Fremdgegangen

Jede Gesellschaft kann nur weiterkommen und damit letztendlich überleben, wenn sie aus der Menge an Sinn, den ihr die zur Verfügung stehenden Verbreitungsmedien liefern, sich das Quantum herausnimmt, das für das Weiterkommen und Überleben notwendig ist. Laut Dirk Baecker ist das eine der spekulativsten und fruchtbarsten Thesen, die Niklas Luhmann formuliert hat.

Dies war der Anfang eines Blogposts, den ich vor einigen Wochen angefangen, aber nicht zuende geschrieben habe. Der Grund dafür war nicht zuletzt das Soziale Netzwerk google plus, das ich gerade ausprobiere und meine persönliche Internetzeit derzeit fast vollständig auffrisst. (Das soll nicht so bleiben; allein deshalb, weil Inhalte in Sozialen Netzwerken vielleicht mehr Aufmerksamkeit erregen, aber auch viel flüchtiger, also vergänglicher sind als in Blogs. Abgesehen davon kann man sich nie sicher sein, ob man aus den Netzwerken nicht auch schnell wieder rausfliegt; über das eigene Weblog hat man immerhin so etwas wie Kontrolle.)

Jedenfalls spukte mir die nächste Gesellschaft von Baecker, also dessen Buch, im Kopf herum, und statt den angefangenen Blogpost hier fertig zu schreiben, pickte ich mir vor einigen Tagen einen Aspekt des angedachten Textes heraus und postete ihn eben bei google plus. Ich finde, er ist es wert, hier noch einmal zu stehen - in der eigenen digitalen Hütte sozusagen. (Und nun wissen die Leute, die mich in den vergangenen Tagen und Wochen gefragt haben, was ich internetmäßig so treibe, auch Bescheid: Ich bin fremdgegangen.) Hier also der Post:

Rechner Mensch - das Menschenbild der nächsten Gesellschaft

Der Soziologe und Luhmann-Schüler Dirk Baecker ist ja Optimist, was ich gar nicht schlimm finde - ganz im Gegenteil. Aber auch Optimismus sollte immer mal wieder auf seinen Realitätsgehalt abgeklopft werden, und bei Baecker bietet sich da das Menschenbild an, dass er in seinen “Studien zur nächsten Gesellschaft” entwickelt.

Genauer gesagt ist es das Bild, das Baecker von Menschen zeichnet, die sich in den Unternehmen und Organisationen einer Gesellschaft bewegen, die weder groß auf stabile soziale Ordnungsmuster noch auf ebensolche gesellschaftliche Zusammenhänge wird setzen können (Status, Funktion, Hierarchie - funktioniert alles nicht mehr so recht).

Deshalb werde man die nächste Gesellschaft vermutlich dann am besten verstehen, wenn man sie als eine Population von Kontrollprojekten beschreibe, die sich “gegenseitig ergänzen, durchkreuzen und sonst wie in Anspruch nehmen”, so Baecker.

Die Ungewissheit über Aussichten und Ausgang jeweden Projektes wird also zunehmen, und die Betriebswirtschaft ist laut Baecker nicht mehr diejenige Disziplin, die den Unternehmen und Organisationen groß helfen könnte (”Sie ist es gewohnt, das Unbestimmte auszuschließen, nicht es in Rechnung zu stellen, also einzuschließen.”)

Der Schlüssel lautet demnach: “Rechner Mensch”:

“Hier hilft nur der Rechner Mensch, das heißt eine hochgradig komplexe Einheit, die wahrnehmungsfähig und kommunikationsfähig ist, die trainiert und ausgebildet werden kann und die bei all dem zusätzlich in der Lage ist, ihre eigenen Bedingungen zu beobachten, zu reflektieren und zu beschreiben. (…)

Damit vermengt Baecker den (unterschätzten) Menschen der Industriegesellschaft, der allein auf seine Arbeitskraft angewiesen war, mit dem (überhöhten) Menschen der Wissensgesellschaft, der sich beim Geld verdienen nebenbei noch selbst verwirklicht.

Was dabei wahrscheinlich herauskommt, ist aber weniger ein ganzheitlicher ‘nächster Mensch’,

“nicht die Einlösung humanistischer Versprechen und Bildungserwartungen, sondern die jeweils hochspezifische Form, in der die Kombination mentaler und sozialer Aufmerksamkeit in einem bestimmten Netzwerk der Organisation von Produktion, Verwaltung, Wissen, Politik oder Kunst gebraucht und gepflegt wird. (…)

Der Grundgedanke hierbei ist, dass nur der Mensch ein hinreichendes Verständnis von Kommunikation und hier vor allem von der Unmöglichkeit ihrer kausalen Kontrolle hat, und dass er genau hierin dem Computer (…) überlegen ist.”

Hört sich gut an, irgendwie “optimistisch” (siehe oben), aber gleichzeitig auch mentalkapitalistisch und durchrationalisiert bis zum Anschlag.

Hält man das auf Dauer überhaupt durch: ein (hohes, bisweilen an Maßstäben des Privatlebens orientiertes) Mindestmaß an standardisierter mentaler und sozialer Aufmerksamkeit (oder gefriert einem irgendwann unwiederbringlich das Lächeln zu einer Eismaske)?

Und vor allem: Für wen käme so etwas in Frage, für wen spricht Baecker da? (Doch wohl für das neobürgliche Akademikermilieu seiner nächsten Gesellschaft. Stellt sich also die Frage: Was ist mit dem Rest, keine Marktteilnehmer etwa?)

Drüben bei google hatte ich übrigens einen sehr interessanten Kommentarwechsel mit dem von mir hochgeschätzten Christorpheus Add, den ich wärmstens empfehlen kann. Ich habe kurzfristig überlegt, ob ich den hier auch poste, aber der Umfang des Blogposts hätte sich damit verdreifacht, gefühlt zumindest. Außerdem hätte ich C.A. fragen müssen, was aber wohl kein Problem gewesen wäre, denke ich. (Aber hier ist er ja wie gesagt nachzulesen.)


 
 
 

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