berliner “Video-Interview-Magazin” Folge, das einen näheren Blick lohnt.)


 
 
 

10 Kommentare zu “betriebsblind und/oder kommerzgetrieben”

  1. BenZol
    18. Februar 2011 um 13:44

    Ui, biste heute stachelig, wa?
    Kann mir jetzt vielleicht mal jemand bitte schlüssig erklären, warum es anscheinend falsch ist zu sagen, dass der Grund dafür eben im neoliberalen Ideal liegt, möglichst alles (also selbst Ideale) durch das Ideal monetärer Bewertbarkeit zu betrachten? Und warum konnte sich gleichzeitig so ein System so umfassend etablieren, das nur einen einzigen Determinismus/ein Dogma kennt, nämlich mehr=besser?
    Der neoliberale Kapitalismus mit seinem vereinfachendem/ vereinfachtem Ideal ist sozusagen digital. Er passt gut zum Web 2.0. Er ist in kürzerer Zeit kommunizierbar, verbreitet sich so besser. Ich kann Verwandtschaften zu Apple und deren Marketingstrategien sehen oder bspw. Google. Einfach siegt. Komplex verliert oder wird zum Emergenz- und damit zum Massenphänomen statt zu individueller Erkenntnis.

  2. Thorstena
    18. Februar 2011 um 14:11

    Nö, stachelig bin ich nicht. Ich stelle nur fest, dass sich einige Leute, die im Web-2.0-Umfeld eine gewisse Bekanntheit erlangt haben, sich in die Tasche lügen oder (was ich schlimmer finden würde) zu lupenreinen Lobbyisten in eigener Sache degenerieren. Ich kann zwar auch nicht beantworten, warum der “neoliberale Kapitalismus” offensichtlich eine solche Anziehungskraft hat. Aber ich unterschreibe, was W. Michal in seinem Zwischenresumee bei Carta über Seemann schrieb: “Dass Michael vor allem die Abschaffung von Institutionen (mittels Vernetzung) im Blick hat, zeigt m.E. seine anarchistische Staatsfixiertheit, die wirtschaftliche Fragen leider weitgehend ausblendet, weil sie offenbar annimmt, diese unter dem Begriff Freiheit subsumieren zu können. Freiheit = Wirtschaft, Staat = Zwang. Diese Auffassung kann man getrost als liberale Romantik bezeichnen (von der der Anarchismus ja nie weit entfernt war). Dieses Denken passt im übrigen sehr gut zu den Globalisierern in den Chefetagen. (…) Zum einen liest sich der Beitrag [Seemanns]wie ein sympathisches Verbrüderungsmanifest mit allen gleichgesinnten jungen Hochschulabsolventen dieser Erde. Zum anderen wie ein selbstbewusstes Bewerbungsschreiben als Pressesprecher der runderneuerten FDP.

    Beides halte ich für möglich.”

  3. Thorstena
    18. Februar 2011 um 14:12

    Ach so, hier noch der Permalink auf den zitierten Kommentar: http://carta.info/38119/jung-gebildet-fern-der-heimat-eine-replik-auf-michael-seemanns-verschwoerungs-text/#comment-23937

  4. BenZol
    18. Februar 2011 um 14:55

    Ja, hab’ ich schon gelesen. Weißt Du, wie ich meine Kritik an mspr0, Jens Best, Carta, thorstena (sorry) und wie sie alle heißen in Deutschland zusammenfassen würde? Hier:

    “Ey Mann, ihr labert alle doch nur.”

    Aber was soll man auch von einem Werkzeug erwarten, dass allein zur Kommunikation geschaffen wurde? Vielleicht kommt der Wertewandel ja daher? PS: Würde sich übrigens auch gut als T-Shirt machen. ;-)

  5. BenZol
    18. Februar 2011 um 15:50

    Versteh mich nicht falsch, ich mag die ganzen genannten Blogs und noch viele mehr, aber ich begreife sie vor allem als (intellekutell (hier und da) forderndes) Entertainment. Weder verändere ich durch einen Kommentar die Haltung eines Bloggers (je populärer desto weniger), noch wird ein Kommentar als wichtiger Impuls gesehen, der als Stein eines neuen Gedanken-/Theoriegebäude dient. Hinzu kommt, dass jeder Blogger sozusagen immer Heimspiel (da eigenen Blog) hat. Kommentatoren werden meist nicht ernst sondern hingenommen. Zustimmende Kommentare werden als Bestätigung gesehen, andere als falsch bzw. trollig/unwissend hingestellt.

