Lernen, unter Wasser zu atmen

Was dem Unternehmen heute sein Key-Account-Manager, das ist der Gesellschaft morgen ihre Empathie-Schnittstelle: Es ist in der Struktur von Organisationen oft nicht angelegt, dass sich Menschen auf der menschlichen statt auf der funktionalen Ebene begegnen, zumindest nicht ohne Machtgefälle. Das “ist das Schicksal in der Kommunikation mit Organisationen“. Also müssen sie außer der Reihe Menschen beauftragen, um die Reibungsverluste auszugleichen, die aufgrund ihrer apparatischen Strukturen anfallen.

Wenn zB die Piratenpartei in einigen Jahren die Bundeskanzlerin stellte und im ganzen Land den ticketlosen ÖPNV einführte, gäbe es keine Kontrolleure mehr. Das wäre natürlich erst einmal ganz sympathisch, weil Kontrolleure in der Regel furchtbar unsympathisch sind (was nicht zwangsläufig an ihrem Charakter liegen muss, aber dennoch). Andererseits wäre mit einem kontrolettilosen ÖPNV aber eine Entwicklung vorangetrieben worden, die damit anfing, die Amtsperson als fleischgewordenen Verantwortungsträger aus dem (in diesem Fall) öffentlichen Raum zu verdrängen und durch Automaten und Überwachungskameras zu ersetzen - was wiederum Probleme mit sich brachte, die eigentlich nur durch solche Menschen behoben werden könnten, die in den vergangenen Jahrzehnten systematisch ersetzt worden sind.

Empathie-Schnittstellen können bis auf weiteres nur Menschen sein; ebenso sind mir noch keine Key-Account-Managermaschinen begegnet. Und genau an diesem Punkt haben die Welt der bürokratischen Organisationsapparate und der digitalen (IT- oder Kommunikations-)Umgebungen etwas gemeinsam.

Diese Gemeinsamkeit beruht weniger auf der Frage, ob sich nun Menschen mit Menschen, Menschen mit Maschinen oder Maschinen mit Maschinen auseinandersetzen müssen - letztendlich kann man immer zu dem Schluss kommen, dass am Ende der Wurst dann doch zumindest irgendwie und mittelbar ein Mensch sitzt. Wenn Menschen aber apparatisch handeln, ist es es für den Verlauf der Kommunikation unerheblich, ob es sich dabei tatsächlich um einen Menschen oder doch schon um eine Maschine handelt.

Insofern ist der Kniff, das allgemein zunehmende Kommunikationsaufkommen via Internet als verantwortlich für die “Renaissance von Offline-Aktivitäten” zu erklären, ein ziemlich cleverer: Einfach die Perspektive um 180 Grad verschieben und mit einem schicken Buzzword versehen (”Der Wert des “In-Person-Socializings” steigt mit seiner Verknappung”). Und schon ist der Bock zum Gärtner gemacht, ohne dass er die Sprösslinge vertilgt.

Es wird uns in Zukunft bestimmt häufig gesagt werden, dass wir lernen müssen, unter Wasser zu atmen - obwohl wir doch eigentlich Kiemen haben.


 
 
 

6 Kommentare zu “Lernen, unter Wasser zu atmen”

  1. Roman Geyer
    17. Dezember 2011 um 11:56

    Implodieren?

  2. Thorstena
    17. Dezember 2011 um 12:54

    @roman ???

