Nicht von ungefähr

Wenn wir verhindern wollen, dass Soziale Netzwerke zu stupiden Echokammern werden, in denen man nur im eigenen Meinungssaft schmort bzw. dem des eigenen Bekanntenkreises, ist ein Blick in die Großstadtforschung ganz nützlich, meint Ethan Zuckerman, Harvard-Wissenschaftler und Mitgründer des Blogs Global Voices.

Zuckerman schreibt dies in einem klasse Text anlässlich seiner Keynote für die Conference on Human Factors in Computing Systems (CHI) in Vancouver, in der er seine Rede mit einem Grundgedanken unterlegte: Der Vergleich von Sozialen Netzwerken und Großstädten zeige, dass man die Menschen zwar nicht zwingen könne, auch mal über den Tellerrand zu schauen. Man könne aber sehr wohl dahingehend planen und Strukturen - online wie offline - dementsprechend anlegen. Dann sei die Wahrscheinlichkeit größer, dass die gewünschten Effekte auch eintreten. (Serendipity nennt Zuckerman das dann - ein Begriff, der irgendwo zwischen glücklicher Fügung und folgerichtigem Resultat eines ausgeklügelten Planes changiert: je besser der Plan, desto wahrscheinlicher und nicht von ungefähr die Fügung.)

Und der Vergleich Sozialer Netzwerke mit Großstädten ist dabei für Zuckerman mehr als naheliegend:

Cities are (…) also a powerful communication technologies. Cities enables realtime communication between different individuals and groups and the rapid diffusion of new ideas and practices to multiple communities. Even in an age of instantaneous digital communications, cities retain their function as a communications technology that enables constant contact with the unfamiliar, strange and different.

Wenn man sich aber das Handy-Bewegungsprofil eines US-Amerikaners in einer Großstadt anschaue, dann sei zum Beispiel recht schnell zu erkennen, welcher sozialen und auch welcher ethnischen Gruppe er angehöre, schreibt Zuckerman. Und diese Berechenbarkeit komme nun einmal zustande, weil sich der Mensch an sich im Normalfall vorzugsweise in geordneten Bahnen und Rhythmen bewege - und somit in der Großstadt viele kleine Parallelwelten nebeneinander lebten, ohne viel voneinander zu wissen. (Stadtplanerisch könne man aber eine ganze Menge machen, um die unterschiedlichen Gruppen zur gegenseitigen Kontaktaufnahme zu ermutigen - oder zu entmutigen.)

Das ist in Sozialen Netzwerken ja nicht anders. Also kommt es für Zuckerman darauf an, ob die Webtools der Sozialen Netzwerke solche Membranen bereitstellen, die einen Kontakt über die Grenzen des eigenen Netzwerkes hinaus ermöglichen. So ungefähr wie das die trending topics bei Twitter versuchen: Immerhin bekommt man auch mal ein Schlagwort mit aus anderen Kommunikationsuniversen, das einen zum Hinschauen bringen kann. Der Trend geht aber gerade in die andere Richtung: Facebook mainstreamisiert mit dem Like-Button den Bekanntenkreis als Informationsfilter. Aber wer hat schon einen Bekanntenkreis, der in allen möglichen und unmöglichen Themen Anspruch auf Repräsentativität erheben kann?

Da ist der Hinweis sicher nicht ganz falsch, sich doch besser an Stadtplanung und -forschung als an die jüngsten Reste von MySpace oder Geocities zu halten, falls man auf der Suche nach Referenzen oder sogar Vorbildern sein sollte. (Georg Simmel zum Beispiel wird da häufiger genannt.) Abgesehen davon ist der Hinweis wahrscheinlich sogar wichtig, da bei der Softwareentwicklung häufig immer noch zu technologisch und zu wenig vom späteren Nutzer her gedacht wird (aktuell betrifft das zum Beispiel die Apps).


 
 
 

7 Kommentare zu “Nicht von ungefähr”

  1. BenZol
    26. Mai 2011 um 13:28

    Na, wenn sich keiner erbarmt…Kommentare sind der Applaus, sind die Nahrung der Blogger.

    “[..]Wenn wir verhindern wollen, dass Soziale Netzwerke zu stupiden Echokammern werden,[...]” dann müssen wir die fundamentale Natur der digitalen Kommunikation aufbrechen. Bei einem Kommunikationsprozess im RL werden so viel mehr Informationen als im Netz übertragen. Allein die Informationsdichte eines Raumes des RL ist gigamilliardenfach größer als alle bislang vorhandenen Computerkapazitäten.

    Oder als übliche Buchdruckanalogie: Es klingt so, als beschwere sich jemand aus dem 15. Jahrhundert darüber, dass das Medium Buch nur eine religiöse Echokammer ist.

    Oder anders (nur die Anzahl der Nachkommastellen betrachtend): PI(digital, berechnet)/PI(natürlich) geht aber sowas von gegen Null. QED

  2. Roman Geyer
    26. Mai 2011 um 16:26

    Frage: Was ist „RL“ und was bedeutet „QED“?

  3. Thorstena
    26. Mai 2011 um 16:49

    RL = Real Life
    QED = Quod erat demonstrandum bzw. was zu beweisen war

  4. Thorstena
    26. Mai 2011 um 19:41

    @benzol Du willst sagen, dass die Frage der Ausgestaltung digitaler Kommunikationsräume pillepalle gegenüber der von Dir angesprochenen “fundamentalen Natur der digitalen Kommunikation” ist?

  5. BenZol
    27. Mai 2011 um 08:55

    Nee, ging mir eher um die Netz-Stadt-Analogie in Bezug auf Echokammern. Die Ausgestaltung digitaler Kommunikationsräume erbt von der “fundamentalen Natur der digitalen Kommunikation” auch ihre Schwächen. Die hier gemeinte Schwäche stellt meiner Meinung nach die Menge an Informationen, die hin- und herfließen können bzw. die Quantität der Objekte, die an dem Kommunikationsprozess beteiligt sind, wenn Du’s objektorientierter willst. Und genau da stimme ich Ethan (und Dir) zu. Je weniger komplex und je standardisierter Kommunikation im Netz erfolgt, desto eher besteht die Gefahr der Echokammer.

  6. Thorstena
    27. Mai 2011 um 10:36

    Ah, ok, da habe ich Dich in der Tat missverstanden. Ich finde die Netz-Stadt-Analogie gerade unter dem Gesichtspunkt Ausgestaltung von Kommunikationsprozessen sehr interessant. Habe ich noch aus Uni-Zeiten im Kopf und werde ich bei Gelegenheit hier mal tiefergehend aufgreifen. Interessant auch die “Ökologie der Analogien” (;-)) Die Stadt wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vor allem durch Organismus-Metaphern beschrieben (Straßen als Adern, Verkehr als Pulsschlag etc.). Nun dient die Stadt wiederum dazu, virtuelle Welten zu beschreiben. Faszinierend!

  7. Thorstena » Digitale Grenzgänger/Boulevard VII
    13. Juni 2011 um 22:00

    [...] habe ja neulich schon gepostet, dass man bei der Ausgestaltung digitaler Kommunikationsräume auch mal an die Stadtforschung [...]

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