    Oder in der mspr0-schen Zusammenfassung:
    “[..]ich fürchte, dir fehlt der Überblick über die Debatte. Die ist nicht nur hier im Gange.”

    Es gibt also ein hierarchisches Gefälle zwischen Blogger und Kommentator. In diesem Zusammenhang ist es lustig, dass sich mspr0 genau so verhält, wie das, was er kritisiert. Er ist Nationalstaat und ich bin digitaler Mehrblogbürger. Von daher ist “Betriebsblindheit” noch ein Euphemismus. Worauf ich hinaus will, ist, dass Ideale gelebt werden müssen. Wenn das nicht geschieht, ist das schönste Ideal nur ein Lippenbekenntnis. Dann erfolgt der Rückfall auf das einfache System des Kapitalismus. Denn: Es funktioniert, ist einfach, nahezu unkaputtbar und ubiquitär. In einem Wort: verlässlich.

    Reich an Idealen, arm an Optionen - ist das Kreuz der (dt.) Blogger.

    Leider werden i.d.R. die Ideale statt der Optionen angepasst, das ist menschlich. Jedoch macht es unzufrieden. Mspr0 ist schon länger dabei: das ist seine digitale Strahlenkrankheit. Und ich glaube, er weiß das. Sonst würde er nicht immer so auf seinen vermeintlichen “Erfolgen” rumreiten. Die Amis haben’s etwas besser drauf. Die kriegen ihren Arsch hoch, auch wenn es manchnmal echt Schwachsinn ist.

  6. Thorstena
    18. Februar 2011 um 16:21

    “Es gibt also ein hierarchisches Gefälle zwischen Blogger und Kommentator. In diesem Zusammenhang ist es lustig, dass sich mspr0 genau so verhält, wie das, was er kritisiert.”

    Das ist genau der Punkt: Natürlich habe ich als Blogger die “Hausmacht”, indem ich die Diskussionen in den Kommentaren moderiere bzw. sogar ggfs. zensiere, und damit implizit Regeln für den Umgang miteinander festlege. In diesem wie auch immer festgelegten Rahmen aber sollte - das ist zumindest die einhellige Meinung aller ernstzunehmenden Webzwonulltheoretiker - eine Diskussion auf Augenhöhe stattfinden. Ansonsten sollte man meiner Meinung nach besser ganz auf Kommentare verzichten. (Da bin ich also anderer Meinung als Du).

    Die Haltung aber, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit dem Finger auf andere zu zeigen, für sich selbst aber keine Regeln oder Grundsätze zu akzeptieren, finde ich kindisch und kacke. Und da ist Dr. zu Seemann nur der dreisteste und unbeholfenste Vertreter - da nehme ich dann manchmal in Kauf, dass ich den armen Kerl durch meine Diskussionsteilnahme zusätzlich mit der Droge befeuere, der er ohnehin verfallen zu sein scheint - Aufmerksamkeit.

  7. BenZol
    18. Februar 2011 um 17:05

    Da haben die Webzwonulltheoretiker aber mal wieder den Mensch vor lauter social-web nicht gesehen. Ich finde ein Schluck aus der Pragmatismusflasche täte der deutschen Webintelligentsia ganz gut. Wie soll den eine Diskussion auf Augehöhe im Blog funktionieren? Stell Dir vor: Du stellst Dich mit einer handvoll Sätzen in Deinen Vorgarten. Leute kommen vorbei. Einige sagen was. Das notierst Du Dir auf ‘ner großen Tafel. Dann gehen Sie aber weiter, weil sie arbeiten müssen oder noch schnell einkaufen oder sich mit Freunden unterhalten. Einige bleiben am Gartenzaun stehen und brüllen sich gegenseitig an, weil einer gesagt hat, ‘n Apfel sei besser als ‘ne Birne. Du willst Dich gerade mit einem unterhalten, da wird der von 12 anderen zur Seite gedrückt.

    Das Beispiel hinkt hier und da ziemlich (is ja auch nicht digital), aber ich glaube fest daran: Wenn Du auf Augenhöhe diskutieren willst, mit Leuten, die intellektuell daran interessiert sind und das ganze vielleicht sogar noch ein Ergebnis haben soll,…
    …dann ist ein Treffen im Separé einer Kneipe dem Internet noch 1.000.000-Mal überlegen. Und da kannst Du mir jetzt noch so viele Theorien an den Kopp schmeißen. Es gibt Sachen, die sind einfach (noch) so - trotz neuer digitaler Möglichkeiten. Und die gehört m.E. dazu. [Genau wie die, dass eine Revolution auf der Straße stattfindet, so vernetzt man auch sein mag.] Das Einzige was im Netz wirklich besser ist, ist, dass es in der Kneipe kein autom. Transkript gratis dazu gibt.