  3. kusanowsky
    17. Dezember 2011 um 21:13

    “Empathie-Schnittstelle” Ein hübsches und zugleich sehr ekliges Wort. Hübsch an dieser Semantik ist aber, dass sie ein Inikator für einen Verschmelzungsprozess sein könnte; dass man gleichsam um über Empathie, Affekte, Gefühle zu sprechen auch noch irgend eine Vorrichtung, ein Gestell, einen Apparat braucht, damit das klappt. Ich denke jedenfalls darüber nach, dass die moderne Rationalitätsunterstellung insbesondere durch die Begegnung in Organisationen erzeugt wird. Dort lernen sich unbekannte Menschen kennen, die sich einen Regelwerk eines Systems unterwerfen müssen, das sich selbst als “rational” beschreibt. Der Prototyp ist die Bürokratie. Aber im Prinzip gilt das für alle Arten von Organisation. Die Menschen lernen, sich gegenseitig als rational beobachtet zu beobachten und müssen nun alles vermeiden, was diesen Beobachtungsschwerpunkt verlagen könnte. Geschieht dies nämlich, geschieht Exkludierung, weil der Mensch seine Affekte nicht unter Kontrolle hat. In der Folge werden ihm alle Häßlichkeiten, Geringschätzung zuteil, die doch jeder zivilisierte Mensch verabscheut. Der Gipfelpunkt ist das Mobbing. Es handelt sich dabei um einen Verstärkungsprozess, der das notwendige Vermeidungshandeln nicht mehr länger vermeiden, nicht mehr durchhalten kann. Dann wird offenbar, dass man es mit einer Affenbande zu tun hat, ein Eindruck, der, wenn er nicht mehr vermieden werden kann, stets und ohne Ausnahme dem Anderen zugerechnet wird. Aber was wäre nun, wenn wir es mit einem selbstorganisierten Regelwerk zu tun bekommen, dessen rationale Stabilität erwartungsmäßig nicht durch Menschen garantiert wäre? Wenn wir es statt mit Organisation mit Selbstorganisation zu tun bekommen, die sich zeigen könnte, wenn die Internetanarchie nicht mehr durch Organisationen sabotiert würde, sondern durch sich selbst. Die Anarchie schlägt dann in Ordnung um, deren Rationalität funktioniert, ohne, dass man für ihre Stabilität oder ihr Scheitern Menschen verhaften könnte. Indem Fall könnten Humankapazitäten frei gesetzt werden, die es Menschen ermöglichten, statt sich mit Irrationalitäten der Organisationen zu befassen, sich den eigenen zu beschäftigen. Und dann können wir erst lernen über Gefühle zu sprechen, weil sich für das Gespräch rational-befreite Zonen entfalten, die jede Art von Spinnerei zulassen, ohne den Verstand zu verlieren.
    Darüber werde ich noch viel nachdenken.
    Danke für den Artikel, der mir beim Nachdenken darüber etwas weiter geholfen hat.

  4. Thorstena
    18. Dezember 2011 um 00:10

    Die Empathie-Schnittstelle als notwendige Apparatur, um zu lernen, (in Organisationen) über Gefühle zu sprechen - ja, das ist wieder so ein scheinbares Paradoxon und war zusammen mit dem Begriff Empathie-Schnittstelle, den ich bei Stefan Schulz aufgeschnappt habe, der Ausgangspunkt für meinen Text.
    Ich habe erst im Nachhinein gemerkt, dass Dein letzter Blogpost gut dazu passt (einfach, weil ich ihn erst heute gelesen habe). Als ich gestern geschrieben habe, dachte ich noch darüber nach, ob der Zusammenhang Internetkommunikation und Organisation nicht etwas zu weit hergeholt ist, aber Du betonst diesen mit der Brücke “moderne Rationalitätsunterstellung” ja sogar noch stärker - und dazu (für mich) einleuchtend.
    “Aber was wäre nun, wenn (…) statt mit Organisation mit Selbstorganisation zu tun bekommen?”
    Sowohl die Empathie-Schnittstelle als auch die Selbtorganisationsthese deckt sich ja mit Dirk Baeckers Buch zur nächsten Gesellschaft, in dem er davon spricht, dass im Berufsleben den Personen die Zukunft gehört, die zwischen verschiedenen Bereichen/Kulturen/Ansichten bzw. in Mensch-Maschinen-Umgebungen zu vermitteln in der Lage sind, und davon, dass dort die Zukunft Projekten mit wechselnden Netzwerk-Projekten gehört, die sich selbst organisieren.
    Dann wäre die Frage, was das dann für die “nächste Organisation” bedeutete. Darüber werde ich noch viel nachdenken, denke ich.

    (BTW: Der Begriff rational-befreite Zone ist ebenso hübsch und eklig zugleich.)

  5. Thorstena
    18. Dezember 2011 um 00:23

    Projekten mit wechselnden Netzwerk-Partnern wollte ich natürlich schreiben.

  6. Thorstena » Social Media und menschelnde SAPisierung
    14. Mai 2012 um 19:21

    [...] Interessant dabei ist, dass mehr Standardisierung gleichzeitig mehr Menschlichkeit erfordert. Nur Menschen sind in der Lage, die Verwerfungen der Standardisierung, die Grausamkeiten jeder einzelnen Excel-Datei wieder einigermaßen wettzumachen. Empathie-Schnittstellen können bis auf weiteres eben nur Menschen sein. [...]

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