Boulevard VI

Der Soziologe Stefan Schulz und der Marketing-Unternehmer Martin Oetting liefern sich gerade ein Blog-Scharmützel mit ein paar interessanten, die Internet-Debattenkultur betreffenden Aspekten.

Was ist passiert?

Schulz hat sich einen Vortrag im Netz angeschaut, den Oetting auf dem Scholz and Friends Digital Camp für Werber gehalten hat, und diesen mit deutlichen Worten kritisiert.

Thema des Vortrags: das Internet und wie es die Welt des Marketings verändert. Werber guckten in der Welt der alten Massenmedien aus der Vogelperspektive auf ihre Kunden; im Internet hingegen seien sie mit ihnen auf Augenhöhe - und dies berge insbesondere in den Sozialen Medien ganz neue, vor allem kommunikative Herausforderungen, auf die Werber sich ernsthaft einlassen sollten. Das war im Kern die Botschaft, die Martin Oetting rüberbrachte.

Einer der zentralen Gründe dieser Entwicklung ist für Oetting der Wegfall der Filterfunktionen traditioneller Massenmedien, da die Produktionskosten für Inhalte im Internetzeitalter praktisch nicht mehr existent sind.

Inhaltlich widerspricht Schulz just auch an diesem Punkt und hält Oetting eine arg verkürzte Sicht auf die digitalen Dinge vor: Journalistische Redaktionen haben die Welt niemals gefiltert, sondern konstruiert, schreibt Schulz und mag im Gegensatz zu Oetting nicht daran glauben, dass wir es beim Internet mit einem Paradigmenwechsel zu tun haben.

Martin Oetting findet seinerseits die Kritik unangebracht und erklärt sie kurzerhand für irrelevant - sowohl für seine Zwecke (Marketing) als auch für sein Publikum (Werber). Was dann wiederum Schulz zu einer Replik auf die Replik veranlasst, in der er Oetting kopfschüttelnd uneinsichtig nennt.

Netzdebattentechnisch heißt das?

Dass man eine Entscheidung trifft, wenn man in den Sozialen Medien präsent ist. Die Entscheidung, grundsätzlich für jeden in kommunikativer Hinsicht erreichbar zu sein. Ein bisschen schwanger geht halt nicht. Das gilt gerade für die Verfechter des Social-Media-Gedankens, und deshalb muss sich Martin Oetting schon fragen, ob er glaubwürdig agiert - einerseits dafür plädieren, sich auf digitale Kommunikationsformen einzulassen, und andererseits Kritik, die über einen solchen Kanal reingekommen ist, als irrelevant abzutun. (Ich finde, Oetting reagiert sehr menschlich, bleibt überdies höflich und ärgert sich offenbar und durchaus verständlich über den teilweise besserwisserischen (”uneinsichtig”) Schreibstil, den Schulz gewählt hat. Es ändert aber nichts: Seinen im Vortrag erläuterten Prinzipien bleibt er dabei nicht wirklich treu.)

Dass in mehr oder weniger Echtzeit-Kommunikation häufig so etwas wie Asynchronität auftaucht: unterschiedliche, kommunikativ nicht mehr überbrückbare Unterschiede zwischen Lebensanschauungen und -stilen. Man hat sich nichts zu sagen. Vorausgesetzt, man weiß überhaupt voneinander. (Immerhin ist in Sozialen Netzwerken die Chance, dass man voneinander weiß, größer. Und damit wohl auch die Wahrscheinlichkeit, dass es auch einmal zu produktiven Konfrontationen kommen kann.)

Und dass immer noch die alte Regel gilt, wonach der Autor mit dem Erscheinen seines “Textes” die Rechte an der Art der geistigen Verwendung aus der Hand gegeben hat. Schluss, aus, vorbei.


 
 
 

6 Kommentare zu “Boulevard VI”

  1. Martin Oetting
    8. Juni 2011 um 08:05

    Ich finde ja nicht grundsätzlich jede Kritik irrelevant. ;) Nur diese geht, meiner Ansicht nach jedenfalls, am Thema vorbei. Ich bin außerdem auch gern weiter bereit, mich der Debatte zu stellen. Es ist momentan nur ein wenig ein Zeitproblem, ich schaffe es leider nicht, alle drei Tage so ausführlich auf derartige Blogposts zu antworten.

  2. BenZol
    8. Juni 2011 um 11:49

    Also ich finde die Kritik ehrlich gesagt auch etwas pingelig. Zudem er wahrscheinlich ja nicht nur “für die Kunst” vor der Marketing-Haute Volée spricht. Es geht da nicht um Ideale oder eine bessere Welt, es sind schlicht Infos (bzw. Sweet Little Lies (Fleetwood Mac)) für Marketing-Leute. Und das sind, um mal “Den Anhalter” zu zitieren, »ein Rudel hirnloser Irrer, die als erste an die Wand gestellt werden, wenn die Revolution kommt«. Also: Don’t worry - be happy, Love is in the air und so weiter und so fort ;-)

  3. Differentia
    8. Juni 2011 um 14:09

    Ramponierte Welt…

  4. Der Rattenkäfig als Lernort « Differentia
    8. Juni 2011 um 14:09

    [...] von Martin Oetting scheint langsam erst interessant zu werden. Jüngst haben Stefan Schulz und Thorstena dazu etwas geschrieben, dessen Lektüre möglicherweise weiter helfen könnte, wenn man denn noch [...]

  5. Björn
    9. Juni 2011 um 11:55

    Danke für die Zusammenfassung!

  6. Thorstena » Digitale Grenzgänger/Boulevard VII
    13. Juni 2011 um 21:57

    [...] Möglichkeit, in den Sozialen Medien jenseits der üblichen gesellschaftlichen Grenzziehungen jederzeit kommunikativ erreichbar zu sein und etwas daraus zu lernen. Etwas, dessen “Flecken nicht abwaschbar” sind, man [...]

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