  8. Thorstena
    18. Februar 2011 um 17:56

    Ich glaube, wir sind da gar nicht so weit auseinander. Lass uns einfach mal die Theorie beiseite schieben: Was ich meine, ist, dass - und da rede ich jetzt nur von mir - ich von den Kommentaren, die hier auflaufen (und sooooo viele sind das ja gar nicht), sehr profitiere - ich merke, wie Texte verstanden werden; ich kriege Tipps; ich werde darauf aufmerksam gemacht, wenn etwas inkonsistent ist etc. etc. Aber ich profitiere davon nur, wenn ich mich auf die Kommentare einlasse und sie ernst nehme (auch und gerade dann, wenn sie kritisch sind). Nur dann lerne ich etwas daraus und nur insofern spreche ich von Augenhöhe. Abgesehen davon glaube ich (aus meinen eigenen Erfahrungen mit anderen Blogs), dass die Kommentatoren spüren, wie ernst der jeweilige Blogger sie nimmt und ob er wirklich an Kommunikation interessiert ist. (Ganz wichtig dabei ist m.E. übrigens, dass man alle nach gleichen Kriterien behandelt - also Kumpel aus dem real life nicht mit größerer Rücksicht behandelt als Unbekannte. Das kommt häufig vor, finde ich.)

  9. BenZol
    18. Februar 2011 um 18:39

    Das ist ja alles recht löblich. Es bleibt aber eine asymmetrische Kommunikation. Die Wahrscheinlichkeit, einen Input von Menschen zu erhalten, die nicht zu Deinem Netzwerk gehören, ist höher als im RL. Aber ist es wirklich so? Potenziell sicher. Aber angenommen, Du wärst ein total aufgeschlossenes kontaktfreudiges Kerlchen, das den Diskurs und den Umgang mit anderen aktiv sucht und angenommen, wir Deutschen hätten alle nicht so’n Stock im Arsch und hätten eine öffentlichere (und offene) Diskussionskultur, ich garantiere Dir fruchtbarere Diskussionen angetrunken in der Vorhalle eines Hostels, nachts um drei. Und wie sieht es denn mit den Commentaristos hier aus? Wieviele kennst Du persönlich, wieviele über’s Netz und wieviele kennst Du nur nicht, weil Sie hier unter anderem Namen firmieren? Und wieviele vom Rest geben einen wertvollen Input?
    Du verteidigst hier etwas. Wie Du es verteidigst, macht in meinen Augen deutlich, dass es sich um eine vor allem emotionale Verteidigung handelt und nicht um pragmatische Überlegungen. Sie bleibt trotz konkreter Beispiele im Kern diffus. Ich spüre den Drang, das Feuer, aber nicht die rationale Kontrolle darüber. Das Thema zerfleddert, entgleitet, windet sich immer wieder - hier und woanders in Blogs. Im Prinzip geht es doch in erster Linie um die Faszination des Geschriebenen und weniger um die Sache an sich. Dieses magische Ding, Gedanken zu fangen und Macht über sie auszuüben…

    Ah, eine interessante Frage, die ich gerade hatte: Wem gehören eigentlich meine Kommentare hier auf Thorstena?

  10. Thorstena
    18. Februar 2011 um 20:20

    Du bist ganz schön hartnäckig heute; zwei Dinge will ich noch schreiben:
    - Mag sein, dass ich etwas verteidige und diffus klinge; dass ich von den Kommentaren, die hier auflaufen, aber unter dem Strich profitiere, davon manchmal auch lerne und Spaß daran habe, steht für mich völlig außer Frage und lasse ich mir auch nicht ausreden.
    - Und - jetzt kommt das uralt-Argument, aber trotzdem - ich kann mich nicht jedes Mal angetrunken in die Vorhalle eines Hostels stellen, wenn ich interessante Gespräche führen möchte (allein weil ich inzwischen zu alt dafür bin…)

    (Und Deine Kommentare: Öh, moralisch gehören sie natürlich Dir. Aber rein rechtlich: keine Ahnung; wahrscheinlich eher mir, schließlich müsste ich dafür aller Wahrscheinlichkeit nach haften, wenn Du verfassungsfeindliches oder sonstfürn Zeugs schriebest.

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