Des Kaisers neue Kleider

Striche man dem (inzwischen ehemaligen) Verteidigungsminister Karl Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu Guttenberg neben der bereits aberkannten Doktorenwürde auch einige Vornamen mitsamt dem von und zu weg, bliebe jemand übrig, den viele Menschen allzu gut kennen: ein Typus, der dem äußeren Schein mehr Wert zubilligt als allem anderen, und der die Rollen, die ihm zufallen, lediglich spielt, anstatt sie mit Leben zu erfüllen.

Auch Guttenberg ist also nur ein stinknormaler Mensch. Aber er ist bekanntlich auch ein Mensch, der keineswegs aus stinknormalen Verhältnissen stammt, eine stinknormale Erziehung genossen und eine stinknormale Ausbildung durchlaufen hat. Und deshalb eignet sich Guttenberg IMHO ganz gut dafür zu benennen, was bei vielen Leuten schiefläuft, die in berufliche Positionen gelangen, in denen sie über andere Leute ein Stück weit bestimmen dürfen.

Es ist soziologisch sicherlich nicht falsch zu sagen, dass Bildung für den Adel an sich keine so zentrale Rolle spielt wie für das Bürgertum, wie es laut taz zum Beispiel Eckart Lohse und Markus Wehner in ihrer neuen Guttenberg-Biographie getan haben. Aber den Satz, den demnach Enoch zu Guttenberg seinem Filius Karl Theodor eingebläut haben soll, wonach es weniger darauf ankomme, was man sagt, als darum, wie man es sagt verkauft, scheint mir nun doch keine blaublütige Spezialität zu sein, ganz im Gegenteil.

Bei Guttenberg ist es lediglich besonders gut zu sehen, dass sein Habitus zur inhaltsleeren Form geronnen ist, weil er einem gesellschaftlichen Milieu entstammt, mit dem Normalsterbliche in der Regel nicht in Kontakt kommen. Das ist schon alles, was ihn so besonders macht - ein aalglatter adliger Karrierist statt des gewöhnlichen aalglatten Karrieristen.

Deshalb halte ich Guttenberg für eine fleischgewordene Illustration einer schlechten Führungspersönlichkeit und Teil einer “Leadership-Kultur”, die unter anderem dafür gesorgt hat, dass sich die Mehrheit der Angestellten on the job schon längst in der inneren Emigration befindet und ihre Kreativität woanders auslebt. Guttenberg ist für mich wie ein Brennglas, durch das das Verhalten vieler so genannter Führungspersönlichkeiten klar zu Tage tritt: Dem äußeren Anschein wird alles geopfert – selbst die persönliche Integrität.

Was übrigens das Internet angeht, finde ich die Frage, ob es etwas gegen diesen Typus ausrichten kann, viel spannender, als die Diskussion darüber, ob das Netz den Verteidigungsminister nun gestürzt hat oder doch eher nicht. Markus Spath hat neulich in Zusammenhang mit der Guttenberg-Affäre geschrieben, dass “sich die informationschronologische hegemonie des politisch-medialen komplexes aufgelöst” haben könnte, da das Internet bzw. in diesem Fall das GuttenPlag-Wiki schneller gewesen sei als eine vernünftige Kommunikationsstrategie/vernünftiges Krisenmanagement für Guttenberg hätte geplant werden können. Damit dürfte Guttenberg inhaltsleeren Persönlichkeitsdarstellern zumindest eine Warnung sein - jedenfalls jenen, die in der Öffentlichkeit stehen.


 
 
 

7 Kommentare zu “Des Kaisers neue Kleider”

  1. Linkwertig: Facebook Comments, Google Docs, Startups, Guttenberg » netzwertig.com
    2. März 2011 um 08:02

    [...] » Des Kaisers neue Kleider [...]

  2. BenZol
    2. März 2011 um 13:04

    Bevor die Web-Intelligentsia ob der testikulären Schwere jetzt anfängt Kilts zu tragen, möchte ich darauf hinweisen, dass es immer noch ein Putsch von Mainstreams Gnaden war. Politik und Politiker für monolithisch zu halten (”die informationschronologische hegemonie des politisch-medialen komplexes aufgelöst”), ist wohl zu kurz gedacht. Es wird eine Anpassung geben, die diese Effekte wieder ausgleicht.
    Sehr aufschlussreich fand ich folgende Formulierung: “Was übrigens das Internet angeht, finde ich die Frage, ob es etwas gegen diesen Typus anrichten kann,[..]“. Anrichten? Freud lässt grüßen? Trotzdem gut getroffen. IMHO ein Pyrrhussieg. Einer jeder Siege, die den “Gegner” das Gesicht verlieren lassen. Toll, wenn man sich nicht wiedersehen muss, blöd, wenn man trotzdem weiterhin zusammenleben will.

  3. Thorstena
    2. März 2011 um 13:47

    Oh, ich habe das anrichten in ausrichten geändert - besten Dank für den Tipp!
    Du bist dagegen ja in Bestform: “Bevor die Web-Intelligentsia ob der testikulären Schwere jetzt anfängt Kilts zu tragen, möchte ich darauf hinweisen, dass es immer noch ein Putsch von Mainstreams Gnaden war.” Toll.

  4. Roman Geyer
    2. März 2011 um 14:26

    Monolithisch. Aha. Stalin bezeichnete man auch als Monolith.

    Nun komme ich wieder mit meinen Standard-Zweifeln. Der von und zu Guttenberg zeigt doch, und anschaulicher geht’s gar nicht, wie nah sich Volk und Adel mittlerweile gekommen sind. Die Kumulation von Problemen seiner Amtführung, dem peinlichen Auftritt samt Frau und Kerner in Kundus, Gorch Fock usw., haben dazu geführt, dass er letztendlich über seine erschlichene Doktorwürde gestürzt ist. Egal wie und von wem.

    Dank deinen Ausführungen, Thorstena, wissen wir jetzt, aus welcher Richtung Mainstream auch betrachtet werden muss.

  5. BenZol
    2. März 2011 um 15:06

    @Roman: Hatteste heute noch keinen Kaffee? ;-)

  6. Roman Geyer
    4. März 2011 um 04:57

    @ BenZol: Diese Frage ist durchaus angebracht. Um 14:26 hatte ich eher zu viel als zu wenig Kaffee intus.

  7. Karlheinz Wolz
    27. März 2011 um 21:06

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie unmittelbar so ein Hype verglüht. Durch Libyen und Japan ist zu Guttenberg von einem Tag auf den anderen weg. Man hat noch den Großen Zapfenstreich mit Smoke on the water in Erinnerung, seit dieser Zeit hört und sieht man nix, weder von Guttenberg selbst noch von seinen angeblich vielen Fans.

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