Links (06.05.2012)

Joachim Paul aka Nick Haflinger, Spitzenkandidat der Piratenpartei in NRW, hat sich zu der Kritik an seiner Partei geäußert, dass allein netzbasierte, quantitative Verfahren der Meinungsfindung nicht ausreichen, um verantwortungsvolle Politik zu machen.

Diese Kritik findet Paul einseitig und verweist darauf, dass es das Verdienst der Piratenpartei sei, die Frage aufgeworfen zu haben,

was durch das weltumspannende elektromagnetische Kommunikationsfeld in Gestalt des Internet als technologische Ermöglichungsbedingung bereitgestellt ist, sowohl im Hinblick auf die Konstruktion weiterer darauf aufsetzender Kulturtechniken als auch für die Weiterentwicklung dessen, was wir heute Demokratie nennen – oder in Zukunft nennen wollen. (…)

Es ist bereits erwiesen, dass die Lösung komplizierter technischer Fragestellungen ohne weitgehende – statische – Hierarchien durch kleine und größere Gruppen von Konstrukteuren über das Netz möglich ist. Der weltweite Erfolg vieler Open-Source Software-Projekte belegt das eindrucksvoll. Daraus kann und muss nun die Frage abgeleitet werden, ob derartige Verfahren auch für die Inangriffnahme politischer Fragestellungen geeignet sind.

Wissen ist überbewertet, sagt David Weinberger, und damit meint der Netzphilosoph nicht das Wissen an sich, sondern das Wissen im Netzwerk, das eben nicht die eine richtige Lösung ausspuckt, sondern viele - je nachdem in welchem Kontext wir fragen:

For a couple of millennia, we assumed that saying that there is not a single right order would mark one as a lunatic. Chaos seemed to be the only alternative. For lots of reasons, we’ve come to accept that there are many right ways (…), and that the way that works for us in a given situation is dependent on that situation and our interests.

Now the Internet has given us an infrastructure that is perfectly designed for this sort of multi- and inter-subjective idea of knowledge.

Wie man aus diesem ständigen Strom und dieser Vielfalt an Informationen das im jeweiligen Fall nutzbare Wissen herauszieht, wie man es findet und letztendlich beurteilt, das ist für Weinberger die große Aufgabe, vor der die Bildungsexperten stehen:

Clearly, in a world so super-abundant with ideas and information, knowledge is knowledge if it is “good enough.” That’s the only way to gain the efficiency of knowledge that our old system of authority provided. But, it’s not always (or perhaps even usually) obviously what constitutes being good enough. Good enough for a weather forecast is different than good enough for brain surgery.

Educators and librarians need to aggressively teach students in this skill. Students need help in gaining the skill to discern what’s worth believing and what’s hucksterism and wish fulfillment. This is an age-old need exacerbated by the Net’s eroding of homogenous authority (for better and for worse).

Für Wolfgang Neuhaus müssen die Bildungsinstitutionen darüber hinaus eine Erzählung bereit stellen, die zum Lernen motiviert:

Die weit verbreitete Output-Orientierung im Bildungsdiskurs wird häufig dazu herangezogen, Zukunftsplanung aus den Ergebnissen empirischer Forschung heraus und entlang entsprechender Prognosen zu entwickeln. Bedeutet das aber nicht eine extreme Verengung unserer Bildungsperspektiven, wenn wir Zukunft reduzieren auf das Beheben statistisch erhobener Defizite oder die Planung entlang vorausgesagter Effekte? Wo bleibt dann die Intuition, die Kreativität, die kulturelle Vielfalt, die Potenzialentfaltung des einzelnen Menschen?

Mit Bruno Latour (u.a.) empfiehlt der Mediendidaktiker in einem Vortrag, den er noch im Mai auf einer öffentlichen Ringvorlesung an der Uni Köln halten wird, auf die Erzählung “Bildung als ein Vorgang permanenter Innovation” zu setzen und bringt als Beispiel das Internet:

Die Entstehung des Internet ist ein gutes Beispiel für einen kollektiven Bildungsprozess im Sinne des Vorgangs der permanenten Innovation. So war es die Vision eines »Intergalactic Computer Network« von J.C.R. Licklider, die 1963 den Ausgangspunkt bildete für die Entwicklung des Internets. (…) Bis zum Web 2.0, wie wir es heute nutzen, erleben wir einen höchst kreativen, kollektiven Bildungsprozess, der maßgeblich (nach der Ablösung vom amerikanischen Militär) von universitären Einrichtungen getragen und vorangetrieben wurde.

Ansonsten war ja bekanntlich die re:publica 2012, die für mich persönlich eher enttäuschend verlief. Der erste Tag ging zwar ganz gut los, und ich hatte einige nette Begegnungen und konnte ein paar interessante Vorträge hören. Insgesamt hatte ich aber zu wenig Zeit (Arbeitnehmerverpflichtungen), um mich einfach mal auf dem Gelände aufzuhalten und auch einmal spontan zu irgendwelchen Veranstaltungen zu gehen. Insofern kam für mich weniger dabei rum, als ich mir erhofft hatte. (Ein bisschen re:publica ist also wie ein bisschen schwanger.)

Deshalb maße ich mir hier kein Fazit an und verweise auf die ersten Videos, die bereits online zu finden sind, zum Beispiel auf einige Sachen von Philip Banse. Oder auch auf die Wetten-dass-Show jeder Re:publica: den Überraschungsvortrag Sascha Lobos.

Leider habe ich auch Marcel-André Casasola Merkle nicht sehen können. Aber nach dem sehr interessanten Interview in der taz, in dem der Spieleentwickler über Spiele, Regeln und Demokratie spricht, warte ich gerne noch ein wenig, bis sein Panel dann auch im Netz zu sehen sein wird.


 
 
 

Ein Kommentar zu “Links (06.05.2012)”

  1. Thorstena » Spiele sind Regelsysteme
    29. Mai 2012 um 22:02

    [...] eine Stunde Zeit hat, kann sich das gut anhören. Allen anderen sei nochmals das Interview mit dem Spieleentwickler in der taz [...]

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